von Wolfram Lehmann


Sie haben andere geprellt und sich selbst bereichert: Verurteilte Wirtschaftskriminelle müssen nicht selten eine Haftstrafe antreten. Gefängnispfarrer Wolfram Lehmann ist auch mit solchen Menschen in Kontakt – und hat daraus wertvolle Erkenntnisse gewonnen.

Wir befinden uns im Kirchenraum der Justizvollzugsanstalt Hof. Der wöchentliche Sonntagsgottesdienst ist zu Ende; die Gefangenen verabschieden sich mit Handschlag vom Pfarrer. Es ist wie in jedem „normalen“ Gottesdienst; einige Teilnehmer sind dem Pfarrer bekannt, andere Teilnehmer sind neu.

Einer von den persönlich Bekannten sagt: „Herr Pfarrer, ich möchte mich von Ihnen verabschieden. Ich habe mein Urteil bekommen; in wenigen Tagen werde ich in ein anderes Gefängnis verlegt.“ Dann macht er eine kurze Pause; er ergänzt: „Hoffentlich sehe ich meine Enkel noch draußen.“ Nachdenklich verlässt er den Kirchenraum. Der betreffende Herr ist im Rentenalter.

Ein Enddreißiger drückt es in einem persönlichen Gespräch so aus: „Ich würde schon gerne Familie gründen, aber das ist hier drinnen nicht möglich. Sie können von hier drinnen keine Kontakte nach außen halten.“

Zuletzt ein junger Mann mit Mitte Zwanzig: „Ich habe im Internet Waren angeboten, die es gar nicht gibt. Jetzt arbeite ich systematisch daran, das Geld zurückzuzahlen. Ich möchte wieder ein normales Leben führen.“

Der große Irrtum

Interessanterweise haben sich einige Wirtschaftskriminelle vor ihren Taten ganz offensichtlich mit dem Gedanken beschäftigt, dass sie auffliegen könnten. „Herr Lehmann, Sie brauchen nicht zu denken, dass ich nicht darauf vorbereitet bin, falls ich geschnappt werde. Ich habe genügend Geld beiseitegelegt, von dem der Staatsanwalt nicht weiß.“

Was er nicht bedacht hat, ist die Stille, die einen in der Haft erwartet. Das Alleinsein. Die Einsamkeit. Kein Handy, kein Internet, keine Mails, kein spontaner Besuch von Bekannten und keine Unternehmung mit Freunden. Fernseher, Briefe schreiben, hin und wieder ein Telefonat oder ein Besuch – das gibt es. Aber sie können das Fehlende nicht ersetzen.

Über die Monate und Jahre brechen verborgene Lebensfragen immer mehr auf. Das fängt einen an umzutreiben. Im Gefängnis zeugen davon die Gesprächswünsche an die Seelsorger; auch das Interesse am Gottesdienst hat unter anderem damit zu tun.

„Herr Lehmann, probieren Sie es mal aus. Lassen Sie sich nachts im Schlafzimmer einschließen. Kein Telefon, kein Handy. Erst am Morgen wird wieder aufgeschlossen. Das ist das Lebensgefühl im Gefängnis.“ So hat es ein ehemaliger Strafgefangener formuliert.

Was sind Wirtschaftskriminelle?

Unter Wirtschaftskriminalität versteht man alle Delikte, bei denen es „ums Geld geht“. Internetbetrügerei, Enkeltrickanrufe, Steuerbetrug, Anlagebetrug – um nur einige Beispiele zu nennen. Auch Insolvenzverschleppung gehört dazu.

Rein statistisch gesehen ist die größte Gruppe der Wirtschaftskriminellen nicht etwa der seriöse Herr im weißen Kragen oder die Businessfrau im eleganten Kostüm. Die größte Tätergruppe sind Mitarbeitende im eigenen Unternehmen; meist solche, die mit der Buchhaltung zu tun haben.

Lehrstunde aus dem Gefängnis

Die möglichen Lerneffekte aus der Biografie von Wirtschaftskriminellen sind vielfältig. Dazu einige Anregungen:

  1. Risiken realistisch sehen: Gibt es Risiken, die wir sehen könnten, aber nicht sehen wollen? Viele unterschätzen die Folgen – etwa Einsamkeit und Stille im Gefängnis.

  2. Insolvenzverschleppung beachten: Rechtlich besonders tückisch – oft ist eine rechtzeitige Anmeldung entscheidend.

  3. Schutzmaßnahmen im Betrieb: Neben externen Gefahren (Hacker) auch interne sehen. Vieraugenprinzip und gründliches Prüfen sind Basis.

  4. Eigene Schwachstellen kennen: Jeder Mensch hat „wunde Punkte“. Besser vorher bedenken, wie man in Grauzonen reagieren würde.

  5. Engagement statt Resignation: Statt über praxisferne Gesetze zu klagen, in Verbänden oder Politik mitwirken.

  6. Träume und Wünsche offen leben: Wer seine Ziele legal verfolgt, hat weniger Versuchung zum Rechtsbruch.

  7. Verantwortung mutig übernehmen: Unternehmerisches Handeln ist biblisch bejaht – trotz aller Risiken.

Zu guter Letzt

„Geld allein macht nicht glücklich.“ Diese Binsenweisheit kann man an der Biografie von Wirtschaftskriminellen ablesen. Ich habe viele hochinteressante Gesprächspartner angetroffen – aber niemanden, der wirklich glücklich ist.

Daher lerne ich aus dem, was Wirtschaftskriminelle bereuen:

  • Dankbarkeit für meinen inneren Frieden als Kind Gottes.

  • Dankbarkeit für das, was ich an Erfolg erreichen durfte – mit innerem Frieden.

  • Den Entschluss, weiter entschlossen mit gutem Gewissen Erfolg zu suchen, statt ihn anderen mit zweifelhaften Maßstäben zu überlassen.