„Stille ist mehr als die Abwesenheit von Lärm“
Unser Thema ist „Stille“: Wie definiert ihr diese?
Gaby: Stille ist weit mehr als die Abwesenheit von Lärm. Selbst wenn es uns gelingt, uns vom Lärm der Umgebung zu lösen, kann es in unserer Seele immer noch sehr laut sein. Oft verursachen unsere Gefühle und Gedanken einen starken inneren Lärm. Wer Stille schaffen will, muss deshalb in zwei Schritten vorgehen: zuerst den äußeren Lärm reduzieren, dann den inneren Lärm. Nur so können wir lernen, wirklich still zu werden. Erst wenn die Seele zur Ruhe kommt, kann auch der Geist zur Ruhe kommen, um zum Beispiel auf Gott zu hören.
Führung durch Hören
Unter anderem bietet ihr im Gebetshaus Amden Kurse an, um auf Gott zu hören. Markus, du hast an vielen Geschäftsleitungs- und Verwaltungsratssitzungen teilgenommen. Wie erklärst du Führungskräften, was es heißt, „auf Gottes Stimme zu hören“?
Markus: Zuerst müssen wir verstehen, was uns Menschen ausmacht. In der Bibel steht, dass Gott zuerst die Schöpfung und darin die Tierwelt geschaffen hat. Erst danach schuf er den Menschen, indem er ihm den Geist gab. Der Mensch ist eine eigenständige Schöpfung, die dazu bestimmt ist, in Gemeinschaft mit Gott zu leben. Dazu kann unser Geist mit Gott kommunizieren, der Geist ist. Unser Geist verleiht uns Menschenwürde und unterscheidet uns von allen Tieren. Wir Menschen sind auf die Beziehung zu Gott hin geschaffen und haben den Auftrag, aus dieser Beziehung heraus die Schöpfung zu nutzen und zu verwalten. Erst aus diesem Verständnis erwächst in uns der Wunsch, Gottes Stimme zu hören. Denn unser menschlicher Geist bezeugt uns, dass es einen Gott gibt, und sehnt sich nach einer Beziehung zu diesem Gott.
Erfahrungen mit Gottes Stimme
Habt ihr Gottes Stimme schon mal akustisch gehört?
Markus: Ich habe Gottes Stimme schon oft so klar vernommen, dass ich im Nachhinein nicht unterscheiden konnte, ob ich sie nun im Geist oder akustisch wahrgenommen habe. Auch in der Bibel war die Stimme Gottes zum Beispiel bei der Taufe von Jesus und der Bekehrung von Saulus, der später als Apostel Paulus bekannt wurde, akustisch wahrnehmbar – allerdings nicht für alle Anwesenden im gleichen Maß. Wir haben aber auch die Erfahrung gemacht, dass diese Impulse sehr fein sein können. Deshalb ist es sehr wichtig, äußere und innere Stille zu schaffen.
Lebensstil statt abrupter Wandel
Markus, du bist jung in die Geschäftsleitung einer Bank aufgestiegen. Ihr hättet euch ein angenehmes Leben gönnen können – stattdessen habt ihr unter anderem eine christliche Bewegung aufgebaut und leitet heute das Gebetshaus Amden. Wieso der abrupte Wandel?
Markus: Aus unserer Perspektive ist das kein abrupter Wandel. Es ist die logische Konsequenz eines Lebensstils, der nicht das eigene Interesse, sondern Gottes Sicht in den Mittelpunkt stellt. Wir haben diesen Lebensstil schon viele Jahre eingeübt. Das mag ungewohnt klingen, ist jedoch nichts anderes als die Umsetzung des bekannten „Unser Vater“-Gebets: „Dein Name werde geheiligt, dein Reich komme, dein Wille geschehe auf Erden, wie im Himmel“. Wir haben erfahren, wie gut es uns tut, auf Gott zu hören und das Gehörte in die Tat umzusetzen. Egal, ob das in einer Bank oder einer christlichen Organisation geschieht. Dies zu lernen, beginnt zuerst im eigenen Leben, in der Ehe, der Familie, unter Freunden und dann auch am Arbeitsplatz.
Ist es nicht nur Wunschdenken?
Ihr sagt: „Gott spricht zu uns“. Man könnte einwenden, dass ihr nur euren eigenen Gedanken nachhängt – oder in eurem Gehirn biophysikalische Prozesse ablaufen.
Markus: Ich verstehe diese Einwände, wenn jemand die Erfahrung des Redens und Wirkens des Heiligen Geistes Gottes nicht kennt. Wir erleben jedoch immer wieder, dass Gott uns Dinge offenbart, die wir menschlich gesehen gar nicht wissen konnten. Die biophysikalischen Vorgänge im Gehirn sind nicht die Quelle der Erkenntnis oder der Offenbarung, sondern das physische Abbild dessen, was in der Seele und im Geist geschieht.
Prüfung im hörenden Gebet
Wie überprüft ihr, ob das, was ihr zu hören glaubt, wirklich von Gott stammt – und kein Wunschdenken ist?
Gaby: Ein schlechter Baum bringt schlechte Früchte, ein guter Baum gute – dieses Prinzip hat Jesus gelehrt. Entsprechend können wir an den Resultaten aus dem hörenden Gebet erkennen, ob es Wunschdenken oder wirklich Reden Gottes war. Wir gehen immer davon aus, dass wir uns auch täuschen können. Darum stellen wir uns auf die Aussage der Bibel, dass Jesus im Geist Gottes anwesend ist, wo zwei oder drei „in seinem Namen“ zusammen sind. In der Praxis gehen wir so vor: Alle Anwesenden schaffen einen Raum der Stille um und in sich. Dann hören alle für sich, was die Sicht oder das Reden Gottes zu einer bestimmten Situation ist, und schreiben dies auf. Anschließend tauschen wir das Gehörte und Aufgeschriebene aus, um zu erkennen, wo der „rote Faden“ des Redens Gottes ist. Wo wir darin Frieden finden, handeln wir entsprechend.
Abgrenzung zur Meditation
Ihr sucht die Stille, um Gott zu hören. Andere meditieren, um loszulassen und einen klaren Kopf zu bekommen. Oder sie „tanken neue Energien“. Wo liegt der Unterschied?
Markus: Was unter „meditieren“ verstanden wird, kann sich stark unterscheiden. Letztlich ist entscheidend, aus welcher Quelle wir hören, beziehungsweise „Energie tanken“. Es gibt sehr unterschiedliche Quellen: Wir können uns mit anderen Menschen, mit Engeln oder Dämonen oder Gott selbst verbinden. Leider ist das Wissen um die Unterscheidung dieser Quellen weitgehend verlorengegangen. Nur aus einer Quelle können wir Leben und gute Weisung empfangen: vom allmächtigen Gott, unserem Schöpfer. Der Weg zu dieser Quelle ist in der Bibel klar beschrieben. Jesus Christus hat uns durch seinen Tod und seine Auferstehung den Weg zu Gott geöffnet.
Medienfasten
Über die sozialen Medien prasseln immer mehr Botschaften auf uns ein. Wie geht ihr damit um?
Gaby: In unserer Welt nehmen wir viel mehr Informationen auf, als wir je vernünftig verarbeiten können. Dies führt zu einer Überlastung unserer Seele, die nicht mehr zur Ruhe kommen kann. Somit ist es auch kaum möglich, sich den Raum der Stille zu schaffen. Darum haben wir von Gott gehört, dass wir ein „Medienfasten“ einüben sollen. Das heißt nicht, ganz auf Medien zu verzichten, sondern den Konsum auf das für uns Hilfreiche zu reduzieren.
Stille im Alltag
Gibt es eine Methode, um Stille im hektischen Alltag zu finden?
Gaby: Gott lehrt uns in der Bibel, dass wir zum Beispiel einen Tag in der Woche zur Ruhe kommen sollen. Zu erkennen, dass wir Ruhe brauchen, ist eine Grundvoraussetzung. Darüber hinaus sollten wir uns im Alltag Ruhe- und Stillezeiten einplanen. Wir können die Hektik des Alltags nicht immer vermeiden, aber wir können dafür sorgen, dass darauf Zeiten der Stille folgen. Das ist auch eine Frage der Prioritäten, die wir im Leben setzen.
Umgang mit Enttäuschungen
Erlebt ihr auch Enttäuschungen? Wie geht ihr damit um?
Markus: Ja, natürlich. Enttäuschungen entstehen aus unseren Fehlern. Darum lassen wir uns durch Enttäuschungen nicht entmutigen, sondern gehen damit zurück zu Gott und fragen ihn, wie er unsere Situation sieht – und was wir daraus lernen dürfen.
Gaby: Auch das Schweigen Gottes auf unsere Fragen kennen wir. Dabei haben wir gelernt, dass es verschiedene Ursachen haben kann. Vielleicht wollten wir von Gott eine Antwort erhalten zu einem Anliegen, das aus seiner Sicht gar nicht relevant für uns ist – oder nicht zum aktuellen Zeitpunkt. Oder wir waren schlicht ungehorsam auf ein vorgängiges Reden Gottes. Entscheidend ist für uns, dass wir nicht Gott hinterfragen, sondern uns selbst.
Schicksalsschläge
Gaby, du hattest vor wenigen Jahren einen schwerwiegenden Schlittenunfall, warst monatelang ans Bett gefesselt. Markus, du warst zwischendurch im Rollstuhl. Was ist schiefgelaufen, dass ihr solche Schicksalsschläge hinnehmen musstet?
Gaby: Ich durfte im Unfall eine unglaubliche Bewahrung erleben. Menschlich gesehen, wären noch viel schlimmere Folgen zu erwarten gewesen. Daraus kam zuerst einmal eine tiefe Dankbarkeit zu Gott über das zweite geschenkte Leben. Wenn Gott einen Schicksalsschlag zulässt, verfolgt er eine gute Absicht damit – das haben wir gelernt.
Markus: Ich erlebte in meiner Phase der „rollstuhlpflichtigen Tetraplegie“ ein Reden Gottes, das in mir tiefsten Frieden bewirkte. So erkannte ich, dass nichts schiefgelaufen war, sondern Gott tief in meinem Herzen die Botschaft verankerte, dass alles Gelingen nur von ihm kommt – und nicht von meiner Kraft.
Bessere Entscheidungen
Könnt ihr uns ein Beispiel geben, wie euch das Hören auf Gott ganz praktisch hilft, bessere Entscheidungen zu treffen?
Markus: Was sind bessere Entscheidungen? Viele Menschen beurteilen die Entscheidungen an messbaren Erfolgen. Aus unserer Sicht sind gute Entscheidungen aber solche, die dem Willen Gottes für uns – und im Himmel vorbereiteten Werken – entsprechen.
Gaby: Ein Beispiel: Wir standen vor kurzem vor dem Entscheid, entweder Hypotheken zurückzuzahlen oder die Mittel anderweitig einzusetzen. Gott hat uns dann zu einem Objekt geführt, von dem wir im Gebet hörten, dass wir es kaufen sollten. Den Kauf konnten wir auf Ende des Jahres abwickeln. Aus unserer Sicht ist es der richtige Entscheid, weil er aus dem hörenden Gebet getroffen wurde.
Hilfe von oben für Führungskräfte
Führungskräfte müssen oft und schnell entscheiden. Seht ihr Möglichkeiten, wie sie „Hilfe von ganz oben“ beanspruchen können?
Markus: Als Erstes mussten wir lernen, die Dringlichkeit zu hinterfragen. Oft empfinden wir eine Dringlichkeit, die gar nicht nötig wäre und uns nur davon abhält, Entscheide aus der Stille zu fällen. Zudem ist es gerade auch für Führungskräfte entscheidend, selbst zu lernen, Gottes Stimme zu hören und darin zu wachsen. Dieses Lernen sollte in der Gemeinschaft mit anderen Menschen stattfinden, die sich ebenfalls auf diesen Weg gemacht haben. Da Führungskräfte, die Gott hören wollen, oft keine Umgebung finden, in der sie Hilfe im hörenden Gebet empfangen können, haben wir im Gebetshaus Teams gebildet, die da weiterhelfen können.

Hinweis: Dieses Interview ist ein leicht gekürzter Beitrag aus dem goMagazin. Weitere Informationen unter gomagazin.de. Wir danken für die Abdruckgenehmigung.