Maß und Mitte

19.01.2024

Im 17. Jahrhundert schrieb der französische Mathematiker und Christ Blaise Pascal: „Die Mitte verlassen heißt die Menschlichkeit verlassen“. Bis heute kennen wir den Ausdruck „Maß und Mitte“. Zur Mitte gehörte schon damals das Maß, die „mâze“, eine der höchsten Tugenden des Hohen Mittelalters. Sie war Lebenseinstellung zu allen Fragen der Zeit, die eine geordnete Gesellschaft zum Ziele hatte. Pascal schrieb seinen Satz, weil er die „mâze“ schwinden sah.

Im Jahr 1882 schrieb Friedrich Nietzsche den Text „Der tolle Mensch“. Darin heißt es: „Gott ist tot. Gott bleibt tot. Und wir haben ihn getötet. […] Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen? Stürzen wir nicht fortwährend? Und rückwärts, seitwärts, vorwärts nach allen Seiten? Gibt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht durch ein unendliches Nichts?“

Im Jahr 1948 erschien „Verlust der Mitte – Die bildende Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts als Symptom und Symbol der Zeit“ des österreichischen Kunsthistorikers Hans Sedlmayr. Seine These darin war, dass die Mitte verloren ging, als die Menschen Gott vom Thron gestoßen haben und sich selbst zum Zentrum machten. Die bildende Kunst und Architektur seien dafür Symptom und Symbol.

Anfang des Jahres 2003 schrieb der langjährige Intendant des ZDF, Dieter Stolte, in einem Kommentar: „Wir leben im verflixten 13. Jahr der deutschen Einheit. Anlass genug, darüber nachzudenken, ob wir alles richtig gemacht haben. Maß halten, Mitte bewahren, ist nicht in erster Linie eine materielle Kategorie, sondern eine ethische, die den Umgang der Menschen miteinander, ihre Sprache, ihren Stil und den Schutz der Intimität betrifft.“

Zum Anfang des Jahres 2024 stehen viele Fragen im Raum. Die politischen Ränder werden stärker, die gesellschaftliche Mitte droht verloren zu gehen. Wir fragen: Woher kommt die Wut? Woher kommt der Egoismus? Wirtschaft und Wohlstand – wo geht es hin? Wo ist die Mitte? Wie gelingt das Miteinander – und das eigene Leben?

Und es gibt durchaus Antwortversuche. Da fordert die Partei „Die Mitte“ in der Schweiz: „Wir wollen eine soziale, nachhaltige und innovative Wirtschaft.“. Da setzt sich das „Forum Markt & Mitte“ in Deutschland „für eine dynamische und soziale Marktwirtschaft ein, die Wohlstand, Freiheit und gesellschaftliche Stabilität bringt.“ Im Wirtschaftsdienst, einer Zeitschrift für Wirtschaftspolitik, findet sich der Aufsatz „Mitte ohne Maß? Widersprüchliche Entlastungsforderungen“ von Autoren des Instituts der Deutschen Wirtschaft.

Wenn wir heute von der Mitte sprechen, meinen wir säkularisiert die Politik, die Gesellschaft, oder mit dem „Mittelstand“ die Wirtschaft. Reden wir neu über „Maß und Mitte“, über das, was uns zusammenhält, über die Mitte, wie Pascal sie meinte. Reden wir neu darüber, ob und wie Gott, den wir nach Nietzsche getötet und nach Sedlmayr vom Thron gestoßen haben, uns helfen kann.

Im achten Jahrhundert v. Chr. zitierte der Prophet Hosea Gott: „Ich bin Gott und nicht ein Mensch, heilig in deiner Mitte.“ (Hosea 11, 9) Lange vor Pascal, Nietzsche, Sedlmayr, Stolte und uns wurde Gottes Abgesandter, sein eigener Sohn Jesus, im heutigen Israel getötet: „Sie kreuzigten ihn und mit ihm zwei andere zu beiden Seiten, Jesus aber in der Mitte.“ (Joh. 19,18). Das unglaubliche Wunder geschah: Er wurde wieder lebendig. Darf ich Nietzsches Aussage abändern? „Gott ist lebendig. Gott bleibt lebendig. Und er lässt unser Miteinander und unser Leben gelingen.“

Michael vom Ende
Geschäftsführer faktor c, einer Initiative von Christen in der Wirtschaft