Ist der Mensch „des Menschen Wolf“?
Der Wolf im Einkaufszentrum
Folgende Geschichte aus dem Frühjahr 2026 erinnerte mich wieder an eine alte Redewendung: Ein Wolf hat in einer Einkaufspassage in Hamburg-Altona eine Frau angegriffen und im Gesicht verletzt. Solch einen Angriff gab es fast 30 Jahre in Deutschland nicht mehr. Das junge Tier hatte sich in der Stadt verirrt, reagierte panisch und biss eine Frau ins Gesicht, als sie dem verängstigten Tier helfen wollte. Der Wolf wurde dann aus der Binnenalster gefischt und nach Begutachtung „auf Bewährung“ knapp einen Monat später wieder ausgesetzt. Der Wolf und der Mensch – beide fanden schon vor langer Zeit Eingang in ein messerscharfes Zitat:
„Der Mensch ist des Menschen Wolf“
Dieser Satz ist eine Übersetzung aus dem Lateinischen, im Original: Homo homini lupus est. – „Der Mensch ist des Menschen Wolf“. Es stammt vom englischen Philosophen Thomas Hobbes, der im 17. Jahrhundert als einer der einflussreichsten Denker galt. Der Wolf selbst war schon seit Urzeiten bekannt als Jäger, der Beute reißt. So greift schon ein Zitat im Alten Testament in der Heiligen Schrift dies auf: „Die Oberen in seiner Mitte sind wie reißende Wölfe, Blut zu vergießen und Menschen umzubringen um ihrer Habgier willen.“ (Hesekiel 22, 27) Und die Formulierung von Thomas Hobbes war nicht dazu angetan, das Bild des Wolfs positiver zu zeichnen – und das des Mitmenschen erst recht nicht. Er verstärkte damit die permanente Angst, von den eigenen Zeitgenossen ausgenutzt, betrogen und tief verletzt zu werden. „Der Mensch ist des Menschen Wolf.“
Vorsicht vor „reißenden Wölfen“
Aber: Nicht jeder ist ein Wolf! Sondern nur der, der habgierig und machthungrig, der „böse, gefährlich oder täuschend“ (Wikipedia) ist! Nicht jeder Mensch ist ein Wolf – auch wenn das Hobbes’sche Zitat das nahelegt. Aber es gibt sie, die „Wölfe im Schafspelz“. Auch diese deutsche Redensart geht auf die Bibel zurück, wenn Jesus Christus in seiner berühmten „Bergpredigt“ selbst seine Nachfolger vor irregeleiteten religiösen Führern mit den Worten warnt: „Hütet euch aber vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie reißende Wölfe. (Matth. 7, 15)
„Wölfe“ in der Wirtschaft
Ich widerstehe hier ausdrücklich und bewusst der Versuchung, über „Wölfe“ in der Politik zu sprechen – auch wenn ich viele Beispiele dafür vor Augen habe.
Gehen wir also zur Wirtschaft: Kennen Sie den Film “The Wolf of Wall Street“ von 2013? Falls nicht, sollten Sie ihn sich ansehen. Nach einer wahren Geschichte wird die Habgier der filmischen Hauptperson geweckt und genährt – und zerstört am Ende ihn und die Menschen um ihn herum. Und vermutlich gibt es keinen unter uns, der bei Anderen Habgier gespürt und sich auf Sicherheitsabstand zurückgezogen hat. Und vermutlich gibt es keinen unter uns, der schon einmal von seinem eigenen Hang zu dieser Gier überrascht wurde und sich ihr stellen musste.
Ist der Mensch „des Menschen Wolf“?
Nein, er ist es nicht grundsätzlich. Sonst könnte es kein Vertrauen in den Beziehungen zwischen Völkern und Menschen geben, kein Vertrauen im Persönlichen und beim Wirtschaften. Ja, er ist es dann, wenn Hab- und Machtgier Besitz von einem Menschen, einer Regierung, einer Organisation oder einer Firma ergreifen. Üben wir uns also miteinander in der Kunst, mit gesundem Vertrauen und gleichzeitig gesundem Misstrauen anderen zu begegnen, immer bereit, mehr und mehr Vertrauen aufzubauen. Ja, es ist tatsächlich eine Kunst!
Nachtrag 1: Die Vorlage für Hobbes‘ Wolf-Zitat
„Homo homini lupus est“ – Der Mensch ist des Menschen Wolf. Diese Redewendung von Thomas Hobbes geht auf ein Zitat des Komödiendichters Plautus (254 – 184 v. Chr.) zurück, der ursprünglich so gedichtet hatte: „Lupus est homo homini, non homo, quom qualitas sit non novit.“ – Ein Wolf ist der Mensch der Menschen, kein Mensch, solange er nicht weiß, welcher Art der andere ist.
Nachtrag 2: „Wölfe – und die Christen“
Jesus Christus dreht einmal unser Denken um, das vor Wölfen warnt und zu größtmöglicher Distanz zu ihnen aufruft. Er schickt einmal seine 72 engsten Mitarbeitenden zu den Menschen in den umliegenden Orten und Städten mit den Worten: „Geht! Siehe, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe.“ (Lukas 10, 3). Mit einer Friedensbotschaft zu anderen gehen – und gleichzeitig mit Ablehnung, Gegenwehr und inneren und äußeren Verletzungen zu rechnen; das ist die Königsdisziplin, zu der Jesus Christus alle herausfordert, die sich als seine Nachfolger und Mitarbeitenden verstehen. Nur gut, dass er gleichzeitig versprochen hat, unsichtbar dabei zu sein!
Michael vom Ende, im April 2026
Geschäftsführer von faktor c, einer Initiative von Christen in der Wirtschaft
www.faktor-c.org

