Warum Kommunikation Vorbereitung und  Ehrlichkeit braucht

Warum Kommunikation Vorbereitung und Ehrlichkeit braucht

In Zeiten von Social Media sind Shitstorms Alltag geworden. Wie stellen sich Unternehmen und Organisationen darauf ein? Ein Experte erläutert, was es für eine gelingende Kommunikation braucht.

Der Satz des Philosophen und Psychotherapeuten Paul Watzlawick ist legendär: „Man kann nicht nicht kommunizieren.“ In der Tat: Auch ohne Worte stehen wir immer im Austausch mit unserer Umwelt. Wer zum Beispiel eine Mail, einen Anruf oder einen Online-Kommentar ignoriert, sendet auch eine Botschaft. Für viele mittelständische Unternehmen und für viele Organisationen ist Öffentlichkeitsarbeit noch immer ein Gebiet, das man nur zögernd betritt. Zu groß ist die Furcht vor kritischen Medienanfragen.

Hinzu kommen inzwischen zahlreiche Social-Media-Kanäle, die mit ihren möglichen Shitstorms manchem Verantwortungsträger wie ein bedrohliches Mysterium erscheinen, dessen Spielregeln man nicht wirklich versteht. Das Problem dabei ist: Man kann sich eben nicht aussuchen, ob man kommunizieren möchte oder nicht. Doch Wehklagen hilft an dieser Stelle nicht weiter. Unternehmen und Organisationen sind Teil der Öffentlichkeit und müssen akzeptieren, dass sie Gegenstand der medialen Berichterstattung werden oder in Internetforen kritische Kommentare kassieren. Umso wichtiger ist, dass man die Spielregeln kennt. Man kann nur beeinflussen, was man versteht.

Kommunikation als Chance

Ziel ist es, Kommunikation als Chance zu begreifen und nicht als Last. Die Herausforderungen in einer vernetzten Welt nehmen zu. Hatte man es früher mit einigen wenigen Medienvertretern zu tun, kann heute im Prinzip jeder Nachbar, Mitarbeiter, Wettbewerber oder Influencer zum reichweitenstarken Sender werden. Der Journalist hat seine Rolle als Gatekeeper längst verloren. Nachrichten, egal ob falsch oder richtig, brechen sich per Internet Bahn und werden dann oft von den klassischen Medien aufgegriffen.

Wie auf allen Fachgebieten des Berufslebens sollte man sich auch hier frühzeitig sachkundig machen, wie die aktuelle Entwicklung aussieht.

Der Job der Journalisten

Fakt ist: Journalisten haben ein legitimes Interesse an der Information und Aufklärung ihrer Leser. Bedeutet: Medien haben in der Regel den Eigenanspruch, gründlich zu recherchieren, wichtige Informationen zu sammeln und auch Missstände aufzudecken. Verstoßen sie dagegen, kommen sie ihrem Auftrag nicht nach. Das muss man dann auch nicht hinnehmen. Es gibt dafür rechtliche Regeln, die man kennen sollte. Doch dazu später mehr. Grundsätzlich gilt: Auch Journalisten wollen ihren Job machen – und das möglichst gut. Dazu haben sie auch ein Recht.

Gleichzeitig sind Unternehmen oder Organisationen nicht nur Gegenstand der Berichterstattung. Es liegt auch in ihrem eigenen Interesse, ihre Ziele und ihr Handeln zu erklären. Das kann über die klassischen Medienkanäle geschehen, die von Journalisten bedient werden. Zunehmend läuft das aber auch über eigene und fremde Social-MediaKanäle und natürlich über die Website. Für alle Bereiche gibt es vielfältige Möglichkeiten in der Kommunikation, aber auch strategische Grundlagen, die in jeder Organisation definiert und verankert sein müssen. Strukturierte Kommunikation gedeiht nicht zufällig und „by the way“. Informationen über die eigene Organisation sollten für Journalisten professionell zugänglich gemacht werden. Das geht los mit dem Pressekontakt auf der eigenen Website, ergänzt durch Bildmaterial und wichtige Basisinfos.

Lügen geht gar nicht

Wer den Anspruch erhebt, öffentlich gehört zu werden, muss auf Transparenz setzen, auch und gerade dann, wenn ein Thema vielleicht schwierig wird. Die Akzeptanz der eigenen Medienarbeit hängt ab von ihrer Professionalität und dem Verständnis für die Bedürfnisse von Journalisten, die ihrem Tagesgeschäft nachgehen. Letztlich geht es um den Aufbau von Vertrauen bei den Medienvertretern durch faire und ehrliche Informationsstrategie. Dazu gehört auch, dass man Fehler einräumt, wenn sie passiert sind.

Punkten kann man mit Ehrlichkeit. Was gar nicht geht, ist lügen. Zu diesem Punkt kann es innerhalb der eigenen Organisation und der Hierarchien unter Umständen heftige Diskussionen geben. Vor allem, wenn die Pressestelle die Fehler einer Fachabteilung in der Öffentlichkeit vertuschen soll. Nach meiner Erfahrung gilt gerade auch in der Medienarbeit der Satz: Ehrlich währt am längsten. Natürlich muss man nicht ungefragt alles erzählen, was wahr ist. Aber das was man sagt, muss wahr sein.

Ich persönlich glaube nicht, dass wir von der hellen und der dunklen Seite der Macht sprechen, wenn wir uns mit Journalismus und PR befassen. Beide brauchen einander, wenn sie ihren Job machen wollen. Journalisten werden sich schwertun, wenn sie keinen Ansprechpartner im Unternehmen haben, der ihr Anliegen in die Organisation hineinträgt und bei Bedarf „übersetzt“. Umgekehrt werden PR-Leute sich in der Medienwelt auf Dauer schwertun, wenn sie sich den Ruf erwerben, dass man ihnen nicht trauen kann, weil sie lügen und tricksen, wenn es eng wird. Das bedeutet nicht, dass man jedem Konflikt aus dem Weg geht. Aber auch ein Streit kann fair und offen ausgetragen werden.

Blockieren oder informieren?

Wenn die Krise erst einmal vor der Tür steht, ist es zu spät, sich Gedanken über mögliche Strategien und Abläufe zu machen. Was man in einer Kommunikationskrise am wenigsten hat, ist Zeit. Das Internet gibt hier den Takt vor. Von der kritischen Anfrage einer Wirtschaftsredaktion zu einem angeblichen Korruptionsskandal vergeht vielleicht nur eine halbe Stunde, bis das Thema online ist und andere Medien darauf aufmerksam werden. Schweigen oder die Aussage „Das kommentieren wir nicht“, sind dann in der Regel untaugliche Instrumente.

Je früher sich ein Unternehmen damit befasst, wer wann und wie kommunizieren kann und wie die Verantwortlichkeiten innerhalb der Organisation sind, umso mehr hat es die Chance, die Kontrolle über Kommunikationsabläufe zu behalten und eine Blockadehaltung zu vermeiden. Nur wer informiert, hat die Chance, seine Außenwahrnehmung mitzugestalten.

Schwachstellen suchen

Es ist wichtig, dass Unternehmen verstehen, welche Auslöser es für Kommunikationskrisen gibt und wie sich diese entwickeln können. Die Erfahrung zeigt: Krisen ohne professionelle Kommunikation können drastische Folgen haben: interne Unruhe innerhalb der Organisation und der Verlust von Glaubwürdigkeit in der Öffentlichkeit. Nur wer sich vor einer Krise ehrlich mit möglichen Risiken befasst und interne Abläufe festgelegt hat, behält in der Ausnahmesituation den Überblick.

Dazu gehört auch der Mut, frühzeitig nach internen Schwachstellen zu suchen und diese innerhalb der Organisation zu benennen. Dafür gibt es in der Regel keinen Beliebtheitspreis. Ein Beispiel: Ein Unternehmen, das seit Jahren die Bildung eines Betriebsrates verhindert, hat an dieser Stelle eine offene Flanke, egal was der Firmeninhaber oder der CEO dazu sagen. Erschwert wird die ehrliche Analyse oft durch die Belastungen des Tagesgeschäftes, die den Blick auf interne Risiken vestellen und eine strategische Planung verhindern.

Was helfen kann

Hier kann professionelle Beratung helfen, die eigene Situation mit Abstand ehrlich zu analysieren. Idealerweise steht am Ende des Prozesses ein klarer Fahrplan für die Bewältigung von Kommunikationskrisen. Dazu gehört das Wissen über die Basisanforderungen einer glaubwürdigen Krisenkommunikation. Vor allem Führungskräfte müssen sich in solch einer Situation auch unbequeme Fragen stellen lassen. Das gilt auch und gerade, wenn Fehler der eigenen Organisation aufgedeckt werden. Das ehrliche Einräumen von tatsächlichen Fehlern und Versäumnissen sollte selbstverständlich sein und ist beim Werben um Vertrauen der Königsweg.

Und wenn es doch schief geht?

Was tun, wenn man doch – vielleicht sogar schuldlos – Opfer einer falschen Berichterstattung wird? In manchen Fällen ist juristische Unterstützung sinnvoll. Vor allem wenn die Emotionen hochkochen, kann der Rat eines Fachanwaltes für Medienrecht sinnvoll sein, um die eigene Situation sachlich einzuschätzen. Das muss nicht bedeuten, dass man einer Redaktion gleich mit juristischen Schritten droht – im Gegenteil. Nach meiner Erfahrung kann es eher dazu beitragen sachlich und mit kühlem Kopf zu reagieren, wenn intern der Ärger hochkocht. Am Ende gilt: Auch ein Shitstorm geht vorüber. Es ist also wichtig, über den Tag hinaus zu planen. Nur wer in der Krise die Nerven behält, legt das Fundament für eine zukünftig erfolgreiche Kommunikationsarbeit.

 

Bei einem Präsenzseminar am 11. und 12. Juni 2024 in Wetzlar erhalten die Teilnehmenden Grundlagen für PR und Krisenkommunikation. Referenten sind Ulrich Effing und Andreas Dippel, veranstaltet wird das Seminar von faktor c und der publikon Medienakademie der Christlichen Medieninitiative PRO.

Weitere Infos: www.faktor-c.org/shitstorm

Zum Autor:
Ulrich Effing startete sein Berufsleben in der Lokalredaktion einer Tageszeitung, nach Stationen in einem Wirtschaftsverlag, einer PR-Agentur und einer Pressestelle in der Energiewirtschaft war er zuletzt 18 Jahre lang Leiter der Unternehmenskommunikation der internationalen DEICHMANN-Gruppe mit Sitz in Essen. Heute berät er Organisationen und Unternehmen in Fragen der strategischen PR und Krisenkommunikation

Kontakt: ulrich.effing@gmx.net

KI bietet für die  christliche Botschaft  ungeahnte Möglichkeiten

KI bietet für die christliche Botschaft ungeahnte Möglichkeiten

Künstliche Intelligenz (KI) verändert heute schon die Art, wie wir arbeiten und wie wir leben. Doch es steckt noch viel mehr drin: erstaunliche Wege, um die Bibel schneller zu übersetzen und verfolgte Christen zu unterstützen. Dieser Beitrag wirbt dafür, die Chancen intelligent zu nutzen.

Die Dynamik von Künstlicher Intelligenz (KI) hat alle überrascht – auch uns BranchenInsider, die seit Jahren mit maschinellem Lernen gearbeitet haben. Plötzlich wurde klar: KI ist kein Update auf eine bessere Suchmaschine, sondern eine Transformation „wie die Erfindung der Elektrizität“ – so der Google-Chef Sundar Pichai.

Diese Transformation wird das Wertegefüge von Berufen, Unternehmen, Märkten und Nationen komplett neu sortieren. Und viele werden darüber glücklich sein, denn diese Transformation beinhaltet eine riesige Chance. Dies betrifft nicht nur Wirtschaftsunternehmen, sondern genauso Nichtregierungsorganisationen, Kirchen und christliche Werke.

Was das Radar zeigt

Wenn wir unsere Organisation mit einem Segelboot auf dem Atlantik vergleichen, dann hat unser Radar aufgenommen, dass eine sehr große Motoryacht mit dem Schriftzug „KI“ sich uns nähert. Dies birgt das Risiko der Kollision, aber große Chancen, wenn sie uns schleppt. Bisher haben alle technologischen Erfindungen große Chancen beinhaltet, und das wird mit KI genauso sein. Oder wer möchte wieder auf Strom oder PC verzichten?

Die Nervosität besteht darin, dass wir auf unserem Segelboot schlechte Sicht haben. Wir können nur indirekt, über Radar empfangen, wo die KI-Motoryacht fährt. Was wir bislang über KI vorhersagen können, ist Folgendes:

KI wird geräteunabhängiger, omnipräsenter

Lang vorbei sind die Zeiten, wo jemand seinen PC im Büro einschloss und danach frei von digitalen Inhalten den Feierabend mit der Zeitung verbrachte. Irgendwann kam das Smartphone mit nach Hause und bei manchen die Smartwatch mit ins Bett. Keiner zwang uns, sondern der Komfort brachte uns freiwillig dorthin.

Die KI wird lernen, was unsere komfortabelsten Kommunikationswege sind, und wird uns mit dem aktuell besten Medium informieren – über Sprache aus einem Lautsprecher wie Alexa oder über Projektion auf Brille, Wände, Böden, die Hand oder klassisch per App im Handy.

KI wird proaktiver

Bisher haben wir unseren Eingabegeräten Fragen gestellt und von ihnen Antworten erhalten. Lebensplanung ging bislang unsere Geräte wenig an, da sie uns zu wenig kannten. Das wird sich ändern, wenn die KI unsere Mails, Kalender, Freunde und Ziele kennt und diese miteinander verknüpft (Large Action Models).

Wenn mein Ziel ist, mehr Zeit mit den Kindern zu haben, so wird sie meinen Kalender danach auswerten, mir Feedback geben und Analysen zu meiner Zeiteinteilung. Dann wird die KI mich fragen: „Willst Du wirklich diesen Kundentermin am Freitag annehmen, wo Du diese Woche erst zwanzig Minuten mit Deinem Sohn gesprochen hast?“ Die Möglichkeit, eine Organisation auf einer Website zu präsentieren, bleibt bestehen, aber die Gefahr für den Website-Inhaber wird sein, dass die KI für ihre Antwort Daten aus anderen Quellen wie Wikipedia oder Bewertungsseiten bezieht. Während eine Suchmaschine zu Websites verweist, liefert eine KI als Chatbot in der Regel eine selbst zusammengestellte Antwort.

KI wird persönlicher

Bisher haben wir unsere Suchmaschinen genutzt, um Wissenslücken zu füllen. Die großen Fragen des Lebens waren der Diskussion mit Freunden beim Wein vorbehalten: „Welche Karriere soll ich anstreben?“ In Zukunft werden wir Lebensempfehlungen von der KI erhalten: „Nach Auswertung Deiner Daten und der Daten Deiner Vorfahren solltest Du ein Studium der Innenarchitektur aufnehmen. Soll ich Dir Universitäten raussuchen, die Dich immatrikulieren würden?“

Mit KI Gutes tun

Wir wissen auch: KI wird neue Herausforderungen bringen. „Potenziell gefährlicher als die Atombombe“, schrieb Elon Musk über KI. Man könnte eine lange Problem-Liste erstellen: Attraktive Berufe verlieren an Gunst, qualifizierte KI-Mitarbeiter sind schwer zu bekommen, Videos werden manipulierbar, Identitäten lassen sich fälschen.

Das sind schwerwiegende Probleme, aber dagegen steht: Sowohl der Mörder als auch der Chirurg verwenden Messer. Wir sollten lernen, mit Messern Gutes zu tun.

Nehmen wir den Datenschutz: Einerseits können Identitäten gestohlen werden, so dass der „Enkeltrick“ in Zukunft durch geklonte Stimme und Bild für jeden zur Falle werden kann. Andererseits kann ein KI-Bot uns helfen, die Datenschutzrichtlinien benutzter Websites zu lesen, analysieren und bessere Entscheidungen in unserem Namen zu treffen. Denn was nützen die ganzen AGBs, die heute jeder akzeptiert, weil es unmöglich ist, sie zu lesen?

Es ist erst eine Generation her, dass einige die Computer-Nutzung verweigerten: „In meine Wohnung kommt kein PC. Ich bin ja kein IT-Nerd.“ Ein paar Jahre später hatten diese Menschen dann doch PC, aber verweigerten das Internet. Dann hatten sie Internet, aber kein Handy und dann Handy, aber kein Social Media. Heute haben sie Social Media, aber wollen keine KI. Wir sollten also lernen, das „Messer“ sinnvoll zu verwenden, anstatt etwas zu verweigern, das ohnehin Bestandteil unseres Lebens werden wird.

Wie Gemeinden profitieren

Ein paar Anwendungsfälle:

1. Jüngerschaft

Wir werden zukünftig durch KI einen persönlichen Coach bekommen, der uns in unseren Zielen unterstützt. Dieser Coach wird günstig, verfügbar, zuverlässig und kompetent sein.

KI: „Hallo Steffen, während Du gerade allein beim Frühstück sitzt, wollte ich Dich zu Deiner Bibellese fragen. Du wolltest in zwei Jahren die Bibel durchlesen und bist aktuell im Zeitplan, wenn Du gestern die Bergpredigt beendet hast.“

Ich: „Ja, das habe ich. Was ist als Nächstes dran?“

KI: „Hoheslied. War bisher nicht Dein Favorit. Soll ich Dir etwas dazu erzählen?“

Ich: „Nein, ich würde lieber noch über die Bergpredigt sprechen. Was sagt mir die Berpredigt?“

KI: „Du hast letzte Woche mehrere Telefonate sehr wütend beendet. Wenn Du Sanftmut lernen willst, könnte ich Dir ein paar Tipps geben.“

2. Video-Session mit Mutter Teresa

Der Leiter einer Kirche in Frankfurt möchte eine Obdachlosenarbeit starten. Er liest dazu die Schriften von Mutter Teresa (1910-1997), die natürlich in völlig anderem Kontext standen. Gern würde er mit ihr über seine konkrete Situation in Frankfurt einmal sprechen.

Eine KI hat Mutter Teresas Publikationen und Predigten aufgenommen. Die KI kennt durch das Internet unsere heutigen gesellschaftlichen Werte, und sie kennt auch die konkrete Obdachlosensituation in Frankfurt. Darüber hinaus lassen sich Stimme und Gesicht von Mutter Teresa klonen.

In einer Videosession kann nun der Kirchenleiter mit Mutter Teresa sprechen und Hilfestellung erhalten, die konkreter und weitergehender ist, als ein Buch es könnte.

3. Generationen-Gemeinde

Viele Gemeinden schrumpfen. Seit Corona hat sich der Trend beschleunigt. Alternative Gemeindeformen sind plötzlich per YouTube erreichbar. Der Generation Z ist manche Gemeinde zu altbacken, und Älteren ist der Weg zu weit.

Eine Lösung kann eine Metaverse-Gemeinde sein, also eine Gemeinde auf einer virtuellen und immersiven Plattform. Sie bietet die Vorteile von sozialer Interaktion, ist zielgruppenindividuell und darüber hinaus ortsunabhängig.

Im Gegensatz zu statischen Video-Konferenzen können hier die unterschiedlichen Formen leicht kombiniert werden wie im realen Gemeindeleben. Man kann gemeinsam einer frontalen Predigt folgen, sie mit Sitznachbarn einzeln oder in Gruppe besprechen oder vor die virtuelle Tür gehen und sich mit zufälligen Personen zu anderen Themen austauschen.

Eine solche Metaverse-Gemeinde ist nicht nur in Europa interessant, sondern bietet insbesondere Chancen für Menschen in Ländern, in denen es keine Religionsfreiheit gibt. Mit verschlüsselten Verbindungen können Menschen von Libyen bis Nordkorea sich außerhalb der überwachten Öffentlichkeit zur gemeinsamen Andacht treffen. Darüber hinaus wird KI Sprachprobleme überwinden und damit Bindeglied zwischen verfolgten und westlichen Christen bieten, so dass eine Gemeinde mit weltweiten Teilnehmern möglich ist. Wir könnten von chinesischen Christen lernen, mit Gegenwind zu leben, und sie wiederum könnten von uns Ermutigung und strukturelle Hilfen bekommen.

4. Weltweite Mission

Die weltweite Mission wird mit KI einen mehrfachen Schub erhalten. Bibelübersetzungen gibt es derzeit nur in 720 von insgesamt 7.400 Sprachen. Eine vollständige Bibelübersetzung in einer noch nicht verschriftlichten Sprache benötigt derzeit 23 Jahre Vollzeitarbeit. Dies lässt sich mit heutiger KI bereits auf 4 Jahre reduzieren und damit jeweils eine halbe Million Euro einsparen. Es ist absehbar, dass neue Large Language Modelle diese Zeiten nochmal deutlich verkürzen werden. Das Ziel, dass jeder Mensch eine Bibel in seiner Muttersprache lesen kann, könnte damit von 2044 auf 2032 vorgezogen werden.

Damit nicht genug: KI-gesteuerte Drohnen können sowohl christliche Informationen als auch Medizin und Hilfsgüter in Regionen bringen, die heute schwer erreichbar sind.

5. Finanzierungen

Viele gute Projekte sind heute schwer finanzierbar. Insbesondere in entfernten Regionen oder schwer vermittelbaren Themen fehlt den Spendern oft der unmittelbare Bezug zum Projekt. Spender präferieren, wenn sie sehen können, was mit ihrem Geld passiert quasi virtuelle Teilhaber sind.

Das hat zur Folge, dass christliche Bauprojekte sehr viel besser finanzierbar sind als Hilfs- und Dienstleistungsprojekte. Diese Affinität zu Bauprojekten ist sonst schwer erklärbar, weil im gesamten Neuen Testament nicht ein einziges Bauprojekt empfohlen wird. Eine Lösung kann durch Blockchain-Technologie entstehen, die auch die Basis für Kryptowährungen wie Bitcoin ist. Ein Missionsprojekt, wie beispielsweise eine Bibelübersetzung, erhält ein digitales Bild. Durch die Blockchain wird dies Bild einzigartig, kopiergeschützt und sogar handelbar. Die Spender können dieses Bild in ihrem Handy-Wallet halten und damit eine ähnlich virtuelle Teilhaberschaft erhalten wie bei Bauprojekten.

Automatisierte Verträge mit KI und Blockchain machen nachvollziehbar, dass die Spende für den Verwendungszweck genutzt worden ist. Das bisher fehlende Vertrauen durch Distanz und Immaterialität kann so hergestellt und neue Spenderkreise akquiriert werden.

Offen wie Martin Luther

Ich wünsche mir, dass wir KI nutzen, wie Martin Luther den Buchdruck nutzte. Bei der Einführung des Buchdrucks bestand das Risiko, dass plötzlich sehr viele Buch-Schreiber arbeitslos wurden und dass Fake-News in ungekannten Dimensionen in Umlauf kamen. Aber die Chance war ebenso gewaltig, und wir nutzen sie tagtäglich.

Ich komme zurück zum Bild der Segeltour: Wir sind weiterhin im Nebel unterwegs, und das wird längere Zeit so bleiben. Wir müssen also lernen, bei schlechter Sicht zu navigieren. Wer jetzt das Ruder loslässt und in der Kajüte warten will, dass sich der Nebel lichtet, wird Schiffbruch erleiden.

Dies ist für alle Führungskräfte und Organisationen eine Herausforderung, aber für Kirchen und christliche Organisationen ist sie besonders groß. Führungskräfte in Wirtschaftsunternehmen haben mehr Erfahrung mit Navigation im Nebel: Marktveränderungen sind so normal, dass manche sagen, das einzig Beständige in ihrem Unternehmen sei der Wandel. ChangeManagement-Prozesse wurden eingeführt, um strukturiert mit diesem „neuen Normal“ umzugehen. Rücken Wirtschaft und Kirche zusammen? Kirchen waren in der Vergangenheit weniger Veränderungen ausgesetzt, und da fehlt jetzt Erfahrung. Es ist wichtig, dass Führungskräfte aus Wirtschaft und Kirche enger zusammenrücken und einander in dieser Transformation gegenseitig unterstützen. Unternehmenslenker brauchen Unterstützung bei ethischen Fragen und sicher auch mentale Hilfe. Kirchenleiter brauchen Hilfe im Ausrichten der Organisation auf die neuen Gegebenheiten und dem Umsetzen von Change-Management.

Wenn Wirtschafts- und Kirchenführer zusammenrücken, bin ich sehr optimistisch, dass wir gemeinsam die Chancen der KI nutzen können.

 

Zum Autor:
Steffen J. Ehl (52) ist für KI- und Software-Hersteller des Silicon Valley wie Cisco und Oracle tätig gewesen und war zuletzt Vice President bei Qt. Er hat mit dem Topmanagement von DAX-Unternehmen globale KI-Lösungen verhandelt. Auf Adler-Blick.de schreibt er, was christliche Organisationen daraus lernen können. Ehl lebt mit seiner Frau bei Düsseldorf. Sie haben vier erwachsene Kinder und sind Mitglieder einer Evangelisch Freikirchlichen Gemeinde.

Ein Topmanager zu den Gefahren der Gier

Ein Topmanager zu den Gefahren der Gier

Er war Topmanager und Christ: Siegfried Buchholz prägte mit seinen Aufsätzen und Vorträgen eine ganze Generation von Christen in Führungspositionen. Am 15. Februar ist er gestorben. Zur Erinnerung an den kantigen Konzernmanager und Redner veröffentlichen wir einen Beitrag von ihm aus dem Jahr 2014, in dem er messerscharf die Versuchung der Geldgier analysiert. Es ist ein prophetischer Text, der mit wenigen Aktualisierungen auch heute so hätte geschrieben werden können.

Für Christen ist die Bibel das wichtigste Buch. Und je älter man wird, desto deutlicher wird die lebensformende und glaubensformende Bedeutung des Wortes Gottes. Und doch passiert es, dass wir uns an die Aussagen der Bibel „gewöhnen“, wenn wir sie immer wieder lesen. In der Regel sind es Krisensituationen, in denen wir die Brisanz des Wortes wieder entdecken, die Aussagen Gottes über unser Leben.

Vielleicht habe ich Joh. 3,16 so oft gelesen, dass ich die gewaltige Aussage dieses Wortes nicht mehr aufnehme: Dass der große Gott, der Schöpfer und Herr dieser Welt ist, mich persönlich kennt und Gutes mit mir vorhat. Dass Er willens war, sogar seinen einzigen Sohn für mich quälen und sterben zu lassen, damit er mich in der Ewigkeit in seiner Nähe haben kann. Ich habe längst aufgegeben, das zu begreifen und kann mich nur hin und wieder der beglückenden Gewissheit hingeben, dass wir uns kennen dürfen – Er, mein Schöpfer, und ich, sein Geschöpf.

„Ihr könnt nicht …“

Es ist ein anderes Wort, das ich auch schon oft gelesen habe und das mich seit einiger Zeit ganz neu gepackt hat: Matth. 6,24: „Niemand kann gleichzeitig zwei Herren dienen. Wer dem einen richtig dienen will, wird sich um die Wünsche des anderen nicht kümmern können. Genauso wenig könnt ihr zur selben Zeit für Gott und das Geld leben.“ Die dem Urtext nahestehende konkordante Übersetzung schreibt kantig: „Ihr könnt nicht Gott sklaven und dem Mammon.“

Ich erinnere mich noch genau daran, als mich dieses Wort mal wieder ganz neu traf. Es war in der ersten Phase der Finanzkrise, ca. 2008, als ein ungebremster Prozess spekulativer Geldvermehrung und bedrohlicher Geldverluste globale Dimensionen annahm. Und es war dieses kantige Wort „Ihr könnt nicht“, das mich packte. Das war kein guter Ratschlag oder eine ernsthafte Ermahnung „Ihr solltet eigentlich nicht“ – das war ein widerspruchsloser Befehl. Was mich an diesem Wort am meisten erschreckt, ist die tödliche Konsequenz dieser Aussage. Hier liegt eine Alternative auf dem Tisch, über die ich nicht einmal nachdenken will. Für Gott ist das Thema „Geld“ kein Nebenkriegsschauplatz. „Ihr könnt nicht!“

Was ist das Vergleichbare bei Gott und Geld? Können beide wirklich den gleichen starken Einfluss auf einen Menschen ausüben? Gibt es wirklich Menschen, für die Geld wichtiger ist als Gott? Und begreifen diese Menschen, dass sie mit dieser Entscheidung ihr eigenes Todesurteil unterschrieben haben? Vielleicht haben sie nicht richtig gelesen, was Jesus hier sagt: „Ihr könnt nicht Gott und dem Geld dienen.“ Dienen werde ich nur einem Stärkeren. Dienen heißt, sich diesem Stärkeren zu unterwerfen.

Gottes Widersacher dienen?

Wem unterwerfe ich mich denn, wenn ich dem Geld „diene“? Die Antwort ist eindeutig: dem Widersacher Gottes. Eine Einladung zur Unterwerfung hatte der Teufel schon Adam und Eva attraktiv gemacht. Selbst Jesus lädt er ein, sich ihm zu unterwerfen in der Wüste. Es ist wichtig, dass wir das ganz und gar verstehen: Geldgier ist eine Bereitschaft, sich dem Widersacher Gottes zu unterwerfen. Wenn Jesus dem Geld Herrschaft zuspricht und für Geld und Gott den gleichen Begriff gebraucht: „Herr“, dann müssen wir das schon ernst nehmen.

Wie konnte es geschehen, dass Geld eine so alles beherrschende Rolle spielen kann? Wie konnte es geschehen, dass mitten im größten finanziellen Abenteuerspielplatz Wall Street plötzlich die größte amerikanische Investmentbank Lehman Brothers Konkurs anmeldete? War da ein Prozess angelaufen, der zu einer globalen Finanzkrise führte? Bei genauem Hinsehen lassen sich da fünf Entwicklungsphasen eines Prozesses erkennen – stark vereinfacht.

Phase 1: Geld ist Entlohnung für Leistung
„Gutes Geld für gute Arbeit“ war die Devise. Aber schon hier gab es deutliche Schönheitsfehler. Karl Marx stellte die richtigen Fragen, leider gab er dazu die falschen Antworten. Schon hier kamen falsche Denkmuster ins Spiel, die dann die nächste Phase starteten.

Phase 2: Geld verselbstständigt sich
Irgendwann fand jemand heraus, dass mit Geld mehr Geld zu verdienen ist als mit Arbeit. Geld arbeitet jetzt nicht mehr produktiv, sondern spekulativ. In der ersten Phase hatten die Banken die Wirtschaft bedient – jetzt begann die Wirtschaft, die Banken zu bedienen. Das neue Ziel war, die Firmenanteilseigner, das heißt die Aktionäre, erfolgreich zu machen (Shareholder Value). Das wurde nur möglich, wenn man alles wirtschaftliche Planen und Handeln auf neuen wirtschaftlichen Denkmustern aufbaut. Einfach formuliert heißt das: Für einen wirtschaftlich denkenden (normalen!) Menschen ist die Maximierung von Gewinn das oberste Ziel in einer mechanisch funktionierenden Welt und Wirtschaft.

Phase 3: Geld wird zur Droge
Süchtige handeln irrational. Finanzielle Ziele werden durch Gier bestimmt. Bonuszahlungen für Banker werden zum Topthema der Boulevard-Zeitungen, „Occupy Wall Street“ wurde geboren, als publik wurde, dass die neun größten US-Banken 2009 175 Milliarden US-Dollar Staatshilfe erhielten und zwanzig Prozent davon (32,6 Milliarden US-Dollar) als Bonuszahlungen an ihre eigenen Mitarbeiter auszahlten – an diejenigen also, die für die Bankverluste verantwortlich waren. Mit „Too big to fail!“ verteidigten die Banken ihr Spielcasino-Geschäft. Bis heute ist es der Politik nicht überzeugend gelungen, hier eine Art von Controlling-Funktion auszuüben. Jeder weiß, dass die Banken manipulieren: Preise, Zinssätze, Benchmarks – und Politiker. Leider sind die Strafen dafür viel zu niedrig.

Bevor wir allerdings auf gierige Banker schimpfen, müssen wir uns selbst fragen, wie wir reagieren würden, wenn wir als Fondsmanager arbeiten würden: mit der realistischen Chance, pro Jahr deutlich mehr als eine Millionen Euro zu bekommen. Neid ist sozial ansteckend und haftet an der Seele.

Phase 4: Geld wird zum Mittel der Machtbeschaffung und lässt Krisen entstehen
Die Finanzkrise begann mit einer politisch gewollten Kreditausweitung für amerikanische Hauskäufer. Von einem sozialistischen Präsidenten angeregt und von der Wirtschaft als Anregung zum Konsum begrüßt. Der dadurch 2005 entstandene Crash stoppte jedoch das Spekulationsgeschäft nicht, sondern setzte es erst richtig in Gang. Risiken wurden verschleiert, und die Staatsverschuldung nahm zu: Ein gefährlicher Prozess hatte begonnen. Die für die Finanzkrise verantwortlichen Banker und Politiker wurden nicht aufgefordert, für ihr falsches Handeln die Verantwortung zu übernehmen. Der Begriff „Ethik“ verschwand und damit auch die Hoffnung, dass wir eine Zukunft ohne Finanzkrise erwarten können. Mehr und mehr wird der falsche Umgang mit Geld zu einem globalen Problem. Während auf der einen Seite das globale Privatvermögen im Vorjahr (2013) um 15 Prozent auf 152 Billiarden US-Dollar anstieg, stellen auf der anderen Seite die immer größer werdenden Arm/Reich-Kontraste mittlerweile die größte weltweite Gefahr dar. Beim Weltwirtschaftsforum in Davos wurde der globale Aufstand gegen Reiche als das größte Risiko der nächsten zehn Jahre beschrieben. An zweiter Stelle der größten Gefahren wurde „ein schwerwiegender Ausfall des Finanzsystems“ genannt.

Phase 5: Die bargeldlose Gesellschaft (Cashless Society)
Sie ist seit einigen Jahren das Endziel der Finanzwirtschaft. Das Verschwinden von Bargeld und der dann nur noch mögliche digitale Geldverkehr werden Menschen und ihr Miteinander-Umgehen 100 Prozent kontrollierbar machen und zum totalen Verlust unserer Freiheit führen. Alle dazu notwendige Technik existiert bereits. Alle bisherigen Geldprobleme waren nur Gefechte, aber mit der Cashless Society beginnt der Krieg. Hier beginnt die wahre Bedeutung von „Ihr könnt nicht!“.

Die Bibel und das Geld

Im Buch Prediger 5,9 wird uns gesagt, welche Macht Geld auf uns ausübt: „Wer geldgierig ist, bekommt nie genug!“ Der Evangelist Lukas macht uns klar, mit dem Geld anderer sorgfältig umzugehen (16,12): „Verwaltet ihr das Geld anderer Leute nachlässig, wer wird euch dann das schenken, was euch gehören soll?“ Eine Betriebsanleitung für Investmentbanker.

Und im 1. Timotheusbrief 6,9-10 werden wir daran erinnert, dass Menschen, deren höchste Priorität Geld ist, schlussendlich das falsche Ziel gewählt haben: „Wie oft erliegen Menschen, die um jeden Preis reich werden wollen, den Versuchungen des Teufels; wie oft verfangen sie sich in seinen Netzen! Denn alles Böse wächst aus der Habgier.“

Dann kommt die grundsätzliche Erklärung für das „Ihr könnt nicht“: Das erste Gebot: „Ihr könnt nicht“ – neben mir noch andere Götter haben. Während er Mose diese Botschaft auf dem Berg gab, tanzte unten im Tal das Volk um ein goldenes Kalb.

Viel später machte dann Paulus seinen Freunden in Rom klar, was mit den Menschen passiert, die das „Ihr könnt nicht“ zur Seite schieben und so leben, als gäbe es Gott nicht. Römer 1,28 ist die klarste Beschreibung unserer derzeitigen Situation: „Weil Menschen es für unnötig hielten, nach Gott zu fragen und ihn ernst zu nehmen, hat Gott sie ihrem untauglich gewordenen Verstand überlassen.“

Wer das göttliche „Ihr könnt nicht!“ beiseiteschiebt und Geld an die erste Stelle setzt, lebt und arbeitet dann automatisch mit einem „untauglich gewordenen Verstand“. Ich darf zum Schluss zwei Beispiele für Römer 1,28 geben: Wie alle anderen großen europäischen und amerikanischen Geldinstitute hat auch die größte deutsche Bank alle Möglichkeiten ausgenützt, sich selbst zu bereichern – auf Kosten ihrer Kunden. Sie ist derzeit in rund 6.000 Rechtsstreitigkeiten verwickelt. Dafür wurden 5,4 Milliarden Euro zurückgestellt. Ein hoher Preis für das Spiel mit der Gier.

Börse, Börse über alles?

Vor kurzem steuerte das amerikanische TIME-Magazin ein nachdenklich stimmendes Beispiel bei und zitierte aus einem Artikel der weltbekannten Harvard Business Review: „Der Einfluss der Finanzwirtschaft auf das Management der Wirtschaft ist so stark, dass eine kürzlich durchgeführte Umfrage unter Finanzchefs (CFOs) großer Firmen ein erschreckendes Bild ergab: 78 Prozent von ihnen wären bereit, die Interessen der Wall Street über die Interessen ihrer eigenen Firma zu setzen.“ Mit anderen Worten: Sie sind bereit, ihrer eigenen Firma zu schaden, um an der Börse schnelle Gewinne zu schaffen. Das ist „untauglich gewordener Verstand“

Ich bin immer wieder fasziniert, wenn ich sehe und verstehe, wie uns Gott seine Botschaften gibt. Das erste „Ihr könnt nicht“, gerichtet an Adam und Eva im Garten Eden, ist klar und kompromisslos: Ihr könnt nicht beides haben, die Früchte und das Paradies. Hat der Herr da schon gleich am Anfang seiner Schöpfung einen Schutzmechanismus eingebaut? Er will nicht, dass seine Geschöpfe sich selbst demolieren und den wunderbaren Garten verlassen müssen. Er bietet ihnen eine geistliche „Lebensversicherung“ an und warnt sie, nicht mit tödlichen Sachen herumzuspielen. Seine Warnung ist eine Art von Liebeserklärung.

Der Beitrag erschien 2014 im Magazin der Karmelmission. Er wurde für diese Ausgabe gekürzt.

Zum Autor:
Siegfried Buchholz, Jahrgang 1930, war promovierter Chemiker und arbeitete 33 Jahre lang für den BASF-Konzern und hatte zuletzt ein eigenes Beratungsunternehmen. Als Mitglied der Internationalen Vereinigung Christlicher Geschäftsleute (IVCG) verkündigte er weltweit die christliche Botschaft. Auch im Ruhestand war er ein gefragter Redner bei Veranstaltungen in Wirtschaft und Gesellschaft. Aus der Ehe mit seiner zwei Jahre zuvor gestorbenen Frau Christiane gingen drei Söhne hervor. Buchholz starb am 15. Februar in Baden bei Wien.

faktor c hat in den letzten Monaten in enger Abstimmung mit Dr. Buchholz diverse Aufzeichnungen in Bezug auf seine christliche Vortragstätigkeit digitalisiert und bietet auf Nachfrage (info@faktor-c.org) einen Einblick zu Recherchezwecken an

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wie kreative Prozesse besser funktionieren

Wie kreative Prozesse besser funktionieren

Führungskräfte stehen vor vielen Problemen – und sie brauchen kreative Lösungen. Die Agentur „Gute Botschafter“ zählt zu den kreativsten ihrer Branche. Zum 30-jährigen Bestehen haben die beiden Gründer, Michael Buttgereit und Wolfram Heidenreich, ein Buch über ihre Erfahrungen zusammengestellt. Im nachfolgenden Auszug zeigt Michael Buttgereit, worauf es bei der Ideenfindung ankommt.

Menschen, die auf ein Gegenüber mit besonders ausgewiesenen kreativen Berufen treffen, stellen immer mal wieder die Frage: „Wie sind Sie denn auf diese Idee gekommen?“ Interessant an dieser Formulierung scheint die Vorstellung zu sein, man würde Ideen fangen wie Mäuse, die man am Weiterlaufen hindert, indem man ihnen zart auf den Schwanz tritt. Vielleicht herrscht auch die Vorstellung vor, man müsste eine Idee erobern wie den Gipfel bei einer Bergbesteigung und könnte, wenn man ihn erreicht hat, auf all die Einfallslosigkeit hinabblicken, die die unkreative Menschen gemeinhin zu umgeben scheint. Menschen, die unisono dem Gipfelstürmer nach oben blickend zurufen: „Wie sind Sie denn auf die Idee gekommen?“

Jeder ist kreativ

Erstens glaube ich nicht, dass es unkreative Menschen überhaupt gibt. Und zweitens wären wir nach über drei Jahrzehnten kreativen Schaffens längst erschöpft, wenn wir auf Ideen kommen müssten. Ideen zu haben, ist das Leichteste der Welt, vorausgesetzt, man bringt sich in die richtige Verfassung und steht ihnen nicht selbst im Wege. Es gibt ja Zeitgenossen, die glauben, dass ein oder zwei Gläser Wein einen wertvollen Beitrag zur Ideenfindung leisten würden. Dies ist jedoch ein weitverbreiteter Irrtum, weil einem der benebelte Verstand und die enthemmte Gesamtlage ein Trugbild vorgaukelt.

Offen gestanden, habe ich es selbst auch ausprobiert und festgestellt: Man scheint der Idee und Lösung einer gestellten Aufgabe mit jedem Glas näherzukommen, obwohl man sich faktisch immer mehr davon entfernt. Am nächsten Tag erinnert man sich durch den gefühlten Kopfschmerz hindurch, dass die Aufzeichnungen des Vorabends zwar manchen Schenkelklopfer erzeugt haben, aber selten ein brauchbares Ergebnis. Nüchtern betrachtet, bedarf es weniger Ideengaudi als der richtigen Mischung von Haltung zur Aufgabe.

Wenn Sie mögen, führe ich Sie hier kurz in unser Erfolgsgeheimnis zur Ideenfindung ein. Folgende Fallstricke sind auf jeden Fall zu umgehen:

Eine vermeintlich gute Idee ist schnell da.

Das ist der klassische Umkehreffekt. Eine spontane Idee wird einem sofort so lieb, dass man sie auf die Aufgabe unbedingt anwenden will. Das eigene Ego unterstützt diese Sicht auf die Dinge, denn wer möchte nicht bereits nach einer Minute als Genie vom Platz gehen. Bei tieferer Einsicht bleibt dann oftmals der Satz zurück: „Ist hier vielleicht nicht passend, wäre aber sensationell für Folgendes …“— nur leider liegt diese Aufgabe gerade nicht vor uns.

Die ersten Ideen haben alte Zöpfe.

Vielleicht kennen Sie die Situation, dass ihnen jemand für eine herausfordernde Aufgabe Lösungen vorschlägt, die sozusagen einfach „von der Stange“ sind. Schon tausendmal gehört oder gesehen und wenig originell. Es ist verständlich, dass man zunächst im bisherigen Erfahrungsschatz nach Lösungen sucht. Für die Anwärmphase ganz normal, aber der Profi weiß: Wir haben mit der Ideenentwicklung noch gar nicht begonnen. Wir räumen sozusagen die Gehirnwerkstatt erst noch auf und befreien alles von bisherigen Versatzstücken, Altpapier und reichlich Gedankenmüll.

Die Aufgabe in der Tiefe verstehen.

Es ist immer gut, sich zunächst intensiv mit der gestellten Herausforderung zu befassen. Die richtig gute Idee und Lösung kommt zumeist aus einem tieferen Verstehen der eigentlichen Aufgabe. Erkunden Sie das Problem hinter dem Problem oder die eigentliche Aufgabe hinter der formulierten Fragestellung. Denn das Problem zu erkunden, kann selbst ein Schatz voller Ideen sein, der sich dadurch vor Ihnen auftut.

Nutzen Sie Kreativtechniken als Spielbälle.

Der Profi weiß sich zu helfen mit anerkannten und wertvollen Kreativtechniken, damit der Geist gestreckt wird. Eine Art Aufwärmphase vor dem 100-Meter-Sprint. Die verschiedenen Techniken werden hier nicht weiter erörtert, dafür gibt es andere Bücher und einschlägige Blogs, die Auskunft geben können. Noch immer sind wir damit aber nicht im eigentlichen Prozess der Ideenfindung angekommen, sondern noch immer in der Vorbereitung.

Erfahrung ist gut, kann jedoch auch behindern.

Wenn man wie wir über viele Jahrzehnte sein Geld mit Ideenentwicklung verdient, dann findet man seine eigene Form, sich in eine gute kreative Verfassung zu bringen, damit auch in einer gewissen Zeit ein echt gutes Ergebnis vorliegt. Selbstverständlich hat jeder Kreative einen individuellen Ansatz, die Herausforderung, in einem bestimmten Zeitrahmen Ideen zu liefern, zu meistern und Erfahrung, wie solche Aufgaben gelöst werden können, welche Herangehensweise sinnvoll ist, was sich bewährt hat. Aber sich ausschließlich darauf zu verlassen, bringt nicht immer Neues in die Welt.

Kommen Sie irgendwie in Bewegung.

Ich kann mich nicht erinnern, dass mir eine überzeugende Lösung hinter meinem Schreibtisch sitzend eingefallen wäre. Der Schreibtisch ist per se kein guter Ort für die Entwicklung von Ideen, da er in der Regel nicht leer ist und viele andere Dokumente und Vorgänge einen ablenken. Am allerbesten ist es naturgemäß, in Bewegung zu kommen. Bewegung bringt immer etwas in Fluss — auch das Denken. Es muss für mich gar nicht die eigene Bewegung sein. Ich liebe es, mit dem Zug zu fahren, wenn die Landschaft an mir vorbeizieht. Diese sich permanent verändernde Situation regt meine inneren Quellen an. Und das „Noch-nicht-angekommen-sein“ lotst mein Denken in neue Richtungen.

Lassen Sie doch einfach mal los.

Es ist wenig erstaunlich, dass man sich in kreativen Prozessen festfährt. Dass man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht. Irgendwann verliert man den Abstand zu der Aufgabe und sich selbst. Durch Verbissenheit entsteht eine Art kreatives Vakuum, das nichts anderes benötigt als Entspannung. Loslassen ist angesagt. Und das meine ich durchaus wörtlich. Legen Sie alles aus der Hand. Gewinnen Sie Abstand vom Denken.

Sicher wird Ihnen die Erfahrung nicht fremd sein, dass Sie unter der Dusche Lösungen für irgendwelche Alltagsprobleme gefunden und später aus dem Bad getragen haben, neue Ansätze, die Sie selbst überrascht haben.

Den Erwartungshorizont erweitern.

Über die eigene Idee zu staunen, ist ein gutes Zeichen, dass etwas Besonderes gelungen ist. Das Wort „Gelingen“ drückt in der deutschen Sprache etwas aus, das es meines Wissens in keiner anderen Sprache gibt. Im Englischen würden wir sagen: „Well done.“ Es sagt jedoch etwas anderes aus. Das eigene Machen und Tun steht stark im Vordergrund. Gelingen steht im Gegensatz zu Misslingen; in der tieferen Erkenntnis, dass wir alles getan haben, damit die Dinge werden, ohne noch selbst Einfluss darauf zu haben. Gelingen impliziert das Dazutun eines heiligen Umstandes, den wir nicht mehr in der Hand haben.

Erweitern Sie also den Horizont auf das zu Gelingende. Und so erleben wir das mit der Ideenfindung. Das Wort „Ideenfindung“ deutet bereits an, dass sie schon da ist, also nicht erst geschaffen werden muss. Ich gehe davon aus, dass alles Gedachte und jemals zu Denkende bereits da ist. Jede Kombination bereits als Möglichkeit existiert. Wir können uns deshalb nie ganz als Macher, sondern immer zu einem gewissen Anteil auch als Beschenkte verstehen. Und selbst der Erfinder ist letztlich vom Wort her Ermöglicher und Finder in einem.

Erwarten Sie also nicht zu viel von sich selbst. Eine Haltung der Demut und Dankbarkeit steht dem Kreativen gut zu Gesicht. Und damit vervollkommnet sich das Bild des Kreativen um eine ganz wichtige Dimension: Eine wirklich geniale Idee folgt zu großen Teilen der Eingebung, die durch den Menschen in die Wirklichkeit gerät. Wir nehmen also das Gegebene und wenden es klug an. Und sollten Sie mich fragen, wie ich denn auf diese Idee gekommen sei, wundern Sie sich nicht wenn ich antworte: „Sie ist mir eingefallen.“

Aus dem Buch:
Lasst uns aufhören zu glänzen und anfangen zu leuchten: Über den Mut, echt zu sein, und wie Vertrauen entsteht!
192 Seiten, 22 Euro. bene! (München) 2024.

Autoren:
Michael Buttgereit, Jahrgang 1961, ist Diplom Kommunikationsdesigner, Speaker sowie Mitgründer der Agentur „Gute Botschafter“. Er gehört dem Vorstand des Vereins „DAS RAD“ (Christen in künstlerischen Berufen) an. Der verheiratete Vater von zwei erwachsenen Töchtern lebt in Haltern am See.

Wolfram Heidenreich, geboren 1958. Studium Kommunikationsdesign an der Universität Wuppertal. 1982 Abschluss als Diplom-Designer. 1984 – 88 im Medienbereich einer internationalen christlichen Organisation. 1988 Gründung des „Büros für Kommunikationsdesign“ in Mainz. 1992 Fusion und Gründung der Agentur ‚Buttgereit und Heidenreich‘ in Haltern am See. Seit 2011 ‚Gute Botschafter GmbH‘ mit Standort Haltern am See und Köln am Rhein. 2022 Verkauf des Unternehmens und tätig als Kommunikationsberater und -Designer.

 

Das sagen Repräsentanten christlicher Unternehmerverbände

Das sagen Repräsentanten christlicher Unternehmerverbände

Unternehmer und Topmanager positionieren sich öffentlich für eine tolerante Gesellschaft, einige auch gegen die AfD. Viele Statements finden sich im sozialen Netzwerk LinkedIn. Sollten sich Unternehmensvertreter in der aktuellen Diskussion über Rechtsextremismus und Populismus öffentlich politisch äußern? Und für welche Positionen sollten sie eintreten? Das sagen Repräsentanten christlicher Unternehmerverbände.

Friedhelm Wachs ist Verhandlungsexperte und Vorsitzender des Arbeitskreises Evangelischer Unternehmer in Deutschland (AEU). „Aus der Geschichte lernen wir – so schmerzhaft das ist: Es polarisiert, sich als Unternehmen politisch zu positionieren“, sagt Wachs. „In der Zeit um 1933 haben sich Unternehmen politisch positioniert, erst heimlich und dann immer öffentlicher. Das hat auch nach innen gespalten. Heute würde es dazu führen, dass auch AfD-nahe Unternehmen und Unternehmer sehr sichtbar würden, spätestens wenn es eine Regierungsbeteiligung der AfD gäbe. Im Osten unseres Landes gibt es unter nicht wenigen mittelständischen Unternehmern und Handwerkern durchaus eine große Affinität in diese Richtung.“

Haltung ins Unternehmen bringen

Sinnvoll sei es dagegen, wenn Unternehmen auf ihre wirtschaftlichen Interessen verwiesen, so der AEU-Vorsitzende. „Als Exportnation wollen wir exportieren, was eine Offenheit für andere Kulturen voraussetzt. Und diese Offenheit brauchen wir auch mit Blick auf die Integration ausländischer Fachkräfte. Offenheit bedeutet, Menschen willkommen zu heißen.“

Wachs plädiert dafür, dass Unternehmer und Führungskräfte ihre Haltung und ihr Menschenbild mit ins Unternehmen einbringen. „Über die letzten 30 Jahre haben wir eine Unternehmenskultur geprägt, in der die eigene Haltung im Unternehmen eher bedeckt gehalten wurde. Wenn wir ein offenes, ein menschliches Menschenbild haben, sollten wir das auch zeigen.“

Viele christliche Manager in Konzernen hätten das aus Rücksicht auf Mitarbeitende aus anderen Religionen und mit Verweis auf Compliance-Regeln lange nicht getan. Wachs weiter: „Wenn wir den Menschen in den Mittelpunkt stellen, dann wird aber klar, dass muslimische, hinduistische oder buddhistische Kollegen dasselbe Menschsein für sich beanspruchen können, wie christliche Mitarbeitende. Das gilt es offensiv zu zeigen.“

EU der wichtigste Friedensgarant

Der Fachanwalt Martin Nebeling ist Vorsitzender des Bundes Katholischer Unternehmer (BKU) – und positioniert sich selbst europapolitisch. „Die Idee der EU ist aktuell wie eh und je. Sie ist seit dem Zweiten Weltkrieg der wichtigste Friedensgarant. Deshalb ist es so wichtig, dass bei der kommenden Europawahl demokratische Kräfte die Oberhand behalten werden“, sagt Nebeling. An der Umsetzung hapere es manchmal. „Wenn in Brüssel bürokratische Gesetze verabschiedet werden, haben nationale Politiker dem zugestimmt. Statt ein pauschales EU-Bashing zu betreiben, sollten wir unsere deutschen Vertreter im EU-Parlament fragen, wie sie abgestimmt haben.“

Zur Migrationsdiskussion bezieht der BKUVorsitzende ebenso Stellung: „Das Grundrecht auf Asyl gehört auch nach christlichem Verständnis zu den grundlegenden Werten einer Gesellschaft. Aus gutem Grund haben wir deshalb ein umfassendes Asylrecht.“ Leider sei immer wieder von einem Missbrauch des Asylrechtes zu hören, was möglicherweise zu einem Erstarken der AfD beigetragen habe. Nebeling weiter: „Wo es einen solchen Missbrauch gibt, muss der Staat mit aller Konsequenz vorgehen.“ Trotz des Fachkrätemangels dauere es zu lange, bis die Gef lüchteten, die arbeiten wollen, auch arbeiten könnten. „Erwerbstätig zu sein und sich um seinen eigenen Unterhalt zu kümmern, ist auch eine Frage der Menschenwürde; da müssen wir etwas ändern“, so Nebeling.

Ewige Werte leben

Theologisch argumentiert Michael vom Ende, Geschäftsführer von faktor c, einer Initiative von Christen in der Wirtschaft: Aus christlicher Perspektive gelte es, die Welt Gottes und die Welt der Menschen unterschiedlich zu betrachten und in beiden zu leben. „In Gottes Welt geht es um ewige Werte und Jenseitigkeit, in der Welt der Menschen um Zeitliches und Diesseitigkeit.“ Schon Jesus Christus habe seine Zuhörer mit Blick auf Steuerfragen mit dem Satz “Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!” auf diese Unterschiedlichkeit hingewiesen.

Vom Ende weiter: „In der Praxis mischen sich Christinnen und Christen als Unternehmerinnen und Unternehmer mit ihren Überzeugungen aus der Welt Gottes ein in die Welt der Menschen. Sie leben die ewigen Werte und bringen sie zu Gehör.“ Das gelte etwa für Fragen der Generationen-, Steuer- und Lohngerechtigkeit, der Migration und des Schutzes der Schwächsten, der Wahrheit und der Transparenz sowie der Freiheit, so vom Ende. „Für all das müssen sie die Überzeugungen aus der Welt Gottes kennen, verinnerlichen und in der Welt der Menschen anwenden lernen.“

 

Dieser Text (ohne Bilder) von Achim Halfmann / CSR NEWS ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz.

 

Warum eine Firma dennoch Gemeinwohl-Ökonomie betreibt

Warum eine Firma dennoch Gemeinwohl-Ökonomie betreibt

Menschenwürde und soziales Engagement kann man messen. Das jedenfalls verspricht die Gemeinwohl-Ökonomie, zu der sich weltweit eine wachsende Zahl von Organisationen verpflichtet. Der Spezialgerüstbauer Walter Stuber hat das Projekt in Angriff genommen. Das Handbuch dazu musste er erstmal für Handwerker übersetzen lassen.

Von Marcus Mockler

Wer Gemeinwohl-Ökonomie hört, denkt gewöhnlich zuerst an Umweltschutz, Nachhaltigkeit und soziales Engagement. Bei Walter Stuber war das anders. Der 63-jährige Geschäftsführer einer Firma für Spezialgerüstbau im mittelsächsischen Roßwein merkte auf, als er las, dass die Sparda-Bank in München durch ihre Gemeinwohlorientierung als Arbeitgeber sehr viel interessanter geworden sei – mit Hunderten Bewerbungen junger Leute. Angesichts des Fachkräftemangels gerade im Baugewerbe wirkte das auf Stuber wie ein Schlüssel für eine bessere Positionierung seines Unternehmens.

Nicht, dass ihm die inhaltlichen Schwerpunkte der Gemeinwohl-Ökonomie unbedeutend erschienen. „Enkeltaugliches Wirtschaften ist mir wichtig“, sagt der evangelische Christ aus Württemberg, den es nach Sachsen verschlagen hat. Doch dazu gehört für ihn auch, mit einem herausragenden Team zusammenzuarbeiten, um gute Wirtschaftsziele überhaupt erreichen zu können. Und diese Verheißung erkannte er im Umsetzen der Kriterien, die für die Gemeinwohl-Ökonomie gelten.

Maximal 1.000 Punkte

Die Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ) ist eine vergleichsweise junge Idee. Als Startschuss wird die Veröffentlichung des gleichnamigen Buchs von Christian Felber im Jahr 2010 angesehen, einem österreichischen Attac-Aktivisten. Im Mittelpunkt stehen Kriterien für Unternehmen, Kommunen und Institutionen, durch ihr wirtschaftliches Handeln das Gemeinwohl zu fördern. Das geschieht durch ökologisches Arbeiten, einen solidarischen Umgang mit Mitarbeitern und Geschäftspartnern und Teilhabe des Teams an Entscheidungen.

Solche Ideen sind an sich nicht neu. Innovativ ist es, abstrakte Begriffe wie Menschenwürde und Gerechtigkeit mit knallharten Zahlen zu unterlegen. Genau das leisten Organisationen, die sich zur GWÖ verpflichten. Sie erstellen eine Gemeinwohlbilanz, die verschiedenste Seiten des Handelns durchleuchtet und nach einem Punktesystem bewertet. Maximal 1.000 Punkte sind möglich.

Wählerisch werden

Walter Stuber besorgte sich zunächst das GWÖ-Handbuch, kam aber schnell an seine Grenzen. Zu kompliziert, eher für Studierte und nichts für Handwerker, so sein Eindruck. Deshalb setzte er sich mit einem Team Externer zusammen, die das anspruchsvolle Regelwerk in einfache Sprache übertrugen. Und dann ging‘s los mit einer schonungslosen Selbstanalyse.

Was sofort auffiel: Der Umgang mit Geld verlangte Nachbesserungen. Zum einen hatte man zu hohe Schulden im Verhältnis zum Gewinn. Zum anderen kümmerten sich die Banken, mit denen die Firma zusammenarbeitete, viel zu wenig um das Thema Nachhaltigkeit. „Wir waren damals noch nicht so wählerisch“, räumt Stuber ein.

Bessere Verträge fürs Team

Aber auch die Fluktuation unter den Mitarbeitern und die Krankenstände lagen zu hoch. Hier konnte die Geschäftsführung schnell aufholen. Zum einen gab es mehrere Umfragen im Team, um möglicher Unzufriedenheit auf den Grund zu kommen. Zum anderen wurden die Verträge arbeitnehmerfreundlicher gestaltet. Auch bei der Bezahlung legte die Firma gleich nach. Die Fahrzeit zur Baustelle wurde nun vollständig als Arbeitszeit gewertet und entlohnt – vorher waren es nur 50 Prozent gewesen.

Stuber und sein Kompagnon Dirk Eckart fühlen sich in ihrer Region noch als einsame Streiter. „Für unsere Kollegen im Baugewerbe sind wir Spinner“, sagt der 63-Jährige. Er selbst sieht sich eher als Pionier. Weltweit kann er auf eine wachsende Zahl von Gleichgesinnten zählen. Inzwischen unterziehen sich nach Angaben des 2018 gegründeten Internationalen Bündnisses für Gemeinwohl-Ökonomie mit Sitz in Hamburg knapp 1.100 Unternehmen einer Gemeinwohl-Bilanz. Es gibt über 170 Regionalgruppen und 44 Städte und Kommunen, die mitmachen.

Frustrierender Punktestand

Bei ihrer ersten Bilanz erreichte Stubers Firma Gemeinhardt Service GmbH insgesamt 377 von 1.000 Punkten. Zwei Jahre später waren es dann 375. „Wir waren richtig frustriert“, kommentiert der Geschäftsführer im Rückblick den Verlust von zwei Punkten. Er ließ sich dann aber von einem Experten sagen, dass das kleine Unternehmen mit 37 Mitarbeitern – davon 10 Auszubildende – schon extrem gut aufgestellt sei.

Die Geschäftsleitung tüftelt unermüdlich daran, die GWÖ zu verbessern. Derzeit stehen innovative Arbeitszeitmodelle im Mittelpunkt. Stuber hat erst im vergangenen Jahr zwei hervorragende Gesellen verloren, denen der Einsatz auf Montage zu zeitaufwändig war. Auch wünschten sich nach der Corona-Pandemie mehr Mitarbeiter, von zu Hause aus zu arbeiten. Die Firma versucht, den Bedürfnissen entgegenzukommen. „Geld ist nicht mehr alles“, weiß Stuber. Die Arbeitsbedingungen müssen ebenfalls stimmen. Deshalb wird das Team nun auch täglich mit Essen auf wiederverwendbarem Geschirr versorgt.

Messbarkeit lohnt sich

Für die Umwelt setzt das Unternehmen Obstbäume. Außerdem gibt es einen Vertrag mit drei Schulklassen, mit denen vier Mal im Jahr in Sachen Nachhaltigkeit etwas unternommen wird. Das Gute an der zahlenorientierten GWÖ ist: Es lässt sich schnell erkennen, was funktioniert und was nicht. So hatte die Firma 10.000 Euro in die Hand genommen, um den Auftritt bei Instagram durch attraktive Fotos aufzuwerten. Mehr Follower brachte das nicht und auch nicht mehr Bewerbungen, weshalb das Social-Media-Konzept nun grundlegend überarbeitet wird.

Seinen jährlichen Motivationsbooster in Sachen GWÖ holt sich Stuber auf der Konferenz „Sinn macht Gewinn“. Dort sprechen Experten zu den großen und alltäglichen Herausforderungen, nachhaltig und sozial zu wirtschaften. Und dort vernetzen sich Gleichgesinnte.

Stuber, der auch Mitglied bei „faktor c“ ist, vermisst bei dem Thema ein wenig Kirchen und Christen. Obwohl er in den meisten GWÖ-Zielen biblische Werte wiedererkennt, sieht er kaum christliche Organisationen, die das Thema vorantreiben. Seiner Ansicht nach sollte sich jeder Unternehmer, der an Jesus Christus glaubt, der GWÖ verschreiben.

„Samenkörner streuen“

Kritik von Unternehmerverbänden an der GWÖ hält Stuber für überzogen. Das Etikett „bürokratisch und ineffektiv“ passt seiner Ansicht nach nicht. Wenn man die Kriterien verstanden habe, sei es in einer gut geführten Firma einfach, weil die erforderlichen Zahlen in der Regel bereits vorlägen.

Auch das Argument, GWÖ könne nur international funktionieren und bringe im Alleingang nichts, lässt der Geschäftsführer nicht gelten. „Man muss Samenkörner streuen“, sagt er. Dieser Samen gehe dann langsam auf. Doch müsse einer anfangen, sonst verändere sich nichts.

www.spezialgeruestbau.de
www.ecogood.org
www.sinnmachtgewinn.de

 

GWÖ – ein alternatives Wirtschaftsmodell?

■ Die Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ) ist ein alternatives Wirtschaftsmodell. Im Fokus unternehmerischen Handelns steht nicht Gewinnmaximierung, sondern es geht um ethische Faktoren wie Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und Solidarität. Als Lenkungsinstrument könnten laut GWÖ Unternehmen mit Gemeinwohl-Bilanz Steuererleichterungen bekommen oder bei der Vergabe öffentlicher Aufträge bevorzugt werden.

■ Die Grundidee findet sich schon im deutschen Grundgesetz, Artikel 14: „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohl der Allgemeinheit dienen.“

■ Für die Gemeinwohl-Bilanz werden 20 Bereiche untersucht und in eine Matrix übertragen. Kriterien sind Menschenwürde, soziale Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit und demokratische Mitbestimmung bei Lieferwegen, in der eigenen Belegschaft, gegenüber Kunden sowie mit Blick auf Finanzgebaren und das gesellschaftliche Umfeld.

■ Maximal lassen sich in der Gemeinwohl-Bilanz 1.000 Punkte erreichen. Es gibt aber auch Minuspunkte, etwa für Preisdumping, menschenunwürdige Zustände bei Zulieferern oder die Verhinderung eines Betriebsrats.

■ Von einigen Wirtschaftswissenschaftlern wird die GWÖ kritisch gesehen. Verschiedentlich werden dem Modell Bevormundung, mangelnder Wettbewerb und fehlende unternehmerische Anreize durch Begrenzung von Privatvermögen und Verdienst vorgeworfen. Professorin Ulrike Reisach von der Hochschule Neu-Ulm zweifelt an, dass die GWÖ sich für Staaten eignet, „die großen Nachholbedarf bei der Deckung der Grundbedürfnisse haben“.

■ Unterstützung findet die Idee in den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen, beim Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss und beim „Club of Rome“.