Zeitenwandel – Wie neue Generationen die Unternehmensseelsorge neu gestalten

Zeitenwandel – Wie neue Generationen die Unternehmensseelsorge neu gestalten

Wie geben wir Weisheit, Glauben und Werte an die nächste Generation weiter – in einer Welt, in der Autorität nicht mehr automatisch als vertrauenswürdig gilt?

 

In ganz Europa erleben wir mehr als nur eine Phase des Wandels. Wir erleben einen tiefgreifenden Wandel in Kultur, Generationen, Technologie und der Art und Weise, wie Menschen miteinander umgehen, lernen, führen und Gemeinschaften aufbauen.

Eine neue Generation rückt in einflussreiche und verantwortungsvolle Positionen vor. Noch nie zuvor wurden gleichzeitig so viel Reichtum, Macht und Chancen von einer Generation an die nächste weitergegeben. Gestützt durch Technologie, soziale Medien, künstliche Intelligenz und globale Vernetzung prägen jüngere Generationen die Gesellschaft auf eine Weise, die sich frühere Generationen kaum vorstellen konnten.

Doch mit diesem Transfer von Reichtum und Einfluss geht eine wichtige Frage einher: Werden auch Weisheit und Glaube weitergegeben?

Viele jüngere Führungskräfte lehnen Glauben, Sinnhaftigkeit oder Gemeinschaft nicht ab. Vielmehr suchen sie danach auf andere Weise. Sie neigen weniger dazu, Institutionen zu vertrauen, und eher dazu, authentischen Beziehungen zu vertrauen. Sie schätzen Transparenz mehr als Position, Gemeinschaft mehr als Mitgliedschaft, Teilhabe mehr als passiven Konsum und Sinnhaftigkeit mehr als Programme. Sie fragen nicht in erster Linie nach Rückmeldung zur Vergangenheit, sondern nach einer überzeugenden Vision für die Zukunft. Sie wollen mitgestalten, was als Nächstes kommt.

Diese Veränderungen prägen nicht nur Wirtschaft und Gesellschaft, sondern gestalten auch neu, wie Menschen mit Glauben, Führung und Dienst umgehen. Traditionelle Modelle, die früheren Generationen gute Dienste geleistet haben, werden zunehmend durch beziehungsorientiertere, partizipativere und zweckorientierte Ansätze ergänzt oder ersetzt.

Bei Europartners und in Gesprächen mit Bewegungen wie Faktor-C beobachten wir zunehmend mehrere wichtige Veränderungen. In diesem Artikel möchte ich auf drei für uns in der Unternehmensseelsorge wichtige Aspekte eingehen:

  1. Von Kleingruppen zu Gemeinschaften
  2. Von Zielen zur Kultur
  3. Von dienender Führung zu weiser Ältestenleitung

Dies sind nicht bloß strategische Anpassungen. Sie spiegeln tiefgreifendere Veränderungen darin wider, wie Menschen miteinander in Verbindung treten, wachsen, lernen und einen Beitrag leisten. Das Verständnis dieser Trends ist unerlässlich, wenn wir das Evangelium in der Wirtschaft wirksam leben und weitergeben sowie Gemeinschaften aufbauen wollen, die auch für künftige Generationen von Bedeutung bleiben.

Bevor wir diese Entwicklungen näher beleuchten, möchte ich kurz Europartners und unsere Beziehung zu „Christen in der Wirtschaft“ (Faktor-C) vorstellen und anschließend tiefer auf einige der oben beschriebenen Trends eingehen.

Europartners

Europartners ist eine europäische Gemeinschaft und ein Netzwerk von Führungskräften, die Unternehmern und Führungskräften in der Wirtschaft dabei dienen, das Evangelium durch ihre Geschäftstätigkeit in Europa zu leben und weiterzugeben.

Die Bewegung wurde von mehreren Organisationen für Wirtschaftsmission aus Deutschland (IVCG und Christen in der Wirtschaft), den Niederlanden (CBMC), Frankreich (ACTE) und dem Vereinigten Königreich (CBMC) gegründet.

Nach dem Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 waren diese Organisationen der gemeinsamen Überzeugung, dass die dramatischen Veränderungen in Mittel- und Osteuropa sowohl eine Chance als auch eine Verantwortung darstellten, das Evangelium in die Geschäftswelt zu tragen.

Nach mehr als vierzig Jahren Kommunismus wuchs eine neue Generation von Unternehmern und Führungskräften heran. Es setzte sich die Erkenntnis durch, dass die bloße Einführung der freien Marktwirtschaft nicht ausreichen würde. Ohne Werte, Charakter und ethische Führung könnte wirtschaftliche Freiheit leicht zu Korruption, Eigennutz und Ausbeutung führen, anstatt menschliches Gedeihen zu fördern.

Viele dieser neuen Unternehmer waren bestrebt, von westlichen Führungskräften aus der Wirtschaft zu lernen. Dies schuf eine einzigartige Gelegenheit, nicht nur betriebswirtschaftliches Wissen weiterzugeben, sondern auch die Prinzipien, Werte und die Hoffnung, die in der Nachfolge Jesu Christi zu finden sind. Die Wirtschaft wurde sowohl zu einer Brücke als auch zu einer Plattform für das Evangelium.

In den Anfangsjahren betreute Europartners gemeinsam mit seinen Partnern in Deutschland, Großbritannien, Frankreich und den Niederlanden vor allem Führungskräfte in Mittel- und Osteuropa. Im Laufe der Zeit entwickelte sich daraus eine breiter angelegte europäische Gemeinschaft, die sich dafür einsetzt, Unternehmern und Führungskräften dabei zu helfen, Glauben und Arbeit zu verbinden und in ganz Europa zu einer positiven Kraft in der Gesellschaft zu werden. Derzeit sind wir in 40 Ländern vertreten und verfügen über 94 angeschlossene Dienste, die Führungskräfte und Unternehmer im Geschäftsleben unterstützen.

Die ursprüngliche DNA von Europartners prägt uns auch heute noch: das Evangelium durch Leben, Führung und Wirtschaft weiterzugeben; über Ländergrenzen hinweg voneinander zu lernen; und gemeinsam etwas zu gestalten, anstatt isoliert zu arbeiten. Wir glauben, dass wir gemeinsam stärker sind und dass nachhaltige Wirkung durch Beziehungen, gegenseitige Ermutigung, gemeinsames Lernen sowie den Austausch von bewährten Methoden, Werkzeugen und Ressourcen entsteht.

Dieser Geist der Zusammenarbeit steht nach wie vor im Mittelpunkt von Europartners und ist auch das Herzstück dieses Artikels.

Während sich Europa weiter verändert, wachsen neue Generationen mit anderen Erwartungen, Werten und Arten der Vernetzung heran. Was sind die wichtigsten Trends, die wir beobachten, und was können Organisationen wie Faktor-C daraus lernen, wenn wir danach streben, künftigen Generationen effektiv zu dienen? 

Von kleinen Gruppen zu Gemeinschaften.

Viele Jahre lang basierte die Gemeindearbeit auf Kleingruppen: ein festes Format, Treffen zu festen Zeiten mit einer begrenzten Anzahl von Menschen, die sich regelmäßig versammelten. Dieses Modell hat vielen Organisationen gute Dienste geleistet, neigt sich jedoch nun dem Ende zu.

Wir leben in einer zunehmend individualistischen und flexiblen Kultur. Die Menschen sind weniger bereit, sich an starre Strukturen und langfristige Zeitpläne zu binden, nur weil dies von ihnen erwartet wird. Stattdessen stellen sie Fragen wie: Inspiriert mich das? Fühle ich mich damit verbunden? Kann ich einen Beitrag leisten? Passt das zu meiner aktuellen Lebensphase?

Infolgedessen ersetzen Gemeinschaften zunehmend die traditionellen Kleingruppen. 

Was ist eine Gemeinschaft?

Eine Gemeinschaft ist nicht in erster Linie um ein Treffen oder ein Programm herum organisiert. Sie ist um ein gemeinsames Ziel herum organisiert. Sie besteht aus Menschen, die sich in einer gemeinsamen Vision wiedererkennen und die zu etwas beitragen wollen, das größer ist als sie selbst.

Die Technologie macht dies einfacher denn je. Über WhatsApp, Online-Plattformen und Community-Apps können Menschen die ganze Woche über in Verbindung bleiben und sind nicht nur während eines monatlichen Treffens miteinander verbunden. Die Mitglieder tauschen Geschichten, Ideen, Fragen, Möglichkeiten und Initiativen aus. Die Teilnahme wird eher durch Interesse, Leidenschaft und Berufung als durch Verpflichtung angetrieben.

Stellen Sie sich eine WhatsApp-Community vor, die christliche Unternehmer und Führungskräfte aus Düsseldorf oder dem Ruhrgebiet zusammenbringt. Das gemeinsame Ziel könnte sein:

„Jesus in und durch unser Unternehmen weiterzugeben und ihm nachzufolgen sowie Unternehmen aufzubauen, die den Menschen dienen, Gott ehren und zum Gedeihen der Gesellschaft beitragen.“

Dieses gemeinsame Ziel schafft Einheit, auch wenn sich die Menschen auf unterschiedliche Weise einbringen.

In einer solchen Gemeinschaft fühlt sich vielleicht jemand dazu inspiriert, einen Alpha-Kurs für Führungskräfte aus der Wirtschaft zu starten. Andere, die diese Leidenschaft teilen, schließen sich an und helfen mit. Jemand anderes entdeckt vielleicht eine lokale Wohltätigkeitsorganisation, die Unterstützung benötigt, und lädt andere ein, sich zu beteiligen. Ein weiteres Mitglied beginnt vielleicht zu ergründen, was es bedeutet, ein „Kingdom-Unternehmen“ aufzubauen, und organisiert eine Brainstorming-Sitzung in seinem Unternehmen. Wieder ein anderer teilt vielleicht einen inspirierenden Artikel, einen Podcast oder ein Video, das eine sinnvolle Diskussion anregt.

Nicht jeder beteiligt sich an jeder Initiative. Genau darin liegt die Stärke einer Gemeinschaft. Die Menschen bringen sich dort ein, wo sie sich berufen, begabt und motiviert fühlen. Sie bleiben mit der übergeordneten Vision verbunden und genießen gleichzeitig die Freiheit und Flexibilität, sich auf eine Weise einzubringen, die ihren Interessen und Lebensumständen entspricht.

Dies erfordert eine andere Denkweise von den Leitern im Dienst. Es bedeutet, die Kontrolle loszulassen und sowohl dem Heiligen Geist als auch der Kreativität der Gemeinschaft zu vertrauen. Anstatt alles von oben herab zu lenken, schaffen Leiter ein Umfeld und eine Kultur, in der Menschen Eigenverantwortung übernehmen, Ideen einbringen und einander dienen können.

Die Zukunft gehört zunehmend diesen lebendigen, zweckorientierten Gemeinschaften: Gemeinschaften, die auf Vertrauen, Teilhabe, gemeinsamer Gestaltung und einer gemeinsamen Vision beruhen. Sie sind flexibel und doch geeint, vielfältig und doch verbunden. Und sie könnten in den kommenden Jahren durchaus zu einer der wirksamsten Formen des Lebens und der Verkündigung des Evangeliums werden.

Eine solche Gemeinschaft benötigt lediglich eine Leitperson, die die gewünschte Kultur pflegt und dafür sorgt, dass die Beiträge dem gemeinsamen Ziel und den Werten der Gruppe dienen. Die Kosten sind gering, und Initiativen sowie Energie kommen aus der Gruppe selbst.

 

Von Zielen zur Kultur

Viele Organisationen und Führungskräfte nutzen Ziele, um Fortschritt, Effektivität und Erfolg zu messen. Ziele können nützlich sein, da sie Orientierung und Klarheit bieten. Ziele allein inspirieren Menschen jedoch selten. Wenn Ziele zum Hauptfokus werden, können sie sogar unbeabsichtigt das Gegenteil dessen bewirken, was wir uns wünschen.

Die Menschen konzentrieren sich zunehmend darauf, das Ziel zu erreichen, anstatt den dahinter stehenden Zweck zu erfüllen. Mit der Zeit passt sich das Verhalten dem Bewertungssystem an. Einzelne tun nur noch das Nötige, um die Zahlen zu erreichen – manchmal auf Kosten von Kreativität, Beziehungen, Freude und sogar Integrität. Das Ergebnis sind vielleicht beeindruckende Zahlen auf dem Papier, während die Menschen langsam ihre Energie, Motivation und manchmal sogar ihre Seele verlieren. 

Die heutige Generation fordert uns heraus, anders zu denken.

Noch nie zuvor haben wir eine Generation gesehen, die über so viel Talent, Kreativität, Wissen und Chancen verfügt. Sie ist hochgebildet, global vernetzt, technologisch versiert und bestrebt, einen Beitrag zu wichtigen Anliegen zu leisten. Die Herausforderung für Führungskräfte besteht nicht in erster Linie darin, sie zu motivieren. Die Herausforderung besteht darin, ein Umfeld zu schaffen, in dem ihre Kreativität, ihre Begabungen und ihre Leidenschaft gedeihen können.

Das beginnt mit einem überzeugenden Leitbild.

Menschen investieren bereitwillig ihr Herz, ihre Talente und ihre Energie, wenn sie an eine gemeinsame Vision glauben. Wenn Menschen sich wirklich mit der Mission identifizieren, benötigen sie oft weniger Führung und mehr Vertrauen. Sie werden intrinsisch motiviert, weil ihnen das Ergebnis am Herzen liegt – nicht, weil jemand ihre Leistung misst.

In einem solchen Umfeld haben Ziele nach wie vor ihren Platz, aber sie funktionieren anders. Sie werden zu Lernzielen statt zu Leistungszielen.

Lern- und Richtziele

Ein Lernziel dient als Wegweiser. Es gibt dem Team eine Richtung vor und hilft allen zu verstehen, wie Fortschritt aussehen könnte. Wenn Ziele nicht erreicht werden, lautet die Frage nicht: „Wer hat versagt?“, sondern vielmehr: „Was können wir daraus lernen?“ Ebenso lautet die Frage, wenn die Ergebnisse die Erwartungen übertreffen: „Was hat zu diesem Erfolg beigetragen, und wie können wir darauf aufbauen?“

Dadurch entsteht eine Kultur des Lernens, der Neugier und der kontinuierlichen Verbesserung.

Leistungsorientierte Kulturen teilen Menschen oft in Gewinner und Verlierer ein. Erfolg kann Stolz und Selbstgenügsamkeit hervorrufen; Misserfolg kann Entmutigung und Desinteresse hervorrufen. Teams fangen an, sich mit anderen zu vergleichen, und Energie wird dafür aufgewendet, Positionen zu verteidigen, anstatt die Mission zu verfolgen.

Zweckorientierte Kulturen bewirken etwas anderes. Die Menschen werden durch eine Vision beflügelt, die größer ist als sie selbst. Sie leisten ihren Beitrag nicht nur wegen des Gehalts, der Anerkennung oder des Status, sondern weil sie an das glauben, was sie gemeinsam aufbauen. 

Veränderung in der Führung

Die Rolle der Führung verändert sich daher. Anstatt zu versuchen, Menschen zu motivieren, konzentrieren sich Führungskräfte darauf, Menschen zu verstehen. Sie helfen dem Einzelnen dabei, herauszufinden, wo seine Begabungen, Leidenschaften, sein Charakter und seine Kompetenzen am besten zur gemeinsamen Mission beitragen können. Sie schaffen eine Kultur, in der sich Menschen gesehen, verstanden, geschätzt und vertraut fühlen. Eine Kultur, in der der Einzelne die Freiheit hat, seine einzigartigen Stärken einzubringen und so zusammenzuarbeiten, dass das Beste im anderen zum Vorschein kommt.

Interessanterweise deckt sich dieser Ansatz eng mit dem, was Psychologen als die grundlegenden menschlichen Bedürfnisse für ein erfülltes Leben beschreiben:

  • Sinn – das Wissen, dass das, was wir tun, wichtig ist.
  • Autonomie – die Freiheit zu haben, einen Beitrag zu leisten und sinnvolle Entscheidungen zu treffen.
  • Kompetenz – unsere Begabungen und Fähigkeiten zu entwickeln und einzusetzen.
  • Beziehungen – Teil einer vertrauensvollen Gemeinschaft zu sein.
  • Psychologische Sicherheit – das Gefühl, akzeptiert und respektiert zu werden und sich sicher fühlen zu können, einen Beitrag zu leisten.

 

Kultur ist wichtiger als Ziele

Wenn Führungskräfte den Fokus auf die Kultur statt nur auf Ziele legen, werden diese Bedürfnisse eher erfüllt. Das Ergebnis ist nicht nur eine bessere Leistung, sondern auch gesündere Menschen, stärkere Gemeinschaften und ein tieferes Engagement für die Mission.

Kultur ist schließlich das, was Menschen tun, wenn niemand zusieht. Und auf lange Sicht wird Kultur immer mehr bewirken als Ziele.

 

Von dienender Führung zu weiser Ältestenrolle

Die Rolle der Führung verändert sich.

In der Vergangenheit war Führung oft autokratisch. Führungskräfte gaben die Richtung vor, trafen Entscheidungen und erwarteten Gehorsam. Auch wenn dieser Stil heute noch in Teilen der Politik und der Wirtschaft anzutreffen ist, hat er in einer Welt, in der Informationen, Wissen und Einfluss weit verbreitet sind, zunehmend an Wirksamkeit verloren.

In den letzten Jahrzehnten haben viele christliche Führungskräfte das biblische Prinzip der dienenden Führung wiederentdeckt. Jesus lehrte, dass wahre Führungskräfte nicht diejenigen sind, die andere beherrschen, sondern diejenigen, die ihnen dienen. Dies war eine wichtige Korrektur gegenüber autoritärer Führung und hat sowohl den kirchlichen Dienst als auch die Wirtschaft tiefgreifend beeinflusst.

Heute vollzieht sich jedoch ein weiterer Wandel: von der dienenden Führung hin zu weiser Ältestenführung und moderierender Führung.

Moderierende Führung

Die heranwachsende Generation ist hochgebildet, einfallsreich, kreativ und technologisch versiert. Oft verfügt sie über Wissen und Erkenntnisse, zu denen frühere Generationen niemals Zugang hatten. Sie braucht nicht unbedingt Führungskräfte, die Dinge für sie erledigen. Was sie braucht, sind Führungskräfte, die die Voraussetzungen schaffen, unter denen sie sich entfalten kann.

Die Aufgabe der Führung besteht zunehmend darin, Freiraum zu schaffen statt zu lenken, zu fördern statt zu kontrollieren und zu befähigen statt zu verwalten.

Weise Ältestenschaft

Doch eines fehlt dieser Generation oft.

Zwar haben sie beispiellosen Zugang zu Informationen, Technologie, Chancen und Einfluss. Doch Weisheit ist etwas anderes. Weisheit ist angewandtes Wissen.

Weisheit bedeutet, Menschen zu verstehen, Prioritäten zu erkennen, aus Erfahrungen zu lernen und über den unmittelbaren Moment hinaus auf die langfristigen Konsequenzen unserer Entscheidungen zu blicken.

Hier erweist sich die Weisheit älterer Führungskräfte als von unschätzbarem Wert.

Einige Führungsexperten weisen darauf hin, dass jüngere Generationen weniger an Feedback und mehr an Feedforward interessiert sind. Sie fragen nicht in erster Linie: „Wie habe ich mich geschlagen?“, sondern vielmehr: „Wie schaffe ich den Weg in eine sinnvolle Zukunft?“ Sie suchen nach Orientierung, Perspektive und Hoffnung.

Interessanterweise kommt eine aktuelle Gallup-Studie zu demselben Ergebnis. Sie ergab, dass Mitarbeiter bei ihren Führungskräften durchweg vier Dinge suchen:

  • Hoffnung
  • Vertrauen
  • Mitgefühl
  • Stabilität

Dies sind nicht bloß Führungsqualitäten; es handelt sich um zutiefst biblische Werte, die christlichen Führungskräften bemerkenswerte Möglichkeiten bieten, ihren Glauben im täglichen Führungsalltag zu leben und weiterzugeben.

Hoffnung

Die Menschen sehnen sich nach einer überzeugenden Vision für die Zukunft. Sie möchten wissen, dass ihre Arbeit von Bedeutung ist und dass morgen besser sein kann als heute. Führungskräfte, die Hoffnung wecken, helfen den Menschen, Möglichkeiten jenseits der aktuellen Herausforderungen zu erkennen, und laden sie ein, einem Ziel zu folgen, das es wert ist, verfolgt zu werden.

Vertrauen

Diese Generation schätzt Authentizität mehr als Autorität. Sie wünscht sich Führungskräfte, die ehrlich, transparent und konsequent sind. Sie wünscht sich Führungskräfte, deren Worte und Taten im Einklang stehen. Gleichzeitig möchte sie selbst Vertrauen erfahren – Verantwortung, Freiheit und Eigenverantwortung erhalten.

Mitgefühl

Menschen wollen als Menschen behandelt werden, nicht als Ressourcen. Sie wollen gesehen, wahrgenommen, respektiert und geschätzt werden. Mitfühlende Führungskräfte schaffen Umgebungen, in denen Menschen das Gefühl haben, dazuzugehören, und in denen sie ihr ganzes Selbst in die Arbeit und die Gemeinschaft einbringen können.

Stabilität

In einer Welt, die von Unsicherheit, raschem Wandel und wachsender Angst geprägt ist, sehnen sich die Menschen nach Stabilität. Doch Führungskräfte können keine vollständige Gewissheit oder Kontrolle mehr versprechen. Was sie bieten können, ist etwas Tieferes: Resilienz.

Wahre Stabilität findet sich in einer fest verankerten Identität, klaren Werten und einem sinnvollen Lebenszweck.

Für Christen bedeutet dies, zu wissen, dass unsere Identität darin besteht, Kinder Gottes zu sein, dass unsere Werte durch das Vorbild Christi in Liebe, Vergebung und Mitgefühl geprägt sind und dass es unsere Bestimmung ist, sein Reich in der heutigen Welt widerzuspiegeln. Menschen, die in diesen Realitäten verwurzelt sind, können Rückschlägen, Unsicherheit und Veränderungen begegnen, ohne den Halt zu verlieren.

Nächste Stufe

Vielleicht weist dies auf die nächste Stufe der Führung hin.

Über ihre Rolle als Manager, Leiter oder sogar Diener hinaus sind Führungskräfte zunehmend dazu berufen, Älteste und geistliche Eltern zu werden. Ihre Aufgabe besteht nicht einfach darin, Aktivitäten zu organisieren oder Ergebnisse zu erzielen, sondern Weisheit weiterzugeben, Menschen zu fördern und der nächsten Generation zu helfen, zu entdecken, was es bedeutet, das Leben in seiner ganzen Fülle zu leben.

Jesus beschrieb diesen Gegensatz in Johannes 10,10. Er sprach von Führern, die zu ihrem eigenen Vorteil nehmen, nutzen und ausbeuten, und stellte ihnen sich selbst gegenüber, den Guten Hirten, der gekommen ist, damit die Menschen „das Leben haben und es in Fülle haben“.

In einer Kultur, die nach Hoffnung, Vertrauen, Mitgefühl und Stabilität hungert, besteht der vielleicht größte Beitrag, den christliche Leiter leisten können, darin, anderen zu helfen, diese Fülle des Lebens zu entdecken und zu erfahren.

Wouter Droppers, Präsident von Europartners, einer europäischen Bewegung christlicher Unternehmer und Führungskräfte.

Digitalisierung macht Menschen noch wichtiger

Digitalisierung macht Menschen noch wichtiger

Sie ist Geschäftsführerin des mittelständischen Betriebs „Profilmetall“ und engagierte Christin: Daniela Eberspächer-Roth hat in ihrer Doktorarbeit die Herausforderung der Digitalisierung für Führungskräfte erforscht. Im Gespräch mit Faktor-C-Chefredakteur Marcus Mockler erklärt sie, warum der Mensch in Zukunft noch wichtiger sein wird und worauf es im digitalen Wandel wirklich ankommt.

Frau Dr. Eberspächer-Roth, Ihre Doktorarbeit geht von der Beobachtung aus, dass der deutsche Mittelstand die Digitalisierung als Führungsaufgabe unterschätzt. Wie kommt das?

Vielleicht unterschätzt der Mittelstand sie nicht, doch es wird viel darüber diskutiert. In Deutschland hört man oft den Satz: „Du musst digitalisie-ren.“ Aber niemand sagt, wie es geht. Deshalb habe ich dieses Thema in meiner Dissertation erforscht. Denn als mittelständische Unternehmensgruppe ist „Profilmetall“ unmittelbar betroffen. Wie kann Digitalisierung so gestaltet werden, dass sie den Menschen und dem Unternehmen dient?

Heißt das, die Deutschen sind gar nicht so weit hintendran, wie man immer wieder hört?

Ich beobachte eine gewisse Hilflosigkeit auf allen Seiten. Statt zu kritisieren und zu sagen, wir hätten da etwas verschlafen, ist es doch viel wichtiger, dass wir einander befähigen, Wege zu finden, um digitale Technik sinnvoll einzusetzen.

Digitale Kultur fehlt

Dennoch: Haben wir etwas verschlafen?

Die Frage ist schwierig zu beantworten. Die pauschale Behauptung, in den USA und China seien die Unternehmen so viel weiter, kann ich aus eigener Anschauung nicht bestätigen. Ich war erst vor kurzem in China. In einzelnen Bereichen sind Firmen weiter, weil dort bestimmte Interessen verfolgt werden. In anderen Bereichen nicht.

Was wir in der Tat in Deutschland nicht haben, ist eine digitale Kultur. Gegenüber digitaler Technik sind wir eher mit Ängsten beschäftigt und umarmen den digitalen Gestaltungsraum weniger als andere Kulturen. Wir sind jedoch auch weniger leichtsinnig als andere Kulturen. Digitalisierung kann ja auch schnell in Datentyrannei und Überwachung ausarten. Deshalb war der ursprüngliche Wille, mit einem Datenschutzgesetz einen positiven Gebrauch von Daten zu ermöglichen, durchaus verständlich.

Wie verändert der digitale Wandel unsere Unternehmenskultur?

Die Digitalisierung macht den Menschen noch wichtiger als bisher. Das ist vielleicht ein überraschender Gedanke, wenn wir von Industrie 4.0 reden. Es gilt ja eher die Meinung, dass digitale Technik den Menschen wegrationalisiert. Meine These ist: Nein, er wird nicht wegrationalisiert, sondern wir Menschen entscheiden, wie digitale Technik genutzt wird. Praktisch erlebe ich, dass die Einführung von digitalen Lösungen arbeits-intensiv und teuer ist. Digitalisierung wird im öffentlichen Diskurs auch überschätzt, da gibt es eine Menge Illusionen.

Die Arbeit geht nicht aus

Welche Illusionen zum Beispiel?

Naja, gerade die Angst um die Jobs. Ich bin über-zeugt: Die Digitalisierung schafft zahlreiche Arbeitsplätze – jedoch mit anderen Arbeitsinhalten. Doch Arbeitsinhalte ändern sich, das ist schon seit 2000 Jahren so. Jetzt ist der nächste Schritt gefragt, mit einem erweiterten Verständnis für Arbeit. Die Arbeit der Zukunft wird mehr sein, als dass ich mein Menschsein am Fabriktor abgebe und Teil eines Fließbandes werde. Die Arbeitswelt der Zukunft fordert, dass ich meine Fähigkeit zur
kreativen Gemeinschaft und positiven Kommunikation einbringe, meine Denk- und Lernfähigkeit nutze und dass ich Verantwortung lebe.

Geht die Schere nicht weiter auseinander? Hier die anspruchsvollen gut bezahlten Jobs, da die anspruchslosen Hilfsjobs?

Diese Gefahr besteht. Und deshalb ist es für uns als Gesellschaft so wichtig, den Wert von Arbeit neu zu definieren. Manch einer beherrscht dann zehn Programmiersprachen und wird Roboter prima programmieren können. Aber will ich wirklich, dass diese Roboter im Altersheim nach meiner Mutter schauen? Oder gelingt es uns als Gesellschaft, menschliche Zuwendung mehr als bisher wertzuschätzen? Digitale Technik und Künstliche Intelligenz befreien uns in speziellen Anwendungsgebieten von Arbeits- und Sicherheitsroutinen. Damit können wir Menschen die gewonnene Freiheit sinnvoll für ein gutes Miteinander in unserer Gesellschaft einbringen. Ein gigantisches Potential, größer als das von Künstlicher Intelligenz.

Der Nachteil des Mittelstands

Sie schreiben, Digitalisierung könne das Angebot von Firmen schneller, besser und kostengünstiger machen. Warum springen Unternehmen dann so langsam auf diese Reize an?

Die Unternehmen sind äußerst innovativ und bemüht. Was uns von China und den USA unterscheidet, ist die mittelständische Struktur. Das ist hinsichtlich Innovationspotential von Vorteil, doch für digitale Großprojekte ist es ein Wettbewerbsnachteil.

Inwiefern?

Der deutsche Mittelstand ist kleinteilig strukturiert, was zur Folge hat, dass keine großen Forschungs- und Investitionsvolumen zur Verfügung stehen. Es sind eine Vielzahl kleiner Organisationen, die mit begrenzten Ressourcen über große Investitionen entscheiden sollen. Wie können wir diesen strukturellen Nachteil ausgleichen?

Wir brauchen eine Art Volksbank-System, digitale Genossenschaften, in denen alle Teilnehmer von digitalen Daten profitieren. Es liegt also nicht am einzelnen Unternehmen und auch nicht unbedingt an der Politik, sondern an einer gewachsenen Struktur, wenn kleinere Firmen sich mit einer digitalen Zukunft schwertun. Jetzt gilt es, Wissen zu teilen. Deshalb sind vertrauenswürdige Zusammenschlüsse, Digital Hubs und andere Kooperationen, so wichtig. Vergleichbar mit dem Erobern von Neuland – in so einer Situation werden alle Ressourcen gebündelt, denn Eroberer reisen in Teams.

Überforderte Unternehmer

Wo sehen Sie konkret die größten Barrieren – immerhin nutzen doch auch alle Mittelständler Smartphones, Datenaustausch via Internet, automatisierte Prozesse?

Letztlich sind die Mittelständler mit der Frage überfordert, wie sie die Digitalisierung optimal für ihre künftige Wettbewerbsfähigkeit einsetzen können. Das Identifizieren von digitalen Potenzialen für das eigene Unternehmen, statt einfach neue Hard- und Software zu kaufen, nehme ich als große Herausforderung wahr. Jede Führungskraft ist gefordert, in der Beantwortung dieser Frage mitzuwirken – kein einfacher Weg. Ein gutes Grundwissen für digitale Technik wie auch gedankliche Freiheit sind in den Firmenalltag schwierig inte-grierbar. So haben auch Politik und Wirtschafts-verbände den Auftrag, passende Ressourcen zur Verfügung zu stellen.

Sie sind selbst mittelständische Unternehmerin. Welche Konsequenzen haben Sie aus Ihrer Forschungsarbeit gezogen?

Wir haben mit unseren Teams die Herstellung von rollgeformten Metallprofilen mutig neu gedacht. Die Profilieranlage der Zukunft besteht aus einzelnen Fertigungszellen, die über plug & produce vernetzt zusammenarbeiten. Dieses integrierte Produktionssystem erlaubt völlig neue Flexibilität in Produkten und Prozessen und dazu eine erweiterte Kommunikationsebene.

Maschine rund um den Menschen

Erklären Sie bitte den Unterschied zu einer herkömmlichen Maschine.

Der traditionelle Maschinenaufbau ist starr – alles Weitere wird angeflanscht. Jetzt gestalten wir Mechanik mit integrierten digitalen Prozessen flexibel für die Bedürfnisse von Menschen. Außerdem haben wir das Thema Datenerfassung und -auswertung neu angepackt. Daten ermöglichen Information und Wissen für gute Entscheidungen. Deshalb legen wir inzwischen großen Wert darauf, dass die IT-Systeme genutzt werden. Doch Daten müssen zuerst aufgeräumt sein, damit man guten, schnellen und einfachen Zugriff auf sie hat. Dazu braucht es kluge Standards und ein hervorragendes Wissensmanagement.

Kritiker, darunter manche Christen, warnen vor negativen Folgen der Digitalisierung, sei es die Strahlenbelastung durch G5-Mobilfunk, sei es das Problem des Datenschutzes. Ist Zurückhaltung bei dem Thema nicht vielleicht doch besser?

Wir brauchen beides: eine extreme Bereitschaft zur Innovation und gleichzeitig eine bewusste Auswahl, was wir einsetzen und was nicht. Ich kann nicht die Bequemlichkeit von Alexa nutzen und gleichzeitig kritisieren, dass ich abgehört werde. Es fällt mir gelegentlich schwer, solche Kritik anzuhören, wenn die Konsequenz fehlt.

Mutig anpacken

Was meinen Sie: Sind wir eher zu kritisch oder eher zu unkritisch im Umgang mit den neuen technischen Möglichkeiten?

Das wissen wir erst hinterher. Doch statt vieler Diskussionen um übernächste Fragen sollten wir – auch als Gesellschaft – unsere gestalterische Verantwortung mutig anpacken. Auch beim Thema Arbeitsplätze steuern wir als Konsumenten, welche Produkte und Leistungen Unternehmen anbieten. Zum einen über die Nachfrage, wie auch über die persönliche Bereitschaft, durch die Preisgabe von Daten persönliche Freiheit aufzugeben. Vielleicht sollte uns die liebevolle menschliche Betreuung mehr wert sein als ein routinierter Pflegeroboter.

Sie erwähnen im Vorwort zu Ihrer Promotionsarbeit die Goldene Regel der Nächstenliebe, wie sie Jesus Christus formuliert hat. Was hat diese Regel mit Digitalisierung zu tun?

Sehr viel. Bei Digitalisierung geht es neben dem Einsatz von Technik auch um wichtige gesellschaftliche Fragen der menschlichen Zukunft. Ich bin überzeugt: Wenn wir die Goldene Regel oder sogar die Nächstenliebe aus der Beziehung zu Gott heraus leben, werden uns gute Entscheidungen leichter fallen. Also eine Art Industrie 4.1 statt 4.0, wobei die 1 für den Menschen steht.

Mit Goldener Regel digitalisieren

Wie meinen Sie das?

Damit legen wir den Maßstab an digitale Programme so an, dass Menschen frei über ihre Daten verfügen. Dann gestalten wir digitale Arbeitsplätze so, dass menschliche Stärken zur Geltung kommen. Dann orientieren wir uns als Anwender von digitaler Technik nicht ausschließlich an der eigenen Bequemlichkeit, sondern denken auch an Konsequenzen. Wenn die Goldene Regel die Grundlage für unser Handeln ist, gestalten wir eine digitale Geschäftswelt, die uns Menschen dient.

Wir danken für das Gespräch.

 

 

Daniela Eberspächer-Roth, Jahrgang 1964, ist diplomierte Betriebswirtin und trägt einen Doktortitel in Unternehmensführung. Mit ihrem Mann leitet sie die Firma „Profilmetall“ in Hirrlingen (Kreis Tübingen). Zu ihren Ämtern gehören die Vizepräsidentschaft bei der IHK Reutlingen, ehrenamtliche Handelsrichterin, Aufsichtsrätin in der christlichen Initiative „Seehaus“ für junge Straffällige sowie stellvertretende Verwaltungsratsvorsitzende beim Deutschen Institut für Ärztliche Mission.

Ihre Doktorarbeit trägt den Titel „Leadership for a Digital Culture Transformation: A systemic approach for manufacturing enterprises“ (Verlag Pro Business, 2019)

– 50 Jahre Gepa

– 50 Jahre Gepa

In diesem Jahr feiert die Fair-Handelsgesellschaft Gepa ihr 50-jähriges Bestehen. Initiiert von sozialen und kirchlichen Gruppen, sucht das Wuppertaler Unternehmen in Zeiten eines härter werdenden Handels nach Strategien für die Zukunft.

Von Michael Bosse

„Jute statt Plastik“: Die Taschen mit diesem eingängigen Slogan haben in der alternativen Szene in Deutschland eine Epoche geprägt und sind im kulturellen Gedächtnis verankert. Zu verdanken ist die Erfolgsgeschichte Gerd Nickoleit, einem Pionier des fairen Handels, der die Jutetasche von Bangladesch vor Jahrzehnten nach Deutschland brachte. Mittlerweile ist der Mitbegründer der Fair-Handelsgesellschaft Gepa in Wuppertal 81 Jahre alt. Für die Idee des gerechten Handels brennt er nach wie vor.

„Die Idee des fairen Handels ist weiterhin richtig und wichtig – auch in Zukunft“, sagt Nickoleit im großen Verkaufsraum der Gepa-Firmenzentrale im Wuppertaler Westen. „Sie wird daher neue Überzeugungstäter finden.“ Im Mai feierte das Unternehmen sein 50-jähriges Bestehen.

Kleinbauern als Systemopfer

Dem „Überzeugungstäter“ Nickoleit ging es in seiner Arbeit immer darum, „soziale und betriebswirtschaftliche Aspekte zusammenzubringen“. Nach einer Ausbildung zum Industriekaufmann in einem Textilunternehmen in der Nähe von Hamburg und einem Studium der Betriebswirtschaft an der Fachhochschule Siegen habe es ihn schon als jungen Mann in die weite Welt getrieben, erzählt er. Nickoleit lebte und arbeitete drei Jahre in Peru sowie als Entwicklungshelfer im Iran. Bei seinen Aufenthalten in den Ländern erlebte er auch, wie ungerecht das globale Wirtschaftssystem gerade für Kleinbauern sein kann.

Nach einer Beschäftigung unter anderem für das evangelische Hilfswerk „Brot für die Welt“ wurde Nickoleit erster Geschäftsführer der „Aktion Dritte Welt Handel“, die aus Kritik an der offiziellen Entwicklungspolitik entstanden war. 1974 schrieb er den Antrag zur Gründung einer Importgesellschaft bei den kirchlichen Hilfswerken „Brot für die Welt“ und Misereor. Die offizielle Gründung erfolgte dann 1975, also ein Jahr später.

Vom Verkauf leben

Im fairen Handel, der damals noch „alternativer Handel“ genannt wurde, gab es durchaus unterschiedliche Erwartungshaltungen. So setzten etwa die Weltläden bei ihrem Geschäftsmodell sehr stark auf Bildungsarbeit und weniger auf Warenabsatz und Marketingkonzepte. Die Kooperativen, Kleinbauern und Handwerker in den Ursprungsländern mussten aber von dem Verkauf der Waren leben. Damals sei erkannt worden, dass „man die Partner stärker in den Mittelpunkt stellen“ muss, sagt Nickoleit.

Zur Handelspalette der Gepa („Gesellschaft zur Förderung der Partnerschaft mit der Dritten Welt“) gehören heute Kaffee, Tee und Schokolade sowie weitere Lebensmittel wie Süßwaren, Honig, Brotaufstriche, Wein oder Reis. Zudem wird mit Korbwaren, Textilien, Kerzen oder Seifen gehandelt. Gepa-Produkte finden sich bundesweit in 900 Weltläden und vielen Supermärkten, im Biohandel, in Restaurants und Kantinen sowie in kirchlichen und sozialen Einrichtungen.

Konkurrenz nimmt zu

Der faire Handel ist inzwischen ein umkämpfter Markt, auf dem sich die Gepa behaupten muss. „Wir müssen von der Referenz zur Relevanz kommen“, sagt Geschäftsführer Peter Schaumberger. Während in den Weltläden mit dem Kauf jedes Produkts auch eine Geschichte erzählt werden soll, gehe es bei der Distribution über den Lebensmitteleinzelhandel darum, mit Produkten und Markenartikeln zu überzeugen und überhaupt ins Regal genommen zu werden.

„Bislang ist Gepa eine Marke, die vor allem für Kaffee, Schokolade und Tee bekannt ist“, erklärt Schaumberger. Diese Warengruppen machten über 85 Prozent des Umsatzes aus. Gerade beim Verkauf über den Einzelhandel und die Biomärkte müsse es darum gehen, „mehr Breite“ im Regal zu erhalten.

Nach den Worten von Gepa-Mitgründer Nickoleit hat die Gepa als Pionierin des fairen Handels wichtige Veränderungen erreicht. Allerdings müsse der faire Handel „immer wieder neu interpretiert und an sich verändernde Situationen angepasst werden“, betont er.

epd
www.gepa.de

Was Prediger von der Wirtschaft lernen können

Was Prediger von der Wirtschaft lernen können

von Steffen J. Ehl


Im Vertrieb wird gute Kommunikation mit Kunden großgeschrieben. Auch ein Pastor muss seine Zuhörer erreichen. Der Vertriebs- und Marketingprofi Steffen J. Ehl führt an, was eine gute Predigt vor allem ausmachen sollte.

Manche Predigt ist mir eine Qual. Während der Pastor beim Referieren das Zeitgefühl verliert, fühle ich mich gefangen und suche den Notausgang. Obwohl ich in meinem Leben bislang etwa 2.000 Gottesdienste besucht habe, bin ich praktisch nie gefragt worden, was bei mir ankam.

Als Vertriebsprofi finde ich das irritierend. Im Unternehmen ist uns sehr daran gelegen, dass unsere Kommunikation für Kunden verständlich ist. Es zählt nicht, was gemeint war, sondern nur, was beim Empfänger ankommt. Um die Kommunikation zu überprüfen, investieren wir in Befragungen und fördern die Rückmeldung durch Anreize – zum Beispiel Rabatte.

Wenn mich jemand fragen würde, was ich mir von einer Predigt wünschte, wäre das meine Antwort:

  1. Erklärung eines Bibeltextes. Mich interessiert keine individuelle Weltsicht, garniert mit einem Bibelzitat. Klingt altmodisch? Doch genau dafür gehe ich in die Kirche. Es wäre gut, wenn jeder seine Kernkompetenz ins Visier nimmt – der Pastor also die Bibel.

  2. Persönliches Erleben. Der Prediger ist Mittler zwischen Gott und mir, ob er will oder nicht. Ich will ihn und seine Herausforderungen mit der Bibel kennenlernen.

  3. Konkrete Anwendbarkeit. Die investierte Zeit sollte Frucht im Alltag bringen. Sind es nur warme Gedanken für den Sonntag gewesen, war es wertlos. Gute Predigten führen zu Verhaltensänderung.

     

    Interaktiv statt Einbahnstraße

Und zur Vortragsweise: Ich schätze es, wenn die Predigt kurz und interaktiv ist. Eine Maximaldauer von 10 bis 15 Minuten hat der verstorbene Papst Franziskus angeordnet. Auch als Freikirchler spricht er mir da aus der Seele.

Kommunikation in nur eine Richtung stirbt aus – und das ist gut so. Auch Jesus hat seine Zuhörer nicht einseitig beschallt, sondern mit Fragen geführt. Warum tun wir es ihm nicht nach und erlauben den Zuhörern eine Antwort?

Die guten Predigten wiegen die qualvollen bei weitem auf. Daher werde ich weiter hoffnungsvoll den Gottesdienst besuchen – und nur bei Feuer den Notausgang verwenden.

„Was Wirtschaftskriminelle bereuen – und was wir daraus lernen können“

„Was Wirtschaftskriminelle bereuen – und was wir daraus lernen können“

von Wolfram Lehmann


Sie haben andere geprellt und sich selbst bereichert: Verurteilte Wirtschaftskriminelle müssen nicht selten eine Haftstrafe antreten. Gefängnispfarrer Wolfram Lehmann ist auch mit solchen Menschen in Kontakt – und hat daraus wertvolle Erkenntnisse gewonnen.

Wir befinden uns im Kirchenraum der Justizvollzugsanstalt Hof. Der wöchentliche Sonntagsgottesdienst ist zu Ende; die Gefangenen verabschieden sich mit Handschlag vom Pfarrer. Es ist wie in jedem „normalen“ Gottesdienst; einige Teilnehmer sind dem Pfarrer bekannt, andere Teilnehmer sind neu.

Einer von den persönlich Bekannten sagt: „Herr Pfarrer, ich möchte mich von Ihnen verabschieden. Ich habe mein Urteil bekommen; in wenigen Tagen werde ich in ein anderes Gefängnis verlegt.“ Dann macht er eine kurze Pause; er ergänzt: „Hoffentlich sehe ich meine Enkel noch draußen.“ Nachdenklich verlässt er den Kirchenraum. Der betreffende Herr ist im Rentenalter.

Ein Enddreißiger drückt es in einem persönlichen Gespräch so aus: „Ich würde schon gerne Familie gründen, aber das ist hier drinnen nicht möglich. Sie können von hier drinnen keine Kontakte nach außen halten.“

Zuletzt ein junger Mann mit Mitte Zwanzig: „Ich habe im Internet Waren angeboten, die es gar nicht gibt. Jetzt arbeite ich systematisch daran, das Geld zurückzuzahlen. Ich möchte wieder ein normales Leben führen.“

Der große Irrtum

Interessanterweise haben sich einige Wirtschaftskriminelle vor ihren Taten ganz offensichtlich mit dem Gedanken beschäftigt, dass sie auffliegen könnten. „Herr Lehmann, Sie brauchen nicht zu denken, dass ich nicht darauf vorbereitet bin, falls ich geschnappt werde. Ich habe genügend Geld beiseitegelegt, von dem der Staatsanwalt nicht weiß.“

Was er nicht bedacht hat, ist die Stille, die einen in der Haft erwartet. Das Alleinsein. Die Einsamkeit. Kein Handy, kein Internet, keine Mails, kein spontaner Besuch von Bekannten und keine Unternehmung mit Freunden. Fernseher, Briefe schreiben, hin und wieder ein Telefonat oder ein Besuch – das gibt es. Aber sie können das Fehlende nicht ersetzen.

Über die Monate und Jahre brechen verborgene Lebensfragen immer mehr auf. Das fängt einen an umzutreiben. Im Gefängnis zeugen davon die Gesprächswünsche an die Seelsorger; auch das Interesse am Gottesdienst hat unter anderem damit zu tun.

„Herr Lehmann, probieren Sie es mal aus. Lassen Sie sich nachts im Schlafzimmer einschließen. Kein Telefon, kein Handy. Erst am Morgen wird wieder aufgeschlossen. Das ist das Lebensgefühl im Gefängnis.“ So hat es ein ehemaliger Strafgefangener formuliert.

Was sind Wirtschaftskriminelle?

Unter Wirtschaftskriminalität versteht man alle Delikte, bei denen es „ums Geld geht“. Internetbetrügerei, Enkeltrickanrufe, Steuerbetrug, Anlagebetrug – um nur einige Beispiele zu nennen. Auch Insolvenzverschleppung gehört dazu.

Rein statistisch gesehen ist die größte Gruppe der Wirtschaftskriminellen nicht etwa der seriöse Herr im weißen Kragen oder die Businessfrau im eleganten Kostüm. Die größte Tätergruppe sind Mitarbeitende im eigenen Unternehmen; meist solche, die mit der Buchhaltung zu tun haben.

Lehrstunde aus dem Gefängnis

Die möglichen Lerneffekte aus der Biografie von Wirtschaftskriminellen sind vielfältig. Dazu einige Anregungen:

  1. Risiken realistisch sehen: Gibt es Risiken, die wir sehen könnten, aber nicht sehen wollen? Viele unterschätzen die Folgen – etwa Einsamkeit und Stille im Gefängnis.
  2. Insolvenzverschleppung beachten: Rechtlich besonders tückisch – oft ist eine rechtzeitige Anmeldung entscheidend.
  3. Schutzmaßnahmen im Betrieb: Neben externen Gefahren (Hacker) auch interne sehen. Vieraugenprinzip und gründliches Prüfen sind Basis.
  4. Eigene Schwachstellen kennen: Jeder Mensch hat „wunde Punkte“. Besser vorher bedenken, wie man in Grauzonen reagieren würde.
  5. Engagement statt Resignation: Statt über praxisferne Gesetze zu klagen, in Verbänden oder Politik mitwirken.
  6. Träume und Wünsche offen leben: Wer seine Ziele legal verfolgt, hat weniger Versuchung zum Rechtsbruch.
  7. Verantwortung mutig übernehmen: Unternehmerisches Handeln ist biblisch bejaht – trotz aller Risiken.

Zu guter Letzt

„Geld allein macht nicht glücklich.“ Diese Binsenweisheit kann man an der Biografie von Wirtschaftskriminellen ablesen. Ich habe viele hochinteressante Gesprächspartner angetroffen – aber niemanden, der wirklich glücklich ist.

Daher lerne ich aus dem, was Wirtschaftskriminelle bereuen:

  • Dankbarkeit für meinen inneren Frieden als Kind Gottes.

  • Dankbarkeit für das, was ich an Erfolg erreichen durfte – mit innerem Frieden.

  • Den Entschluss, weiter entschlossen mit gutem Gewissen Erfolg zu suchen, statt ihn anderen mit zweifelhaften Maßstäben zu überlassen.

Ungewöhnliche Erfahrungen eines Ehepaars

Ungewöhnliche Erfahrungen eines Ehepaars

„Stille ist mehr als die Abwesenheit von Lärm“

Unser Thema ist „Stille“: Wie definiert ihr diese?

Gaby: Stille ist weit mehr als die Abwesenheit von Lärm. Selbst wenn es uns gelingt, uns vom Lärm der Umgebung zu lösen, kann es in unserer Seele immer noch sehr laut sein. Oft verursachen unsere Gefühle und Gedanken einen starken inneren Lärm. Wer Stille schaffen will, muss deshalb in zwei Schritten vorgehen: zuerst den äußeren Lärm reduzieren, dann den inneren Lärm. Nur so können wir lernen, wirklich still zu werden. Erst wenn die Seele zur Ruhe kommt, kann auch der Geist zur Ruhe kommen, um zum Beispiel auf Gott zu hören.

Führung durch Hören

Unter anderem bietet ihr im Gebetshaus Amden Kurse an, um auf Gott zu hören. Markus, du hast an vielen Geschäftsleitungs- und Verwaltungsratssitzungen teilgenommen. Wie erklärst du Führungskräften, was es heißt, „auf Gottes Stimme zu hören“?

Markus: Zuerst müssen wir verstehen, was uns Menschen ausmacht. In der Bibel steht, dass Gott zuerst die Schöpfung und darin die Tierwelt geschaffen hat. Erst danach schuf er den Menschen, indem er ihm den Geist gab. Der Mensch ist eine eigenständige Schöpfung, die dazu bestimmt ist, in Gemeinschaft mit Gott zu leben. Dazu kann unser Geist mit Gott kommunizieren, der Geist ist. Unser Geist verleiht uns Menschenwürde und unterscheidet uns von allen Tieren. Wir Menschen sind auf die Beziehung zu Gott hin geschaffen und haben den Auftrag, aus dieser Beziehung heraus die Schöpfung zu nutzen und zu verwalten. Erst aus diesem Verständnis erwächst in uns der Wunsch, Gottes Stimme zu hören. Denn unser menschlicher Geist bezeugt uns, dass es einen Gott gibt, und sehnt sich nach einer Beziehung zu diesem Gott.

Erfahrungen mit Gottes Stimme

Habt ihr Gottes Stimme schon mal akustisch gehört?

Markus: Ich habe Gottes Stimme schon oft so klar vernommen, dass ich im Nachhinein nicht unterscheiden konnte, ob ich sie nun im Geist oder akustisch wahrgenommen habe. Auch in der Bibel war die Stimme Gottes zum Beispiel bei der Taufe von Jesus und der Bekehrung von Saulus, der später als Apostel Paulus bekannt wurde, akustisch wahrnehmbar – allerdings nicht für alle Anwesenden im gleichen Maß. Wir haben aber auch die Erfahrung gemacht, dass diese Impulse sehr fein sein können. Deshalb ist es sehr wichtig, äußere und innere Stille zu schaffen.

Lebensstil statt abrupter Wandel

Markus, du bist jung in die Geschäftsleitung einer Bank aufgestiegen. Ihr hättet euch ein angenehmes Leben gönnen können – stattdessen habt ihr unter anderem eine christliche Bewegung aufgebaut und leitet heute das Gebetshaus Amden. Wieso der abrupte Wandel?

Markus: Aus unserer Perspektive ist das kein abrupter Wandel. Es ist die logische Konsequenz eines Lebensstils, der nicht das eigene Interesse, sondern Gottes Sicht in den Mittelpunkt stellt. Wir haben diesen Lebensstil schon viele Jahre eingeübt. Das mag ungewohnt klingen, ist jedoch nichts anderes als die Umsetzung des bekannten „Unser Vater“-Gebets: „Dein Name werde geheiligt, dein Reich komme, dein Wille geschehe auf Erden, wie im Himmel“. Wir haben erfahren, wie gut es uns tut, auf Gott zu hören und das Gehörte in die Tat umzusetzen. Egal, ob das in einer Bank oder einer christlichen Organisation geschieht. Dies zu lernen, beginnt zuerst im eigenen Leben, in der Ehe, der Familie, unter Freunden und dann auch am Arbeitsplatz.

Ist es nicht nur Wunschdenken?

Ihr sagt: „Gott spricht zu uns“. Man könnte einwenden, dass ihr nur euren eigenen Gedanken nachhängt – oder in eurem Gehirn biophysikalische Prozesse ablaufen.

Markus: Ich verstehe diese Einwände, wenn jemand die Erfahrung des Redens und Wirkens des Heiligen Geistes Gottes nicht kennt. Wir erleben jedoch immer wieder, dass Gott uns Dinge offenbart, die wir menschlich gesehen gar nicht wissen konnten. Die biophysikalischen Vorgänge im Gehirn sind nicht die Quelle der Erkenntnis oder der Offenbarung, sondern das physische Abbild dessen, was in der Seele und im Geist geschieht.

Prüfung im hörenden Gebet

Wie überprüft ihr, ob das, was ihr zu hören glaubt, wirklich von Gott stammt – und kein Wunschdenken ist?

Gaby: Ein schlechter Baum bringt schlechte Früchte, ein guter Baum gute – dieses Prinzip hat Jesus gelehrt. Entsprechend können wir an den Resultaten aus dem hörenden Gebet erkennen, ob es Wunschdenken oder wirklich Reden Gottes war. Wir gehen immer davon aus, dass wir uns auch täuschen können. Darum stellen wir uns auf die Aussage der Bibel, dass Jesus im Geist Gottes anwesend ist, wo zwei oder drei „in seinem Namen“ zusammen sind. In der Praxis gehen wir so vor: Alle Anwesenden schaffen einen Raum der Stille um und in sich. Dann hören alle für sich, was die Sicht oder das Reden Gottes zu einer bestimmten Situation ist, und schreiben dies auf. Anschließend tauschen wir das Gehörte und Aufgeschriebene aus, um zu erkennen, wo der „rote Faden“ des Redens Gottes ist. Wo wir darin Frieden finden, handeln wir entsprechend.

Abgrenzung zur Meditation

Ihr sucht die Stille, um Gott zu hören. Andere meditieren, um loszulassen und einen klaren Kopf zu bekommen. Oder sie „tanken neue Energien“. Wo liegt der Unterschied?

Markus: Was unter „meditieren“ verstanden wird, kann sich stark unterscheiden. Letztlich ist entscheidend, aus welcher Quelle wir hören, beziehungsweise „Energie tanken“. Es gibt sehr unterschiedliche Quellen: Wir können uns mit anderen Menschen, mit Engeln oder Dämonen oder Gott selbst verbinden. Leider ist das Wissen um die Unterscheidung dieser Quellen weitgehend verlorengegangen. Nur aus einer Quelle können wir Leben und gute Weisung empfangen: vom allmächtigen Gott, unserem Schöpfer. Der Weg zu dieser Quelle ist in der Bibel klar beschrieben. Jesus Christus hat uns durch seinen Tod und seine Auferstehung den Weg zu Gott geöffnet.

Medienfasten

Über die sozialen Medien prasseln immer mehr Botschaften auf uns ein. Wie geht ihr damit um?

Gaby: In unserer Welt nehmen wir viel mehr Informationen auf, als wir je vernünftig verarbeiten können. Dies führt zu einer Überlastung unserer Seele, die nicht mehr zur Ruhe kommen kann. Somit ist es auch kaum möglich, sich den Raum der Stille zu schaffen. Darum haben wir von Gott gehört, dass wir ein „Medienfasten“ einüben sollen. Das heißt nicht, ganz auf Medien zu verzichten, sondern den Konsum auf das für uns Hilfreiche zu reduzieren.

Stille im Alltag

Gibt es eine Methode, um Stille im hektischen Alltag zu finden?

Gaby: Gott lehrt uns in der Bibel, dass wir zum Beispiel einen Tag in der Woche zur Ruhe kommen sollen. Zu erkennen, dass wir Ruhe brauchen, ist eine Grundvoraussetzung. Darüber hinaus sollten wir uns im Alltag Ruhe- und Stillezeiten einplanen. Wir können die Hektik des Alltags nicht immer vermeiden, aber wir können dafür sorgen, dass darauf Zeiten der Stille folgen. Das ist auch eine Frage der Prioritäten, die wir im Leben setzen.

Umgang mit Enttäuschungen

Erlebt ihr auch Enttäuschungen? Wie geht ihr damit um?

Markus: Ja, natürlich. Enttäuschungen entstehen aus unseren Fehlern. Darum lassen wir uns durch Enttäuschungen nicht entmutigen, sondern gehen damit zurück zu Gott und fragen ihn, wie er unsere Situation sieht – und was wir daraus lernen dürfen.

Gaby: Auch das Schweigen Gottes auf unsere Fragen kennen wir. Dabei haben wir gelernt, dass es verschiedene Ursachen haben kann. Vielleicht wollten wir von Gott eine Antwort erhalten zu einem Anliegen, das aus seiner Sicht gar nicht relevant für uns ist – oder nicht zum aktuellen Zeitpunkt. Oder wir waren schlicht ungehorsam auf ein vorgängiges Reden Gottes. Entscheidend ist für uns, dass wir nicht Gott hinterfragen, sondern uns selbst.

Schicksalsschläge

Gaby, du hattest vor wenigen Jahren einen schwerwiegenden Schlittenunfall, warst monatelang ans Bett gefesselt. Markus, du warst zwischendurch im Rollstuhl. Was ist schiefgelaufen, dass ihr solche Schicksalsschläge hinnehmen musstet?

Gaby: Ich durfte im Unfall eine unglaubliche Bewahrung erleben. Menschlich gesehen, wären noch viel schlimmere Folgen zu erwarten gewesen. Daraus kam zuerst einmal eine tiefe Dankbarkeit zu Gott über das zweite geschenkte Leben. Wenn Gott einen Schicksalsschlag zulässt, verfolgt er eine gute Absicht damit – das haben wir gelernt.

Markus: Ich erlebte in meiner Phase der „rollstuhlpflichtigen Tetraplegie“ ein Reden Gottes, das in mir tiefsten Frieden bewirkte. So erkannte ich, dass nichts schiefgelaufen war, sondern Gott tief in meinem Herzen die Botschaft verankerte, dass alles Gelingen nur von ihm kommt – und nicht von meiner Kraft.

Bessere Entscheidungen

Könnt ihr uns ein Beispiel geben, wie euch das Hören auf Gott ganz praktisch hilft, bessere Entscheidungen zu treffen?

Markus: Was sind bessere Entscheidungen? Viele Menschen beurteilen die Entscheidungen an messbaren Erfolgen. Aus unserer Sicht sind gute Entscheidungen aber solche, die dem Willen Gottes für uns – und im Himmel vorbereiteten Werken – entsprechen.

Gaby: Ein Beispiel: Wir standen vor kurzem vor dem Entscheid, entweder Hypotheken zurückzuzahlen oder die Mittel anderweitig einzusetzen. Gott hat uns dann zu einem Objekt geführt, von dem wir im Gebet hörten, dass wir es kaufen sollten. Den Kauf konnten wir auf Ende des Jahres abwickeln. Aus unserer Sicht ist es der richtige Entscheid, weil er aus dem hörenden Gebet getroffen wurde.

Hilfe von oben für Führungskräfte

Führungskräfte müssen oft und schnell entscheiden. Seht ihr Möglichkeiten, wie sie „Hilfe von ganz oben“ beanspruchen können?

Markus: Als Erstes mussten wir lernen, die Dringlichkeit zu hinterfragen. Oft empfinden wir eine Dringlichkeit, die gar nicht nötig wäre und uns nur davon abhält, Entscheide aus der Stille zu fällen. Zudem ist es gerade auch für Führungskräfte entscheidend, selbst zu lernen, Gottes Stimme zu hören und darin zu wachsen. Dieses Lernen sollte in der Gemeinschaft mit anderen Menschen stattfinden, die sich ebenfalls auf diesen Weg gemacht haben. Da Führungskräfte, die Gott hören wollen, oft keine Umgebung finden, in der sie Hilfe im hörenden Gebet empfangen können, haben wir im Gebetshaus Teams gebildet, die da weiterhelfen können.

Hinweis: Dieses Interview ist ein leicht gekürzter Beitrag aus dem goMagazin. Weitere Informationen unter gomagazin.de. Wir danken für die Abdruckgenehmigung.