Den Hund namens Ego zähmen (Robert J. Tamasy)

19.07.2021

Eines Abends führte der Komponist Giuseppe Verdi ein Klavierkonzert in der Mailänder Scala. Nachdem er das letzte Stück seines Programms beendet hatte, verlangte das bewundernde Publikum nach einer Zugabe. Verdi, der den Applaus genoss, wählte eine laute, aufgeputzte Komposition, von der er wusste, dass sie beim Publikum gut ankommen würde, auch wenn sie künstlerisch nicht gut war.

Als Verdi die Zugabe beendet hatte, stand das Publikum begeistert auf und klatsche frenetisch. Er freute sich an dem Applaus, bis er seinen langjährigen Mentor erblickte. Dieser wusste genau, was Verdi getan hatte, deshalb stand er weder auf noch klatschte er. Verdi sah tiefe Enttäuschung auf dem Gesicht seines Mentors, als wolle er sagen, „Verdi, Verdi, wie konntest du nur?“.

Als er die Geschichte erzählte, nannte mein verstorbener Freund Robert D. Foster dieses
Bedürfnis nach Kontrolle und Applaus den „Verdi-Virus“. Der Philosoph Friedrich Nietzsche beschrieb es so: „Wo immer ich gehe, folgt mir ein Hund namens Ego. Je mehr Ego gelobt wird, desto größer wird er. Er lechzt nach Macht und Erfolg. Und er bekommt nie genug davon.“

Die Arbeits- und Geschäftswelt gibt diesem Wunsch Nahrung, suggeriert sie doch, dass wir nur so gut seien wie unser jüngster Erfolg. Dieses Bedürfnis nach Anerkennung ist allgemein verbreitet, kann aber toxisch sein. Wie Verdi können wir dazu verleitet werden, Kompromisse einzugehen, anstatt das Beste, das Richtige zu tun. Die Bibel, die den menschlichen Zustand mit unverblümter Ehrlichkeit beschreibt, nennt dazu viele Beispiele.

Jesus Christus sprach davon, als er die religiöse Elite damit konfrontierte, dass sie vorgab zu sein, was sie nicht war. Ein klassisches Beispiel finden wir in Matthäus 23,27-28: „Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer! Ihr Heuchler! Ihr seid wie die weiß getünchten Grabstätten: Von außen erscheinen sie schön, aber innen ist alles voll stinkender Verwesung. Genauso ist es bei euch: Ihr steht bei den Leuten als solche da, die Gottes Willen tun, aber in Wirklichkeit seid ihr voller Auflehnung und Heuchelei.“

Das Herz zählt, nicht das Äußere. Gott suchte als neuen König für Israel nicht jemanden mit gutem Aussehen, sondern mit gutem Herzen. Er wählte David aus, der später „ein Mann nach dem Herzen Gottes“ genannt wurde. „Denn ich urteile nach anderen Maßstäben als die Menschen. Für die Menschen ist wichtig, was sie mit den Augen wahrnehmen können; ich dagegen schaue jedem Menschen ins Herz.“ (1. Samuel 16,7).

Lob ist ein Charaktertest. Wie reagieren wir auf Lob? Baden wir darin und wollen mehr davon, oder reagieren wir dankbar und bescheiden? „Gold und Silber prüft man durch Schmelzen, der Prüfstein eines Menschen ist sein Ruf.“ (Sprüche 27,21).

Andere an die erste Stelle setzen. Das unermüdliche Streben nach Anerkennung fokussiert uns auf uns selber. Doch wenn wir unseren Fokus auf andere setzen, braucht unser Ego weniger Aufmerksamkeit. Es erfordert eine bewusste Entscheidung, das eigene Denken in die richtigen Bahnen zu lenken. „Weder Eigennutz noch Streben nach Ehre sollen euer Handeln bestimmen. Im Gegenteil: Seid bescheiden und achtet den anderen mehr als euch selbst. Denkt nicht an euren eigenen Vorteil. Jeder von euch soll das Wohl des anderen im Auge haben.“ (Philipper 2,3-4).

 

© 2021 Robert J. Tamasy ist Autor und Herausgeber zahlreicher Bücher. Er bloggt alle 14 Tage unter
www.bobtamasy.blogspot.com.
Übersetzung: Susanne Nebeling-Ludwar, Tübingen: S.Ludwar@gmx.de
Bibelzitate sind der Übersetzung Hoffnung für Alle entnommen, wenn nicht anders angegeben.
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