Bleiben wir am Arbeitsplatz die Wahrheit schuldig? (Robert J. Tamasy)

25.10.2021

Unmöglich zu sagen, ob oder wann die Arbeitswelt wieder zur Normalität zurückkehren wird! Durch die Pandemie-Bestimmungen arbeiten viele Menschen von zu Hause aus. Wenn sie überhaupt Arbeit haben. Für einige war das „Home-Office“ eine angenehme Abwechslung: Sie verbrachten mehr Zeit mit der Familie.

Dieser „neuen Normalität“ sind jedoch direkte menschliche Interaktionen zum Opfer gefallen. Technische Errungenschaften wie Zoom, Skype, FaceTime und andere haben zwar zur Überbrückung geholfen, sind aber kein Ersatz für spontane Kommunikation von Angesicht zu Angesicht, das Vorbeischauen im Büro des Kollegen, um sich hinsichtlich eines Projektes abzustimmen oder einfach um Nettigkeiten auszutauschen.

Oder manchmal treffen wir einfach jemanden, sagen „Hallo! Wie geht’s?“, lächeln und gehen weiter. Das ist eine nette, aber oberflächliche Begegnung, bei der es nicht darum geht, echte Informationen auszutauschen. Vielleicht schrieb die verstorbene Autorin und Aktivistin Maya Angelou aus diesem Grund: „Wenn Menschen dich fragen, wie es dir geht, versuche manchmal ehrlich zu antworten“.

Denken Sie mal darüber nach: Wie häufig antworten Sie ehrlich, wenn Sie nach Ihrem Befinden gefragt werden? Oder andersherum: Wie würden Sie reagieren, wenn jemand Ihnen von seinen Kämpfen, Schmerzen und Frustrationen erzählen würde?

Wir reden uns gerne heraus: „Ich bin eben einfach höflich. Ich sage Hallo, aber natürlich will ich nicht wirklich wissen, wie es dem anderen geht.“ Auch ich habe mich in dieser Hinsicht schuldig gemacht. Lebhaft erinnere ich mich an eine Konferenz. Ich traf einen Freund, den ich seit langem nicht mehr gesehen hatte, und sagte: „Hi, (Peter)! Wie geht’s?“. Und war tief erstaunt, dass „Peter“ tatsächlich anfing, meine Frage zu beantworten. Auch erinnere ich mich, dass Menschen dasselbe zu mir sagten, ihre Körpersprache aber deutlich machte, dass sie die Antwort nicht wirklich wissen wollten.

Wir setzen ein Lächeln auf, das als Maske für unsere Traurigkeit, Furcht oder Verzweiflung dient. Wir antworten, „mir geht’s gut“, auch wenn das nicht stimmt. Natürlich haben wir nicht immer die Zeit, die Probleme eines anderen Menschen anzuhören oder von unseren eigenen zu erzählen, aber sollte es uns nicht mehr um die Menschen gehen, mit denen wir zusammenarbeiten, statt um Fristen, Ziele, Umsatz?

In der Bibel wird immer wieder betont, dass wir in dem täglichen Kampf, den wir Alltag nennen, füreinander da sein sollen. Beispielsweise heißt es in 2. Korinther 1,3-4: „Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus!… In allen Schwierigkeiten ermutigt er uns und steht uns bei, so dass wir auch andere trösten können, die wegen ihres Glaubens angefeindet werden. Wir ermutigen sie, wie Gott uns ermutigt hat.“ Vielleicht ist ein Grund für unsere Probleme der, dass wir so anderen in ähnlichen Herausforderungen beistehen können.

An anderer Stelle finden wir folgende Ermahnung: „Lasst uns aufeinander achten! Wir wollen uns zu gegenseitiger Liebe ermutigen und einander anspornen, Gutes zu tun. Versäumt nicht die Zusammenkünfte eurer Gemeinde, wie es sich einige angewöhnt haben. Ermahnt euch gegenseitig dabeizubleiben.“ (Hebräer 10,24-25).

Wenn – falls – wir wieder an unseren vertrauten Arbeitsplatz zurückkommen, sollten wir vielleicht etwas mehr versuchen, wahrhaftig zu antworten, wenn es heißt: „Wie geht’s?“.

 

© 2021 Robert J. Tamasy ist Autor und Herausgeber zahlreicher Bücher. Er bloggt alle 14 Tage unter
www.bobtamasy.blogspot.com.
Übersetzung: Susanne Nebeling-Ludwar, Tübingen: S.Ludwar@gmx.de
Bibelzitate sind der Übersetzung Hoffnung für Alle entnommen, wenn nicht anders angegeben.
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