Alle guten Führungskräfte hinken (Dr. Stephen R. Graves)

14.12.2020

Kennen Sie die alttestamentliche Geschichte aus 1. Mose 32? Jakob, der spätere Patriarch der Nation Israel, begegnete mitten in der Nacht einem „mysteriösen Mann“, und die beiden kämpften stundenlang.

Gegen Ende der Nacht schlug der Gottmensch auf Jakobs Hüfte und renkte sie aus. Dann wurde Jakob vom Gottmenschen gesegnet, und seitdem hinkte er. Bis dahin hatte Jakob immer die Oberhand, doch jetzt traf er auf einen Gegner, den er nicht besiegen konnte. Jakob war gebrochen – und dennoch wurde er gerade deswegen ein besserer Mensch.

Was bedeutet „hinken“? Nach drei Jahrzehnten in der Management-Beratung habe ich viele Menschen kennengelernt, die immer wieder Gewinner sind. Doch das kann dazu führen, dass wir unser Vertrauen auf die falsche Person setzen: auf uns selbst. Die bemerkenswertesten Führungskräfte, die ich bislang getroffen habe, zeichnet etwas anderes aus: Sie „hinken“, tragen aus ihrem Ringen mit Gott eine Narbe davon.

„Hinken“ bedeutet, geistlich, emotional, mental und (manchmal) auch körperlich zu erkennen, dass wir nicht die Herren unseres Lebens sind. Je eher ich verstehe, dass ich nicht alles weiß und kann und nicht voll und ganz die Person bin, die ich sein sollte, desto besser. Ein Freund von mir sagt, die Schlüsselfrage für jeden Menschen sei: „Wer hat das Recht, zu herrschen?“. Jakob rang mit Gott darüber. Er hatte jahrelang über sein Leben geherrscht, und anscheinend erfolgreich. Er tat, was die meisten Menschen sich nicht eingestehen wollen – er handelte, als ob er Gott nicht bräuchte.

Mit Gott ringen. Vielleicht ging es Ihnen wie mir und Sie schwammen jahrelang auf der Erfolgswelle, bis eine Krankheit Sie an Ihre Sterblichkeit erinnerte. Oder die monatelang ausgetüftelte Unternehmensstrategie floppte. Ihre Ehe oder Ihre Kinder entwickelten sich nicht wie geplant. Anders gesagt: Ihr Vorwärtsdrall wurde gebrochen.

Die Frage, wer das Recht zu herrschen hat, beinhaltet immer einen Kampf gegen den Allmächtigen. Wenn Sie gegen Gott kämpfen und Gott gewinnen will, wird
das Hinken nicht ausbleiben. Und Gott will immer gewinnen.

Warum müssen wir „hinken“? Aus dem „Hinken“ resultiert zweierlei: Menschlichkeit und Demut. Beides gehört eng zusammen, und es ist schlimm, wenn wir eines von beiden verlieren. Wir alle kennen Menschen, die den Kontakt zu ihrem Mensch-sein verloren haben und so tun, als hätten sie übermenschliche Kräfte. Dabei denken wir an Athleten, Filmstars, Prediger, Geschäftsleute und Vorstandsvorsitzende, doch es kann jedem von uns passieren.

Das zweite Nebenprodukt ist die Demut. Wir finden sie in Menschen, die mit Gott gekämpft und verloren haben. Dies ist etwas Gutes, denn bevor wir nicht mit
Gott gerungen haben, können wir die Konfrontation mit unserem Mensch-sein vermeiden. Nichts kann das Ringen mit Gott und die Erfahrung, gebrochen zu
werden, ersetzen.

„Gebrochenheit“ klingt schlecht, als wäre etwas mit uns verkehrt. Die Bibel spricht dagegen häufig davon, dass Gott durch unsere „Gebrochenheit“ und Schwäche durchscheint. In Psalm 51,18-19 lesen wir, „Du willst kein Schlachtopfer, sonst hätte ich es dir gebracht; nein, Brandopfer gefallen dir nicht. Ich bin zerknirscht und verzweifelt über meine schwere Schuld. Solch ein Opfer gefällt dir, o Gott, du wirst es nicht ablehnen.“ Die größten Führungskräfte, die ich kenne, „hinken“. Sie wissen, dass sie Menschen sind und gehen ihren Weg in Demut. Sie haben durch Niederlagen und Enttäuschungen hindurch entdeckt, wer das Recht hat, zu herrschen.

 

 

 

Dr. Stephen R. Graves ist Unternehmensstratege, pragmatischer Theologe und sozialer Kapitalist. Er berät
Manager und Unternehmer
Übersetzung: Susanne nebeling-Ludwar, tübingen: S.Ludwar@gmx.de
Bibelzitate sind der Übersetzung Hoffnung für Alle entnommen, wenn nicht anders angegeben.
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