Wo Mensch und Schöpfer zusammenarbeiten

Fahrradrikschas mit Unterstützung aus dem Akku, das sind die Fahrzeuge des Unternehmens Velotaxi. Firmenchef Matthias Graf hat damit schon mehrere Auszeichnungen gewonnen – zuletzt Anfang Februar den Frankfurter Ideenwettbewerb Klimaschutz. Als Christ will er in der Geschäftswelt nach eigenen Worten „Salz und Licht“ sein.

Was den Asiaten die Rikscha, ist den Frankfurtern das Velotaxi. Ein Dreirad, angetrieben von einem Fahrer mit etwas Tretkraft und viel Energie aus dem Akku. Dahinter eine kleine Sitzbank für üblicherweise zwei Personen. Die Fahrt verläuft emissionsfrei und in staugeplagten Städten oft auch schneller als mit dem Auto. Einer der Pioniere auf diesem Markt ist Matthias Graf. Der clevere Unternehmer und engagierte Christ hat dabei schon mehrere Preise abgeräumt. Am 6. Februar gewann er mit zwei anderen Unternehmern den Ideenwettbewerb Klimaschutz der Stadt Frankfurt am Main.

Graf ist in das Business 2004 eingestiegen. Schon damals halfen Elektromotoren den Fahrern beim Transport ihrer Gäste. Am Rahmen hing ein sogenannter Blei-Gel-Akku – schwer, teuer, nur vier Stunden Laufzeit und nach zwei Jahren in der Regel kaputt. Aber das war lediglich für den Anbieter ein Problem, die Kunden liebten es schon vor 16 Jahren, auf diese Weise durch die Stadt kutschiert zu werden.

Hauptgeschäft mit Werbung

Heute stehen in der hessischen Metropole 23 Velotaxis zur Verfügung, die von rund 30 Fahrerinnen und Fahrern gemietet werden. Die Pedaletreter sind rechtlich selbstständig und als Kleinunternehmer angemeldet, halten sich aber freiwillig an das gemeinsame Outfit und tragen schwarz-weiße Trikots. „Das schafft Markenerkennung“, sagt Matthias Graf.

Das Geschäftsmodell sieht so aus: Die Fahrer mieten ihr Velotaxi für 12 bis 14 Euro pro Tag an. Was sie mit ihren Fahrten verdienen, bleibt komplett bei ihnen. Die Miete wiederum fließt nahezu vollständig in den Erhalt der Lastenfahrräder und die Beschaffung neuer Taxis. Immerhin kostet so ein Gefährt rund 10.000 Euro. Das Unternehmen selbst verdient sein Geld mit Werbung und Promotion-Aktionen, etwa auf Messen. Da die Fahrzeuge ein echter Hingucker sind, nutzen Firmen die Werbeflächen, um ihre Bekanntheit zu erhöhen. Die Frankfurter Sparkasse gehört dabei zu den treuesten Werbekunden, was wiederum Firmenchef Graf mehr Planungssicherheit gibt. „Dadurch haben wir einen Grundstock für unsere jährliche Finanzierung“, sagt er.

Die „Zehn Gebote“ bei Velotaxi

1. Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben. Spiele dich nicht als Herrgott auf und halte dich nicht für allwissend oder allmächtig. Höre auf dein Gewissen und sei offen für Gedanken deiner Mitarbeiter. Führe deinen Betrieb nach christlichen Grundsätzen und orientiere dich an bleibenden Werten.

2. Du sollst den Namen Gottes nicht missbrauchen. Nutze Gott und die religiösen Symbole nicht zu Werbezwecken. Rede nicht von höchsten Werten, wenn du nicht danach handelst. Verstecke deine Geschäftsinteressen nicht hinter hohen moralischen Ansprüchen.

3. Du sollst den Tag des Herrn heiligen. Halte dir einen Tag frei als Zeit des Auftankens, der Danksagung und des familiären Lebens. Respektiere die religiösen Ansprüche deiner Mitarbeiter. Achte darauf, zur Ruhe und Besinnung zu kommen in der Hektik des Alltags.

4. Du sollst Vater und Mutter ehren. Kümmere dich um Väter und Mütter, die sich für die nächste Generation einsetzen und somit die Zukunft sichern. Fördere den Einsatz älterer Mitarbeiter, so wie du jungen Menschen eine Chance gibst.

5. Du sollst nicht töten. Sorge dafür, dass dem Leben dienliche Güter und Leistungen in humaner Weise entstehen. Beachte die Menschenwürde, verängstige nicht deine Mitarbeiter und verhindere „Mobbing“. Vernichte nicht deine Konkurrenten. Sie sind notwendig für den Wettbewerb und sollen deine Leistung beflügeln. Trage zur Schlichtung eines Konflikts in Deinem Betrieb bei. Fördere die Vergebungsbereitschaft der Konfliktpartner.

6. Du sollst nicht ehebrechen. Sei nicht so mit einem Unternehmen „verheiratet“, dass deine Familie darunter leidet. Bedenke die Treuepflicht gegenüber deiner Familie. Sei dir auch der Loyalitätspflicht den Kunden gegenüber bewusst, denen du zu dienen hast.

7. Du sollst nicht stehlen. Achte Mensch, Tier und Pflanze und engagiere Dich für den Erhalt der Schöpfung. Berechne keine Leistung, die Du nicht erbracht hast, und führe auch andere nicht in Versuchung. Sei treu in kleinen wie in großen Dingen. Sei ehrlich mit deiner Buchführung und diene dem Staat mit deiner Steuerabgabe.

8. Du sollst nicht falsch gegen deinen Nächsten aussagen. Unterlasse wahrheitswidrige Aussagen über Mitarbeiter, Kunden und Konkurrenten. Verspreche nicht mehr, als du halten kannst. Täusche nicht durch irreführende Verheißungen und Werbung. Bleib glaubwürdig.

9. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Frau. Handle nie bloß nach Sympathie. Fördere keine Mitarbeiter, nur weil du eine persönliche Vorliebe für sie hast. Achte die privaten und geschäftlichen Beziehungen deiner Geschäftspartner.

10. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Gut. Zügele deine Begehrlichkeit. Halte deinen Egoismus im Zaum. Vermeide die Laster des Neides und Geizes. Freue dich, dass auch andere Erfolg haben.

Für Velotaxi frei interpretiert nach den Zehn Geboten für Unternehmer des BKU.

Konfirmation am 1. Weihnachtstag

Die Begeisterung für ein ökologisches Transportmittel ist bei dem 52-Jährigen in den 1990er-Jahren entstanden. Matthias Graf kommt aus einem christlichen Elternhaus in Berlin. In der Landeskirche wird er konfirmiert – ungewöhnlicherweise an einem 1. Weihnachtsfeiertag, weil der Pastor nach Peru auswandert und vorher noch mit seinen Schützlingen diesen großen Tag feiern will. Als junger Erwachsener wird sein Glaube „schleichend passiver“, erinnert sich Graf.

Graf macht eine Karriere als Tänzer. Er tritt in Tanz- und Animationsshows auf, zeigt sein Können in Diskotheken und Hallen. Außerdem vermittelt er mit seiner Agentur ab 1995 Künstler für Veranstaltungen. Und dabei stößt er 2003 er auf die Idee, mit Fahrradrikschas Geld zu verdienen. Ursprünglich nur als Eventmodul für die Agentur gedacht, entwickelt sich das ungewöhnliche Transportunternehmen zu einem eigenen Wirtschaftsbetrieb.

Beeindruckt von einem Insolventen Anfang der 2000er kommt auch die Rückbesinnung auf den christlichen Glauben. Der umtriebige Unternehmer besucht den Kongress christlicher Führungskräfte 2005 in Nürnberg. Dort erlebt er den Selbstständigen Karl Schock, der erzählt, wie er als Christ mit der Insolvenz seiner Firma umgegangen ist. „Das hat mich tief beeindruckt“, sagt Graf. Auch eine Tagung mit dem Benediktinerpater Anselm Grün hinterlässt Spuren; ebenso die neue Freundschaft mit dem Ehepaar Wolfgang und Ursula Lindner, die im Frankfurter Frischezentrum einen Großhandel für Obst, Gemüse und andere Nahrungsmittel führen und engagierte Christen sind.

Graf findet in die christliche Gemeinschaft zurück. In Nidderau bei Hanau schließt er sich einer Freien evangelischen Gemeinde an, die sich in der Gründungsphase befindet und ihre ersten Gottesdienste in einem Küchenstudio abhält. „Ich fand das mutig, dass die in ein Unternehmen gehen, um ihren Glauben zu feiern.“ Heute gehört er zur Evangelischen Gemeinschaft in Nidderau. Auch im Verband „Christen in der Wirtschaft“ (CiW) wird er schnell Mitglied, engagiert sich von 2009 bis 2012 sogar im Vorstand.

Zehn Gebote im Büro

Seit dieser Zeit versteht er sich durch und durch als christlicher Unternehmer. Im Büro hängen die „Zehn Gebote“ für seine Firma an der Wand (vgl. oben) – angelehnt an die Übertragung fürs Geschäftsleben, die der Bund Katholischer Unternehmer entwickelt hat. Auch Plakate von www.gott.net geben Denkanstöße für Mitarbeiter wie Besucher. Grafs im Neuen Testament begründetes Selbstverständnis: „Ich will Licht und Salz sein.“ Das bedeutet, dass er so leben möchte, dass andere ihn auf seinen Glauben ansprechen. Und das geschieht auch. Immer wieder werde er gefragt, woher er seine Gelassenheit nehme und woher seine positive Ausstrahlung rühre. Fragen, die Matthias Graf gerne beantwortet und von Jesus Christus erzählt, den er für das größte Vorbild aller Zeiten hält.

Dass er mit seinem Unternehmen einen vorbildlichen Weg eingeschlagen hat, wurde ihm durch verschiedene Ehrungen bestätigt: Unternehmen des Monats, Deutscher Bürgerpreis, Frankfurter Tourismuspreis. Und nun also eine Auszeichnung im Frankfurter Ideenwettbewerb Klimaschutz. Verbunden damit ist die Förderung eines neuen Akkutauschsystems mit 7.000 Euro. Für die Fahrer bedeutet dieses System eine erhebliche Erleichterung. Moderne Lithium-Akkus halten zwar bis zu acht Stunden, doch im Sommer sind weitaus längere Taxidienste möglich. Die Lösung: Akkus werden nur noch gemietet und können an Tauschstationen gewechselt werden. Der Anbieter wird digital über Ladezustand und Qualität der Batterien informiert und kümmert sich darum, dass nur funktionierende Energiespeicher zum Einsatz kommen. Da der bisher fest eingebaute Akku rund 1.600 Euro kostete, ist das neue tauschbare Mietmodell sehr viel attraktiver und gleichzeitig flexibler als das herkömmliche Besitzermodell.

Mission und Ökologie zusammenbringen

Bei christlichen Unternehmern vermisst Matthias Graf das aus seiner Sicht erforderliche Umweltbewusstsein. „Ökologie wird unter Christen zu wenig diskutiert“, findet er. Bei Christen in Businesskreisen werde sein Engagement zwar gelobt, doch Mission stehe immer im Vordergrund. „Die Schöpfung läuft nebenher.“ Dabei hätten auch christliche Chefs aufgrund gesetzlicher Vorgaben erheblichen Handlungsbedarf – etwa bei Fragen der Ökobilanz oder der Klimaneutralität. Bei Modellen wie Geschäfts-E-Bikes oder Leasing von Elektrofahrzeugen durch Mitarbeiter seien die Kirchen bereits weiter als viele fromme Unternehmer. Graf empfiehlt, in den Verbänden Plattformen zu schaffen, wo die Mitglieder Inspiration zu Fragen von Klima, regenerativer Energie oder EMobilität erhalten. Das könnte den erforderlichen Wissenstransfer ermöglichen.

Oster- statt Weihnachtsgruß

Der preisgekrönte Unternehmer fühlt sich in seiner Arbeit gesegnet. Und diesen Segen will er weitergeben. Beispielsweise unterstützt die Firma mit Ihrer Danke-Tag-Initiative die Schutzengel-Aktion des Frankfurter Mädchenhauses. Außerdem – und das ist ungewöhnlich – verzichtet Graf auf den Versand von Weihnachtskarten. „Die gehen sowieso nur unter“, so seine Erfahrung. Stattdessen verschickt sein Unternehmen Grüße zu Ostern. Das erinnere nicht nur an das höchste Fest der Christenheit, sondern passe auch perfekt zum Saisonstart für die Velotaxis, die in den Wintermonaten Pause haben.

Übrigens: Wer bei seinem nächsten Besuch der Frankfurter Messe eine Fahrt mit dem Velotaxi vom Hauptbahnhof zum Messegelände plant, sollte acht Euro in der Geldbörse haben. So viel kostet der Transport in der modernen Fahrradrikscha.

 

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