Wenn das Ego dem Erfolg im Weg steht: „Dienende Führung“ macht Teams besser und stärker

Servant Leadership – zu deutsch: Dienende Führung – ist ein urchristlicher Leitungsstil, der sich an Jesus Christus orientiert. Was das konkret bedeutet, beschreiben erfahrene Autoren aus Wissenschaft und Wirtschaft in dem neuen Sammelband „Führen durch Dienen – Perspektiven, Reflexionen und Erfahrungen zur Praxis von Servant Leadership“. Die beiden Herausgeber, Hans Jürgen Arens und Michael vom Ende, erläutern im Interview, worum es dabei geht und welche Hürden für diesen Führungsstil überwunden werden müssen.

 

Herr vom Ende, Herr Arens, wann und wie stießen Sie auf die Idee der „Dienenden Führung“, der „Servant Leadership“?

Hans Jürgen Arens: Bei der Masterclass „Inspirieren en Dienen“ des Vincent de Paul-Center Nijmegen und de Paul University Chicago 2017/2018, wo Menschen aller Berufe durch die Idee des „Servant Leaders“ inspiriert wurden.

 

Was fasziniert Sie daran am meisten?

Hans Jürgen Arens: Zu sehen und zu erleben, wie Konflikte minimiert werden, Verständnis untereinander gestärkt wird und freie, reife Menschen Freude an der Gestaltung von Leben und Arbeit haben.

 

Konnten/Können Sie „Dienende Führung“ in Ihrem Berufsalltag umsetzen? Welche Erfahrungen haben Sie dabei gemacht?

Hans Jürgen Arens: „Dienende Führung“ ist nicht nur auf den Berufsalltag begrenzt. Kern ist, sich selbst zurückzunehmen, sich selbst zu führen und zu versuchen, Menschen – auch unangenehme – in ihrer Bedeutung zu akzeptieren. Dies fördert Menschen und Ergebnisse.

Michael vom Ende: Ohne diesen Leitungsstil kann ich mir nachhaltige und erfolgreiche Führung nicht mehr vorstellen. Menschen bleiben im Unternehmen und sind erfolgreich, wenn unser Ansinnen ist, sie erfolgreich zu machen – und nicht uns!

 

Hilfreich: Wertschätzende Fragen
 
Was wäre ein erster Schritt?

Michael vom Ende: Das eigene Ego nicht vor sich hertragen, alle Mitwirkenden an einer Aufgabe durch wertschätzende Fragen stärken – statt sich selbst als stark in Szene zu setzen.

 

Womit tun sich die meisten Führungskräfte schwer, und inwiefern kann „Dienende Führung“ Abhilfe schaffen?

Michael vom Ende: Es ist schwer zu akzeptieren: Führung ist primär Selbstführung, und „Servant Leadership“ ist „unlearning management“! Dieser Ansatz ist grundlegend anders als die übliche Praxis.

 

Sie setzen die Konzepte in Unternehmen und Organisationen mit christlichem Hintergrund ein. Ist die „Dienende Führung“ prädestiniert dafür? Und wenn ja, weshalb?

Michael vom Ende: Zunächst: Das Konzept der „Dienenden Führung“ gilt für jede Gruppe, Organisation oder Unternehmen und nützt ihr. Dann: Achten ist das Gegenteil von ver-achten. Die Geschichte lehrt: Menschen zu verachten führt in Katastrophen. Dabei sind christliche Überzeugungen hilfreich. So haben zum Beispiel die Väter der europäischen Einigung, Schumann, de Gaspari und Adenauer, auf gemeinsamer christlicher Basis Wege ins vereinte Europa geschaffen.

 
Corona fordert andere Führung
 
Die Coronakrise und das daraus abgeleitete „Neue Normal“ stellen eine Möglichkeit dar, das in Deutschland noch weitgehend unbekannte Konzept einer breiteren Zahl an Führungskräften vertraut zu machen und im Arbeitsalltag zu implementieren.
Welche Prinzipien von „Dienender Führung“ sind hierbei besonders hilfreich? Und weshalb?

Michael vom Ende: Corona fordert eine neue Organisation der Arbeit. Das braucht neue Formen der Führung, denn die Menschen sind ja dieselben. Im Zuge dieser Veränderungen zu steigender Selbst-Achtung und Selbst-Verantwortung zu ermutigen, mehr und mehr durch Coaching zur erfolgreichen Lösung konkreter Aufgaben zu ermutigen und zu befähigen, stärkt die Motivation aller für den gemeinsamen Erfolg.

 

Wie lässt sich „Dienende Führung“ auch im Privaten umsetzen? Was sind die Unterschiede?

Michael vom Ende: Ich sehe keine Unterschiede! „Dienende Führung“ ist grundsätzlich eine lohnende Aufgabe für jeden und für jede Situation. Die Fähigkeit zu qualifizierter Eigenreflexion und eine Zurücknahme des eigenen Egos ist eine Aufgabe für das ganze Leben, ob privat, im Verein oder im Beruf.

 

Beeindruckende Vorbilder

 

Welcher Servant Leader hat Sie am meisten beeindruckt und weshalb?

Hans Jürgen Arens: Fraglos der Bauunternehmer Jesus von Nazareth, der seinen schwächeren Freunden zum Beispiel deren Füße wusch. Aber auch alle Menschen, die diesen Vorgaben zu folgen suchen; Unternehmer, die sich um ihre Mitarbeiter, Gesellschaft und Unternehmen sorgen. Bedeutend sind Menschen, die extremen Einsatz für die Ärmsten leisteten: Mutter Teresa, Franz von Assisi, Vinzenz von Paul, der die erste landesweite Caritas organisierte und sich um Leib und Seele der Ärmsten sorgte, ihnen Würde schenkte und Stärke für ein eigenständiges Leben vermittelte.

 

Welche Grenzen sind dem Konzept der Dienenden Führung gesetzt? Und wie lassen sie sich vielleicht doch überwinden oder bestimmte Aspekte weiterentwickeln?

Hans Jürgen Arens: Grenzen des Konzeptes der „Dienenden Führung“ gibt es keine. Allerdings hat dieses Konzept wenig Chancen im Umfeld dominierender menschlicher Perversionen, Bösartigkeiten, Lug und Trug sowie bösartigem Terror. Die ausführenden „Figuren“ mit ihren diabolischen „Begabungen“ (Stalin, Hitler etc.) müssen mit allen rechtmäßigen Mitteln bekämpft oder leidend ertragen werden.

 

Über sich selbst lachen

 

Inwiefern unterscheidet sich das amerikanische Original „Servant Leadership“ vom gemeinhin als „Dienende Führung“ übersetzten Konzept, wie es im deutschsprachigen Raum verwendet wird?

Michael vom Ende: Inhaltlich gibt es keinen Unterschied. Die Aufnahme, Rezeption im deutschsprachigen Europa unter dem Label „Dienende Führung“ ist soziologisch durch verschiedene Vorbehalte anders als in den USA und Kanada. Andererseits zeigt die Praxis, dass immer mehr Unternehmen mit Teilaspekten des Prozederes der „Dienenden Führung“ bereits Erfolge für Menschen und Unternehmen realisieren.

 

Unter welchen Voraussetzungen kann Dienende Führung am besten gelingen?

Hans-Jürgen Arens: „Dienende Führung“ gelingt Menschen, die in der Lage sind, über sich selbst hinwegzusehen, eigene Schwächen erkennen und akzeptieren und letztlich über sich selbst auch herzhaft lachen können!

 

 

 

 

Die Herausgeber
Dr. rer. oec. Hans Jürgen Arens war in führenden Positionen in Wissenschaft und Unternehmen. Er ist Autor zahlreicher Fachbuch- und Fachzeitschriftenpublikationen zu raumwirtschaftlichen, energiepolitischen, logistischen und historischen Themen. 2017/18 folgten Teilnahme und Abschluss der Masterclass „Inspirieren en Dienen“ des Vincent de Paul Center Nijmegen (NL) in Kooperation mit der dePaul-University of Chicago (USA). Er ist zudem Beirat der Diözesangruppe der Vinzenzkonferenzen des Bistums Münster.

Michael vom Ende (Marburg/Würzburg) ist Geschäftsführer von faktor c, einer Initiative von Christen in der Wirtschaft. Der Kaufmann und Theologe begrüßt die breite und verzahnende Mitwirkung aus den beiden Bereichen Wirtschaft und Kirche, die immer noch überwiegend miteinander „fremdeln“.

Buchhinweis
Hans Jürgen Arens, Michael vom Ende (Hg.): Führen durch Dienen. Perspektiven, Reflexionen und Erfahrungen zur Praxis von Servant Leadership. 174 Seiten, 34,95 Euro. Erich Schmidt Verlag (Berlin) 2021

Hier zu erwerben

Foto Titel: iStock.com/AscentXmedia

Aus dem faktor c Magazin 01/2021

Ein Wochenende für in der Wirtschaft Tätige ab 58 Jahren (Ü58).

Die einen richten sich auf das Ende des (bezahlten) Arbeitslebens ein, die anderen auf mindestens 20 weitere Arbeitsjahre. Wir arbeiten an den gemeinsamen Fragestellungen…

Newsletter bestellen

Bitte tragen Sie in das Feld Ihre Mailadresse ein.

     Ich bin damit einverstanden, dass meine Daten im Rahmen der Datenschutzerklärung verwendet werden.