Von «Schwarzen Elefanten» lernen – Die Corona-Pandemie wirft uns auf christliche Tugenden zurück

Corona hat viele von uns überrumpelt. Und mancher ist verwirrt über die Kommunikation und die Vorschriften der Politik und die Widersprüchlichkeit der Fachleute. Kann es sein, dass Wissenschaft und Staat unvorbereitet waren? Steht eine Verschwörung dahinter? Müssen wir diese Krankheit als «Reiter aus der Apokalypse» fürchten? Oder geht es um etwas anderes, das wir neu erlernen müssen? Ein Zukunftsforscher erläutert, in welche Megatrends die Pandemie gestoßen ist und welche Konsequenzen Christen daraus ziehen sollten.

 

Kennen Sie den «Schwarzen Schwan»? Nassim Nicholas Taleb prägte 2007 diesen Begriff. Ein «Schwarzer Schwan» ist ein neues Ereignis, dessen Eintreten im vornherein nicht erkennbar ist und das eine unerwartete Tragweite mit einem starken Einfluss auf die bisherige Normalität hat. Es kann sogar zu einem Wechsel führen, bei dem bisherige Regeln nicht mehr gelten. Im Gegensatz dazu führte John A. Sweeney 2016 den Begriff des «Black Elephant» ein: Der „Schwarze Elefant» ist ein Ereignis, das mit hoher Wahrscheinlichkeit eintreten wird. Es gibt offensichtliche Anzeichen, aber diese werden ignoriert. Eigentlich handelt es sich um ein biblisches Thema: Propheten erklären und warnen – aber sie werden nicht beachtet.

 

Corona war ein «Schwarzer Elefant»

 

Corona war kein «Black Swan», sondern ein «Black Elephant». Vom 14. bis zum 20. Jahrhundert waren Seuchen wie die Pest, Pocken und Polio Realität in Europa. Zwischen 1889 und 1978 forderte das Influenza-Virus die Welt fünf Mal als Pandemie heraus. Im Europa des 21. Jahrhunderts haben wir uns daran gewöhnt, dass Krankheiten kaum noch ein Problem sind: Gesundheit ist zu unserem höchsten Wert geworden, wir reklamieren einen Anspruch als öffentliches Gut, ohne dass wir uns einschränken wollen.

Wir fordern «öffentliche Sicherheit» und «Public Health» als öffentliche Güter, die uns der Staat zur Verfügung stellt, und haben verlernt, dass wir Eigenverantwortung übernehmen und Verzicht leisten müssen. Wir haben uns an die Fortschritte in der Medizin gewöhnt, sind fasziniert von den Erfolgen der Spitzenchirurgie und verstehen nicht, dass eine Infektionskrankheit etwas anderes ist. Und nun sind wir durch Covid-19 überrumpelt worden. Dabei ist in der Früherkennung von Staat, Armee und Wissenschaft das verheerende Risiko einer Pandemie seit zwanzig Jahren ein Thema.

Doch warum ist nun Corona seit Frühling 2020 zu einer umfassenden Krise ausgeartet und nicht bereits die Hongkong-Hühner-Grippe 2006 oder die mexikanische Schweine-Grippe 2009? Wir erleben aktuell einen Paradigmenwechsel, der grösser ist als bisher vermutet. Nein, keine grosse Verschwörung, sondern eine Veränderung durch Megatrends.

 

Statt «Kaltem Krieg» nun «Kalte Pandemie»

 

1945 bis 1990 hatten Nachkriegs-, Babyboomer und X-Generation Angst vor dem «Kalten Krieg», der zwar nie ausbrach, aber trotzdem weltweit Feindbilder, Rüstungsindustrie, Werte und Kultur beeinflusste. Auch viele Christen waren sich sicher – der Antichrist kommt aus dem Kommunismus.

Die jungen Generationen Y, Z und Alpha werden sich nun auf eine «Kalte Pandemie» vorbereiten müssen: Eine Epoche der wiederkehrenden Angst vor neuen Pandemien. Unsere Gesellschaft, die erwartet, dass so viel mit Technik, Geld und Gesetzen lösbar ist, muss wieder lernen, mit dubiosen Ängsten zu leben. Bloß – wie leben wir mit so viel Ungewissheit und Ängsten, wenn wir Tugenden wie Hoffnung und Gottvertrauen nicht mehr verstehen? Als Christen sind wir gefordert, nicht ins Horn eines apokalyptischen Reiters zu blasen, sondern die Tugend der Hoffnung wieder zu entdecken und anzuwenden.

 

Megatrends prägen uns

 

Veränderungen geschehen nicht einfach so – häufig stehen sie in Zusammenhang mit Megatrends. Einige sind in Zusammenhang mit Corona besonders wichtig:

Gesundheit ist zum höchsten Wert unserer Gesellschaft geworden, wichtiger als Freiheit. Die Gesundheits-industrie ist dabei, an die Stelle der Rüstungsindustrie zu treten und unser öffentliches Bewusstsein in ähnlicher Weise zu prägen. Wir sind gefordert, den Spagat zu meistern, wo Kranke geheilt werden sollen – und wo wir der Angstmacherei begegnen sollen. Wir müssen einen Weg finden, wie wir der Angst vor dem Tod begegnen – in einer Welt, die nicht mehr an Ostern glaubt.

Alte Menschen sind demografisch, politisch und wirtschaftlich ein wichtiger Teil unserer Gesellschaft. Aus traditionellen und biblischen Gründen achten und schützen wir unsere Senioren als arme und schwache Menschen. Doch die Generation 55plus stellt bald die politische Mehrheit der Wählenden, und die Kaufkraft der Rentner ist für viele Produkte und Dienstleistungen entscheidend. Wie werden wir nun nicht nur alt, sondern weise? Und was bedeutet Weisheit, wenn andere gesellschaftliche Gruppen zukünftig viel gefährdeter sein werden, die politisch und wirtschaftlich weniger mächtig sind?

Wir leben in einer Null-Prozent-Risiko-Gesellschaft – niemand will schuld sein. Wir wollen vor aller Welt als Musterschüler gelten, es besser wissen und besser machen. Wir setzen Sünde mit Fehler gleich und vermeiden diese unbedingt. Doch damit verhindern und verpassen wir Chancen, die wir brauchen, um Zukunft gestalten zu können. Als Christen können wir aktiv eine Kultur gestalten, die Mut und Zuversicht lebt, weil wir an einen kreativen Gott des Lebens glauben. Wir glauben an Wahrheit und Verantwortung – und an die Vergebung von Schuld und Sünde. Dies gilt es neu zu erklären und zu leben.

Wir leben in einer schnelllebigen und lauten Welt von Medien und Social Media. Alles muss einfach, schnell und kurz sein. Aufmerksamkeit ist wichtiger geworden als Wahrheit und Korrektheit. Authentizität und Vertrauenswürdigkeit sind nötig, wenn wir in einer Demokratie unsere Elite wählen, der wir Entscheidungen zugestehen, wenn wir keine Zeit und keinen Überblick für den Faktencheck haben, weil alles viel zu schnell geht. Und zugleich zeigt uns der Blick in die Bibel, wie wichtig die Tugenden der Geduld und des Ausharrens sind. Dabei geht es nicht um Passivität, sondern um «Langmut» – den Mut nicht aufzugeben, sondern beharrlich dranzubleiben.

Vor Corona haben wir in einer «globalisierten Welt» der Bewegungs- und Reisefreiheit, der Konsum- und Kauffreiheit und Verfügbarkeit gelebt. Doch plötzlich stösst die freie Wirtschaft an Grenzen, und eine starke Politik und geschlossene Grenzen werden akzeptiert. Wir leben in einer ökonomisch und technisch perfektionierten Welt, die darauf baut, dass alles wie geplant funktioniert: Und nun müssen wir wieder Lagerhaltung, Redundanzen und einen Plan B vorsehen. Unsere Kultur der Planbarkeit hat eine Grenze gefunden. Und als Christen müssen wir Gottvertrauen und Zuversicht beweisen, wenn Hilflosigkeit, Mangel und Not wieder Realität sind.

Wir haben mit grossem Aufwand die «Digitalisierung» vorangetrieben – und nun zeigt Corona, wie viel nicht nur denkbar, sondern tatsächlich und schnell umsetzbar ist: Homeoffice für Erwachsene, Distance Learning für Kinder, Home-Entertainment, Home-Shopping und Home-Church. Dabei sind wir und besonders unsere Teenager bereit, virtuelle Ersatzwelten rund um die Uhr zu akzeptieren und die Realitäten unseres Körpers zu ignorieren.

Schon in der Antike tobte die Debatte, ob der Mensch nun primär ein Geist- oder ein Körperwesen sei. Der Mensch ist eben beides: als Geschöpfe haben wir körperliche Bedürfnisse und Grenzen, und zugleich leben wir auch in geistlichen, emotionalen und sozialen Realitäten. Es geht nicht um ein Entweder-Oder, sondern um ein Miteinander: beim digitalen und realen Leben, bei Körper, Seele und Geist, bei Gottesliebe, Selbstliebe und Nächstenliebe. Achtsamkeit als Gegentrend zur Digitalisierung greift diese Themen auf. Nun können wir diese christliche Kompetenz aktuell einbringen – aber bitte in einer Sprache und mit Bildern und Konzepten, die im dritten Jahrtausend verstanden werden.

Corona ist ein Katalysator, der diese Megatrends beschleunigt und steigert. Dies ist eine Herausforderung an uns, unsere Denkmuster und Weltbild weiterzuentwickeln. Also nicht in einer ängstlichen Haltung, in der wir vergangene Welten verteidigen wollen, sondern in einer hoffnungsvollen Haltung, so dass wir neue und lebenswürdige Welten gestalten können.

 

Was wir lernen müssen

 

Wir leben in einer «bildungsbürgerlichen Wissensgesellschaft». Corona zeigt uns auf drastische Art eine fehlende Kompetenz auf: wir müssen mit Nichtwissen und Halbwissen umgehen können.

Wir leben in einer Welt, die an Zahlen glaubt. Der Umgang mit Corona-Statistiken in Politik und Medien zeigt, dass wir neue Wege im Umgang mit unscharfen und dynamischen Werten brauchen.

Wir leben in einer Machbarkeits- und Planbarkeitsgesellschaft. Wir brauchen neue Kompetenzen im Umgang mit komplexen Problemen, die nicht auf einfache Art lösbar sind.

In dieser Krise erkennen wir, dass wir eben keine technisch planbaren Maschinen, sondern Menschen sind. Und als solche brauchen wir Hoffnung und Vertrauen, um würdig leben zu können.

Als Christen glauben wir an Glauben, Liebe und Hoffnung. Wir haben zweitausend Jahre lang um den richtigen Glauben gestritten. Corona fordert uns heraus, Liebe und Hoffnung neu zu entdecken.

 

 

 

Von Andreas M. Walker

Dr. Andreas M. Walker, Jahrgang 1965, zählt zu den führenden Zukunftsexperten der Schweiz. Er ist Ehrenmitglied und ehemaliger CO-Präsident von swissfuture. 2009 begründete er das «Hoffnungsbarometer». Walker war 2005 Mitautor des Szenarios für die Schweizer Regierung über den Ausbruch einer neuartigen Pandemie. Er war Mitglied der Synode der reformierten Kirche Basel, Gründungspräsident der Akademie christlicher Führungskräfte Schweiz, Referent beim Kongress christlicher Führungskräfte und beim Deutschen Evangelischen Kirchentag.

www.weiterdenken.ch/corona-covid-19

 

Buchhinweis:

KRAFFT ANDREAS und WALKER ANDREAS M. (2018) Positive Psychologie der Hoffnung: Grundlagen aus Psychologie, Philosophie, Theologie und Ergebnisse aktueller Forschung. Springer. ISBN 978-3662562000

 

Aus dem faktor c Magazin 01/2021

 

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