Unsicherheit ist das neue Normal

Warum wir Zwischenzeiten annehmen und gestalten sollten

 Immer leben wir in einer Zwischenzeit. Nur noch die nächsten drei Wochen Kontaktsperre, nur noch zwei Monate den stressigen Job aushalten, dann gibt’s endlich Urlaub … und dann? Dann beginnt die nächste Zwischenzeit, die nächste Kontaktsperre und der nächste Stress im Büro. Zwei Young Professionals von faktor c empfehlen: Sehen Sie das „in between“ und als Chance und gestalten Sie die Zwischenzeit.

 

Das Zwischen” ist ein spannender Geselle. Manchmal sitzen wir zwischen den Stühlen, das ist recht unbequem. Fallen wir runter, ha, ein Zwischenfall! Den Zahnzwischenräumen widmen wir uns meist zu wenig, sagt der Zahnarzt, nachdem wir im Wartezimmer die Zeit zwischen Ankommen in der Praxis und dem Termin mit Warten verbracht haben. Obwohl wir tagtäglich mit dem Zwischen zu tun haben, ist es doch meist negativ besetzt. Zwischenzeiten sind das notwendige Übel, ein Provisorium, das es zu überbrücken gilt, bis es dann richtig” weitergeht. Die Zeit der großen Unsicherheit als Übergang vom einem zum anderen Sicheren ist unbeliebt. 

Aber ist dieses negative Bild vom Zwischen noch zeitgemäß? Während früher Arbeitnehmer ihr gesamtes Berufsleben bei einem einzigen Unternehmen verbracht haben, konnte es noch angehen, dass die Zeit zwischen zwei Jobs tatsächlich ungewohnt, negativ und unangenehm war. Aber heute, wo Unternehmen sich schneller restrukturieren als die passenden Organigramme geschrieben werden können, man projektbasiert arbeitet oder gleich ganz freelanced”, gehört der Zustand zwischen den Projekten, der Übergang vom einen zum anderen ganz selbstverständlich zum Berufsalltag dazu. Das beschreibt im Kern auch der VUCA-Begriff: Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität sind kennzeichnend für unsere Gesellschaft und unser Wirtschaften. Mutet da die Vorstellung der Stabilität, die nur von kurzen, störenden Zwischenzeiten unterbrochen wird, nicht wie der Traum aus einem vorigen Jahrhundert an? 

Das „Dazwischen“ akzeptieren

Nicht zuletzt die vergangenen Monate der Covid-Pandemie führen uns vor Augen, dass wir den Lockdown nicht als kurze Störung des sonst so stabilen Alltags begreifen sollten, sondern – zumindest eine Zeit lang – als neue Realität. Es wird Zeit, dass wir das Dazwischen lieben lernen und anerkennen, dass Dazwischensein zunehmend das Normale ist, das wir nicht bekämpfen, sondern mit dem wir leben müssen. Die Zwischenzeit, die Unsicherheit, das Schwankende – all das führt uns nicht zum neuen Normal, es ist das neue Normal.

Wer schon mehrfach umgezogen ist, kennt die Frage: Packt man alle Kisten aus und richtet sich schön ein, um Wohnung und neuer Stadt eine reale Chance zu geben? Oder weiß man innerlich, dass die Bude sowieso nur eine Zwischenstation ist und man ein paar Monate auch aus Kisten leben kann? (Und nachher sind es eben doch ein paar Jahre geworden.) Wir sollten das Dazwischen nicht mehr ignorieren, sondern Wege finden, wie wir es akzeptieren und in unser Leben integrieren können.

Tanzen hält stabil

Wie baut man eigentlich besonders erdbebensicher? Indem man das festeste und statischste Gebäude der Welt baut, das sich keinen Millimeter bewegt – wie der Fels in der Brandung? Auf keinen Fall! Erdbebensichere Gebäude bewegen sich und gleichen so die Schwankungen der Erde aus. Also Tanzen statt Stillstehen ist das Rezept! Wer in der Zwischenzeit dem Alten, Stabilen nachtrauert, ist überhaupt nicht in der Lage, sich auf Neues einzulassen und flexibel auf neue Umstände zu reagieren. Wer etwas mit der Hand festhält, kann nichts Neues empfangen. 

Viele Unternehmen führen moderne Bürokonzepte ein, nehmen ihren Mitarbeitern die Schreibtische weg, sodass sie sich jeden Morgen einen neuen Platz suchen müssen. Hot Desking oder Flexspace nennt sich das. Was viele Unternehmen dabei vor lauter Berechnungen der Flächeneffizienz völlig übersehen, ist die psychologische Komponente. Das einzig Stabile in einem Unternehmen, das permanent Strategien wechselt, Organisationsstrukturen verändert und das Personalkarussell rotieren lässt, ist die Platte des eigenen Schreibtisches. Das Gleiche gilt fürs Balancieren: Wer wild mit dem Kopf wackelt, wird es schwer haben, auf einem Seil zu stehen. Wer dabei einen Punkt in der Ferne fixiert, hat Erfolg. VUCA hin, VUCA her, bei aller Dynamik gibt es Dinge in unserem Leben, die auch im Zwischenraum Bestand haben und sich als solche Fixsterne eignen. Die eigenen Werte, Beziehungen zu anderen Menschen, Träume und Wünsche, die einen antreiben, und schließlich: der Glaube. Wer sich seiner Fixpunkte bewusst ist, weiß auch in den unsicheren Zwischenräumen, auf welchen Punkt an der Wand sie oder er blicken kann.

Der Blick zurück

Manchmal hilft im Zwischenraum auch ein Perspektivwechsel. Aber wie schafft man den? Indem ich stehen bleibe, mich umdrehe und alles um mich herum wahrnehme. Und auch der bewusste Blick zurück lohnt sich, denn der dänische Philosoph Søren Kierkegaard hat einmal sinngemäß gesagt: Man kann das Leben nur vorwärts leben und nur rückwärts verstehen. Das kann konkret bedeuten: eine ruhige Zeit am Morgen, einen Tag Auszeit um Nachzudenken oder eben ein Sabbatical, so wie es Vivian und Joe Sasse machen.

Ich befinde mich gerade mitten in einer Zwischenzeit. Mein Mann und ich sind letztes Jahr von der Sinn- und Berufungsfrage getrieben aus unseren Jobs in der Industrie ausgestiegen, um zu reisen und herauszufinden, was wir gern mit unserer Lebenszeit machen wollen. Für die Begleitung haben wir uns einen Coach gesucht das Coaching hilft, dran zu bleiben und den Prozess systematisch anzugehen. Außerdem hilft mir in der ganzen Unsicherheit die tiefe Gewissheit und Zuversicht, dass Gott etwas Gutes mit uns vorhat. Der Blick zurück zeigt mir, dass SEIN Timing und jede größere Entscheidung rückblickend immer gut und sinnvoll waren. Das war es letztlich auch, was uns ermutigt hat, Sicherheiten hinter uns zu lassen und uns auf den Weg zu machen.” 

Vivian Sasse, Young Professionals Essen 

Wer den Überblick hat

Bei aller Komplexität, die der normal gewordene, ständige Wandel mit sich bringt, bei allem Verblüfftsein, Staunen und Verstehenwollen: Wir dürfen nicht vergessen, im Hier und Jetzt zu sein. Leben ist schon das Größte, was wir tun können. Es ist unser Imperativ, dass wir unsere eigene Existenz voll und ganz wahrnehmen und annehmen: das Wunder des Lebens, ein Teil dieser sich immer weiterentwickelnden Weltgeschichte zu sein. Bei allem, was passiert, ist der Prozess des Wandels das, was wir aus Gnade annehmen und weitergeben dürfen, was wir bei jedem Innehalten mit jedem Atemzug spüren dürfen. Wir haben das Bewusstsein, dass wir bewusst (auch im Dazwischen) sein dürfen. Die Schöpfungsgeschichte erinnert uns, dass nicht wir es sind, die das, was wüst ist, kontrollieren und überblicken, sondern der Geist Gottes. So können wir das, was wir als unangenehmen Zwischenraum bezeichnen, ganzheitlich annehmen. 

Hier kann es helfen, bei jeder guten oder bösen Überraschung im Privaten wie im Beruf dreimal tief durchzuatmen und uns daran zu erinnern, wer uns den Atem des Lebens eingehaucht hat. Wir können innerlich zur Ruhe finden, auch wenn es äußerlich unbeständig wütet, und klare Entscheidung zum Gestalten der Zwischenräume mit ruhigem Herzen treffen. 

Auch im beruflichen Alltag können wir von sich immer schneller ändernden Marktsituationen herausgefordert sein. Ein Beispiel dafür sind die sich im Vier-Wochentakt ändernden Öffnungsbedingungen im Lockdown. Was in der Softwareentwicklung mit agilen Methoden und im Design Thinking bereits lange bekannt ist, lässt sich auch auf andere Geschäftsbereiche übertragen: Manchmal müssen wir nicht schon den großen, genauen Plan haben. Zwischenstopps einplanen und Zielsetzung, Priorisierung und Arbeitsweise inkrementell zu überprüfen, lässt Luft zum Atmen, um auf geänderte Umstände reagieren zu können. Also Schritt für Schritt gehen – und dabei reaktionsfähig bleiben. 

Ein einzelner Mensch kann nicht die Dynamik und Komplexität des heutigen Business-Alltags alleine schultern. Deshalb ist es wichtiger denn je, die Zusammenarbeit im Team bestmöglich zu unterstützen. Interdisziplinarität, verschiedene Kulturen und verschiedene Generationen bieten ein schier unerschöpfliches Potenzial an Wissen und Lösungsansätzen!

Leben zwischen Hier und Himmel

Auch im Glauben fühlt es sich manchmal wie ein Dazwischen” an. Die meisten der in der Bibel beschriebenen Geschichten deuten darauf hin, dass der Charakter und die Beziehung mit Gott in dieser Zeit gestaltet werden: Das Volk Israel irrte fast 40 Jahre in der Wüste, die Jünger mussten drei Tage warten, bis das Grab leer war… Achten Sie beim nächsten Lesen mal darauf, wie oft die Zwischenzeiten vor und nach den großen Happenings behandelt werden. 

Das Reich Gottes ist angebrochen, aber noch nicht vollendet.” In dem Zwischenzustand unserer menschlichen Geschichte, unserer Existenz liegen zugleich unser himmlischer Auftrag und unsere Hoffnung. 

So hat es auch Nina Meyer erlebt:

Nach 5 Jahren in der Beratung, hat mir Gott mit 27 Jahren eindeutige Impulse gegeben, zu kündigen und auf den Pause-Knopf zu drücken. Mein Umfeld reagierte teilweise mit Kopfschütteln. Aber ich fühlte mich die ganze Zeit getragen und wusste, dass Gott den passenden Ort bereits für mich ausgesucht hatte. In der Pause-Zeit machte ich täglich eine Einheit für jeweils Körper, Geist und Seele und spürte, welchen Rückenwind ich so für den Neustart erhielt. Nach einem halben Jahr Zwischenzeit fing ich einen neuen Job als Teamleiterin in einem Start-Up an. Nun begann mit unserer Schwangerschaft eine neue Zwischenzeit.“

Nina Meyer, Young Professional und Vorstandsmitglied bei faktor c  

 Also, freuen Sie sie sich auf die nächste Zwischenzeit, und genießen Sie sie! Sie klopft vermutlich in diesem Moment an Ihre Tür …

 

Martin Schwemmle und Dorothea Lindner

 

Volle vier Tage Zwischenzeit

Das diesjährige Impact Weekend der faktor-c-Young-Professionals mit dem Thema “While in Between Gestalte die Zwischenzeit” findet vom 1. bis 4. Juli (Donnerstag bis Sonntag) in Rothenburg ob der Tauber unter strengen Hygieneauflagen statt. Infos/Anmeldung hier

 

Dr. Martin Schwemmle leitet seit acht Jahren das Impact Weekend der Young Professionals von faktor c und beschäftigt sich als Innovationsforscher und Design Thinking Coach am Hasso-Plattner-Institut mit Themen wie Design Thinking, New Work und der Förderung von Innovationen.  

Dorothea Lindner ist im Vorbereitungsteam für das Impact Weekend und coacht und begleitet ein Team in der agilen Softwareentwicklung in der KfW-Bank.

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