Todsünde Gier

Historische Ausstellung beleuchtet eine allzu menschliche Neigung

Der katholischen Kirche gilt sie als Todsünde, Wirtschaft und Wissenschaft sehen in ihr einen Entwicklungsmotor: Gier motiviert Menschen zu Außerordentlichem, Gefährlichem, Kriminellen. Das Stuttgarter Haus der Geschichte widmet ihr eine Ausstellung.

Es wäre so einfach, sich über die Gier des Menschen zu empören – wenn diese Gier nicht in jedem Menschen steckte. Der Bankencrash 2008 wurde vielfach auf die „Gier der Manager“ zurückgeführt, die vor windigen Geschäften nicht zurückschreckten, bis die Investitionsblase platzte. Dabei waren es auch die kleineren Anleger, die für das Versprechen von ein paar Promille mehr Rendite munter die Anlage wechselten. Gier regiert.

Im Haus der Geschichte in Stuttgart führt die Sonderausstellung „Gier. Was uns bewegt“ an 31 Stationen durch vielfältige Formen der Maßlosigkeit. Breite goldene Bänder durchziehen den dunklen Raum und deuten an, wie die Gier menschliches Handeln und damit auch den Verlauf der Geschichte beeinflusst. Bis zum 19. September ist der Ausstellungsbesuch möglich, derzeit aufgrund der Corona-Pandemie nur nach Terminvereinbarung.

Skandalöser Cum-Ex-Betrug

Wirtschaftsskandale nehmen erwartungsgemäß größeren Raum in der Schau ein. Dazu gehört der Cum-Ex-Betrug, bei dem sich Aktienhändler die Kapitalertragssteuer mehrfach zurückbezahlen ließen und einen Schaden von mindestens zehn Milliarden Euro anrichteten. Oder der legendäre Flowtex-Skandal, bei dem der Unternehmer Manfred Schmider Maschinen verkaufte, die nur auf dem Papier existierten, und sich in einer Art Schneeballsystem gigantische Kredite besorgte.

Licht und Schatten der Gier lassen sich bei wenigen Menschen so anschaulich zeigen wie bei dem genialen Chemiker Fritz Haber. Ihm gelang 1909 in Karlsruhe die Produktion von Ammoniak, womit er die Herstellung von Düngemitteln revolutionierte – mit segensreichen Auswirkungen auf die Nahrungsmittelversorgung. Im Ersten Weltkrieg leitete Haber das deutsche Chemiewaffenprogramm und organisierte den Einsatz von Giftgas. Die Ausstellung zeigt die Urkunde des Chemie-Nobelpreises, der dem neugierigen und erfolgsgierigen Haber 1919 verliehen wurde.

Baden-Württemberg hat als Exporteur von Waffen eine lange Tradition. Der „Pulverkönig“ Max Duttenhofer, der sogar in Russland Schießpulver herstellen ließ, oder der Gewehr-Fabrikant Paul Mauser erwarben sich riesige Gewinne mit ihren tödlichen Produkten. Noch 1989 baute eine Firma aus dem badischen Lahr für den libyschen Diktator Gaddafi eine Giftgasfabrik – mit einem Auftragsvolumen von 256 Millionen D-Mark.

Diamanten statt Gold

Gier trieb im 19. Jahrhundert auch den Kolonialismus an. Deutschland spielte dabei zwar eine vergleichsweise bescheidene Rolle und sicherte sich beispielsweise mit Südwestafrika ein nutzlos scheinendes Gebiet. Aber dann hieß es plötzlich, dort gebe es Gold. Das war zwar ein Schwindel, setzte jedoch eine Suchbewegung in Gang, die am Ende kein Edelmetall, sondern Edelsteine fand. Diamanten aus dem heutigen Namibia machten damals Menschen zu Millionären.

Zum Thema passt die Leidenschaft des Offenburger Ehepaars Hermann und Gretchen Cron, das Großwildtrophäen aus Afrika sammelte. Die Gier nach Elfenbein oder dem Horn des Nashorns ist bis heute unermesslich. So brachen spezialisierte Diebe 2012 ins Offenburger Museum ein, um dem ausgestellten Nashorn das Horn zu entreißen. Die Täter wurden später gefasst, das Horn ging wohl für immer verloren.

Der Hass gegen Juden in Deutschland war teilweise davon getrieben, deren Güter an sich zu bringen. Die Schau zeigt das beispielhaft an der südbadischen Stadt Lörrach, wo am 22. Oktober 1940 die jüdischen Bürger deportiert wurden. Ihr Besitz kam unter den Hammer, und einige Lörracher machten bei den Versteigerungen Schnäppchen, die sie sich ohne die NS-Verbrechen nicht hätten leisten können.

Sucht nach „Likes“

Die Sozialen Medien schaffen eine neue Form der Gier: nach Gesehenwerden, Zustimmung, „Likes“. Katharina Weber inszenierte sich bis 2019 auf der Plattform Instagram, um Follower zu begeistern und werbende Firmen zufriedenzustellen. Inzwischen ist sie ausgestiegen – und warnt heute junge Leute vor der Scheinwelt im Netz, die auch dazu führen kann, dass man beim Vergleich mit Influencerinnen an Selbstwertgefühl verliert.

Ein Blickfang der Ausstellung sind 135 Paare Turnschuhe des Stuttgarter „Jägers und Sammlers“ Danijel Balasevic. Er erzählt in einem Video, wie es zu dieser Leidenschaft kam. Und demonstriert damit, dass die Sucht nach Schuhen keine reine Domäne der Frauen ist.

Während es allgemein verpönt ist, als gierig zu erscheinen, sieht das in einer Disziplin anders aus: beim Fußball. Im Profi-Segment erklären Trainer eine Niederlage schnell mit dem Satz, die Mannschaft sei „nicht gierig genug“ gewesen. Insbesondere Jürgen Klopp hat dieses Motiv immer wieder aufgegriffen. Wer die Jahresgehälter von Bundesligaspielern und die Kosten für TV-Rechte im Fußball betrachtet, sieht sehr schnell eine weitere Facette der Gier.

Gier im Journalismus

Gier ist nicht das Privileg der Reichen und Mächtigen. Das zeigt die „Geiz-ist-geil“-Mentalität, die in allen Bevölkerungsschichten präsent ist. TV-Formate wie „Shopping Queen“ oder die Schnäppchenjagd in der Outlet-City Metzingen verdeutlichen, wie die Sucht nach „Immer mehr“ gesellschaftsfähig geworden ist.

Auch der Journalismus ist keine gierfreie Zone. Illustriert wird das in der Ausstellung mit dem Skandal um die angeblichen Hitler-Tagebücher. Vor knapp 40 Jahren ging das Magazin „Stern“ dem Stuttgarter Fälscher Konrad Kujau auf den Leim und gierte danach, die deutsche Geschichte umzuschreiben. Tatsächlich hat der „Stern“ damit nur selbst eines der traurigsten Kapitel der Mediengeschichte geschrieben.

Was überraschenderweise in dieser Ausstellung fehlt, ist das Thema Sex. Dabei ist insbesondere die männliche Gier nach Befriedigung geschichtsprägend und führt bis heute zu kriminellen Geschäften, etwa zu Menschenhandel. Ausstellungsleiter Rainer Schimpf kann sich vorstellen, diesen Aspekt beim dritten Teil der Ausstellungs-Trilogie aufzugreifen, in dem es – durchaus kontrovers – um das Thema Liebe gehen wird. Der zweite Teil widmet sich dem Hass und soll kurz vor Weihnachten starten.

Marcus Mockler

 

INFOS

„Gier. Was uns bewegt“, Sonderausstellung im Haus der Geschichte Baden-Württemberg in Stuttgart. Geöffnet bis 19. September, Dienstag bis Sonntag, 10 – 18 Uhr, Donnerstag bis 21 Uhr. Erwachsene 5 Euro (ermäßigt 2,50 Euro), Kinder und Schüler frei.

 

Internet:

www.gierhassliebe.de

www.hdgbw.de

 

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