„Pro Kohlefrachter ist ein Kumpel gestorben“

Karlsruher Forscher kritisiert Energiewende-Szenarien in Deutschland

Die Sorgen um eine Energiekrise im kommenden Winter wachsen. Eine von 20 Wissenschaftlern unterzeichnete „Stuttgarter Erklärung“ verlangt deshalb einen verlängerten Einsatz von Kernenergie. Professor Frank Schilling, Leiter des baden-württembergischen Landesforschungszentrums für Geothermie und Dekan am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), befürchtet, dass die Energiewende nicht zu Ende gedacht ist. Er will wissen, was die „letzte Kilowattstunde“ kostet, sagte er faktor-c-Chefredakteur Marcus Mockler.

Herr Professor Schilling, Deutschland kämpft derzeit darum, vor dem Winter wieder genügend Gas zu bekommen. Sollten wir die Speicher doch noch vollkriegen, sind wir dann sicher?

Sicher sind wir nicht. Denn sollten wir einen sehr kalten Winter bekommen – was auch in Zeiten der Klimaerwärmung möglich ist – dann reichen die Speicher nur vier Wochen. Was Wenigen bewusst ist: Wir haben auch in der Vergangenheit schon in Einzelsituationen Unternehmen den Gashahn abgedreht, um die Versorgung der Privathaushalte mit Heizenergie zu sichern.

Was halten Sie von den derzeitigen Szenarien zur Energiewende?

Sie sind aus meiner Sicht nicht zu Ende gedacht. In den Hauptszenarien sind immer noch rund 20 Prozent Import an Reserveleistung einkalkuliert. Das heißt, wir holen uns bei Bedarf Atomstrom aus Nachbarländern und nutzen weiter Kohlestrom. Dabei ist noch nicht einmal klar, ob uns die notwendigen Energiemengen zur Verfügung stehen werden, wenn wir sie brauchen.

Auch setzen wir derzeit auf Technologien, die im industriellen Maßstab noch nicht erprobt sind – zum Beispiel die wirtschaftlich konkurrenzfähige Produktion von großen Stahlmengen mit Wasserstoff. Wir haben also bereits beschlossen, aus Atom und Kohle auszusteigen, obwohl uns die Nachfolgetechnologie noch gar nicht ausreichend zur Verfügung stehen. Außerdem wird bis heute nicht ehrlich über die Kosten der Energiewende gesprochen, zum Beispiel darüber, was die „letzte Kilowattstunde“ kostet.

Was ist damit gemeint?

Wenn ich ein Windrad hinstelle, dann ist die erste Kilowattstunde leicht und günstig zu haben, solange der Wind bläst. Wenn ich den Strom jedoch benötige, wenn kein Wind bläst, muss ich die Energie speichern. Das ist sehr teuer, wenn wir etwa erst Wasserstoff erzeugen, dann speichern und anschließend wieder Strom herstellen. Batteriespeicher alleine reichen dazu nicht aus.

Deshalb ist es irreführend, wenn ich die Stromkosten aus Wind- oder Sonnenenergie nur nach der ersten Kilowattstunde berechne. Und das erklärt auch, warum Wind und Photovoltaik weiterhin subventioniert werden müssen, obwohl sie doch angeblich die billigste Form der Stromerzeugung sind. Es ist eben sehr viel teurer, in einer windstillen kalten Winternacht noch den Strom aus Windenergie zur Verfügung zu stellen – das gelingt nur auf Umwegen.

Atomkraft schont das Klima
Sie sind Unterzeichner der „Stuttgarter Erklärung“, in der Wissenschaftler einen Weiterbetrieb von Kernkraftwerken in Deutschland fordern. Warum halten Sie das für einen notwendigen Schritt?

Weil wir in Deutschland seit Jahren unnötig viel CO₂ in die Atmosphäre blasen, indem wir lieber Kohle verbrennen, als Atomstrom zu nutzen. Atomkraftwerke haben vor zwei Jahren im Winter noch mehr zur Sicherheit der Stromversorgung beigetragen als Wind und Photovoltaik zusammen. Diese Energie steht im Gegensatz zu Wind und Sonne planbar zur Verfügung. Ein anderer Vergleich: In diesen Tagen produziert Frankreich nachts pro Kilowattstunde Strom 70 Gramm CO₂-Emissionen, Deutschland 540 Gramm. Man könnte auch sagen: Die atomkraftfreundlichen Franzosen nehmen den Klimaschutz sehr viel ernster als wir.

Warum teilen Sie die Sicherheitsbedenken gegen Atomenergie nicht?

Früher war ich Kernkraftgegner, aber nach einer wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Thema kam ich zu dem Schluss, dass es sich um eine überraschend risikoarme Technologie der Stromproduktion handelt. Kohleverbrennung erzeugt mehr radioaktive Belastung als Kernkraft – und darüber hinaus auch noch Feinstaub, Quecksilber, Stickoxide und eine große Menge CO2. Das führt übrigens zu sehr viel mehr Toten als durch Atomkraft. Pro großem Kohlefrachter, der in Deutschland anlegt, ist statistisch ein Kumpel in einem Bergwerk gestorben – Russen, Kolumbianer, Südafrikaner. Das nehmen wir für unsere Energieversorgung in Kauf, ohne mit der Wimper zu zucken. Atomkraftwerke haben kaum Tode verursacht – auch Fukushima nicht, denn fast alle Toten dort waren Opfer eines Tsunami, nicht von Strahlen.

Das Problem der Endlagerung ist doch bis heute nicht gelöst – und nun wollen Sie, dass wir noch mehr Atommüll produzieren?

Als Geotechniker behaupte ich: Wir könnten heute schon ein Endlager schaffen, das weniger Risiken hat als ein Jahr Kohleverstromung. Es gibt Gesteinsformationen, in denen man radioaktives Material sicher genug verwahren kann. In den USA, in den skandinavischen Ländern, in der Schweiz wird das auch so betrieben und aufgebaut. Aus diesen Gesteinen dringt auch in 100.0000 Jahren nichts heraus. Ich würde sagen: Das Problem ist bisher vernünftig gelöst und wird zu einem noch sichereren Endlager führen. Künftige Generationen von Kernkraftwerken werden Atommüll nochmal verwerten können und dabei deutlich weniger strahlenden Müll produzieren.

Fracking in Betracht ziehen
Was müsste kurzfristig, was langfristig passieren, damit unsere Energieversorgung sicherer wird?

Wir werben dafür, jetzt erstmal die Atomkraftwerke weiter laufen zu lassen – wissend, dass das nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist. Zu überlegen ist, die heimische Produktion von Gas hochzufahren, anstatt nur auf Importe zu setzen. Selbst das bislang verbotene Fracking in Deutschland sollte noch einmal überprüft werden. Über Kohlevergasung könnten wir uns in Krisen unabhängig von Gasimporten machen. Diese Maßnahmen werden noch nicht für den kommenden Winter noch nicht viel bewirken, innerhalb der nächsten drei bis fünf Jahre dagegen schon.

Wenn wir die Klimaerwärmung ernst nehmen, ist zusätzlich ein zielgerichteter Ausbau von Windenergie und Photovoltaik sinnvoll, auch für E-Mobilität und Privathaushalte. Dazu kommt der Ausbau von Erdwärmesystemen, langfristig verstärkt mit Fernwärmenetzen. Auch Wasserstoff als Energiespeicher muss an Bedeutung gewinnen. Angesichts der technischen Weiterentwicklungen bei der Kernkraft würde ich Atomenergie aber auch mittelfristig nicht von der Liste streichen, dazu hat sie einfach zu viele Vorteile. Eine neue Generation von Kernkraftwerken wird noch einmal deutlich sicherer sein. Für das Klima und für die Bezahlbarkeit sollten wir also mit regenerativen Energien und mit Kernkraft arbeiten.

Wir danken für das Gespräch.

 

Frank Schilling, Jahrgang 1963, ist Dekan der Fakultät Bauingenieur-, Geo- und Umweltwissenschaften am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Außerdem leitet er das baden-württembergische Landesforschungszentrums für Geothermie. Der verheiratete Vater von drei Kindern und Großvater gehört der Evangelischen Kirche in der Pfalz an.

 

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