Konrads frommer Enkel

Er ist ein Enkel des ersten deutschen Bundeskanzlers Konrad Adenauer: Der Unternehmer Andreas Adenauer hatsein eigenes Modelabel aufgebaut und war bis zur Corona-Krise nach eigenen Worten „auf der Überholspur“.
Warum er nicht in die Politik gegangen ist, was der Glaube an Jesus Christus für ihn bedeutet und welche Fehler aus seiner Sicht in Europa gemacht werden, verrät er im Gespräch mit faktor-c-Chefredakteur Marcus Mockler.

faktor c: Herr Adenauer, hat Ihnen die Corona-Krise den Verkauf der Frühlingskollektion verhagelt?

Andreas Adenauer: Wenn du mit Handel dein Geld verdienst, dann ist eine Schließung tatsächlich der worst case. Das ist wie ein Tod. Allerdings hat Gott diese Firma gebaut. Die Positionierung und die DNA kommen nicht aus meinem strategischen Denken, sondern Gott hat mich die vergangenen 30 Jahre vorbereitet auf diese Aufgabe, und dann hat er mich wirklich geführt. In den letzten sieben Jahren bis Anfang März 2020 waren wir auf der Überholspur. Generell ist die Branche sehr stark unter Druck gewesen. Wir nicht, s ondern wir konnten Marktanteile sichern. Genau in dieser Phase der Expansion kam der Lockdown.

faktor c: Wie groß ist Ihre Firma?

Adenauer: Wir haben inklusive unserer eigenen Läden circa 80 Mitarbeiter in der Verwaltung und in unseren Handelsniederlassungen. Zu uns gehören rund 35 „Strandhäuser“, so heißen unsere Läden. Die meisten dieser Läden sind in Deutschland, vor allem an der Ost- und Nordseeküste. Derzeit werden wir ein bisschen internationaler, mit Geschäften in Österreich, Holland, und Palma de Mallorca. Wir m achen grob 25 Millionen Euro Handelsumsatz im Jahr.

faktor c: Wie haben Sie als Christ auf die Corona-Krise reagiert?

Adenauer: Ich habe mich in den vergangenen Wochen nicht zurückgezogen, sondern bin in die Offensive gegangen. In diesem Sturm hatte ich nach zwei Tagen eine totale Ruhe. Ich hatte das Gefühl, dass Gott mir sagt: „Konzentriere dich, geh nach vorne, sei mutig. Ich habe dich bisher getragen, und ich trage dich weiter.“ Wenn Gott diese Firma will – und bisher wollte er sie –, wird er uns stärken und durchtragen.

faktor c: Was haben Sie konkret gemacht?

Adenauer: Ich habe die Öffnung von drei Läden vorbereitet, bin viel durch die Republik gefahren, habe Filme gedreht. Mental bin ich in die Expansion gegangen. Und das mache ich bis heute. Als die Läden dann wieder aufmachen durften, habe ich in den Städten eher eine depressive Stimmung wahrgenommen. Gleichzeitig machten wir in unseren Stadtläden bessere Umsätze als vor der Corona-Krise. Das ist in meiner Branche ein Wunder, ich kann das nicht anders beschreiben.

faktor c: Haben Sie trotzdem Federn gelassen?

Adenauer: Klar. Wir machen rund 60 Prozent unseres Umsatzes im Sommerhalbjahr in den Ferienregionen. Weil dort aufgrund der Krise kein Tourist ist, hatten wir in einem Laden, der vielleicht an einem Samstag 10.000 Euro umsetzt, in der Krise null. Uns fehlten während des Lockdowns rund 1,5 Millionen Euro Umsatz. Mein Gebet ist, dass wir dieses Jahr dennoch ungefähr mit den erwarteten Umsätzen abschließen können, dazu muss aber in der nächsten Woche noch einiges passieren.

faktor c: Sie tragen einen berühmten Namen. Haben Sie noch persönliche Erinnerungen an Ihren Großvater, den ersten Kanzler der Bundesrepublik?

Adenauer: Mein Vater ist der jüngste Sohn von Konrad. Wir wohnten in meinen ersten Lebensjahren in Rhöndorf im Nachbarhaus unterhalb von meinem Großvater. Das Haus des Opas war mein zweites Zuhause, seine Haushälterin wie meine zweite Mutter. Ich habe dort unter dem Tisch geschlafen, neben dem Polizeihund. Ich erinnere mich wie Opa Konrad mit mir auf dem Boden gesessen hat, mit einer batteriebetriebenen Metalleisenbahn, die sich im Kreis drehte.

faktor c: Standen Sie unter Druck, in die Politik zu gehen?

Adenauer: Ich habe das nie so wahrgenommen. Klar, ein positiver Nachname ist erst mal ein Bonus. Aber ich wollte es nie. Ich bin eigentlich ein kreativer Kaufmann. In meiner Laufbahn habe ich immer Dinge gebaut. Bei „Esprit“ nannten sie mich den „agent of change“. Aufgaben, wo es um Veränderung ging, hat man immer mir gegeben. Bei Politikern hatte ich in den vergangenen 40 Jahren das Gefühl, dass sie lieber den Status Quo erhalten wollten. Es ging darum, zu stabilisieren, was andere aufgebaut haben.

faktor c: Würden Sie sich heute als eher unpolitisch beschreiben?

Adenauer: Wenn ich gebraucht würde in Deutschland in einer Position, von der ich meine, dass ich da der Gesellschaft guttun könnte, wäre ich sehr engagiert dabei. Aber das müsste ich dann auch spüren. Ich muss nicht irgendwo sitzen, nur damit da jemand dabei ist, der Adenauer heißt.

faktor c: Wenn also der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Laschet Sie als Wirtschaftsminister haben wollte, dann stünden Sie bereit?

Adenauer: Dann würde ich zumindest darüber nachdenken.

faktor c: Auf Ihrem Instagram-Account prangt der Spruch „Jesus is my Rock. Live and Love“ (Jesus ist mein Fels. Lebe und Liebe). Was bedeutet Jesus für Sie?

Adenauer: Jesus ist für mich alles! Er ist der Grund, warum es mich gibt. Er ist der Grund für alle Privilegien, die ich habe, für jeden Atemzug. Vom Kopf her ist mir das total klar. Wenn ich dann aber sehe, wie egoistisch ich manchmal unterwegs bin und wie wichtig ich mich selber nehme, dann habe ich es noch nicht geschafft, das 100-prozentig umzusetzen. Das ist, glaube ich, für jeden Menschen nicht so leicht.

faktor c: Wie sind Sie Christ geworden?

Adenauer: Ich bin damit gesegnet, dass ich in einem katholischen Elternhaus aufgewachsen bin. Es stand für mich nie zur Debatte, dass Jesus nicht der Sohn Gottes sein könnte. Aber die Gnade, die Vergebung, die Liebe habe ich erst kennengelernt über dem Zerbrechen meiner ersten Ehe. Meine damalige Frau ging dann in eine Freikirche und las sehr intensiv die Bibel. Das hat in mir die Frage aufgeworfen: Bin ich selbst bei Gott oder bin ich nicht bei Gott?

faktor c: Was passierte dann?

Adenauer: Ich fing an, ebenfalls viel in der Bibel zu lesen und mich damit auseinanderzusetzen. Parallel stellte ich fest, dass die katholische Kirche in meiner Branche sehr viel in Immobilien investiert. Ich verdiente damals zum ersten Mal ordentlich Geld und fragte mich: Möchte ich der Kirche meine Kirchensteuer geben, damit die 50 Prozent davon totverwaltet? Oder gebe ich das gesamte Geld irgendwohin, wo nachweislich nur 5 Prozent kaputtgemacht werden. Ich wollte selbst darüber entscheiden und bin aus der katholischen Kirche ausgetreten. In anderen Teilen der Welt, vor allem in den USA, habe ich anderes Gemeindeleben kennengelernt. In New York war ich in einer Baptistengemeinde, dort habe ich bewusst mein Leben Jesus gegeben und mich als Erwachsener taufen lassen.

faktor c: Wie leben Sie Ihren Glauben im Alltag?

Adenauer: Jesus möchte eine Beziehung zu uns, davon bin ich fest überzeugt. Und eine Beziehung kannst du nur leben, wenn du Zeit miteinander verbringst. Es gibt den schönen Spruch: Stelle deine Pantoffeln abends unters Bett, dann musst du am Morgen als erstes auf die Knie. Mein Tag fängt an mit Jesus. Ich bete, ich lobe und preise ihn, egal wie es mir geht und wie ich mich gerade fühle, und oft fühle ich mich gar nicht danach. Ich begegne Gott in seinem Wort, der Bibel, das tue ich jeden Morgen. Und ich umgebe mich in meiner Wohnung und auch am Arbeitsplatz mit biblischer und christlicher Weisheit, die mich an ihn erinnert. Je intensiver und stärker der Sturm um mich herum ist, desto mehr versuche ich, ein paar ruhige Minuten mit ihm zu verbringen, um den Fokus auf ihm zu haben und nicht auf den Sturm.

faktor c: Treffen Sie sich auch mit anderen Christen?

Adenauer: Ja, das ist mir sehr wichtig. Die Banane, die aus der Staude herausfällt, ist die erste, die der Affe schält. Ich möchte den Kampf in dieser Welt nicht mehr alleine kämpfen, und ich möchte wiederum andere Menschen ermutigen, wenn es mir gut geht. Deshalb verbinde ich mich mit meiner Gemeinde hier in Deutschland und auf Mallorca und in sogenannten Kleingruppen.

faktor c: Suchen Sie die Gemeinschaft mit Christen, die in der Wirtschaft unterwegs sind?

Adenauer: Absolut. Heute finde ich es zudem besonders wichtig, mit anderen christlichen Unternehmern zusammenzukommen. Business ist eine Sache, Unternehmer ist eine andere Liga. Da braucht einer mal eine Million oder hat eine Steuerprüfung vor sich, die ihn ruinieren könnte. In unserer „Business Owner Group“ beten wir für die Herausforderungen, vor denen jeder steht. Wir brauchen dieses Gebet.

faktor c: Der betende Unternehmer – in Deutschland ist das ein eher ungewohntes Bild,  oder?

Adenauer: Ja. Das ist hier anders als in den USA. Dort ist es viel normaler, dass Menschen, auch wenn sie mit viel Geld zu tun haben, sich zu Christus bekennen. In Deutschland hat man oft das Gefühl, wenn jemand in die Kirche rennt, dann ist der mehr oder weniger eine gescheiterte Existenz. Und muss beten. Deshalb: Lasst uns keine komischen Christen sein, sondern Unternehmer, die noch viel deutlicher sagen, dass für uns Christus an erster Stelle steht.

faktor c: Wie wirkt Gott in Ihrem Unternehmensalltag?

Adenauer: Am Montagvormittag gibt es hier immer ein gemeinsames Gebet. Da ist jeder eingeladen. An diesem Morgen geben wir die Firma an Gott zurück und beten für die Woche. Was Strategie und Finanzen angeht, hat Gott diese Firma ganz klar geführt und gebaut.

faktor c: Ist denn der Glaube ein Erfolgsfaktor?

Adenauer: Auf jeden Fall. Gott möchte, dass wir unser Potenzial leben, auch beruflich. Aber wenn es für ihn Sinn macht, dass ich diese Firma verliere, weil ich damit in dieser Welt noch besser dienen könnte, dann wäre eben wichtiger, dass ich scheitere. Die Grundeinstellung ist die: Ich möchte den Willen Gottes tun. Dieser Wille ist nicht nur dann für mich relevant, wenn das geschieht, was ich gerne möchte.

faktor c: Welche Lebensweisheit hilft Ihnen als Unternehmer am meisten?

Adenauer: Der Herr ist mein Hirte. Psalm 23 fasst ja unglaublich viel zusammen. Wir gehen durch ein Tal des Todes, irgendwann haben wir richtige Probleme. Hier hat der Psalm ein geniales Bild: Da ist vor dir eine Schlacht, der Feind greift dich an, aber dann ist der Schöpfer des Universums da und er deckt dir den Tisch. Da kriege ich Gänsehaut.

faktor c: Sie sind überzeugter Europäer, lassen 90 Prozent Ihrer Kollektion auf dem Kontinent produzieren und haben die Devise „Lebe in Europa – kaufe von Europa“. Wäre es nicht gewinnträchtiger, in billigeren Ländern schneidern zu lassen?

Adenauer: Jein. Im Grunde bin ich ein Landei. Ich habe das Prinzip immer gemocht, dass eine Gemeinschaft sagt: Ich kaufe bei dir was, du tust dafür etwas für mich. Wenn du eine Hochzeit hast, feierst du im Restaurant vor Ort und entscheidest nicht nur nach dem besten Preis. Es geht um Leben und Lebenlassen. Das geht bis zu einem gewissen Punkt gut, solange du dich nicht aufgrund schlechter Leistung aus dem Markt katapultierst. Das erleben wir im Bereich der Jacken. Jacken in Europa produzieren zu lassen, macht sie unbezahlbar. Wir hatten das versucht, es hat einfach nicht funktioniert. Deswegen haben wir das komplett nach Asien gegeben. Die können das viel besser als die Europäer.

faktor c: Was kann Europa?

Adenauer: Alles andere. Ich muss allerdings dazu sagen, dass ich die Türkei auch noch zu Europa zähle. Denn die traditionellen europäischen Länder wie Griechenland, Italien und Portugal sind entweder zu unzuverlässig oder nicht kreativ genug oder zu teuer. Die Türkei ist das leistungsfähigste Land in Bezug auf Kreativität und Preis-Leistung. Wenn man die Türkei mit im Boot hat, kommt man in Europa gut klar.

faktor c: Dennoch lassen viele in Asien produzieren …

Adenauer: Corona hat auch ein bisschen die Augen geöffnet, in welcher Abhängigkeit wir Asien gegenüber sind. Wer nur billige Klamotten kaufen will, findet die nicht in einem europäischen Herstellerland. Das ist nicht möglich. Deshalb brauchen wir eine Bewusstseinsänderung: Ich kaufe lieber weniger, dafür aber gut. Das gilt für Lebensmittel genauso wie für Bekleidung. Die Billigkarawane ist von China schon längst weitergezogen, nach Vietnam, Kambodscha, teilweise nach Afrika. Gut finde ich, dass die Deutschen im internationalen Vergleich schon relativ sensibel sind im Blick auf Nachhaltigkeit.

faktor c: Die EU zeigt an einigen Stellen Krisensymptome. Müsste sie wieder stärker werden – oder ist Europa in Ihrem Denken ohnehin größer als die EU?

Adenauer: Ich weiß ja, wie stark mein Großvater an Europa geglaubt hat. Wir sind in Europa teilweise so dilettantisch, wie wir diesen Wirtschaftsraum behandeln. Das liegt an unserem Ego. Etwas Eigenes aufgeben zugunsten von etwas Größerem, da sind die nationalen Seilschaften noch viel zu stark. Institutionen wie das Europaparlament konzentrieren sich darauf, Dinge zu maßregeln, anstatt zu fragen: Wie können wir ein viel stärkerer Wirtschaftsraum werden? Außerdem habe ich das Gefühl, wir  werden in Europa immer arbeitgeberfeindlicher. Wir entwickeln uns immer stärker in Richtung sozialistischer Strukturen nach dem Motto: Wer viel hat, soll bitte ganz viel abgeben. Menschen, die eigentlich Risiken eingehen würden, werden eher abgeschreckt, als dass das in anderen Kontinenten der Fall ist. In den USA hat ein Unternehmer einen völlig anderen Stellenwert als in Deutschland.

faktor c: Wir danken für das Gespräch.

Interview mit Andreas Adenauer, geführt durch Marcus Mockler, Seiten 6–11, faktor c Ausgabe 2/2020

 

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