„Ich rocke die Bude“

Warum das „Wohlstandsevangelium“ in die Irre führt

Es gibt sie nach wie vor, und nicht nur in den USA: christliche Prediger, die ihren Nachfolgern Wohlstand und Gesundheit versprechen. Costi W. Hinn, ein Neffe des berühmten Wohlstands- und Heilungsevangelisten Benny Hinn, hat in einem Buch mit dessen Methoden, Theologie und Finanzgebaren abgerechnet. Die christliche Schriftstellerin Nicola Vollkommer hat für das deutsche Publikum ein Nachwort geschrieben. Wir dokumentieren es in gekürzter Fassung.

Mit einem leichten Stöhnen begrüße ich die Facebook-Einladung zu einer Livestream-Veranstaltung in der Corona-Zeit, die ein schillerndes, vielfältiges Angebot von Kraftwirkungen Gottes und übernatürlichen Heilungen in einem nie zuvor erlebten Ausmaß präsentieren will: ein Schaulaufen der amerikanischen Powerprediger für ein deutsches Publikum. Corona hin oder her – die „Salbung“ wird fließen, auch per Fernbedienung, beteuern wiederholt die Moderatoren. Die Show ist von häufigen Bitten um Geld durchsetzt: Spenden als Dankeschön für das Wirken Gottes, oder als „Glaubensschritt“ für das noch zu erwartende Wirken. Nur Pech, dass diese Heimsuchung Gottes nicht rechtzeitig kam, um Corona zu verhindern, denke ich.

An Versuchen, die „Geister“ der Epidemie durch Schreien, Proklamieren, Weissagen und Gebieten zu vertreiben, hat es im Vorfeld nicht gemangelt. In der geistlichen Welt sei der Corona-Fluch schon besiegt, hat uns ein Prediger weisgemacht. Nur, dieser Sieg hätte sich hier auf Erden noch nicht „manifestiert“. Wir müssten noch mehr beten, proklamieren, spenden. Seufz. Die üblichen faulen Ausreden für das nicht-passierte Wunder.

Leben in Saus und Braus

Wer die Szene gut kennt, mag ein wenig schmunzeln. Mit den Tricks eines Wohlstandevangeliums, die dessen Betreiber zum Teil in Saus und Braus leben lassen, dessen Anhänger jedoch unter Umständen bettelarm machen, sind wir mehr als vertraut. Kein Thema saugt die Geldbeutel der verzweifelt nach Heilung und Wohlstand suchenden Christen schneller leer als die Aussicht auf das übernatürliche Wirken Gottes.

Das Treiben erinnert an die Ablässe, die von unseren katholischen Vorvätern eingetrieben wurden und die Reformation nötig machten. Für die Gunst Gottes wird in großem Stil abkassiert. Keine religiöse Gruppe ist davor gefeit, in diese kultähnlichen Machenschaften hineinzuschlittern. Priesterähnliche Gestalten stellen ihren besonderen Draht zum Himmel zur Schau und spielen sich als Mittler zwischen dem gemeinen Volk und den Göttern auf. Sie suggerieren, dass sie Einblicke in die himmlische Welt haben, die uns Normalsterblichen verwehrt bleiben. „Der Herr weckte mich und zwei Uhr nachts auf…“, „Ein Engel stand plötzlich im Raum…“, „der Herr sprach zu mir als ich im Auto saß…“, „Gott legte mir dieses Wort für Euch aufs Herz,“ „Noch nie habe ich so eine Salbung gespürt wie jetzt gerade…“

Dazu gibt es einen ganz eigenen Wortschatz. Es ist häufig von neuen Ebenen, Dimensionen, Schritten, Schlüsseln, Werkzeugen und Manifestationen die Rede. Irgendwo um die nächste Ecke oder über den nächsten Berg ist der lang ersehnte rote Knopf, auf den du drücken musst, um für immer glücklich und problemfrei zu leben. Das Problem dabei ist nicht die Unterscheidung „richtig/falsch“, sondern „richtig/hinzugefügt.“ Das Hinzugefügte ist das Heimtückische. Das ist der Teil, der sich als Engel des Lichts verkleidet und in nichtsahnenden Gläubigen die Erwartung erweckt, dass hier endlich der Stein der Weisen zu finden ist, mit dem Gott besänftigt und sein Segen freigesetzt wird. Die Machbarkeit des geistlichen Erfolgs wird für eine aufgeklärte Elite angepriesen – für die, die bei diesem Seminar dabei waren, jene Bücher kaufen, für dieses Missionswerk spenden, zu jener Konferenz gehen. Verblüffend ist, wie wenig es allen Beteiligten einleuchtet, dass das Wort Gottes eindringlich, konsequent und wiederholt vor genau so einem Treiben warnt.

Die Bibel reicht

Als Jesus sich nach seiner Auferstehung zu seinen Freunden aus Emmaus auf ihrem müden Heimweg gesellt und ihren niedergeschlagenen Reden lauscht, wendet er sich als Antwort dem Wort Gottes (damals die Torah) zu und erklärt ihnen „in allen Schriften das, was ihn betraf“ (Lukas 24,27). Das alte Buch reicht. Jesus fügt den bestehenden Schriften nichts hinzu: kein einziges Mal in seinen drei Dienstjahren. Selbst nach der Auferstehung nicht. Er bekräftigt die Schriften. Damit greift er die Warnung von Mose auf, den Geboten Gottes „nichts hinzufügen“ und „nichts wegzunehmen“ (5.Mose 4,2). Der Apostel Johannes erinnert an diese Ermahnung am Ende der Bibel: „Wenn jemand etwas von den Worten des Buches … wegnimmt, so wird Gott seinen Teil wegnehmen von dem Baum des Lebens“ (Offenbarung 22,19).

Jesus macht klar, dass solche Irrlehrer erscheinen und sehr überzeugend auftreten werden:

„Denn viele werden unter meinem Namen kommen und sagen: Ich bin der Christus! Und sie werden viele verführen“ (Mt 24,5). „Wenn dann jemand zu euch sagt: Siehe, hier ist der Christus, oder dort! Glaubt es nicht!“ (Mt 24,23). Paulus warnt Timotheus vor Menschen, die „Verräter, unbesonnen, aufgeblasen“ sind, „die eine Form der Gottseligkeit haben, deren Kraft aber verleugnen … die sich in die Häuser schleichen und lose Frauen verführen, die niemals zur Erkenntnis der Wahrheit kommen“ (2.Timotheus 3,1-7). Er bringt es in seinem Brief an Timotheus an einer anderen Stelle auf den Punkt: „Denn es wird eine Zeit sein, da sie die gesunde Lehre nicht ertragen, sondern nach ihren eigenen Begierden sich selbst Lehrer aufhäufen werden, weil es ihnen in den Ohren kitzelt“ (2.Timotheus 4,3).

Die Ohren kitzeln

Moderne Wohlstandsprediger wissen sehr wohl, wie man die Ohren nichtsahnender Zuhörer kitzelt. „Deine Identität als Kind Gottes ist unbestreitbar“, so Kris Vallotton, Prophet der Bethel-Bewegung (New Apostolic Reformation), die von Redding (USA) aus weltweiten Einfluss sucht, auch hier in Deutschland: „Du bist mächtig, du bist herrlich, du bist schlichtweg ehrfurchterregend. Ich ermutige dich, Folgendes heute laut zu sagen: ‚Ich bin erstaunlich. Ich bin Gottes größte Schöpfung. Er liebt mich wie verrückt. Ich rocke die Bude. Ich wurde geboren, um größere Werke zu tun als Jesus getan hat. Ich wurde für Herrlichkeit geboren. Die Nationen fühlen sich zu mir gezogen.“

Der Hybris, der in diesen Worten steckt, ist atemberaubend. Wie anders die Töne und der Wortlaut des Apostel Paulus: „Sehr gerne will ich mich nun vielmehr meiner Schwachheiten rühmen, damit die Kraft Christi bei mir wohne. Deshalb habe ich Wohlgefallen an Schwachheiten, an Misshandlungen, an Nöten, an Verfolgungen, an Ängsten um Christi willen; denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark. (2.Kor 12,9-10)

Gott und Menschen zu dienen ist per Definition eine Absage an das eigene Ich. Der, der dem lebendigen Gott wirklich begegnet ist, nimmt sich zurück, er stellt sich nicht dar. Er demütigt sich, er macht sich nicht groß. Der dem Christus geweihte Mensch ist auf dem Weg zu einer Kreuzigung, nicht zu einem Seminar über Selbstverwirklichung.

Paulus’ einziger Ruhm war das Kreuz. Der Opfertod Jesu für mich, die Vergebung meiner Sünde, die Zurüstung des Heiligen Geistes für ein Leben der Heiligung und Hingabe an meinen Herrn: In diesen Kernwahrheiten des Evangeliums ist jede Nahrung zu finden, die eine verlorene Seele für Leben und Ewigkeit braucht. Wer dies erkannt hat, und täglich sein Kreuz auf sich nimmt um Jesus nachzufolgen, kann auf alle anderen Hilfsmittel fröhlich verzichten.

Garantie gilt für den Himmel

Als ich vor vielen Jahren am Bett meiner schwerkranken neugeborenen Tochter saß und zur gleichen Zeit erfuhr, dass meine Mutter nur wenige Wochen zu leben hatte, brach meine Welt zusammen. Zweifach. Stunde um Stunde flehte ich Gott unter Tränen um das Leben meiner Tochter und meiner Mutter. Ich konnte mir nicht vorstellen, weiter zu leben, wenn ich eine der beiden, oder gar beide, verlieren würde.

Meine Mutter starb, meine Tochter lebte. Irgendwie ging das Leben weiter. Ich lernte, dass die einzige Garantie auf ein schmerzfreies Dasein, die ich besitze, im Himmel verankert ist, nicht hier auf Erden. Erst dort wird das Gewitter endgültig vorbei sein, die schlaflosen Nächte überflüssig, die traumatischen Erinnerungen gelöscht, die Ängste für immer beseitigt. Bis dahin sind und bleiben auch wir Christen gebrochene Menschen in einer gebrochenen Welt, in jedem Lebensbereich auf Gottes Gnade angewiesen. Pilger auf der Durchreise. „Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen, gelobt sei der Name des Herrn“ (Hiob 1).

„Ich verwalte nur“

 Alles, was ich bin und habe, ist lediglich eine Leihgabe auf Zeit. Es gehört mir nicht, ich verfüge nicht darüber. Ich verwalte nur. Ich soll aber so gut verwalten wie ich kann und alles in meiner Macht tun, um diese Leihgabe gesund und lebensfähig zu halten. Umso mehr, weil ich mir bewusst bin, dass ich in diesem Körper nur in Miete lebe. Er ist Fremdeigentum, Gottes rechtmäßiger Besitz. Eines Tages wird er ausgedient haben und in einer Kiste in die Erde gelegt, wie ein Kittel, den ich nicht mehr brauche. In Christus habe ich jetzt schon eine Bürgerschaft und eine Heimatadresse im Himmel. Die Bibel versichert mir, dass der Tag meines leiblichen Abgangs nicht das Ende, sondern der Anfang meines eigentlichen Lebens sein wird. Dies zu begreifen und täglich aus dieser Hoffnung zu leben, ist biblischer Glaube!

Nicola Vollkommer

 

AUTOR

Nicola Vollkommer, Jahrgang 1959, wurde in England geboren und verbrachte einen Großteil ihrer Kindheit in Nigeria. Sie studierte Französisch und Deutsch und heiratete 1982 Helmut Vollkommer, der später freikirchlicher Pastor in Reutlingen wurde. Die Mutter von vier inzwischen erwachsenen Kindern hat sich in den vergangenen Jahren als Bestsellerautorin einen Namen gemacht.

https://www.nicola-vollkommer-buecher.de

BUCH

Costi W. Hinn: „Gott, Gier und Geld. Wie das Wohlstandsevangelium die Wahrheit verdreht“. Verlag CLV (Bielefeld).

https://clv.de/Gott-Gier-und-Geld/256756

 

 

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