Hoffnungsvoll anpacken

Brandenburgs Wirtschaftsminister über die Zeit nach der Pandemie

Wir brauchen nach dem Einschnitt durch Corona nun wieder Wirtschaftswachstum, davon ist Brandenburgs Wirtschaftsminister Jörg Steinbach (SPD) überzeugt. Er wirbt dafür, in dieser Situation Ökonomie und Ökologie zu versöhnen – und die christliche Tugend der Hoffnung neu zu entdecken.

Von Jörg Steinbach

 

 

Es soll in diesem Beitrag um das Thema Hoffnung gehen, und mit einer kleinen Anekdote möchte ich beginnen. Ich habe 2014 angefangen, in Cottbus zu arbeiten. Dort ist die Säkularisierung heftig erfolgreich gewesen. Eine junge Frau, mit der ich heute eng befreundet bin, erlebte ich damals sehr aufgeregt und kribbelig. Ich fragte sie, was denn los sei, und sie antwortete, sie sei in der Vorbereitung für die Jugendweihe ihres Sohnes.

 

Ich muss ein Gesicht gemacht haben wie ein Auto ohne Scheinwerfer. Denn ich konnte mit meiner christlichen Sozialisierung mit Jugendweihe überhaupt nichts anfangen. Sie merkte das, guckte mich an und fragte: „Sind Sie etwa Christ?“ – „Ja“, antwortete ich. Verblüffung nun in ihrem Gesicht. Für mich war das eine neue Lebenserfahrung. Auch eine Aufforderung, umso deutlicher zu meinem Glauben stehen – vielleicht auch nur durch kleine Handlungen im Alltag.

 

Was Hoffnung definiert

 

Was ist Hoffnung? Man beginnt heute natürlich immer bei Wikipedia. Dort steht: „Hoffnung ist eine zuversichtliche inhaltliche Ausrichtung gepaart mit einer positiven Erwartungshaltung, dass etwas Wünschenswertes eintreten wird, ohne dass wirkliche Gewissheit darüber besteht.“

 

Haben Sie das verstanden? Die Definition erinnert mich an meine Vorlesungen, als ich noch an der Hochschule tätig war. Ich komme aus der Anlagensicherheit, das heißt: Ich versuche zu verhindern, dass uns technische Anlagen um die Ohren fliegen. Dort gibt es eine wunderbare DIN-Norm, in der steht: „Sicherheit ist, wenn das verbleibende Risiko das Grenzrisiko nicht überschreitet.“

 

Alles klar? Wenn Sie dann unter Grenzrisiko nachgucken, finden Sie genau die anderen beiden Begriffe, und wenn Sie diese Begriffe suchen, dann finden Sie wieder die ersten. Ich liebe Kreisdefinitionen. Sie sind grundsätzlich hundertprozentig vollkommen – und sie helfen einem keinen Schritt weiter.

 

„Evangelische Grundfröhlichkeit“

 

Aber ein paar Dinge kann man aus dem Wikipedia-Satz zur Hoffnung vielleicht doch herausziehen. „Zuversichtliche innerliche Ausrichtung“ – ich brauche also eine Voraussetzung, damit ich Zuversicht und Hoffnung haben kann, eine positive innerliche Grundstimmung. Ja, ich glaube, dass das ganz wichtig ist.

 

Das erkenne ich an meinem Chef, Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke, der immer von einer „evangelischen Grundfröhlichkeit“ spricht. Das erleben Sie, wenn Sie persönlich mit ihm zu tun haben. Er strahlt einfach eine positive Grundhaltung aus. Offensichtlich kommt die aus seinem evangelischen Glauben heraus.

 

Weiter geht’s mit unserer Definition: Es heißt, dass etwas „Wünschenswertes“ eintreten wird. Das bedeutet: Wir definieren für uns etwas, was wir als eine wünschenswerte Entwicklung erleben möchten. Wir erwarten, dass dann alles etwas friedlicher und etwas besser läuft.

 

In meinem Amt als Wirtschaftsminister sage ich dazu: Klar, ich wünsche mir eine Rückkehr zum Wirtschaftswachstum. Jeder Unternehmer hat am eigenen Leib die persönlichen Einschnitte durch die Pandemie erlebt. Die große Frage ist allerdings: Wollen wir dieses Wirtschaftswachstum genauso ungebremst wie vorher? Definieren wir eine Bremse?

 

Politik für Enkel

 

Müssen wir Wachstum modifizieren, damit wir in Einklang mit Gottes Schöpfung leben? Vor wenigen Wochen bin ich zum ersten Mal Großvater geworden. Ein tolles Erlebnis! Ich möchte meinem Enkelkind diese Welt in einem lebenswerten Zustand hinterlassen. Ich wünschte mir, dass dieses Kind eines Tages selber auf die Idee kommt, eine Familie zu gründen. Wenn wir uns eine Rückkehr zu Wirtschaftswachstum wünschen, dann muss es zu einer Versöhnung von Ökonomie und Ökologie kommen. Das ist in dieser Krise, in dieser Pandemie, eine positive Chance. Jetzt können wir neu gestalten, wie wir weitermachen.

 

Ich komme aus der universitären Welt. Menschen an der Hochschule zusammenzubringen aus unterschiedlichen Kulturkreisen, aus unterschiedlichen Heimatländern mit unterschiedlichen Lebenseinstellungen und zu sehen, wie sich dort Freundschaften bilden – das ist aus meiner Sicht Friedenspolitik. Warum? Vereinfacht gesagt: Weil die Studienfreunde, wenn sie sich später zu irgendeiner anderen Gelegenheit wieder über den Weg laufen, einander nicht gegenseitig auf den Kopf hauen.

 

Deshalb betone ich: Ja, wir brauchen wieder Luftverkehr. Vielleicht nicht 400 Flüge, die täglich zwischen Deutschland und China hin und her gingen, das war möglicherweise ein bisschen übertrieben. Aber die kulturelle Durchmischung, die brauchen wir. Vielleicht auch für den Austausch über die Demokratie als beste gesellschaftliche Form, bei allen Macken die sie hat. Wir müssen das beispielhaft anderen jungen Menschen vermitteln. Also brauchen wir den Austausch. Zugespitzt formuliert: Das schaffe ich eben nicht mit dem Lastenfahrrad bis zur Stadtgrenze.

 

Menschenzentriertes Wachstum

 

Ich muss mir also überlegen: Wo ist der positive Nutzen? Und wo fängt der Luxus an, der „nice to have“ ist, der aber nicht verantwortungsvoll mit Gottes Schöpfung umgeht?  Das sollten wir beim Neuaufbau der Wirtschaft klären.

 

Wir müssen es in meinen Augen menschenzentrierter machen. Nehmen wir das Beispiel Digitalisierung, Künstliche Intelligenz. Wenn ich darüber in einem kleinen Handwerksbetrieb in Brandenburg rede, dann sehe ich in den Gesichtern nichts weiter als blanke Angst, dass das eine neue Maßnahme sei, um Arbeitskräfte einzusparen, um zu rationalisieren.

 

Tatsächlich haben wir mal eine Hochrechnung gemacht, wie sich unter Einsatz von Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz die Anzahl der Arbeitsplätze in Brandenburg entwickeln werden. Ergebnis: Sie bleibt nahezu konstant. Aber 20 Prozent der Jobs werden sich inhaltlich völlig verändern. Wir müssen den Menschen über Weiterbildung und ähnliche Prozesse die Chance geben, selber an diesem Prozess teilzunehmen und zu realisieren, dass dieser Job unter Nutzung der Künstlichen Intelligenz vielleicht nachher sogar mehr Spaß macht. Weil er zum Beispiel weniger Routine beinhaltet und ein bisschen mehr Verantwortung.

 

Social Entrepreneurship

 

Und noch etwas ist vergleichsweise neu: die Erwartung von „Social Entrepreneurship“. Also Gründungen von Unternehmen, die sich im sozialen Bereich engagieren und dabei so viel verdienen, dass sie sich selbst tragen, aber nicht gewinnorientiert sind. Darüber haben wir vor zehn Jahren noch kaum geredet.

 

Ich habe drei Söhne, davon sind zwei im wirtschaftlichen Sektor tätig, der dritte im medizinischen. Alle möchten, dass ihre berufliche Tätigkeit eine soziale Komponente hat und nicht nur die Gewinnmaximierung ihres Chefs sicherstellt. Nach diesem Kriterium suchen die heute ihre Jobs aus! Deshalb muss „Social Entrepreneurship“ eine Facette des Aufwuchses der Wirtschaft nach der Pandemie sein.

 

In der aktuellen Situation möchte ich noch etwas Persönliches sagen: Ich vermisse zunehmend das Wort „danke“ in der gesprochenen Sprache. Und wenn ich es noch provozierender sagen darf: Ich bin der Meinung, wir haben Solidarität verlernt. Das mag eine zu starke Verallgemeinerung sein, aber ich will auf einem bestimmten Punkt dabei hinaus, den Sie vielleicht gleich besser verstehen werden.

 

Jammern auf höchstem Niveau

 

Sie wissen, dass ich aus der Wissenschaft komme. Wenn Sie mich vor einem Jahr gefragt hätten, ob wir im Frühjahr 2021 drei zugelassene Impfstoffe zur Verfügung haben, um der Corona-Pandemie entgegenzutreten, ich hätte das verneint.

 

Was erleben wir heute? Neulich hörte ich eine Person in den TV-Nachrichten. Die Person äußerte sich zu Impfstoffen zu einem Zeitpunkt, als in Indien auf der Straße Menschen vor den Krankenhäusern – man kann es nicht anders sagen – verreckt sind. Und diese Person hat Indien angeklagt, dass es seine Lieferversprechen für AstraZeneca gegenüber Deutschland nicht einhalte. Ich sage Ihnen: So möchte ich mit unseren Nachbarn nicht umgehen.

 

Wenn ich mir überlege, dass in Afrika weniger als zwei Prozent der Bevölkerung geimpft worden sind, dann muss ich sagen: Vieles von dem was wir heute beklagen, ist Jammern auf allerhöchstem Niveau. Und deshalb wünsche ich mir, dass wir wieder Solidarität mit anderen lernen und dass wir das Wort „danke“ wieder in den Sprachgebrauch aufnehmen.

 

Wie können sich nun Christen in diesen Prozess einbringen? Ich glaube an Gott, und ich weiß, er hat mich mit Fähigkeiten ausgestattet. Die Vorstellung, Gott werde schon alles richten, könnte ja so verstanden werden, dass ich vorsätzlich bei Rot über die Ampel gehen darf – und Gott hält dann das Auto an. Und wenn das Auto mich dann doch umfährt, ist das der Beweis, dass es Gott nicht gibt. Das ist für mich die falsche Form von Gottvertrauen. Er hat jeden von uns mit bestimmten Eigenschaften ausgestattet, und hier muss jeder seine Zahnrädchen in dem großen Uhrwerk finden, um optimal mitzuhelfen in der Hoffnung, an Gottes Wunsch für die Zukunft mitzuarbeiten.

 

Gesellschaft gestalten mit Psalm 23

 

Gottvertrauen heißt auch, unsere Begrenztheit anzuerkennen. Dass ich Ziele nicht alleine bewerkstelligen kann. Ich bin auf Gott den Herrn angewiesen, ich bin auch auf Brüder und Schwestern angewiesen. Diese Begrenztheit zu erkennen und nicht zu meinen, dass man alles selber bestimmen kann, auch das definiert die eigene Rolle auf dem Weg in die Zukunft.

 

Und schließlich: ich muss nicht jeden Tag herausposaunen, ich sei bekennender Christ. Ich hoffe vielmehr, dass die Menschen merken, dass ich mich ihnen gegenüber anders verhalte. Vielleicht fragen sie dann mal nach: Warum reagierst du eigentlich so? Das gelebte Beispiel ist wirksamer als Worte.

 

Zum Schluss die Frage: Woher nehmen wir die Zuversicht? Was gibt uns Hoffnung? Da gibt es für mich keine andere Quelle als Psalm 23: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln…“ Lesen Sie das selbst in Ihrer Bibel weiter, da steckt alles drin. Lassen Sie uns zuversichtlich sein für diese Zukunft.

 

 

AUTORENKASTEN

Prof. Dr. Jörg Steinbach, Jahrgang 1956, ist seit 2018 Wirtschafts- und Energieminister in Brandenburg. Der Sozialdemokrat ist Chemiker und promovierter Ingenieurwissenschaftler und hatte lange Jahre eine Professur für Anlagen- und Sicherheitstechnik an der TU Berlin inne. Steinbach ist verheirateter Vater von drei Kindern und gehört einer evangelischen Brüdergemeinde an.

 

* Dieser Beitrag ist die überarbeitete Fassung eines Vortrags, den Minister Steinbach am 6. Juni 2021 auf Einladung von „faktor c“ in der Potsdamer St. Nikolaikirche gehalten hat.

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