Glaube und Wirtschaft – zwei unbekannte Verwandte

Die Wirtschaftswissenschaften sind von Theologen initiiert worden

 

Christlicher Glauben und Leben in der Wirtschaft haben nach modernen Vorstellungen wenig miteinander zu tun. Was die meisten nicht wissen: Die Wirtschaftswissenschaften sind ursprünglich ein Baby der Theologie. Warum es so kam und warum die beiden Welten auch heute nicht getrennt werden sollten, erklärt einer der renommiertesten Wirtschaftsprofessoren Deutschlands in diesem Beitrag.

Von Jürgen von Hagen

 

Dass christliches Glaubensleben und Wirtschaftsleben sich in voneinander getrennten Welten vollziehen, erscheint so selbstverständlich, dass man meint, es gar nicht erwähnen zu müssen. Christliches Glaubensleben vollzieht sich in einer von brüderlicher Liebe und Frömmigkeit geprägten Welt; Wirtschaftsleben, zumal in einer modernen Marktwirtschaft, dagegen vollzieht sich in einer von Gewinnstreben, persönlichem Interesse, Macht und Geld geprägten Welt. In populären, stark verkürzten Darstellungen von Martin Luthers Zwei-Reiche-Lehre gehört das Glaubensleben in das Reich Gottes mit der rechten Hand, das Wirtschaftsleben in das Reich mit der linken Hand. Sie haben wenig miteinander zu tun.

Theologie ist das systematische Nachdenken über christliches Glaubensleben. Ökonomische Analyse ist das systematische Nachdenken über das Wirtschaftsleben. Angesichts der genannten, weit verbreiteten Ansicht, es gebe zwischen Glaubensleben und Wirtschaftsleben kaum Gemeinsames, überrascht die These, dass ökonomische Analyse, wie sie heute an Universitäten gelehrt wird, ihre Ursprünge in der Theologie hat.

 

Sündlos wirtschaften

 

Der große österreichische Ökonom Joseph Schumpeter verortet den Beginn der ökonomischen Analyse bei den Scholastikern des 13. bis 15. Jahrhundert, beginnend mit St. Thomas Aquinas‘ (1225-1274). Hintergrund ihrer ökonomischen Überlegungen waren die seit dem 13. Jahrhundert sich in Europa ausbreitende Geld- und Handelswirtschaft und der Aufstieg des Kaufmannswesens. Unter diesen neuen Bedingungen fragten sich die Theologen, was im Handelswesen als gerecht angesehen kann.

Ihr wichtigstes Anliegen war die Entwicklung von Grundsätzen, die die Menschen vor Sünden bewahren sollten. St. Thomas Aquinas lehrte, dass Privateigentum gerechtfertigt sei, weil Menschen sich um das, was ihnen gehört, aus eigenem Interesse besser kümmern als um kollektives Eigentum, und dies dem sozialen Frieden dient. Spätere Scholastiker waren der Ansicht, dass der Handel, der weit entfernte Regionen verbindet, gottgewollt sei: Gott habe unterschiedliche Regionen mit unterschiedlichen Bedingungen und Möglichkeiten ausgestattet, damit die Menschen lernen, zu gegenseitigen Vorteil zu handeln und dadurch Frieden schaffen.

 

Zinsen und „gerechter Preis“

 

Ein großes Thema ist die Frage, zu welchem Preis ein Kaufmann angesichts der biblischen Verbote von Diebstahl und Wucher verkaufen dürfe. Ihre Antwort war, dass ein gerechter Preis der ist, den man unter normalen Wettbewerbsbedingungen erzielen kann und der den Anbieter für seine Kosten kompensiert. Die Funktion von Markt und Wettbewerb zur Begrenzung wirtschaftlicher Macht und daraus folgender Ungerechtigkeit ist hier sehr deutlich. Martin Luther folgte diesem Gedanken. Die Scholastiker verurteilten Monopole als schädlich für die wirtschaftliche Versorgung einer Gesellschaft, eine Kernaussage ökonomischer Analyse bis heute.

Das zweite große Thema war das biblische Verbot des Zinsnehmens. Es geriet in einer zunehmend auf Kredit beruhenden Wirtschaft immer mehr in Gegensatz zur Praxis. St. Thomas Aquinas lehrte, der Zins sei der Preis der Nutzung von Geld und dass Geld, anders als andere Güter, nicht produktiv sei. Die Erhebung von Zins sei daher ungerechtfertigt. Spätere Scholastiker argumentierten jedoch, dass das Verleihen von Geld zur Finanzierung von Handel und Investitionen mit Risiko verbunden sei und dass zugleich der Kreditgeber auf andere gewinnbringende Aktivitäten verzichte. Zins als Kompensation für Risiko und entgangene Gewinnmöglichkeiten sei daher erlaubt. Erst Johann Calvin wies die These von der Unproduktivität des Geldes zurück und interpretierte Zins als Preis des Kredits. Ob ein Zins gerechtfertigt sei, so Calvin, hänge von dem Zweck ab, zu dem Kredit vergeben werde. Kredit an Notleidende soll zinslos sein, während ein Zins „in normaler Höhe“ auf Geschäftskredite rechtmäßig sei.

 

Die „unsichtbare Hand“ im Markt

 

Weitere wichtige Wurzeln der ökonomischen Analyse in der Theologie finden wir im 17. und 18. Jahrhundert. Der französische Ökonom De Boisguilbert, der als erster volkswirtschaftliche Entwicklungen als gleichgewichtige Phänomene – also Wechselspiel von Marktkräften, die aufeinander reagieren – beschrieb und den Begriff „laissez-faire“ prägte, gehörte zu den Jansenisten, einer französischen Reformbewegung. Du Boisguilbert war kein Theologe, aber in der jansenistischen Schule von Port-Royal ausgebildet. Er sah in der Bewegung eines ökonomischen Systems hin zu einem Gleichgewicht ein Wirken der göttlichen Vorsehung, die alles zum Guten der Menschen regelt.

 

In ähnlicher Weise beschrieb Adam Smith, der gemeinhin als der Vater der modernen ökonomischen Analyse gilt, Marktprozesse, die zum Ausgleich der gegensätzlichen Interessen von Anbietern und Konsumenten führen, als das Wirken einer „unsichtbaren Hand.“ Letztere ist bei Smith nun aber nicht eine unsichtbare Hand des Marktes, wie es heute oft fälschlich dargestellt wird. Vielmehr war die unsichtbare Hand ein in seiner Zeit geläufiger Ausdruck für göttliche Führung und Vorsehung. Gott wirkt durch den Markt, um in einer Gesellschaft Harmonie, Interessenausgleich und Wohlergehen herzustellen und zu erhalten.

Adam Smith war Professor für Moraltheologie an der Universität von Glasgow. Sein Interesse an ökonomischen Fragen entsprang seiner Prägung als Ethiker. Die Union von Theologie und ökonomischer Analyse in einer Person finden wir auch bei anderen Ökonomen seiner Zeit. Thomas Malthus, der Smiths optimistischen Ideen von wirtschaftlicher Entwicklung hin zu allgemeinem Wohlstand den Pessimismus dauerhafter Verelendung entgegenstellte, war anglikanischer Pfarrer, bevor er den ersten Lehrstuhl für Politische Ökonomie in England innehatte. Richard Whately lehrte Theologie an der Oxford University, bevor er dort einen Lehrstuhl für Politische Ökonomie übernahm, den er allerdings schon bald zugunsten des Amts als Erzbischof von Dublin aufgab.

 

Gehört die Ökonomie der Theologie?

 

20 der 50 Gründungsmitglieder der American Economic Association im Jahr 1885 waren als Pastoren tätig oder tätig gewesen. Richard T. Ely, erster Sekretär dieser bis heute weltweit größten Berufsvereinigung akademischer Ökonomen, schlug vor, die zu der Zeit entstehenden wirtschafts-wissenschaftlichen Abteilungen in den theologischen Fakultäten der Colleges anzusiedeln, wo sie die Kirche in ökonomischen Fragen unterrichten und ihr so helfen sollten, ihre soziale Mission zu erfüllen.

Erst ab Ende des 19. Jahrhunderts entwickelten sich Theologie und ökonomische Analyse auseinander. Dies gilt vor allem für die protestantische Theologie; in der katholischen Kirche wurde und wird in der Tradition der Enzyklika „Rerum Novarum“ von Papst Leo XIII. die Auseinandersetzung mit ökonomischen Fragen und das Gespräch mit Wirtschaftswissenschaftlern weitergeführt. Die geistigen Väter der Sozialen Marktwirtschaft waren maßgeblich von der daraus entstandenen katholischen Soziallehre beeinflusst.

 

Protestantismus geht auf Distanz

 

Schon 1925 verurteilte dagegen der Vorsitzende der Konferenz des Weltkirchenkongresses, van Drimmelen, Adam Smiths Buch über den Wohlstand der Nationen als Evangelium des Egoismus, ein Urteil, das von weitgehender Unkenntnis und Vorurteilen zeugt. Bis heute zeigen namhafte protestantische Theologen wie Wayne Grudem oder Kathryn Tanner, wenn sie sich zu ökonomischen Fragen äußern, weder Kenntnis ökonomischer Grundbegriffe noch Dialogbereitschaft.

Zugleich beschäftigte sich die ökonomische Analyse seither immer weniger mit ethischen Fragen. Wirtschaftswissenschaftler bemühten sich um „werturteilsfreie“ Analyse und konzentrierten sich auf Probleme ökonomischer Effizienz und, nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Systemkonkurrenz zwischen Kapitalismus und Sozialismus, wirtschaftlicher Entwicklung. Erst in den vergangenn 25 Jahren ist mit der Verhaltensökonomik, die Aspekte von Psychologie und Moral explizit berücksichtigt, das Interesse an ethischen Problemen wieder gewachsen.

 

Jesus herrscht über die Wirtschaft

 

Im Kern beschäftigen sich Theologie und ökonomische Analyse mit Grundfragen menschlichen Zusammenlebens: Gerechtigkeit und das Verhältnis zwischen dem Wohl und Interesse des Einzelnen und der Gemeinschaft. Ihre gegenseitige Sprachunfähigkeit befördert dagegen den Eindruck, dass die jeweils andere zu einer anderen Welt gehört. Die Menschen aber, namentlich die in evangelischen Gemeinden, leben in beiden Welten und brauchen Orientierung für beide. Es entspricht der reformierten Tradition, dass Jesus über das ganze Leben herrscht. Seelsorge, die wirtschaftliche Fragen nicht kennt, ist dafür ebenso wenig hilfreich wie ökonomische Analyse, die sich mit ethischen und theologischen Fragen nicht beschäftigt. Es ist an der Zeit, dass die Verwandten wieder ernsthaft und respektvoll miteinander reden, zum gegenseitigen Gewinn und zum Wohl der Menschen in den Gemeinden.

 

AUTORENKASTEN

Jürgen von Hagen ist Professor für Volkswirtschaftslehre und Dekan der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität Bonn. Er gehörte 2011 laut einem Ranking des Handelsblatts zu den 20 bedeutendsten deutschsprachigen Ökonomen. Der verheiratete Vater von vier Kindern ist außerdem Pastor einer Freien evangelischen Gemeinde in Mülheim an der Ruhr und ehrenamtlicher Aufsichtsratsvorsitzender des christlichen Senders ERF Medien.

 

 

Exzellent führen in der „neuen Normalität“ – Kongress der AG Familienunternehmen

 

Die Umwelt wird komplexer, Zeit und Ressourcen werden knapper. Mit unserer Veranstaltungsreihe bieten wir Orientierung im Alltagsdschungel. Erfolgreiche Unternehmer, Berater und Coaches zeigen, wie exzellente Führung unter veränderten Bedingungen aussehen kann. Sie geben Rat und machen Mut. Hierzu laden wir Familienunternehmerinnen und –unternehmer herzlich ein.

Newsletter bestellen

Bitte tragen Sie in das Feld Ihre Mailadresse ein.

     Ich bin damit einverstanden, dass meine Daten im Rahmen der Datenschutzerklärung verwendet werden.