Freiheit in Gefahr

Was Christen aus Liebe für die Gesellschaft tun sollten

Anfang Februar gründete sich das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit, dem inzwischen mehr als 400 deutschsprachige Wissenschaftler angehören. Sie alle eint das Anliegen, die “Freiheit von Forschung und Lehre gegen ideologisch motivierte Einschränkungen zu verteidigen und zur Stärkung eines freiheitlichen Wissenschaftsklimas beizutragen“. Ist die Freiheit wirklich in Gefahr? Ja, meint Professor Ralf Bergmann. In seinem neuen Buch „Die freie Gesellschaft und ihre Feinde“ analysiert er die Situation und gibt Hinweise, was jetzt zu tun ist. Wir dokumentieren Auszüge.

In der Allensbach-Umfrage „Grenzen der Freiheit“ vom Mai 2019 stimmten fast zwei Drittel der Befragten der Aussage zu: „Heutzutage muss man sehr aufpassen, zu welchen Themen man sich wie äußert.“  In einem Artikel der Frankfurter Allgemeinen Mitte 2020 ging es um die Ergebnisse einer Allensbach-Umfrage im Auftrag des Deutschen Hochschulverbandes, in der 30 Prozent der befragten Hochschullehrer sagten, die Political Correctness schränke ihre Forschung und Lehre ein.

Viele Christen führen diese Entwicklungen darauf zurück, dass unsere Gesellschaft immer mehr vom christlichen Glauben entwurzelt ist. So sprach der Politikwissenschaftler Andreas Püttmann bereits 2010 von einem Übergang vom „christlichen Abendland“ zur Christophobie.  Dieser Übergang wird nach seiner Einschätzung auch von manchen scheinbar konservativen Politikern unterstützt. Er bemerkt dazu: „[…] in ihrer Grundsatzrede vor dem Europäischen Parlament in Straßburg im Januar 2007 erklärte Bundeskanzlerin Merkel nicht etwa das Christentum zum Identitätskern des Abendlandes, sondern wich auf die konsensfähigere, aber doch recht dürftige Formel aus: ‚Die Seele Europas ist Toleranz.‘“

Freiheit bewirkt Wohlstand

Dabei hängen Freiheit und Wohlstand eng zusammen. Daten zur Korrelation liefert der weltweit erhobene ökonomische Freiheitsindex des kanadischen Fraser-Instituts.  Dieser Index misst den Grad, in dem die Politik und die Institutionen eines Landes ökonomische Freiheit unterstützen.

In den 39 Ländern mit dem niedrigsten Freiheitsindex liegt das durchschnittliche Einkommen pro Einwohner bei knapp 5.800 Dollar, in den 39 Ländern mit dem höchsten Freiheitsindex bei ca. 44.200 Dollar, also fast acht Mal höher! Die Verhältnisse beim durchschnittlichen Einkommen der ärmsten zehn Prozent der Bevölkerung im Jahr 2018 sind ähnlich wie beim Durchschnittseinkommen in der Gesamtbevölkerung. In den unfreiesten Ländern verfügt diese Gruppe im Schnitt über ein Einkommen von knapp 1.600 Dollar, in den freiesten Ländern von ca. 12.300 Dollar, also ebenfalls ungefähr dem 8-fachen. Um es mit einer Aussage zu formulieren, die Winston Churchill (1874–1965) zugesprochen wird: „Dem Kapitalismus wohnt ein Laster inne: Die ungleichmäßige Verteilung der Güter. Dem Sozialismus hingegen wohnt eine Tugend inne: Die gleichmäßige Verteilung des Elends.“

Freiheit bringt nicht nur finanzielle Vorteile! So steigt die Lebenserwartung von 65,6 Jahren in den unfreisten Ländern um fast 15 Jahre auf 80,3 Jahre in den am meisten freien Ländern, während die Säuglings-sterblichkeit in den unfreisten Ländern bei knapp 40 Prozent liegt und in den am meisten freien Ländern knapp 5 Prozent beträgt.

Christentum und Menschenrechte

In Ländern mit großer Unfreiheit herrscht auch häufig eine starke Unterdrückung von Minderheiten, insbesondere auch große Christenverfolgung. Den Grad dieser Verfolgung beschreibt seit vielen Jahren der Weltverfolgungsindex der Hilfsorganisation Open Doors.  Die Rangliste der zehn Staaten mit der stärksten Christenverfolgung wird angeführt von Nordkorea, gefolgt von Afghanistan, Somalia, Libyen, Pakistan, Eritrea, Sudan, Jemen, Iran und Indien – allesamt Staaten, die im ökonomischen Freiheitsranking untere Plätze besetzen oder dort gar nicht erst aufgeführt sind

Was fördert nun Demokratie, Wohlstand und Freiheit? Der Soziologe Alvin Schmidt beschreibt den positiven Einfluss des christlichen Glaubens unter anderem auf die Würde der Frau, auf Nächstenliebe, Barmherzigkeit, Freiheit, Gerechtigkeit, Abschaffung der Sklaverei, Bildung, Förderung von Kunst und Kultur zum Beispiel durch Architektur, Musik und Literatur sowie die Schaffung von Institutionen wie Krankenhäuser und Gesundheitsfürsorge und die Förderung der Wissenschaft durch die Gründung von Universitäten.

Einen empirischen Hinweis auf den Stellenwert des christlichen Glaubens für die Demokratie an sich gibt die Autorin Christine Schirrmacher. Sie schreibt im Jahre 2013, dass von weltweit 88 freien Demokratien 79, also 90 % mehrheitlich christlich geprägt sind. Daneben stehen nach ihren Ausführungen eine jüdisch geprägte Demokratie und sieben Staaten mit mehrheitlich fernöstlichen Religionen.  Diese Ergebnisse sollten eigentlich nicht verwundern, denn freiheitsfördernde Einstellungen wie die Anerkennung der Würde und Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz sowie die Glaubens-, Gewissens- und Meinungsfreiheit sind allesamt im christlichen Menschenbild verankert

 

Was können Christen tun, um sich für den Erhalt der Freiheit einzusetzen?

  1. Der erste Schritt für alle Christen ist das Gebet – für alle Menschen – besonders aber für Politiker: „Das Erste und Wichtigste, wozu ich die Gemeinde auffordere, ist das Gebet. Es ist unsere Aufgabe, mit Bitten, Flehen und Danken für alle Menschen einzutreten, insbesondere für die Regierenden und alle, die eine hohe Stellung einnehmen, damit wir ungestört und in Frieden ein Leben führen können, durch das Gott in jeder Hinsicht geehrt wird und das in allen Belangen glaubwürdig ist.“ (1. Timotheus 2, 1-2)
  2. Handeln zum Besten der Gesellschaft: „Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN; denn wenn’s ihr wohl geht, so geht’s euch auch wohl.“ (Jeremia 29, 7) Auch wenn der eigene Wohnort oder die eigene Umgebung nicht Wunsch- oder Wahlheimat ist, sollten Christen sich positiv in die Gesellschaft einbringen. Viele tun das auch, vor allem mit sozialem Engagement, das normalerweise sowohl von der Öffentlichkeit als auch von der Politik positiv wahrgenommen wird, insbesondere wenn die öffentliche Hand solche Aufgaben nicht oder nur teilweise übernehmen kann.
  3. Reden über das was uns bewegt: „Wir können’s ja nicht lassen, von dem zu reden, was wir gesehen und gehört haben.“ (Apostelgeschichte 4, 20). Das private Gespräch ist eine „niederschwellige“ Sache. Nach dem privaten Gespräch kommt das Gespräch in kleinen Gruppen. Die nächste Hürde ist die Diskussion in Vorlesungen, Seminaren, nach Vorträgen oder anderen mehr oder weniger öffentlichen Veranstaltungen. Hier machen viele den Fehler, zu meinen, man könnte den Referenten auf dem Podium überzeugen. Das habe ich noch nie erlebt. Eine gute Diskussion kann aber viele Menschen im Publikum zum Nachdenken bringen und gute Fragen können die Stimmung im Saal nachhaltig verändern, sodass etliche Zuhörer durch mutige Fragen mit ganz neuen eigenen Fragen oder Anregungen nach Hause gehen.
  4. Schreiben. Dabei meine ich nicht zuerst das Schreiben für die „große Öffentlichkeit“, sondern das Formulieren der eigenen Meinung auf Internetplattformen („social media“), in Mails oder auch Leserbriefen an die gute alte Zeitung. Und zwar zu bestimmten, konkreten Anlässen. Ein Leserbrief steht für eine große Anzahl schweigender Menschen, die das Gleiche denken, aber sich nicht trauen, es auszusprechen. Es ist nicht nur wichtig, den von manchen Christen geliebten, aber für die Außenwelt unverständlichen Insiderjargon zu meiden, sondern auch Pauschalurteile oder Schmähkritik und dergleichen.
  5. Kommunikation mit Politikern. Politiker sind immer in der Gefahr, die „Bodenhaftung“ zu verlieren und Briefe (oder Mails) an Politiker erinnern diese an die Themen, die „normale“ Bürger umtreiben. Da Politiker davon abhängig sind, wiedergewählt zu werden, bekommt man auch so gut wie immer eine Antwort. Dass man dabei respektvoll und sachlich schreiben sollte, ergibt sich von selbst. Im Übrigen kann man Politiker auch loben, besonders wenn sie zum Beispiel gegen medialen Widerstand eine gute oder auch mutige Entscheidung getroffen haben.
  6. Sich über aktuelle politische Themen informieren: Viele Menschen haben keine Ahnung von den Inhalten parlamentarischer Diskussionen oder von Parteiprogrammen. Ich rate dringend, sich eine Übersicht darüber zu verschaffen, welche Ziele verschiedene Parteien eigentlich verfolgen.
  7. Politiker beobachten, die man vielleicht wählen möchte. Welche Einstellungen haben sie? Was treibt sie um? Haben sie die Möglichkeit, diese Ziele in ihrer Partei umzusetzen, oder sind sie nur „Weisungsempfänger“? Der eine oder andere wird auch Möglichkeiten nutzen, Kontakt zu Abgeordneten aufzubauen. Das ist besonders dann hilfreich, wenn man später einmal selbst ein Anliegen hat.
  8. Ein weitergehender Schritt, der allerdings für vergleichsweise wenige möglich sein wird, ist, sich selbst in der Politik zu engagieren, Dabei wird oft unterschätzt, was einzelne Persönlichkeiten in Schlüsselpositionen bewirken können – und zwar zum Guten wie auch zum Bösen! Wer glaubt, dass eine einzelne entschlossene Person in der Politik nichts erreichen kann, der lese zum Beispiel die Biographie des britischen Parlamentariers William Wilberforce (1759-1833), einem gläubigen Christen, dessen Lebenswerk die Abschaffung der Sklaverei war. Hier hat eine Person für Millionen von Menschen Freiheit erkämpft!
  9. Gesellschaft durchdringen: Schließlich ist es wichtig, die „vierte Macht“ nicht zu vernachlässigen. Christen sind in den Medien rar, wenn sie aber einflussreiche Positionen bekommen, können sie damit eine große Reichweite erzielen.

 

Gesellschaftliche Veränderung sollte nicht als Weg zurück in eine „gute alte Zeit“ verstanden werden (wann immer das gewesen sein soll). Stattdessen brauchen wir neue Gestaltungsideen auf Basis des christlichen Glaubens. Das Internet, künstliche Intelligenz, Gentechnik oder ähnliche Entwicklungen sind weder gut noch böse an sich, sie können aber, wie vieles andere auch, zu Gutem oder Bösem benutzt werden. Es ist ein Irrglaube, dass wir all dem schicksalhaft ausgeliefert sind. Es kommt auf die Motivation und die Ziele an, mit der die Dinge benutzt werden.  Um einen positiven Einfluss auf unsere Gesellschaft ausüben zu können reicht es aber nicht, wenn nur einzelne Christen sprachfähig werden. Auch christliche Organisationen müssen informierter, kreativer, sprachfähiger und sprachwilliger werden.

Ralf B. Bergmann

 

AUTOR

Dr. Ralf B. Bergmann, Jahrgang 1962, ist Professor an der Universität Bremen im Fachbereich Physik und Elektrotechnik. Als Christ hat er auch zu Fragen von Naturwissenschaft und Glaube publiziert. Der verheiratete Vater von drei inzwischen erwachsenen Kindern ist Gründungsmitglied des Netzwerks Wissenschaftsfreiheit.

 

BUCH

Ralf B. Bergmann, Die freie Gesellschaft und ihre Feinde. 12 Euro. Bestellbar über das Professorenforum https://www.professorenforum.de/buecher/

 

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