Die teuflische Frage-Schleife

Was wir von Bonhoeffer über Nächstenliebe lernen können

„Liebe Deinen Nächsten“, heißt das biblische Gebot. Ist mein Nächster nur der im Nachbarhaus – oder ist es auch das Waisenkind in der Ukraine oder der Geschäftspartner in Indien? Die Geschichte der Begegnung eines Geschäftsführers mit seinem Pastor geht der Frage auf den Grund.

 

Von Traugott Hopp

Jens behält die Uhr im Blick, während er schnell über das Telefon noch einige Dinge innerbetrieblich regelt. Das Zoom-Meeting mit internationalen Partnern hatte länger gedauert als erwartet. Aber immerhin, es war erfolgreich, und das neue Projekt schien für alle Beteiligten vielversprechend. Jens steht kurz vor dem Abschluss eines wichtigen Vertrags. Und es fühlt sich gut. Noch einmal der Blick auf die Uhr. Jetzt muss er los. Jens zieht sich eine Jacke an, steckt den Kopf kurz bei seiner Assistentin rein, und dann ist er unterwegs.

Einmal im Monat trifft sich Jens mit dem Pastor seiner Gemeinde zum Lunch. Jens schätzt diese gemeinsame Zeit. Thomas ist gute zehn Jahre älter und ein eher ruhiger Typ. Und er ist ehrlich interessiert am Leben seiner Gemeindeglieder und ein guter Zuhörer. Er kann einen mit persönlichen Fragen überraschen, die Jens verblüffen und zum Nachdenken bringen. So hatte er bei der letzten Begegnung recht unvermittelt gefragt: „Sag mal, Jens, wie pflegst du deine Beziehung zu Jesus?“. Jens erinnert sich an den freundlichen Blick von Thomas. Dem Pastor ging es nicht um „richtig oder falsch“ oder das Abhaken einer Kontrollfrage. Daraus hatte sich ein Gespräch ergeben – in dessen Folge Jens seinen Start in den Tag neu ordnete.

 

Beziehung zu Jesus erneuert

 

Er parkt vor ihrem Lieblings-Italiener. Die beiden Männer begrüßen einander freundschaftlich, suchen sich einen Tisch in einer ruhigen Ecke. „Thomas, die Sache mit der Jesus-Beziehung hat ziemlich nachgewirkt!“ – Der Pastor beugte sich leicht nach vorne, um gut zuhören zu können. „Aus meinem Beruf weiß ich, dass es absolut notwendig ist, gute Geschäftsbeziehungen zu pflegen. Darüber machen wir uns in der Firma viele Gedanken, und ich arbeite hart daran, ein guter Partner für andere zu sein. Mir ist schon klar, dass ich zu Jesus ja viel mehr als eine Geschäftsbeziehung habe. Aber ich habe mir in den letzten Jahren wenig Gedanken darüber, wie ich diese Beziehung gut gestalten kann. Irgendwie dachte ich, dass ist die Sache von Jesus. Mir ist deutlich geworden, dass ich meinen Anteil in der Beziehung sehr vernachlässigt habe. Seit unserem Gespräch habe ich wieder angefangen, mein Tag sehr bewusst mit Jesus zu beginnen…“

Thomas freut sich mit Jens. So lebendig und sprühend hat er ihn noch nie von seiner Jesus-Liebe erzählen hören. Doch dann stockt Jens: „Thomas, mich beschäftigt zunehmend eine Frage. Wie kann ich meine Nähe zu Jesus auch in Liebe zu anderen Menschen ausdrücken? Mit meiner Familie klappt das ganz gut. Wir haben es gut zusammen. Aber darüber hinaus? Du weißt, es geht uns gut. Ich verdiene mehr als viele in unserer Gemeinde – und viel mehr, als die meisten Menschen, wenn ich den internationalen Vergleich nehme. Dann kommen die aktuellen Nachrichten-Bilder dazu. Ich bin hin und her gerissen.“

 

Was ist meine Verantwortung?

 

Pastor Thomas lehnt sich zurück und schließt die Augen. „Jens, willst du eine Antwort – oder bleibst Du lieber bei der Frage?“ Normalerweise denkt, handelt und redet Jens rasch. Doch jetzt ist er es, der sich im Stuhl zurücklehnt. „Gibt es denn eine Antwort?“, fragt er. „Immer, wenn ich mir eine Entscheidung zurechtlege – wie zum Beispiel einen größeren Betrag zu spenden oder den nächsten Urlaub zwei Nummern günstiger zu planen -, tauchen Argumente auf, die meine Entscheidung in Frage stellen. Wie finde ich denn heraus, was bitteschön meine konkrete Verantwortung ist!“ Jens staunt selbst, wie leidenschaftlich seine Stimme klingt.

Thomas vertieft seine Überlegung: „Wünschst du dir eine Antwort, die sehr praktisch ist – die du nur noch umsetzen brauchst – und damit alle anderen Fragen verstummen lässt?“ Jens lächelt ein wenig: „Wenn ich ehrlich bin: Ja. Das hätte ich gerne. Sag mir, was ich tun soll – und das mach ich dann – vielleicht sogar gerne. Aber damit will ich auch wieder Ruhe haben!“. Pastor Thomas schweigt – als ob er auf weitere Worte von Jens wartet. „Ein wenig naiv, so zu denken, oder?“, murmelt Jens dann.

Thomas schaut ihn an: „Nein, Jens, das ist nicht naiv. Ich kämpfe auch mit dem Dilemma. Was kann ich noch tun? Wo sollte ich mich engagieren – finanziell, menschlich… tue ich genug? Zuviel? Wenn ich das eine tue, vernachlässige ich dann nicht andere Aufgaben und Menschen? Wie wichtig darf ich mich selbst nehmen?“

 

Globalisierte Nächstenliebe

 

Einen Augenblick schaut Pastor Thomas an Jens vorbei, sein Blick scheint weit hinauszugehen. Jens dämmert es. Pastor Thomas lebte für einige Jahre in Afrika, und er hat noch aktive Verbindungen dorthin. Wie handfest sind die Sorgen der Menschen dort – und wie selbstbezogen erscheinen dagegen manche der Bedürfnisse der Gemeindemitglieder hier?!

Thomas fängt sich, kehrt wieder mit voller Aufmerksamkeit zum Gespräch zurück: „Weißt du, Jens, dieser Wunsch nach Eindeutigkeit und herauszutreten aus diesem Dilemma von Möglichkeit, Verantwortung, Selbstbezogenheit, Weltverantwortung und Familie beschäftigt Menschen schon sehr lange. Mit dieser Frage sind Menschen zu Jesus gekommen.“

„Ach ja?!“ Jetzt ist Jens doch ein wenig überrascht. „Machen Globalisierung, Komplexität und die Unübersichtlichkeit unserer Tage denn so wenig aus? Ist unsere Situation tatsächlich mit den damaligen Verhältnissen zu vergleichen?“

„Ja und nein, Jens! Natürlich sind viele Dinge ganz anders. Du triffst im Zoom-Meeting heute Partner oder Kunden in Indien, Mexiko oder Japan – unter Umständen sogar zeitgleich. Wir bekommen Bilder von Not und Krieg von jedem Ort der Welt direkt ins Smartphone geliefert. Und alle wollen oder brauchen Hilfe.“

Jens nickt, die Bilder der Mutter mit ihren Kindern aus dem Kriegsgebiet in der Ukraine hatten ihn gestern seltsam berührt. Die Kinder waren so alt wie seine Kids. Die ruhige Stimme des Pastors führt ihn zurück in das Gespräch: „Andererseits bestand auch damals schon das Dilemma für den, der viel hatte – und viel hätte geben können. Oder das Dilemma zwischen zeit- und zielorientiertem Handeln und der Zuwendung zu Menschen, die sich danach sehnten. Denk an den sogenannten ‚reichen Jüngling‘, oder jenen Mann, der die geschickte Frage stellte, wer denn um alles in der Welt der Nächste für uns sein soll. Du findest das in den Evangelien, Matthäus 19 und Lukas 10.“

 

Bonhoeffers „Nachfolge“

 

Jens nickt. Der Pastor spricht weiter: „Bevor wir zu Jesus zurückkommen, lass mich noch erwähnen, wie Dietrich Bonhoeffer dieses Thema beschreibt“. Jens wirft ein: „Der mit dem Lied ‚Von guten Mächten wunderbar geborgen‘?“. Thomas lächelt. „Ja, der! Er hat ein Buch geschrieben mit dem Titel ‚Nachfolge‘. Vielleicht interessiert es dich, mal darin zu lesen? Bonhoeffer lebte seinen Glauben – mit vollem Risiko!“ Jens hakt nach: „Wurde er nicht schlussendlich von den Nazis umgebracht? Ich habe mal einen Film darüber gesehen.“

„Genau! Aber jetzt zu unserem Thema. Bonhoeffer beschreibt diesen Konflikt zwischen Möglichkeiten zu handeln, aber kritischen Überlegungen, die uns abhalten eine Entscheidung zu treffen. Und er schildert zwei Möglichkeiten damit umzugehen. Die eine ist die Lösung des Teufels: Bleibe im Fragen, so bist du frei vom Gehorchen!“

Jens atmet einmal tief durch: „Das ist angriffig, aber stark! Es macht Sinn. Solange ich die Debatten mit mir selbst führe, ob und was ich tun soll, passiert gar nichts. Außer, dass ich mich selbst ermüde. Ich stelle mich infrage, aber treffe keine Entscheidung. Und niemandem ist geholfen!“

Pastor Thomas stimmt zu: „So ist es. Kein Wunder also, dass Bonhoeffer solch eine Verharren in der Frage-Schleife als teuflisch bezeichnet, oder?“

„Ja, aber was ist nun die zweite Antwort, von der Du gesprochen hast? Wie löst sich der Konflikt auf?“, will Jens wissen.

 

Liebe erleben

 

Bevor der Pastor antwortet, bestellt er sich einen Cappuccino – und für Jens einen doppelten Espresso. „Bonhoeffer erklärt, dass Jesus gar nicht die Absicht hat, den Konflikt für uns zu lösen. Das ethische Dilemma bleibt uns erhalten. Wir können es nicht auflösen oder loswerden!“

Jens seufzt hörbar. „Dann sind wir ja wieder ganz am Anfang! Und ich bin keinen Schritt weiter, keine Spur schlauer!“.

Jetzt lacht Thomas. „Jens, mir hat es sehr geholfen, dass Bonhoeffer so ehrlich ist. Die Spannung bleibt. Der Konflikt wird nicht gelöst. Damit werden wir leben müssen. Aber Bonhoeffer weist dann deutlich darauf hin, was Jesus den Menschen geantwortet hat. Er hat sie nicht vom ‚ethischen Dilemma‘ befreit, aber ihnen die Freiheit der Tat vor Augen geführt!“.

„Du meinst, wie er die Geschichte vom barmherzigen Samariter erzählt hat, um die Frage nach dem Nächsten zu klären?!“

Thomas nickt: „Der schlaue Mann damals wollte mit seiner Frage deutlich machen, man kann doch nicht jedem und allen Nächstenliebe erweisen, da kommt man zu nichts mehr. Jesus aber erzählt die Geschichte und dreht dann die Frage um: Wer hat hier Nächstenliebe erlebt und gelebt? Das war dann eindeutig. Es geht also nicht um die theoretische Klärung eines für uns unlösbaren Dilemmas. Jesus will zur Freiheit der Tat verlocken, er will die Freude der Entscheidung aufzeigen. Wem bin ich heute ‚der Nächste‘? Nicht theoretisch, sondern durch meine Handlung. Darum geht es.“

 

Fürs Helfen entscheiden

 

Jens lehnt sich zurück, nimmt den letzten kleinen Schluck seines Espressos. „Ich hätte meinen indischen Gesprächspartner heute noch etwas länger im Zoommeeting halten können. Ich weiß, dass er familiäre Sorgen hat. Und wir haben eine gute Beziehung…. Es ist schon verrückt meinen übernächsten Nachbarn kenne ich kaum. Aber Amal kenne ich schon Jahre. Ihm kann ich nahekommen. Und ich denke an Juliana, alleinerziehend, sie arbeitet halbtags bei uns. Da reicht das Geld niemals für einen Urlaub mit den zwei Kindern…. Ich spreche heute Abend mit meiner Frau Silvia, wir könnten hier helfen!“

Das Handy des Pastors schnurrt. „Entschuldigung!“, murmelt Thomas. Er geht ein paar Meter an die Seite, um sprechen zu können. Jens lehnt sich zurück. „Die Freiheit der Tat, die Freude der Entscheidung! Das ist die Spur, die Jesus dann Gehorsam nennt. Sie kommt aus dem Hören auf IHN!“. Genau das übt Jens ja neuerdings wieder vermehrt. Und er hat Freude dran.

Thomas kommt zum Tisch zurück: „Ich muss los! Nächste Aufgabe wartet! Grüße an Silvia!“. Jens steht kurz auf, verabschiedet seinen Pastor: „Danke, Thomas! Nächstes mal reden wir über die Gemeinde. Ich hab noch ein paar Ideen, die ich gerne mit dir besprechen will! Rechnung geht auf mich. Ich bleibe noch für einen Kaffee. Hab noch ein paar Minuten!“.

Jens setzt sich wieder und denkt halblaut: „Und was ist, wenn Jesus zu mir sagt: Verkaufe alles – und folge mir nach? – Wohin das wohl führen würde?!“ Jens spürt keine Angst oder Sorge, sondern eher ein aufregendes Kribbeln.

 

 

Zum Autor:

Traugott Hopp, Jahrgang 1962, ist Pastor der Freien evangelischen Gemeinde Fürstenfeldbruck. Zuvor war der verheiratete Vater von drei inzwischen erwachsenen Kindern unter anderem Rektor der Akademie für Weltmission in Korntal bei Stuttgart sowie Dozent am Theologischen Seminar in Tabor (Marburg).

 

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