Die Lust der Tugend

Wie unsere Seele tüchtig wird

Damit Tugenden einem Menschen in Fleisch und Blut übergehen, braucht es Übung. Doch führen sie zu einem besseren Leben – und können den Blick weiten für das, was nach diesem Leben kommt. Der Autor des folgenden Beitrags möchte Lust auf Tugenden machen.

 

Das Wort „Tugend“ klingt altbacken. Viele Männer stellen sich unter einer „tugendhaften Frau“ eine Frau vor, die so aussieht, dass man eh lieber nichts mit ihr anfangen möchte. Das liegt daran, dass man lange Zeit die Tugenden einer Frau auf Keuschheit reduzierte, während man beim Mann die Tugenden Klugheit und Mut sah. Gott sei Dank verschwinden diese Klischees mehr und mehr. Denn wir benötigen sowohl kluge und mutige Frauen wie auch Männer, die mit ihren Leidenschaften maßvoll (besonnen) umgehen.

Hoch aktuelle Tugenden

Die Corona-Krise zeigt, wie wichtig Geduld und Hoffnung sind, zwei Tugenden, die in der Bibel öfters genannt werden (z.B. Römer 12,12). Hoffnung zielt darauf, dass es besser wird, und Geduld ist nötig, weil die Krise länger dauert als gedacht und der Lockdown gefühlt endlos verlängert wird.

Richtig verstanden sind Tugenden hoch aktuell. Sie beruhen auf einer alten Tradition, die sich auch im Neuen Testament widerspiegelt. Die älteste ausführliche Abhandlung zu Tugenden ist die Nikomachische Ethik von Aristoteles (384-322 v. Chr.). Aristoteles spricht von Tugenden als „Tüchtigkeiten der Seele“. Eine Seelentüchtigkeit muss wie eine Leibestüchtigkeit regelmäßig geübt werden. Ohne Übung kann man keinen Marathon schaffen, ohne Übung kann man nicht Klavier spielen. Gleiches gilt für Tugenden: Wer immer auf dem Sofa sitzt, kann nicht dann, wenn es nötig wäre, auf einmal mutig sein. Mut und andere Tugenden müssen geübt, trainiert werden.

Die Vierergruppe

Im alten Griechenland ging man von vier Grund- oder Kardinaltugenden aus: Praktische Klugheit, Mut, Besonnenheit und Gerechtigkeit. Manche Kirchen haben die dazu passenden vier Figuren. Die Tugend der Gerechtigkeit ist häufig eine Frau mit verbundenen Augen und einer Waage in der Hand. Diese Vierergruppe findet man sogar in der Bibel, zumindest wenn man zu einer katholischen Bibel greift. In Weisheit 8,7, einer Spätschrift des Alten Testaments, heißt es: „Sie lehrt Maß und Klugheit, Gerechtigkeit und Tapferkeit, die Tugenden, die im Leben der Menschen nützlicher sind als alles anderes.“

Diese vier Kardinaltugenden sah man früher vorwiegend beim Mann. Denn eine Frau, die zuhause am Herd wartet, während ihr Mann jagt, kämpft oder Politik macht, benötigt nach dieser Logik nur Besonnenheit/Mäßigung, und das reduzierte man dann auch noch auf Keuschheit. So kam man zu der Gleichsetzung, eine tugendhafte Frau sei eine keusche Frau. Schade, dass man so den Reichtum der Tugendlehre auf eine Eigenschaft reduzierte.

Die praktische Klugheit hat innerhalb der Tugenden eine Sonderstellung. Sie hilft in der Anwendung der anderen Tugenden, in der jeweiligen Situation das richtige Maß zu treffen zwischen Zuviel und Zuwenig. Nehmen wir etwa die Tugenden Mut und Freigiebigkeit. Zu wenig Mut ist Feigheit, zu viel Mut ist Übermut, das rechte Maß ist Tapferkeit. Und es ist die praktische Klugheit, die hier in der konkreten Situation das rechte Maß finden muss. Genauso ist es mit der Freigiebigkeit: Sie steht zwischen Geiz (zu wenig) und Verschwendung (zu viel). Die praktische Klugheit hilft herauszufinden, welche Gabe angemessen ist, angemessen zur Situation, aber auch angemessen zu den eigenen Möglichkeiten. Eltern, die ihr ganzes Geld spendeten, so dass ihre Kinder nichts zu essen hätten, würden sich gerade nicht tugendhaft verhalten.

 Es geht um Selbstführung

Tugenden werden als Wege zum Guten gesehen. Sie sind robuste Charaktermerkmale. Man würde einen Menschen nur dann als mutig bezeichnen, wenn er nicht nur gelegentlich mutig, sondern immer mutig ist. In einem Kampf ist es wichtig, sich auf den Mut des Kameraden verlassen zu können, zu wissen, dass er nicht einfach wegläuft. Wir vertrauen auf den Mut der Feuerwehrleute einzugreifen, wenn es im wahrsten Sinne des Wortes brenzlig wird.

Eine Tugend hat man nicht plötzlich. Man darf das nicht mit einer punktuellen Entscheidung verwechseln. Das Neue Testament spricht zwar von der Wiedergeburt als einem besonderen Zeitpunkt. Aber mit der Bekehrung, Wiedergeburt verhält ein Christ sich nicht automatisch tugendhaft. Dies ist bestenfalls der Startpunkt für eine Veränderung: Durch die Wiedergeburt wohnt der Heilige Geist in dem Menschen, und nun kann dieser Mensch mit Hilfe des Heiligen Geistes beginnen, die Tugenden zu trainieren. Das Neue Testament nennt dies die Früchte des Heiligen Geistes, und Früchte benötigen bekanntlich Zeit um zu wachsen.

Tugenderwerb setzt Prozesse voraus, die sich notwendig über einen längeren Zeitraum erstrecken. Das Neue Testament nennt diesen Prozess Heiligung. Geläufiger ist heute das Wort Charakterentwicklung. In der Managementsprache heißt es dann Selbstführung oder Self-Leadership. Genau darum geht es in der Tugendlehre: die Fähigkeit, sich selbst führen zu können. Und wer andere führen will, muss bekanntlich sich selbst führen können.

Lust auf Tugend

Üblicherweise verknüpfen wir Moral mit Pflicht und sehen dies als Gegenteil von Lust an. „Ich hätte zwar jetzt Lust, dies und jenes zu tun, aber da ich ein moralischer Mensch bin, mache ich es nicht.“ Diese Auffassung ist stark von der so genannten Pflichtenethik geprägt. Deshalb gelten Moralisten als Spaßverderber.

Genau hier hat die Tugendethik, so meine ich, einen besonderen Charme. Der Gedanke der Tugendethik ist es, eine Tugend so einzuüben, dass sie zur zweiten Natur wird. Menschen sind normalerweise nicht freigiebig, aber wer gelernt hat zu geben, wird es schließlich gerne tun. Aristoteles schreibt: „Der Freigiebige wird am rechten Ort und im rechten Maß geben und aufwenden … und er wird es mit Freuden tun.“ Bibelkundige erinnern sich hier an den „fröhlichen Geber“, den Gott liebhat (2. Korinther 9,7).

Ich bin in einem Elternhaus aufgewachsen, wo Geld immer knapp und deshalb auch immer Thema war. So fiel es mir später schwer, regelmäßig zehn Prozent zu spenden.  Was ich ursprünglich aus Pflichtgefühl und vielleicht zähneknirschend tat, wurde mir schließlich zu einer guten Gewohnheit, so dass ich heute gerne gebe. Es macht mir Freude, durch mein Geld anderen helfen zu können. Der Charme der Tugendethik liegt also darin, dass hier nicht Ethik und Lust gegeneinander ausgespielt werden, sondern es eine Lust ist, tugendhaft zu leben.

Bei Jesus können wir viele Tugenden erkennen. Er antwortete selbst in verzwickten Situationen klug und weise. Er hatte Mut, sich mit der Obrigkeit anzulegen. Er setzte sich für Gerechtigkeit ein, wo Menschen ungerecht behandelt wurden. Jesus zeigt Gastfreundschaft, wenn er verspricht, die vielen Wohnungen in seines Vaters Hause für uns vorzubereiten (Johannes 14,2). Solch ein Mensch möchte ich auch werden. Durch regelmäßiges Einüben kann Tugend zur Lust werden, und man kann als der Mensch handeln, der man sein möchte.

Tugenden beziehen sich auf Gemeinschaft

Wer das Wort „Kardinaltugenden“ googelt, stellt fest, dass je nach Kultur und je nach Autor eine unterschiedliche Liste von Kardinaltugenden präsentiert wird. Dies liegt darin, dass sich Tugenden immer auf eine soziale Gemeinschaft beziehen. Deswegen gibt es auch keine universelle oder fest abgeschlossene Liste von Tugenden.

Für die alten Griechen war ein Leben außerhalb der Stadt, der polis, nicht vorstellbar, beziehungsweise nicht lebenswert. Mit Tugenden waren jene Charaktereigenschaften gemeint, die einen Mann zu einem angesehenen und wichtigen Bürger Athens oder Sparta machten. Die meisten Tugenden, welche die neutestamentlichen Pastoralbriefe (1 Timotheus 3,1-7; Titus 1,5-9) als notwendig für ein geistliches Leitungsamt aufführen, entsprachen den damals üblichen Erwartungen an einen Leiter. So haben auch wir heute gewisse Vorstellungen davon, wie eine Führungskraft sein sollte, und erwarten das bewusst oder unbewusst auch von einem Gemeindeleiter oder einer Gemeindeleiterin, vielleicht hier und da ein bisschen christlich angepasst.

Aber vom Ziel her geht das Neue Testament über die damalige Perspektive hinaus. Ginge es bei Aristoteles um das Bürgerrecht in einer griechischen Stadt, so geht es im Neuen Testament um das himmlische Bürgerrecht (Epheser 2,19; Philipper 3,20).

Der britische Theologe N.T. Wright nennt in seinem Buch „Glaube – und was dann?“ die Tugenden auch die „Sprache des Himmels“. Diese sind wie eine Fremdsprache zu lernen. Wer vorhat, nach Paraguay auszuwandern, wird zur Vorbereitung Spanisch lernen. „Beim Praktizieren und bei der Gewohnheit der Tugend in diesem Sinne dreht sich alles darum, im Voraus die Sprache zu lernen, die in Gottes neuer Welt gesprochen wird“ (S. 69).  Die griechische Tugendlehre hatte das Irdische im Blick, das Neue Testament hat darüberhinaus auch den Himmel im Blick.

Und es gibt noch einen wesentlichen Unterschied: Aristoteles sah im tugendhaften Menschen tendenziell immer den Helden, den moralischen Giganten, der durch die Welt geht, großartige Taten vollbringt und den Applaus kassiert. Bei der christlichen Vision vom tugendhaften Menschen steht nicht das Selbst im Mittelpunkt, sondern Gott und Gottes Königreich.

 

 

 

 

 

Prof. Dr. Volker Kessler, Jahrgang 1962, leitet die Akademie für christliche Führungskräfte. Er ist promovierter Mathematiker und zudem einen in Südafrika erworbenen Doktortitel in Theologie. Er ist Professor extraordinarius an der Universität von Südafrika und Studienleiter der Gesellschaft für Bildung und Forschung in Europa (GBFE). Er erfüllt Lehraufträge an verschiedenen Hochschulen und ist bekannt als Autor diverser Sachbücher.

 

 

Zum Weiterlesen

Afflerbach, Horst; Kaemper, Ralf & Kessler, Volker 2014. Lust auf gutes Leben. 15 Tugenden neu entdeckt. Edition AcF. Gießen: Brunnen

Comte-Sponville, André 1996. Ermutigung zu einem unzeitgemäßen Leben. Ein kleines Brevier der Tugenden und Werte. Reinbek: Rowohlt.

Pieper, Josef 2008. Über die Tugenden. Klugheit. Gerechtigkeit. Tapferkeit. Mass. (Vorwort v. Johannes Rau) 2. Aufl. München: Kösel.

Wright, N.T. 2011. Glaube – und was dann? Von der Transformation des Charakters. Marburg: Verlag der Francke-Buchhandlung.

 

 

 

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