Der Zweitchancengeber

Hoffnung gibt es überall, es muss sie nur einer wecken. Genau darum kümmert sich seit über zwanzig Jahren Tobias Merckle, Sohn eines der ehemals erfolgreichsten Unternehmer in Deutschland. Mit dem „Seehaus“ in Leonberg bei Stuttgart bewahrt er junge Straftäter vor dem Gefängnis. Mit Versöhnungsprojekten etwa in Kolumbien zerschlägt er die Spirale von Gewalt und Vergeltung.

Mit „Hoffnungshäusern“ in Baden-Württemberg bringt er Migranten und Einheimische unter ein Dach. Der frühere SWR-Journalist Christoph Zehendner hat in dem Buch „Jeder verdient eine zweite Chance“ Geschichte und Gegenwart dieser ungewöhnlichen Hoffnungsinitiativen zusammengetragen.

Wäre es nach dem Vater gegangen, hätte Tobias Merckle Jura studiert und dann eine Führungsaufgabe im Firmenimperium übernommen. Doch ein Freiwilliges Soziales Jahr 1990 bei einer christlichen Initiative in den USA, die sich um Drogenabhängige kümmert, krempelte alles um. Der Junior studierte Sozialpädagogik und setzt seitdem ein Projekt nach dem anderen erfolgreich in Gang. Aus dem Familienvermögen hat er einen „hohen zweistelligen Millionenbetrag“ in die 2013 von ihm gegründete Hoffnungsträger-Stiftung eingebracht, wie es in dem Buch heißt.

Knast macht vieles schlimmer

Autor Zehendner war an Schauplätzen und hat mit denen gesprochen, denen Merckle Hoffnung machen will. Zum Beispiel mit Sedin, der wegen einer Reihe von Diebstählen mit 15 zum ersten Mal ins Gefängnis kam. Was der Resozialisierung dienen soll, ist oft nur ein Beschleuniger für die kriminelle Karriere. O-Ton Sedin: „Als Dieb kam ich ins Gefängnis – als Einbrecher kam ich raus. Nach mehreren Einbrüchen kam ich als Einbrecher wieder ins Gefängnis und als Drogendealer wieder raus.“

Im „Seehaus“ in Leonberg kommen junge Straftäter in einen engen, durchgetakteten Tagesrhythmus mit Frühsport, Arbeit, geistlicher Besinnung, geselliger Gemeinschaft. Das Tagesprogramm ist für viele hart, doch sie genießen auch die Vorteile: keine Gitter und Gefängnismauern, dafür schnell Vergünstigungen, wenn man sich bewährt hat.

Einen Einblick in die Versöhnungsarbeit gibt Zehendner in Kolumbien, etwa mit der Geschichte von José und Sofanor. Bei einer Auseinandersetzung streckte José Sofanor mit vier Schüssen nieder und dachte er sei tot. Doch der Schwerverletzte überlebte, allerdings querschnittsgelähmt. José nahm auf Empfehlung eines Mitarbeiters der Gefangenenhilfsorganisation „Prison Fellowship“ (Gefängnisgemeinschaft) Kontakt zu seinem Opfer auf. Sofanor hatte eigentlich schon einen konkreten Racheplan ausgearbeitet, spürte dann aber die Veränderung bei dem Schützen – und vergab ihm schließlich. Heute sind die beiden beste Freunde.

Marcus Mockler

 

Christoph Zehendner: Jeder verdient eine zweite Chance. Hoffnungsträger-Geschichten aus dem Seehaus und dem Rest der Welt. 205 Seiten, 15 Euro. Brunnen (Gießen) 2021.

 

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