„Datensammler halten uns an wie Hunde an ihrer Leine“

Ein christlicher Unternehmer hat eine kleine Alternative zu Google geschaffen

 

Eine Suchmaschine fürs Internet, die Pornographie und Gewaltdarstellungen ausblendet und die Daten der Nutzer schützt – das hat der Unternehmer Andreas Wiebe geschaffen. Im Interview mit „Faktor-C“-Chefredakteur Marcus Mockler erläutert Wiebe, warum sein Angebot namens „Swisscows“ immer populärer wird und warum Christen in der Wirtschaft mutiger sein sollten.

Herr Wiebe, eine Alternative zu Google schaffen – das klingt ein bisschen größenwahnsinnig. Sind Sie da überhaupt realistisch?

Selbstverständlich hat Google weiterhin so etwas wie ein Monopol. Für den Giganten aus den USA sind wir auch keine Konkurrenz, aber für jeden Nutzer eine Alternative. Das Hauptunterscheidungsmerkmal: „Swisscows“ sammelt keinerlei Daten über seine Nutzer!

 

Das versprechen andere auch…

… und halten sich dann nicht immer daran. „Swisscows“ ist die einzige Suchmaschine weltweit, die nichts über die Nutzer speichert. Wir überwachen die User nicht, der Nutzer bleibt völlig anonym. Unsere Server befinden sich in der Schweiz mit unter den besonders strengen Datenschutzbestimmungen des Landes.

Andere Suchmaschinen behaupten, dass sie keine Daten weitergeben, tun es dann aber teilweise doch, zum Beispiel DuckDuckGo, deren Betreiber aus den gewonnenen Daten eine Liste anfertigen und sie einfach etwa an Microsoft weitergeben. Für mich wäre das ein großer Betrug, die Daten unserer Nutzer doch weiter zu geben. Da würde mich mein Gewissen verklagen. Ich könnte nicht arbeiten, ich müsste die Firma verlassen oder sie verkaufen.

 

Was ist christlich an „Swisscows“?

Wir arbeiten zu 100 Prozent nach christlichen Werten und geben keine Suchergebnisse zu Pornographie und Gewalt weiter. Genau das braucht unsere Gesellschaft heute, das brauchen unsere Familien heute.

 

„Ihr seid nicht käuflich…“

 

Kann man mit so einer Philosophie überhaupt auf dem Markt bestehen?

Ja. Und der Hammer ist: In diesem Jahr haben wir sogar mit Microsoft einen Vertrag unterschrieben. Microsoft war uns insgesamt vier Jahre hinterher, weil sie bei uns Werbung setzen wollten. Sie haben uns viel Geld angeboten, wollten aber als Gegenleistung Daten über die Nutzer –und die haben wir ihnen selbstverständlich nie in Aussicht gestellt.

Im vergangenen Jahr ist Microsoft zu uns gekommen und hat gesagt: „Ihr seid die einzigen Verrückten in dieser Welt, die nicht käuflich sind. Wir wissen nun, dass für Euch Eure Werte nicht Marketing sind, sondern dass ihr das lebt.“ Inzwischen haben sich sogar Microsoft-Mitarbeiter „Swisscows“ als Standardsuchmaschine auf ihren PC gesetzt. Und ihre Firma wirbt jetzt auf unserer Suchmaschine, um dadurch neue Kunden zu gewinnen.

 

Ein Sieg für christliche Geradlinigkeit?

Ja, und das sollte alle ermutigen. Weil ja gerade Christen oft mit dem Gefühl herumlaufen, sie könnten in der Gesellschaft und in der Welt nichts bewegen. Doch das ist nicht wahr. Man muss sich mal vorstellen, welches Vertrauen Microsoft in uns setzt. Theoretisch könnten wir irgendwo Leute hinsetzen, die permanent Werbung anklicken – und da wir keine Daten weitergeben, sähe das so aus, als ob ganz viele die Werbung wahrgenommen hätten. Da Microsoft aber weiß, dass wir nicht betrügen, haben sie sich trotzdem auf den Werbedeal eingelassen.

 

Werbetreibende wollen doch aber wissen, wer ihre Anzeigen anklickt, oder nicht?

 

Das hatten wir anfangs unterschätzt. Wir waren bei unserem Start blauäugig. Wir hatten eine eigene Software entwickelt, die neben die Suchergebnisse automatisch Anzeigen stellen sollte. Wir dachten, sobald wir loslegen, wollen viele Firmen auf unserer Seite werben. Dann fingen wir an – und niemand kam. Also sind wir auf Firmen zugegangen und haben gefragt, ob sie bei uns werben wollen, aber sie verlangten dafür Daten der Nutzer. Im Ergebnis haben wir die Software dann abgeschaltet.

 

 

Bis zu 30 Millionen Nutzer

 

Brauchen Sie dann ein anderes Geschäftsmodell?

 

Da sind mehrere Formate denkbar, etwa die Überführung von „Swisscows“ in eine Stiftung. Auch eine Aktiengesellschaft wäre möglich, doch wollen wir in jedem Fall sicherstellen, dass die Aktionäre nicht den Kern unseres Unternehmens verändern. Den Shareholdern geht es bekanntlich zuerst um ihr Geld und wie sie es vermehren können. Wir wollten nicht vom Umsatz getrieben werden, sondern von der Verwirklichung christlicher Werte im Internet.

 

Interessant sind deshalb auch sogenannte Partizipationsscheine. Dabei kann man sich finanziell am Unternehmen beteiligen, hat aber dennoch keine Stimme. Dieses Modell ist aus unserer Sicht im Moment das attraktivste.

 

Wo steht „Swisscows“ heute?

 

Wir sind international und weltweit verfügbar und in den USA inzwischen viel bekannter als hier in Europa. Was die Zugriffe anbetrifft, sind wir natürlich mit Google nicht zu vergleichen, aber wir schätzen, dass wir pro Monat ungefähr 25 bis 30 Millionen Nutzer haben. „Ungefähr“ sage ich deshalb, weil wir nur die Suchanfragen haben und nicht wissen, wie viele Personen sich tatsächlich dahinter verbergen, da wir keine IP-Adressen speichern. Wir können also nur auf Durchschnittswerte zurückgreifen, aber die Zahl dürfte realistisch sein.

 

In den USA bauen wir unsere Präsenz derzeit systematisch auf. Denn wir haben erkannt, dass wir dort ein riesiges Potenzial haben. Große US-Wirtschaftsmedien wie das „Wall Street Journal“ und „USA today“ berichten über uns.

 

 

Werbung ohne Datenverkauf

 

Und womit verdienen Sie jetzt ihr Geld?

 

Es gibt inzwischen doch viele Werbekunden, die verstanden haben, wie sehr unsere Nutzer den Datenschutz schätzen. Sie schalten also Werbung bei uns, auch wenn wir Ihnen dafür keine Daten bereitstellen. Was uns besonders geholfen hat, weil es unsere Reichweite vergrößert: Große Firmen haben „Swisscows“ zu ihrer Standardsuchmaschine im Firmennetzwerk gemacht. In Deutschland beispielsweise der Landschaftsverband Rheinland (LVR) mit über 13.000 angeschlossenen PCs. Die haben Google komplett verbannt.

 

Vermutlich sind Sie der Ansicht, jeder sollte „Swisscows“ als Standardsuchmaschine auf seinem Rechner haben …

 

… zumindest schätzen sehr viele unseren Datenschutz, aber auch das Herausfiltern von Pornographie und Gewalt. „Swisscows“ wird deshalb gerne auch in Krankenhäusern und Schulen eingesetzt.

 

 

Reicht das aus, um wirtschaftlich zukunftsfähig zu sein?

 

Wir haben erkannt, dass der Bedarf an Datenschutz riesengroß ist. Deshalb entwickeln wir nun ein ganzes Ökosystemen, in dem Menschen ihre Daten nicht preisgeben müssen. Den Anfang machte die Suchmaschine. Inzwischen bieten wir auch ein virtuelles privates Netzwerk (VPN) an, mit dem Nutzer sicherer im Netz unterwegs sind, weil ihr Internetverkehr über unsere Server läuft und sie für die Betreiber aufgerufener Seiten anonym bleiben. Vor zweieinhalb Jahren haben wir begonnen, einen Messenger zu entwickeln. Im Februar sind wir nun mit Teleguard online gegangen, einer Alternative zu WhatsApp, telegram und anderen Messenger-Diensten.

 

 

Nächstes Ziel: ein Handysystem

 

 

Was kommt noch in dieses Ökosystem?

 

Momentan entwickeln wir ein eigenes Handysystem. Normalerweise hört ein Handy bei jeder App, die aufgespielt, mit. Nun bauen wir gemeinsam mit Gigaset (Siemens) ein sicheres Handy. Da muss schon bei den Prozessoren darauf geachtet werden, dass keine Überwachung etwa aus China stattfindet. Die Funkverbindungen und Antennen müssen gesichert sein bis dahin, dass wir unsere eigene App-Plattform entwickeln. Wer hier Programme einstellen möchte, muss unsere Werte unterstützen. Die lauten: „Du sollst nicht überwachen, keine Daten speichern, keine Pornografie und keine Gewalt anbieten. Dann kannst du deine Software bei uns platzieren. Und dann steht sie allen diesen Handys zur Verfügung.“

 

Nun habe ich schon von vielen Menschen – auch von Christen – gehört: „Überwachung ist mir egal, ich habe ohnehin nichts zu verbergen.“ Was sagen Sie diesen Leuten?

 

Machen wir uns nichts vor: Seit 25 Jahren wird über alles, was wir im Internet tun, ein Dossier angelegt. Über die IP -Adresse wird alles verfolgt, was wir suchen, wohin wir surfen, welche Informationen wir abfragen. Das ist schon fast das „Buch des Lebens“, von dem in der Bibel die Rede ist. Nichts davon wird gelöscht. Und das kann natürlich auch genutzt werden, etwa um politische Prozesse zu beeinflussen. Google kann Ihnen dann Ergebnisse so anzeigen, damit Sie in die Richtung einer bestimmten Partei gelenkt werden.

 

Dann bestimmt Google künftig Wahlergebnisse?

 

Google hat mehr Macht, als wir uns vorstellen. Die Suchmaschinen kann politische Inhalte positionieren. Am Ende denken Sie, Sie hätten sich eine eigene Meinung gebildet. Tatsächlich hat Ihnen Google die Informationen zugeschoben, die ihnen zu einer bestimmten Meinung verhelfen sollen. Google kann im Auftrag bezahlender Kunden manipulieren. Auch Facebook manipuliert ausgespielte Informationen, das haben wir in Deutschland 2015 während der Flüchtlingskrise erlebt. Wenige wissen, dass Google allein 10.000 Menschen beschäftigt, damit die Suchergebnisse richtig gesteuert werden.

 

Vielleicht haben Sie wirklich nichts zu verbergen, aber Sie werden durch die Datensammler wie ein Hund an der Leine gehalten. Sie denken, Sie bilden sich ein Urteil aufgrund der von Ihnen gesuchten Informationen – aber das ist ein Irrtum, denn die Informationen hat jemand für Sie ausgewählt.

 

 

Aus Trotz eine Evangelisation besucht

 

 

Da Sie die christlichen Werte so betonen: Wie sind Sie Christ geworden?

 

Ein Schulkamerad hatte mich, als ich 16 war, zu einer Evangelisation mit Johannes Reimer eingeladen. Ich bin nicht in einer christlichen Familie aufgewachsen, ich wusste nichts über Gott, von Jesus hatte ich mal etwas gehört. Eigentlich bin ich dahingegangen, weil ich generell gerne gegen den Strom schwimme und die Einladung bei allen anderen auf Ablehnung gestoßen war. Also wollte ich das erleben. Ich bekehrte mich dann dort zum Glauben an Jesus Christus. Am Tag darauf kamen einige Mädchen, die sich da ebenfalls bekehrten. Eine davon wurde später meine Frau. Zum Glauben an Jesus haben wir also bei derselben Evangelisation gefunden.

 

Sie sind auch Vater, für viele Eltern ist Digitalerziehung ein großes Problem. Was müssen wir unseren Kindern beibringen?

 

Wir sollten den Kindern beibringen, dass sie nicht nur mit den Handys herumhängen und damit sogar auf die Toilette gehen. Wir beobachten, dass Eltern sich oft überhaupt nicht mit dem Mediengebrauch beschäftigen. Sie überlassen es ganz den Kindern. Das ist ein großer, fataler Fehler. Wir als Eltern sind dazu berufen, unsere Kinder zu schützen. Zur Verantwortung von Eltern kann es heute auch gehören, dass sie Kurse oder Weiterbildungen besuchen, um diese digitalen Medien zu verstehen.

 

Heute wird ein Tablet gerne dazu benutzt, um ein Kind zu beschäftigen und sich selbst dann um etwas anderes zu kümmern. Das darf man nicht machen. Selbst wenn Sie Biene Maja einschalten, setzen Sie sich bitte mit Ihrem Kind zusammen und sprechen Sie darüber.

 

 

Tun, was Gott sagt

 

Wie hat Corona unsere Einstellung zur digitalen Welt verändert?

 

Die Suchanfragen sind in dieser Zeit deutlich angestiegen. Natürlich ist auch alles viel einfacher überwachbar geworden. Wir treffen uns in Videokonferenzen, an den Schnittstellen kann mitgelauscht und mitgeschaut werden. Überwachung hat definitiv zugenommen. Ich verstehe deshalb auch nicht, warum der Deutsche Bundestag immer noch den US-Anbieter Zoom für Videokonferenzen benutzt. Das ist viel zu unsicher. Interessant ist aber, wie viele Menschen in den vergangenen Monaten von WhatsApp weggegangen sind, weil sie deren Umgang mit Daten nicht mehr trauen. Auch wir profitieren davon, unser kleiner Messenger Teleguard liegt bereits bei einer Million Nutzer.

 

Was ist Ihre Botschaft an christliche Unternehmer?

 

Wir dürfen nicht vergessen, dass wir laut den Worten von Jesus Christus „Salz der Erde“ sind. Man beobachtet uns und sieht uns und kennt uns. Das gilt für unsere Kunden, aber auch für unsere Mitarbeiter. Wenn man weiß, eine Sache ist von Gott, dann soll man dazu stehen. Wenn sich das Geschäft dann nicht so entwickelt, wie ich mir das vorgestellt habe, ist das noch kein Grund aufzugeben. Wenn Gott dir sagt, du sollst etwas tun, dann tue es und habe keine Angst. Ich hatte Angst, mit „Swisscows“ zu starten. Ich wollte es ursprünglich nicht machen, aber ich konnte nicht schlafen, weil es mich nicht losgelassen hat. Wir haben gebetet, wir haben gefastet. Es war ganz klar, dass wir das tun sollen.  Und nun wird es jeden Monat von zig Millionen genutzt.

 

Wir danken für das Gespräch.

 

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Ein Wochenende für in der Wirtschaft Tätige ab 58 Jahren (Ü58).

Die einen richten sich auf das Ende des (bezahlten) Arbeitslebens ein, die anderen auf mindestens 20 weitere Arbeitsjahre. Wir arbeiten an den gemeinsamen Fragestellungen…

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