Corona und die Dritte Welt: Folgen des Lockdowns

Während Europa in der Corona-Pandemie über Alltagsmasken und Einschränkungen für die Gastronomie jammert, geht es in anderen Teilen der Welt – auch ohne das Virus – ums nackte Überleben. Welche Folgen hat der globale Lockdown für die Ärmsten der Armen? Das Kinderhilfswerk „World Vision“ hat die Situation analysiert – und seine Unterstützungsarbeit mit hohem Aufwand an die neue Lage angepasst.

Groß waren die Sorgen, als Mitte Februar die ersten Covid-19-Fälle im Afrika südlich der Sahara bekanntwurden. Würde sich die Pandemie in der von Krisen geplagten Region nicht noch viel dramatischer ausbreiten als in Europa, Asien oder Nordamerika? Schließlich waren schon die Gesundheitssysteme in reicheren Ländern schnell an ihre Grenzen gestoßen – wie sollten die schwachen afrikanischen Volkswirtschaften mit ihrer maroden Infrastruktur und nur mangelhaft ausgebauten Gesundheitssystemen auf diese Bedrohung reagieren?

Rund 1,1 Milliarden Menschen leben im subsaharischen Bereich Afrikas. Das sind rund 14 Prozent der Weltbevölkerung. Der weitaus größte Teil hat keinen oder nur einen sehr beschwerlichen Zugang zu Gesundheitssystemen, die zudem keinen Vergleich zur Versorgung in entwickelten Ländern darstellen. Offene Grenzen und informelle Migration, militärische Konflikte und intransparente Meldesysteme, ein generelles Misstrauen in der Bevölkerung gegenüber staatlichen und nichtstaatlichen Akteuren – wie sollten afrikanische Staaten die Pandemie angesichts dieser Herausforderungen in den Griff bekommen?

Afrika atmet auf

Doch im Oktober 2020 ist die Panik verflogen. Im Bereich Afrika südlich der Sahara sind zwar bislang rund 25.300 Menschen an den Folgen von Covid-19 gestorben. Davon allein in Südafrika 17.000. Mit Abstand folgen Äthiopien mit rund 1.200 und Nigeria mit 1.100. Etwas über eine Million Menschen haben sich infiziert , davon wieder um die meisten in Südafrika. Dahinter mit weit geringeren Zahlen folgen Nigeria, Ghana und Äthiopien. Um einige Länder scheint das Virus sogar einen Bogen gemacht zu haben.  So wird in Burundi nur ein Opfer gezählt, das an den Folgen von Covid-19 gestorben sei. Auch in den Nachbarländern Tansania (21) und Ruanda (29) ist die Zahl der Todesopfer
gering.

Anders stellt sich die Situation in Südamerika dar. Auch hier gab es Ende Februar erste Berichte über Infizierte in Brasilien, schnell breitete sich das Virus dort und in weiteren Ländern wie Argentinien, Kolumbien, Peru und schließlich der gesamten Region aus. Doch die Zahlen erreichen hier ganz andere Dimensionen: Allein in Brasilien waren im Oktober fast fünf Millionen Menschen infiziert, in Argentinien fast 800.000, in Kolumbien noch etwas mehr mit 855.000. In Brasilien musste die Regierung vom Obersten Gericht des Landes erst zur Verhängung von Schutzmaßnahmen aufgefordert werden, in Kolumbien ist es – angesichts von Millionen Geflüchteten und Arbeitsmigranten aus Venezuela – fast unmöglich, Schutzmaßnahmen auch wirklich umzusetzen.

Infektionswelle trotz Lockdown

Im asiatischen Raum ist diese rasante Ausbreitung mit der Entwicklung in Indien (über 6,6 Millionen Infizierte) und Bangladesch (knapp 370.000) vergleichbar. Knapp dahinter folgen mit über 300.000 Infizierten die Philippinen und Indonesien. Indien ist ein besonderer Fall: Bereits im März verhängte die Regierung einen wochenlangen Lockdown – dennoch stiegen und steigen die Fallzahlen rasant an. Denn es ist eines, ob Schutzmaßnahmen verhängt werden, und etwas anderes, ob sich die Bevölkerung tatsächlich daran hält. So machen Mediziner die drangvolle Enge in den Millionenmetropolen im Zusammenspiel mit gesellschaftlichen Tabus und sorglosem Umgang mit dem Virus für die starke Ausbreitung verantwortlich.

Haben die Regierungen im subsaharischen Afrika also vieles besser gemacht? Zumindest haben viele Länder in der Region bereits auf einen traurigen Erfahrungsschatz bei der Seuchenbekämpfung zurückgreifen können: Ebola, Dengue- und Lassafieber, das West-Nil-Fieber – an Krankheiten mangelt es schon vor Covid-19 nicht. Und so haben politische Lenkerinnen und Lenker das Bedrohungspotential sehr schnell ernst genommen. Harte Lockdowns folgten, Grenzen wurden geschlossen, der Handel kam zum Erliegen. Eine Strategie mit Folgen: Wahrscheinlich konnte die Ausbreitung des Virus tatsächlich eingedämmt werden. Auch wenn die Zahl der Getesteten gering und die Zahl der erfassten Positiv-Fälle mit Vorsicht zu genießen ist. Und doch stellt sich die Frage: Sterben an den Folgen der Lockdowns womöglich mehr Menschen als an der Pandemie selbst?

Leben von der Hand in den Mund

In vielen Entwicklungsländern leben die Menschen buchstäblich von der Hand in den Mund. Sie sind auf tägliche Einnahmen im informellen Sektor angewiesen, wo sie als Kleinhändler, Landwirtschafts- oder Bauhelfer arbeiten. Fallen diese Jobs weg, fällt auch das Einkommen aus. Die Bauern auf dem Land konnten und können ihr Gemüse oder ihr Vieh nicht mehr verkaufen – denn die Zwischenhändler fahren wegen der Lockdowns nicht mehr in ihre Dörfer. Die Bauern nehmen also kein Geld für neues Saatgut ein, die Städter leiden unter deutlich gestiegenen Lebensmittelpreisen. Mit der Folge, dass sich Armut und Hunger in Stadt und Land drastisch verschärfen.

Doch auch langfristig werden Folgen spürbar sein: Der Tourismus ist eingebrochen, in manchen Ländern, zum Beispiel in Kenia, sind die Schulen bis heute geschlossen. Die Gesundheitssysteme müssen wegen der Behandlung von Covid-19-Patienten andere Aufgaben vernachlässigen, etwa Impfungen gegen Masern und die Behandlung von HIV-Patienten. So konnte wichtige Medizin nur unter enormen Aufwand – zum Teil mit gecharterten Flugzeugen – in die Zielgebiete gebracht werden, weil der internationale Flugverkehr zum Erliegen kam. Auch jetzt noch ist der Transport von Hilfsgütern per Flugzeug nur sehr schwer möglich.

Über 45 Millionen Menschen geholfen

Auch World Vision hat mit diesen Herausforderungen zu kämpfen. Ein Beispiel: Wie können Lebensmittel verteilt werden, wenn diese wegen Grenzschließungen nicht oder sehr spät die Krisenregionen erreichen? Wie können diese dringend benötigten Hilfsgüter – einmal eingetroffen – von den Flug- und Seehäfen in die entfernten Gebiete gebracht werden, wenn die Bewegungsfreiheit drastisch eingeschränkt ist? Und wie kann dann die Verteilung vor Ort organisiert werden, ohne gegen Schutzmaßnahmen wie Abstandhalten zu verstoßen?

World Vision hat im März einen weltweiten Covid-19-Response-Plan aufgestellt, einen globalen Aktionsplan, um die Folgen der Pandemie zu bekämpfen. Diese Hilfsaktion ist die größte in der 70jährigen Geschichte von World Vision. In mehr als 70 Ländern wollen wir 72 Millionen Menschen mit Hilfsmaßnahmen erreichen. Dafür setzen wir 350 Millionen US-Dollar ein. 400.000 religiöse und gesellschaftliche Führungspersonen sowie 220.000 Gesundheitshelferinnen und Gesundheitshelfer, die in den World Vision-Projekten arbeiten, unterstützen die Präventionsarbeit und entwicklungsorientierte Hilfen, die World Vision leistet. Nach gut einem halben Jahr haben wir bereits über 45 Millionen Menschen unterstützen können, wovon, und das ist uns als Kinderhilfswerk besonders wichtig, knapp 20 Millionen Minderjährige sind.

Schulunterricht im Radio

Wir bilden Gesundheitspersonal aus, versorgen Menschen mit Schutzmasken und Hygieneartikeln, ermöglichen Schulkindern die Nutzung digitaler Medien zum Erwerb von Bildung. Wir lindern aber auch direkt die Folgen der Pandemie, etwa indem wir Saatgut und Lebensmittel verteilen. Dabei kann World Vision auf die Erfahrungen der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in der Seuchenbekämpfung bauen. Denn zum Beispiel bei der Ebola- und der Covid-19-Bekämpfung ähneln sich die Strategien. Hygienemaßnahmen wie Händewaschen, das Abstandhalten und das Tragen von Schutzmasken sind nichts Neues für die World-Vision-Helfer in Ländern wie der Demokratischen Republik Kongo oder Sierra Leone. In Brasilien setzen wir auf mobile Hilfe für die indigene Bevölkerung in Amazonien. Dort ist ein Hospitalschiff von World Vision unterwegs, das die Einheimischen mit medizinischer Grundversorgung unterstützt. Schulkinder in Kolumbien werden von uns mit kleinen tragbaren Radios ausgestattet, damit sie trotz Schulschließungen dem dort über Radio verbreiteten Unterrichtseinheiten folgen können.

Heuschrecken und Überschwemmungen

Einen besonderen Schwerpunkt legt World Vision dabei auf die Hilfe in fragilen Ländern. Denn dort ist die Situation durch das Zusammentreffen von Katastrophen belastet. In Ostafrika kommen zur Pandemie noch eine Heuschreckenplage und starke Überschwemmungen hinzu. Auch gewalttätige Auseinandersetzungen wie in Somalia oder jüngst in Äthiopien verschärfen die Bedrohung für die Bevölkerung und begünstigen die Ausbreitung des Virus. So hat sich die Zahl infizierter Menschen in Syrien im vergangenen Monat vervierzehnfacht – jeden Tag werden 100 Neuinfizierte gezählt, darunter viele Kinder und Jugendliche. Und trotz aller Unterschiede zur Lage in den reicheren Ländern Europas und Nordamerikas – es gibt auch Gemeinsamkeiten. So ist Aufklärung über Ausbreitung und Wirkung des Virus Teil unseres Aktionsplans, um Fake News keinen Raum für Entfaltung zu bieten. Denn Mythen und Unsicherheiten werden auch in unseren Zielländern missbraucht, um – meist politische – Interessen zu verfolgen.

Mehr Masern- und Malariatote

Diese Maßnahmen haben zweifelsohne die Ausbreitung des Virus in vielen Ländern eingedämmt. Um von einem bleibenden Erfolg zu sprechen ist es noch viel zu früh, zumal die Situation in manchen Ländern, etwa in Indien, noch immer beunruhigend ist. Die Auswirkungen der Lockdowns werden die Menschen in den Entwicklungsländern aber ebenso zweifellos noch zu spüren bekommen. Die Zahl der an Krankheiten wie Tuberkulose, Masern oder Malaria sterbenden Menschen wird in diesem Jahr wahrscheinlich um Hunderttausende steigen, erwartet das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit.

Die wirtschaftlichen Folgen durch die zusammengebrochenen Versorgungsketten werden nicht so schnell behoben werden können, auch wenn ein Impfstoff gegen Covid-19 auf den Markt kommt, denn viele Kleinstunternehmen werden den Lockdown nicht überleben. Und die Auswirkungen auf den Bildungsstand einer ganzen Generation sind noch gar nicht absetzbar.

Hilfe liegt im Interesse des Westens

World Vision will mit den globalen Hilfsmaßnahmen die Auswirkungen der Pandemie verringen und den Boden für einen Neustart nach dem Ende der Anti-Corona-Maßnahmen bereiten. Um dieses Ziel zu erreichen, versorgen wir die Betroffenen mit dem nötigen Rüstzeug: Mit Bildung, mit Saatgut, mit Hilfsgütern. Das ist mehr als nur ein Zeichen der Hoffnung. Das ist auch Zeichen des Miteinanders der Wohlhabenden mit den Bedürftigen – eine Haltung, die politisch auf dem internationalen Parkett eben nicht immer gezeigt wird. Die Hilfen der internationalen Gemeinschaft für die Entwicklungsländer müssen dringend erhöht werden. Dabei ist der Kampf gegen Covid-19 auf internationaler Ebene sogar im Eigeninteresse des reicheren Teils der Welt. Denn eine schnelle und nachhaltige Erholung des ärmeren Teils ist wichtig. Für die globale wirtschaftliche Entwicklung ebenso wie für die erfolgreiche Bekämpfung von Fluchtursachen.

 

Christoph Waffenschmidt, *1969, ist Vorstandsvorsitzender von World Vision Deutschland. 1999 wurde er mit 29 Jahren Bürgermeister in Waldbröl und damit zugleich jüngster Rathauschef in Nordrhein- Westfalen. 2008 wurde er dann neuer Leiter des christlichen internationalen Kinderhilfswerks. Waffenschmidt ist verheiratet mit Katharina, Vater einer Tochter und evangelisch.

 

faktor c Ausgabe 3/2020

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