Alte Hasen und junge Wilde

Generationengerechtigkeit beginnt zu Hause

 Generationengerechtigkeit ist ein großes Wort. Doch sie beginnt in der Familie, im Betrieb und in der Gemeinde. Wie das funktionieren kann, erläutert unser Autor mit konkreten Hilfen.

 

Von Christian Heuser

 

Bei den Diskussionen zum Klimawandel fällt häufig der Begriff Generationengerechtigkeit, dessen Funktionalität nicht nur durch die unbestimmte Zeitdimension, sondern auch aufgrund unterschiedlicher Gerechtigkeitsbegriffe und diverser Sichtweisen darüber, was mit „Generationen“ gemeint sein soll, sehr schnell an Grenzen stößt.

Da, wo bereits ein Umfeld aus mehreren Generationen besteht (in einer Familie, in einem Familienunternehmen, in einer Gemeinde), kann Generationengerechtigkeit im kleinen Rahmen praktiziert werden. „Kehren Sie einfach vor der eigenen Haustür“ und machen Sie – möglichst nicht zu spät – eigene Erfahrungen im Miteinander der Generationen. Denn wenn wir es noch nicht einmal schaffen, die vorherige oder die nachfolgende Generation im Blick zu haben, wird dies in größeren Zeitdimensionen erst recht nicht funktionieren.

Die folgenden Gedanken stammen aus Erfahrungen des Autors als Unternehmensnachfolge-Berater und -Mediator und beziehen sich auf familiäre Generationen, wobei die Grenzen auf dieser Mikroebene bereits fließend sind, wenn beispielsweise Freunde oder Bekannte der Familie involviert werden. Denn wenn es um die Fortführung unternehmerischer Aktivitäten geht, ist neben der (intrafamiliären) Gerechtigkeit auch die Richtigkeit ein Kriterium, durch das der Blickwinkel weiter, also über die familiären Bande hinaus, wird, um den Fortbestand eines Unternehmens und dessen Funktionen für die unterschiedlichen Stakeholder (Eigentümer und deren Familien, Mitarbeiter und deren Familien, den Staat, Lieferanten, Kunden, …) sicherzustellen.

 

Clash der Generationen

 

Wir leben in einer Zeit, in der jede und jeder sich ständig neu erfindet. Der Aufbau von Gutem auf dem Guten der Vergangenheit erscheint vielen befremdlich. Und es ist keinem zu verdenken, wenn er sich anhand eigener Erfahrungen entwickeln will. Woran liegt das? Meine Thesen:

  1. Wir haben auf dieser Erde vieles angerichtet, was nachkommende Generationen nicht positiv bewerten.
  2. Wir haben in vielen Bereichen den Zusammenhalt zwischen den familiären Generationen verloren (etwa durch Scheidungen, Ressentiments, Vorurteile, Bedenken und mangelhafte Kommunikation).
  3. Die gesellschaftliche Entwicklung wird immer differenzierter (mit der Gefahr, dass Spezialisierung zur Falle wird) und schneller.

Daher ist es verständlich, dass gerade die jüngere Generation es scheut, sich auf das bereits Vorhandene und auf die ältere Generation einzulassen. Doch auch das bekannte Festhalten am eigenen Lebenswerk durch die ältere Generation steht einem Miteinander genauso oft im Weg und behindert so manche familiäre Entscheidung.

In biblischen Zeiten war dies scheinbar viel überschaubarer, stetiger und aus der Perspektive Gottes in einem größeren Zusammenhang zu sehen. Die Tochter der Magd wurde Magd. Der Sohn des Schmieds wurde Schmied. Und bereits beim sogenannten alten Bund appelliert Gott an Abraham: „Du aber, halte meinen Bund, du und deine Nachkommen, von Generation zu Generation.“ (1. Mose 17, 9) Doch auch das Volk Israel kennt Zeiten, in denen es abrupte Unterschiede zwischen den Generationen gab (etwa nach dem Tod Josuas: „… eine andere Generation, die weder vom Herrn wusste, noch von dem Werk, das er für Israel getan hatte.“, Richter 2, 10b). Dabei sollte bereits den Israeliten bewusst gewesen sein, dass Gottes Segen generationenübergreifende Geltung hat (Psalm 100, 5: „Denn der Herr ist gut, ewig währt seine Gnade und seine Treue von Generation zu Generation.“).

 

Prämissen, Oberziel, Sinn

 

Gerade da, wo die Auffälligkeit von Altersunterschieden groß ist und die heutige Beziehungskomplexität zugenommen hat, ist für die Arbeitsgestaltung zwischen den Generationen für alle Beteiligten zu klären, ob (a) Prämissen gesetzt werden, (b) worin das gemeinsame Oberziel und (c) der Sinn der (generationenübergreifenden) Arbeit liegen. Generelle, personenunabhängige Prämisse kann etwa bei einer Unternehmensnachfolge der Fortbestand des Unternehmens sein; bei einem Mehr-Generationen-Projekt die Förderung des gesellschaftlichen Zusammenhalts (so etwa das Bundesprogramm „Mehrgenerationenhaus. Miteinander – Füreinander“ des Bundesfamilienministeriums).

Ein Oberziel läge darin, dass sich durch die Zusammenarbeit die Lebenssituationen aller Beteiligten dauerhaft verbessern. Dazu muss zwischen den Generationen kein identischer Sinn bestehen – auch wenn dies hilfreich ist. Aber es bedarf einer Sinn-Kompatibilität, beispielsweise wenn der Senior den Sinn seiner Arbeit in der Weitergabe von Erfahrungen sieht, während der Junior die Transformation dieser Erfahrungen in das Setting jüngerer Kundensegmente als sinnvoll erachtet. Dies bedarf der Abstimmung zwischen den Generationen. Sie müssen miteinander reden!

 

Ohne Respekt geht’s nicht

 

Die Kommunikation bedarf des gegenseitigen Respekts. Dazu gibt Paulus seinem Mitarbeiter, dem späteren Bischof von Ephesos, Timotheus, etwas Generelles mit auf den Weg: „Einen älteren Mann sollst du nicht anfahren, sondern ihn ermahnen wie einen Vater, jüngeren Männern aber begegne wie Brüdern, älteren Frauen wie Müttern, jüngeren wie Schwestern, in aller Lauterkeit.“ (1. Tim. 5, 1f)

Eine gute, wertschätzende gegenseitige Haltung muss in vielen Familienkonstellationen erst einmal geschaffen werden und bedarf oft einer rückblickenden Vergebungsbereitschaft, einer gegenwartsorientierten Wandelkompetenz und einer vorausblickenden und hoffnungsvollen Zielorientierung.

Was kann nun bei generationsübergreifendem Arbeiten konkret helfen? Wer im Unternehmen, in einem Projekt oder im Ehrenamt generationenübergreifend arbeitet, sollte davon ausgehen, dass die jeweilige Konstellation einmalig ist und Patentrezepte keine Geltung haben. Daher sind die folgenden Aspekte nur Anregungen zum Selberdenken:

  • Werteklarheit und Wertekongruenz – Ausgangspunkt „Fairness“

Ein gutes Miteinander von Beteiligten unterschiedlicher Generationen wird wahrscheinlicher, wenn es Konsens bei den relevanten Werten gibt. Bei generationenübergreifender Zusammenarbeit liegt ein Spezialfall der Zusammenarbeit vor, weil gerade aufeinanderfolgende Generationen hinsichtlich ihrer Werte differieren (können), was eine benötigte Wertekongruenz verhindern kann. Der Wert „Fairness“ eignet sich besonders gut, um eine hohe Konsenswahrscheinlichkeit zu erzielen, auf der dann andere Werte aufgebaut werden können. Im Falle von Kongruenz-Blockaden empfiehlt die Journalistin und Autorin Brigitte Miller eine schrittweise Aufdeckung, die zwar aufwendig, aber in Bezug auf das Oberziel generationenübergreifender Zusammenarbeit lohnenswert ist.

  • Bindungsgrad an das gemeinsame Unternehmen/Projekt

Zusammenarbeit erfordert immer eine vertragliche Grundlage, eine Vereinbarung. Während bei juristischen Personen alle Beteiligten über Anstellungsverträge positioniert werden können, ist dies bei Einzelunternehmern bei Aufnahme einer neuen Generation häufig mit einer Schieflage verbunden. Bei der Ausgestaltung von Anstellungsverträgen sollten beide Generationen darauf achten, dass die Vereinbarungen nicht enger oder komplexer, aber auch nicht einfacher oder flexibler als mit fremden Dritten gestaltet werden (gegebenenfalls ist auch eine Statusfeststellung wichtig). Und es muss für alle die Möglichkeit geben, das gemeinsame (Unternehmens-)Projekt zu verlassen, was jedoch nicht bei jeder schwierigen Auseinandersetzung in Erwägung gezogen werden sollte, denn zu jeder intensiven Zusammenarbeit gehören Konflikte. Als Mediator decken sich meine Erfahrungen mit der Überzeugung des Unternehmercoachs Stefan Merath: „Ich glaube, Konflikte – auf eine bestimmte Art und Weise ausgetragen – schenken Energie.“

  • Perspektivwechsel bei den Teilaspekten

Gesamtsituationen lassen sich oft schwer erfassen. Daher können die Teilaspekte generationenübergreifender Teams (zum Beispiel das wirtschaftlich Gewollte, das sozial Verantwortungsvolle oder das familiär Gerechte) separat voneinander analysiert werden, indem auf sie aus unterschiedlichen Perspektiven geblickt wird (aus Sicht der alten Hasen, aus Sicht der jungen Wilden, aber auch aus Sicht der Gesellschaft oder aus Gottes Perspektive). Die Ergebnisse solcher Perspektivwechsel haben oft etwas Erhellendes und bringen Dynamik in das gemeinsame Vorhaben.

  • Horizonterweiterungen

Wer (noch) keinen Ansatzpunkt für eine Zusammenarbeit mit der vorherigen oder der nächsten Generation sieht, kann sich Gedanken zu einem passenden Zwischenschritt machen, etwa durch Hinzunahme eines Interim-Geschäftsführers. Aber auch wenn die Unternehmensfortführung aus der eigenen Familie auf der Hand liegt, empfiehlt sich für die nächste Generation der Blick in ein anderes Unternehmen oder eine Zwischenstation, wie ein Wirtschaftsprüfungsunternehmen, das Einblicke in eine Vielzahl von Unternehmen bietet. So werden neue Ideen, die auf Außer-Haus-Erfahrungen basieren, viel mehr Gehör im gemeinsamen Miteinander finden. Eine neue Möglichkeit dazu bietet eine Tauschbörse für Unternehmerfamilien (www.switch-nachfolge.de).

 

Sprachfähig werden

 

Wir sind aufgefordert, Generationengerechtigkeit bereits im Alltag zu leben, und sind als Gottes Geschöpfe recht gut ausgerüstet, um generationenübergreifend unterwegs zu sein, damit Werte erhalten bleiben, neue Wertschöpfung erfolgt und Werte gelebt werden. Allerdings benötigt generationenübergreifendes Arbeiten Raum und Zeit für Kommunikation. Oder um es mit einer Aussage, die John Locke (1632–1704) zugeschrieben wird, zu sagen: „Nun ist aber die Sprache das große Band, das die Gesellschaft zusammenhält; ja, sie stellt auch den Weg dar, auf dem die Fortschritte der Erkenntnis von einem Menschen zum andern und von einer Generation zur andern überliefert werden.“

 

 

Christian Heuser, Jahrgang 1967, ist Diplom-Kaufmann und seit 2014 in der Unternehmensnachfolgeberatung tätig. Der verheiratete Vater von drei Söhnen arbeitete davor in der nationalen und internationalen Steuerberatung, in der Finanzplanung und in der Erbschaftsplanung. Ehrenamtlich engagiert er sich unter anderem in einer evangelischen Freikirche in Burscheid.

 

Internet: www.beratung-mediation.de

 

HINWEIS: Dieser Beitrag ist die leicht gekürzte Fassung eines Artikels, der in „Wirtschaft & Ethik“ 1/2023 erschienen ist.

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