Äußere Krisen und verschüttete Quellen

Bemerkungen zu Corona aus Sicht einer christlichen Wirtschaftsethik

Wer hätte gedacht, dass wir nach über einem Jahr nach Ausbruch der Corona-Pandemie immer noch im Krisenmodus stecken? Doch in schwierigen Zeiten zeigt sich, aus welchen Quellen wir leben – und welche Quellen inzwischen verschüttet sind.

Wir leben im Krisenmodus. Für einige nur hinderlich, für andere beängstigend oder existenzbedrohend, für die meisten jedenfalls zermürbend. Mit ihren Auswirkungen weit in vielfältige Bereiche unseres persönlichen Lebens hinein steht Covid-19 für eine tiefe Krisenerfahrung mit noch unabsehbaren Folgen und unklarem Ende. In Deutschland ist sie derzeit verglichen mit vielen anderen Ländern weniger verheerend, nachdem wir die Folgen der vorausgehenden Finanz- und Währungskrise einigermaßen überstanden hatten. Politik, Wirtschaft und Gesundheitswesen waren hier relativ besser der noch immer schwer berechenbaren Bedrohung gewachsen als vielerorts in den USA oder bei europäischen Nachbarn – von der unklaren Lage in ärmeren Teilen der Welt nicht zu reden.

Die jüngsten Landtags-Wahlen und die häufigen Umfragen zeigen zugleich ein recht volatiles Bild des Vertrauens in die politischen Akteure. Trotzdem ist auch hier Deutschland noch eher stabil verglichen mit der seit Jahrzehnten zersplitternden politischen Landschaft anderer Länder des Westens. Die ökonomischen und gesellschaftlichen Folgen, die uns mittelfristig erwarten, sollte die unmittelbare Bedrohung abgeklungen sein, sind noch schwer einzuschätzen. Wie wird die enorme Ausweitung der Geldmenge wieder einzuholen sein? Wie werden sich Unternehmen wieder aufstellen können? Dankbar muss sein, wer sich solch allgemeine Fragen stellen mag und nicht unmittelbar vor den Scherben seiner wirtschaftlichen und beruflichen Existenz steht. 

Die Not als Profit-Chance

Masken- und Lobby-Skandale ragen symbolisch heraus als Indizien einer grundlegenden Vertrauenskrise in Institutionen und öffentliches Ethos. Wie selbstverständlich hat eine Mentalität um sich gegriffen, die in allen Gelegenheiten die unbeschränkte Maximierung eigener Profit-Chancen verfolgt. Selbst wenn es das immer gegeben haben mag: Die Selbstverständlichkeit und „Unbedenklichkeit“, in der auch Mandate als Geschäftsmodelle betrachtet werden, in der die Nutzung der Gelegenheit der einzige verbliebene Imperativ geworden zu sein scheint, hinterlässt ein Krisenbewusstsein anderer Art. 

Schwindet das Vertrauen, dass öffentlich sichtbare Verantwortungsträger jedenfalls auch von anderen Motiven geleitet sind als ihrem Eigeninteresse und materiellem Vorteil, wirkt das zurück auf das eigene Verhältnis zur Orientierung im Leben, zu Verantwortung und Erwartung an sich und andere und zum gesellschaftlichen Miteinander überhaupt.

„Ohne Gott und Sonnenschein…“

Wie naiv nimmt sich da die Erwartung der frühen 1990er Jahre aus, mit dem Scheitern des real existierenden Sozialismus beginne die Zeit einer friedlichen Welt vertrauenswürdiger, relativ menschenfreundlicher rechtstaatlicher und demokratischer Ordnung. Dabei scheint die Erwartung doch honorig: Als Christen rechnen wir sicher nicht mit einem irdischen Paradies, aber doch mit dem Auftrag guter Ordnung, die unter den Begrenzungen der diesseitigen Welt möglichst viel an friedlicher, guter Entfaltung unseres Lebens ermöglichen soll. Freilich kein säkularisiertes, diesseitiges „Reich Gottes“, wie es Utopien aller Couleur vor Augen malen – aber immerhin. Auf dass wir ein friedliches Leben führen können, in aller Gottverbundenheit und Ehrbarkeit (Vgl. 1. Tim 2,2). 

Stattdessen entsteht das von Augustins „Civitas Dei“ vertraute Bild einer weltlichen „Ordnung“ ohne Gerechtigkeit, die doch nur einer „Räuberbande“ gleicht. Mag die Welt des „Historischen Materialismus“ untergegangen sein – einmal abgesehen vom Sonderweg der mächtigen Kommunistischen Partei Chinas -, der real existierenden Materialismus feiert neue Triumphe. Der DDR-Wahlspruch „ohne Gott und Sonnenschein, fahren wir die Ernte ein“ hat bleibende Konjunktur.

Glaube als Quelle

Das war im außergewöhnlich positiven Neubeginn in Westen Deutschlands nach der Katastrophe der NS-Zeit anders. Viel gründlicher als nach dem Ersten Weltkrieg war die äußere Zerstörung des Landes mit dem Bewusstsein des totalen ideellen Zusammenbruchs verbunden. In einer überkonfessionellen Besinnung auf die unverfügbaren, Willkür und Selbstbehauptungsinteresse des Menschen vorausliegenden „Verantwortung vor Gott und den Menschen“ (Präambel des Grundgesetzes), ging man an einen neuen Aufbau angesichts von Zerstörung, Schuld und Selbstüberhebung.

Sowohl die Gründung der Bundesrepublik als auch der Versuch einer europäischen Versöhnung und das Programm einer Sozialen Marktwirtschaft als Ordnung der Wirtschaft schöpften stark aus den Quellen ernsthaften Glaubens und einem Bemühen um Umkehr aus offenbar gottloser Ideologie der Selbst- und Macht-Vergötzung. Es sind solche Grundhaltungen, die das Zusammenleben und den Wandel seiner Ordnungen tragen und prägen.

Sicher in pointierter Vereinfachung spreche ich gelegentlich von der Idee der Sozialen Marktwirtschaft als einer Art Auftragsarbeit für den evangelischen Theologen und NS-Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer. Was zumindest soweit richtig ist, dass erste Entwürfe Freiburger Widerstandskreise ab 1942 in Verbindung zu Bonhoeffer und Kreisen der Bekennenden Kirche entstanden sind. Sie haben sich ausdrücklich als „Selbstbesinnung des christlichen Gewissens“ verstanden und haben den Entwurf der Sozialen Marktwirtschaft wesentlich geprägt.

Voraussetzungen gemeinsamen Lebens

Das in einer umfassenderen Weltsicht und hier besonders im christlichen Glauben gegründeten Wertorientierung wurzelnde Selbstverständnis ist wesentlich für den gesellschaftlichen Neuaufbau. Solche „geistigen Voraussetzungen“, die im Persönlichen gründen, aber enorme öffentliche Wirkung haben, schaffen die Voraussetzungen gemeinsamen Lebens. Sie wirken auf Strukturen, Recht, Verhaltenserwartungen nach, müssen sich aber immer wieder neu aus lebendigen Quellen des Glaubens speisen und regenerieren. Sehr ähnliche Zusammenhänge hat bekanntlich sehr prominent schon Max Weber (1864-1920) als Klassiker der Soziologie, Ökonomie und Wirtschaftsethik in Deutschland mit großer Wirkung vertreten.

Wie lange hält die Nachwirkung solcher Quellen an, wenn der frische Zugang zu ihnen zunehmend in Vergessenheit gerät? Wie lange lassen sich erfolgreich Früchte ernten, wenn die regelmäßige Versorgung der Wurzeln weitgehend abgeschnitten ist. Ein regelmäßiges Betonen von „Werten“, die vor allem als irgendwie erinnerte Basis des Erfolgs gesucht werden, denen aber der lebendige Quellgrund immer mehr entzogen ist, verliert an Wirkung und Glaubwürdigkeit. Werte können nur Wirkungen und Früchte hervorbringen, wenn sie selbst lebendig sind und unabhängig vom Interesse an ihren Wirkungen gesucht werden, sich aus eigener Überzeugungskraft speisen. Im Bild gesprochen erinnert unsere gesellschaftliche Entwicklung an eine schön aufgeblühte Rose in einer Blumenvase, die noch einige Zeit beeindruckend aussieht und duftet, aber von ihren Wurzeln abgeschnitten dem Verwelken entgegengeht. Kann die Erfahrung der Krise und die Lebendigkeit und Verbindung zu den Wurzeln und verschütteten Quellen wieder erschließen?

Not lehrt beten – oder fluchen

Die Krise allein vermutlich nicht. Die gängige Erwartung, dass Not beten lehrt, stimmt wohl nur zur Hälfte. Not kann nicht nur beten, sondern auch fluchen lehren oder Zynismus. Es ergibt sich leider nicht von selbst, dass wir in der Not nach den verschütteten, lebendigen Quellen suchen – und in ihnen neue Kraft finden. Und ja, das ist im Einzelnen auch oft gut zu verstehen, und in der Erfahrung von Bedrohung und Leiden ist der Gefahr von Verbitterung mit fordernden Appellen oder belehrender Predigt nicht gut entgegenzuwirken. Aber wir können uns selbst aus dem Anlass der Krisenerfahrung befragen nach den Quellen, aus denen wir leben und wie gut wir sie pflegen. Wir können uns entschließen, sie freilegen und schützen zu wollen.

Was mich am bewegten Leben Davids, wie es in der Bibel berichtet und auch in vielen Psalmen lebendig wird, besonders beeindruckt, ist sein Umgang mit Bedrohungs- und Krisensituationen. Immer wieder ringt er und kämpft in sich selbst einen Weg frei zu einer Quelle seines Lebens und seiner Identität, mit der er offenbar tief verbunden weiß.

Sicherheit und Schutz findet er in Gott, der seine „Burg“ ist. „Hirtenstab“ und Versorgung Gottes sind der Fluchtpunkt seiner beunruhigten Seele. Aus seinem intensiven und intimen Gebetsleben, seiner Sehnsucht nach lebendiger Begegnung gewinnt er neue Kraft.

Ein dienender König

Kein verträumt-überspannter Schwärmer, sondern die kraftvollste und über Jahrhunderte inspirierende politische Leitfigur, das Leitbild eines dienenden und gesegneten Königtums.

Das neue Kräfte schenkende Schöpfen aus dieser Quelle lässt sich nicht organisieren. Wir können uns aber erinnern und inspirieren lassen. Es ist ein sehr persönlicher Weg. Und doch kann aus ihm ein Impuls hervorgehen, der weit reicht und Wirkung entfaltet. Keine Wirkung, die unmittelbar auf der Hand liegt, die wir uns vornähmen oder auf die wir vordergründig abzielen (sollten). Das „Ernten der Früchte“ steht nicht am Anfang. Aber das Vergessen der Quellen und die Vernachlässigung der Wurzeln bleibt mit der Zeit nicht ohne nachhaltig schädigende Folgen.

An den Anfängen der „Erfolgsgeschichte“ der Sozialen Marktwirtschaft jedenfalls stand 1942 ein Dokument, das sich selbst als eine „Selbstbesinnung des christlichen Gewissens“ versteht. Vielleicht liegt in unserer „Selbst-Besinnung“ auch heute die Chance der Krisenerfahrung, vor die wir gestellt sind. Nachdem wir über Jahrzehnte vielleicht zu sehr gewöhnt waren, den Blick sehr ausschließlich auf die „Erträge“ zu richten. 

Abhängigkeit von Quelle bleibt

Das Freilegen und Pflegen der Quellen, die jedenfalls öffentlich weitgehend vergessen sind, braucht Zeit, wohl auch persönliche Übung. Manche verständnislose, vielleicht mitleidige oder herablassende Skepsis oder offene Ablehnung werden wir aushalten und ertragen müssen. Der kurzfristige Opportunismus einer erfolgsverwöhnten und selbstsicheren Haltung nüchtern berechnenden Materialismus‘ tritt uns manches Mal mit Überlegenheitsgefühl entgegen. Es werden sich manche selbstgewisse „Schmiede ihres eigenen Glückes“ kaum überzeugen lassen, wieweit auch sie verborgen Profiteure von Voraussetzungen sind, zu denen sie nichts beigetragen haben. Die Abhängigkeit von der Quelle, die oft unscheinbar aus dem Verborgenen hervorquillt, bleibt eine tragende Wahrheit auch unabhängig davon, wie vielen sie bewusst wird. Die Erinnerung an sie kann mindestens persönlich ein Gewinn aus der Krise sein.

Harald Jung

 

 

AUTOR

Prof. Dr. Harald Jung, Jahrgang 1966, lehrt Ethik und Soziallehre an der Internationalen Hochschule Liebenzell (IHL). Der verheiratete Vater von zwei Kindern ist Volkswirt und Theologe und hat einige Jahre für eine Unternehmensberatung gearbeitet. Er ist unter anderem stellvertretender Vorsitzender der Gesellschaft für Wirtschaftswissenschaft und Ethik und wissenschaftlicher Leiter des Heidelberg Institute for International Studies + Leadership. 

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