Die Verantwortung des christlichen Kaufmanns für seine Mitarbeiter
Was uns als christliche Kaufleute — im Gegensatz zu politischen Parteien, Gewerkschaften und anderen Organisationen — zu einem verantwortungsbewußten Handeln unseren Mitarbeitern gegenüber bestimmt, ist begründet in dem Glauben an den lebendigen Gott und sein Wort. Wir möchten unseren Mitarbeitern nicht nur kein Hindernis für ihre Seligkeit sein, sondern es ihnen leichter machen, zu Jesus zu kommen. Im täglichen Umgang im Betrieb beobachten unsere Mitarbeiter sehr wohl unser Reden und Schweigen, unser Tun und Handeln. Sie sehen oder vermissen an uns ein Vorbild für ihr eigenes Leben.
Der christliche Kaufmann ist ehrlich und wahr und verlangt von seinen Mitarbeitern gleiches. Gottes Wort gebietet ihm: „Ihr sollt nicht unrecht handeln mit Gewicht und Maß. Falsche Wage ist dem Herrn ein Greuel. Das ist der Wille Gottes, daß niemand zu weit greife und übervorteile seinen Bruder im Handel.“ Ein unverletztes Gewissen vor Gott und den Menschen zu bewahren, gilt dem christlichen Kaufmann mehr als ein augenblicklicher Vorteil.
Der Glaube an Christus macht den Menschen fürsorglich und barmherzig. Gottes Wort sagt ausdrücklich, daß dem Barmherzigen nicht nur am Tage des Gerichts Barmherzigkeit widerfahren wird, sondern es gibt uns auch eine Verheißung für diese Welt: „Wer dem Armen gibt, dem wird nichts mangeln“. „Einer teilt aus und hat immer mehr; ein anderer kargt, da er nicht soll, und wird doch ärmer“. Treu ist der, der das ihm anvertraute Gut nach dem Willen seines Herrn gebraucht. Christliche Kaufleute denken in liebreicher Fürsorge an ihre Mitarbeiter, denn sie wissen um ihre Verantwortung: „So aber jemand seine Hausgenossen nicht versorgt, der hat den Glauben verleugnet und ist ärger als ein Heide“. Leider ist das persönliche Band zwischen Arbeitern und Arbeitsherrn heute vielfach gelockert. Über der Forderung: Gerechte Arbeitszeit und gerechter Lohn wird die Fürsorge meist weniger geschätzt. Ein weiser Engländer hat dazu einmal gesagt: „So wenig es Barmherzigkeit ist, mit zu hoher Arbeitszeit und zu niedrigem Lohn zu überanstrengen, so wenig barmherzig und menschenfreundlich ist es, durch zu hohe Löhne und zu geringe Arbeitszeit die Faulheit und den Müßiggang zu fördern“. Die Fürsorge für unsere Mitarbeiter umfaßt neben gerechter Arbeitszeit und Entlohnung auch die Gestellung ordentlicher Arbeitsräume und die Beschaffung arbeitssparender Einrichtungen. Auch die Bereitstellung von Wohnungen und das Bemühen um das geistige und körperliche Wohl unserer Mitarbeiter außerhalb des Betriebes festigt das Verhältnis zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgeber.
Sehr ernste Fragen wirft heute das Problem der Vollbeschäftigung und der daraus folgende Personalmangel auf. Von einer sorgfältigen Auswahl bei der Einstellung von Lehrlingen und Angestellten kann kaum noch die Rede sein. Man lernt und den Ersatz notwendiger Kräfte beten wie um das tägliche Brot. Mit ganz seltenen Ausnahmen untertrifft die religiöse Substanz des jungen Mannes und Mädchens unsere Erwartungen. Geschah schon im Dritten Reich alles nur mögliche, um den jungen Menschen die christliche Religion verächtlich zu machen, so haben auch die Nachkriegsjahre mit ihren sozialen Nöten und selbst die Zeit des sogenannten Wirtschaftswunders hierin keine sichtliche Änderung gebracht. Wo sind heute noch Familien und Betriebe, in denen junge Menschen durch das Beispiel der Älteren den Nährboden finden, auf dem das Pflänzlein christlichen Glaubens entstehen oder sich entfalten kann! Und doch wissen wir aus dem Leben gläubiger Kaufleute und Fabrikanten, wie sehr das Vorbild eines frommen Vorgesetzten ihre Entwicklung beeinflußt hat.
Der Gründer der Evangelisation, Prediger Elias Schrenk, war zuerst auch Kaufmann. Nachdem er in Tuttlingen seine Lehre absolviert hatte in einem Hause, in dem von Gottesfurcht nicht allzuviel zu spüren war, kam er in die Firma Gebr. Mez. Er wurde sehr bald einmal zum Abendessen eingeladen und erlebte zum erstenmal in dieser gebildeten und reichbegabten Familie eine christliche Hausandacht. In seinem Chef begegnete ihm ein Kaufmann und Christ, der nicht allein mehr als 12 Stunden am Tage in seinem Betrieb tätig war, sondern daneben noch eine große Zahl von Ämtern in der Reichsgottesarbeit bekleidete. Es gab in diesem Haus kein Gebiet, das nicht unter der Zucht des Geistes Gottes stand. Seine Mitarbeiter waren ihm nicht nur Mittel zur Erreichung geschäftlicher Erfolge, sondern er sorgte auch außerhalb des Betriebes für ihr geistiges und körperliches Wohlergehen. Schrenk berichtet, daß er hier zum erstenmal den Unterschied zwischen Geselligkeit der Welt und christlicher Geselligkeit gesehen und verstehen gelernt habe.
Was ein junger, gläubiger Mensch für seine Geschäftskollegen auszurichten vermag, zeigt das Lebensbild von George Williams, dem Gründer des ersten christlichen Vereins Junger Männer in England. Er sagt von sich, daß er als Lehrling die Gewohnheit gehabt hätte, viel zu fluchen und zu schwören. Aber wenn er sein Leben mit dem zweier anderer Lehrlinge im gleichen Geschäft verglichen hätte, sei es ihm gewesen, als befände er sich auf dem Wege zur Hölle. Das änderte sich sofort, als er eine klare Bekehrung erlebte. Er wurde ein eifriger Mitarbeiter in der Sonntagsschule und hielt mit etlichen seiner Kollegen Gebetsversammlungen, die den Geist im Geschäft völlig veränderten. Als er später eine Stellung in der Firma Hitscheskock-Rogers annahm, trat ihm die Gottlosigkeit vieler Kollegen besonders krass entgegen. Aber er fürchtete sich keinen Augenblick vor der Übermacht seiner 140 Kollegen. Mit noch einem gläubigen jungen Mann begann er eine regelmäßige Gebetsgemeinschaft mit dem Erfolg, daß nacheinander viele der jungen Leute und zuletzt auch der Chef des Hauses für Christus gewonnen wurden.
Das biblisch-patriarchalische Verhältnis früherer Zeiten, wie es uns schon im Alten Testament begegnet, scheint in unseren Tagen endgültig überholt. Aber das Vorbild eines christlichen Betriebsführers wird auch heute noch tiefste und nachhaltigste Wirkungen erzielen. Es bedarf viel Weisheit, Geduld und Liebe, unsere Mitarbeiter auf Jesus hinzuweisen. Dazu sollten wir alle Möglichkeiten ausschöpfen. Das kann geschehen durch Darreichung geeigneter Lektüre (z. B. „Das Wichtigste für unsere Zeit“), durch Weihnachtsfeiern mit Evangeliumsverkündigung, durch Verteilung von Bibeln und Neuen Testamenten, durch Besprechungen mit Betriebsangehörigen über Lebensfragen anhand der Bibel. Nicht zuletzt aber wird unser Verhältnis zu unseren Mitarbeitern von der Treue unserer Fürbitte für sie entscheidend beeinflußt.
Gekürzte Wiedergabe eines Referates von Kaufmann Wilhelm Severin, Würzburg, gehalten auf der Freizeit 1962 auf Hohegrete.