Die Frau im Spannungsfeld zwischen Familie und persönlicher Entfaltung (Auszüge aus einem Vortrag von Elfriede Weber, Marburg, gehalten auf dem VCK-Haupttreffen in Dorfweil, 1976)

Frau Weber ist der Überzeugung, daß Spannungen und Konflikte letztlich nur von Jesus Christus gelöst werden können, wir aber Hilfsmittel zur Verfügung haben, deren wir uns bedienen sollen. Diese Grundhaltung setzte sie auch bei den Zuhörern voraus und verzichtete auf die Heranziehung von hilfreichen Bibelaussagen. Der Zweck dieses Referates war lediglich der, einer Frau die Notwendigkeit zu zeigen und Mut zu machen, etwas für sich selbst zu tun.

 

 Während im Jahre 1908 Moebius es noch wagen konnte, ein Buch „Über den Schwachsinn des Weibes“ zu schreiben und darin die geringe Intelligenz der Frau herausstellte, wissen wir heute, daß kein Unterschied hinsichtlich der Gesamtheit intellektueller Fähigkeiten besteht. Trotzdem kommt in unserer heutigen Gesellschaft der Frau, von Ausnahmen abgesehen, nicht dieselbe Rolle zu wie dem Manne.

Aktuelle Untersuchungen ergaben eine stärkere soziale Orientierung der Frau, die vielfach mit einer größeren Umweltabhängigkeit und einem weniger stabilen Selbstwertgefühl verbunden ist. Psychologen erklären dies mit bestimmten Rollenerwartungen und Wertmaßstäben in unserer Gesellschaft. Möglicherweise bestimmen aber auch diese spezifischen Eigenschaften der Frau unsere Gesellschaftsformen mit. Eine Frau bringt die Voraussetzungen mit, sich anzupassen, eigene Leistungsvorstellungen und Wünsche zurückzustellen und mehr für die Familie als für sich da zu sein. – Männer erbringen demgegenüber lieber anerkannte Leistungen in der Öffentlichkeit, als sich von ihrer Frau ernähren zu lassen.

Ich will versuchen, deutlich zu machen, daß eine Frau weit mehr als ein Mann dazu bereit ist, eigene Wünsche zurückzustellen. Die Nur-Hausfrau hat meist einen Beruf aufgegeben, in den sie, wenn überhaupt, später nur unter erschwerten Bedingungen wieder hineinkommt. Bevor die Hausfrau im Gegensatz zu den anderen Familienmitgliedern das Haus für Nebenbeschäftigungen oder Freizeit verlassen kann, muß der Haushalt in Ordnung sein, die Aufgaben der Kinder kontrolliert und Besorgungen erledigt sein. Übt sie dazu noch einen Beruf aus, bekommt sie unter Umständen sogar ein schlechtes Gewissen gar in der Meinung, selbst etwas für sich zu tun. Manchmal überschätzt sich eine Frau auch darin, wenn sie ihre eigenen Wünsche mehr zurückstellt. Sie verdrängt sie sogar, weil ja die Gesellschaft, ihre Umgebung, ihr die Rolle der guten Hausfrau und Mutter aufdrängt. Sie bekommt dann Schwierigkeiten mit sich selbst.

 

Entfaltung der Persönlichkeit

Selbstverwirklichung

Wenn wir es fertigbringen, unseren Anspruch an die Umwelt, den Ich-Bereich mit allen Gaben und Fähigkeiten, auch den Nicht-Gaben und Nicht-Fähigkeiten, sowie unser Verhalten in der Umwelt auf die Realitäten abzustellen, können wir uns selbst verwirklichen.

Welche Forderungen stellt unser Ich, das wir mit der Realität in Einklang bringen müssen? Welche Wünsche kennen Sie aus ihrem Leben? Musik studieren? Lehrerin werden? Sprachen lernen und die Welt kennenlernen? Traum vom Haus im Grünen mit vielen Kindern, die durch die Erziehung der Mutter gute Schüler werden?

Die Realität kann doch aber heißen: Arbeitsüberlastung, große Familie, zu wenig Entspannung, kaum einmal Konzert oder Theater usw.

Sicher sind es aber nicht die unverwirklichten Träume, die zur Unzufriedenheit führen müssen. Die Hausfrau und Mutter erfährt zu wenig Anerkennung und Lob. Ein Punkt, der wesentlich für ihre Selbstverwirklichung ist. Da die Frau stärker umweltabhängig ist und ein weniger stabiles Selbstwertgefühl hat, braucht sie mehr als ein Mann eine Bestätigung von außen, ein „Feedback“. Und gerade dies hat sie in der Familie am wenigsten.

Informatives Feedback ist eine Rückmeldung, die darüber informiert, ob das Verhalten und Handeln richtig oder falsch war. Man fühlt sich bestätigt oder nicht. – Der Mann, im Kontakt mit der Umwelt und im Beruf, erlebt dieses Feedback: Die Umsätze steigen – also liegen Warenangebot und Werbung richtig. Oder die Umsätze gehen zurück – also müssen bessere Leistungen erbracht werden. Und wie ist das bei der Hausfrau? Wenn bei Tisch ohne negative Kommentare gegessen wird, kann sie annehmen, daß es einigermaßen geschmeckt hat.

Die Frau in der Familie muß sich ihre eigenen Bewertungsmaßstäbe setzen. Dabei sollte man sich hüten, falsche Vorstellungen zu entwickeln. Ein Kind, mit dem man lernt, muß nicht Musterschüler werden, sondern nur die individuell beste Leistung erbringen. Es kommt auch durch die Schule, wenn es nichts von Mengenlehre versteht. Und es gibt Dinge, die für Ihr Kind wichtiger sind als Pädagogik und Psychologie. Sollten Sie Klavierspielen lernen wollen, so kommt heute James Last besser an als Klassiker. – Das Leben einer Familie wird nicht dadurch wesentlich bereichert, daß Sie dies oder jenes können. Wenn Sie aber durch eine bestimmte Beschäftigung außerhalb Ihres Haushaltes eine Bestätigung bekommen oder ein Leistungserlebnis haben, wenn Ihnen dies oder das Spaß macht, und Sie dadurch zufrieden werden, dann haben nicht nur Sie etwas davon sondern auch Ihre Familie.

Sind später einmal die Kinder aus dem Hause, können gerade solche „Nebenbeschäftigungen“ und „Hobbies“ eine ganz wesentliche Funktion übernehmen, indem sie dazu beitragen, keine Langeweile aufkommen zu lassen, in deren Folge auch Depressionen eintreten können.

Ursula Lehr hat sehr stark an dem Thema „Frau–Beruf–Familie“ gearbeitet und wesentliche Untersuchungen zusammengetragen. Als eine entscheidende Variabel ergab sich dabei in den meisten differenzierten Fällen Zufriedenheit der Frau mit ihrer jeweiligen Rolle.

• Die Kinder zufriedener Nur-Hausfrauen zeigten die geringsten Entwicklungsstörungen oder Verhaltensprobleme. Wahrscheinlich sind auch die Ehemänner besser dran.

• In der zweiten Rangreihe folgten die Kinder zufriedener berufstätiger Frauen.

• Die größte Häufung von Problemen zeigte sich bei den Kindern nichtberufstätiger, unzufriedener Nur-Hausfrauen.

Die Beziehung eines Kindes zur Mutter braucht nicht durch die Berufstätigkeit der Mutter beeinträchtigt zu werden. Die Zufriedenheit der Mütter mit ihrer Berufstätigkeit hängt wiederum von anderen Faktoren ab. Hierzu gehören das Bildungsniveau und die Qualifikation ihres Berufes. Je höher beides ist, um so wahrscheinlicher ist eine Frau neben der Hausfrau gern berufstätig. Entscheidend ist auch die Einstellung des Mannes zur Berufstätigkeit der Frau. Auch hier findet man in höheren sozialen Schichten, in denen sich der Mann dadurch nicht so leicht von seiner alleinigen Ernährerrolle entthront fühlt, häufiger eine positive Einstellung. Eine partnerschaftliche Ehe, in der sich auch der Vater in Haushalts- und Erziehungsproblemen engagiert, läßt alle Beteiligten die Berufstätigkeit der Mütter eher positiv erleben.

Auf die Schulleistungen der Kinder hatte das berufliche Engagement der Mutter, vorausgesetzt, daß sie es gern tat, im allgemeinen keinen negativen Einfluß. Bei älteren Kindern und Studenten waren die Leistungen und die Leistungsaktivität sogar eher besser.

Allgemein kann man sagen: Für die Familie ist es besser, nur wenige Stunden am Tage eine glückliche und zufriedene Mutter um sich zu haben, als den ganzen Tag eine mürrische und unzufriedene, die immer das Gefühl hat, sich nicht entfalten zu können.

Im Nachgespräch wurden Anregungen und Beispiele von den Zuhörern gebracht, die das Referat zum Teil auch kritisch aufgenommen hatten. Der Referentin ging es aber lediglich darum, Initiativen anzuregen, die dazu beitragen sollen, daß sich die Frau weiter entfaltet und zufrieden wird.