Wenn der Ofen ausgeht
Peter Oswald
Nach der Ölkrise Alles in allem gesehen, haben uns die Ölscheichs nicht nur einen Streich gespielt. Die politisch bedingte Ölkrise rückte uns nur einige Jahre früher ein Problem vor Augen, das unausweichlich auf uns zukommt, sobald die Ölquellen erschöpft sind.
Supervergeuder USA „Daran schuld ist eine Menschheit“, so der italienische Fachexperte Martinoli, „die, um in einem immer hektischeren Klima zu überleben, die vorgegebenen Energiequellen blindlings verpulvert“. An dieser Vergeudung sind alle schuld. Wenn man den Energieverbrauch pro Kopf im Rahmen der industriellen Entwicklung betrachtet – er hat sich seit 14 Jahren verdoppelt, und dürfte im Jahr 2000 viermal so hoch sein wie im Jahr 1970 –, dann sticht in die Augen, daß die Supervergeuder die USA sind. Angesichts dieser Tatsache hat S. T. Freeman, Direktor der Ford-Gründung für Energiepolitik gesagt: „Wir haben nicht die Natur zu tadeln (wegen der knappen Ölreserven), sondern Onkel Sam.“ Der amerikanische Lebensstil zeigt nämlich einen Energieverbrauch auf, der pro Kopf sechsmal höher liegt als der Durchschnitt der Weltbevölkerung. So verfügen die USA, die nur sechs Prozent der Menschheit ausmachen, über etwa ein Drittel der Weltenergie.
Wenn die Quellen versiegt sind … Die Berechnungen über die bekannten Energiereserven besagen, daß es Erdöl noch für 37 Jahre, Erdgas für 43 Jahre und Kohle für 448 Jahre geben wird. Wenn also das Erdöl zuerst ausgeht, so ist es klar, daß wir auf der Stelle die anderen Energiequellen entwickeln müssen. Zu diesem Thema schlagen die Fachleute neue Verbrennungsmethoden von gereinigten Kohlearten vor, außerdem die Vergasung der Kohle und die Herstellung von Erdöl aus Kohle, erdölhaltigem Sand oder erdpechhaltigen Schichten, die vielerorts vorkommen. Aber das alles genügt nicht. Man wird noch andere Energiequellen nutzbar machen müssen, zum Beispiel die Energie in Form der großen Hitze des Erdinnern, die Sonnen-, Meeres- und Windenergie. Dazu sind aber lange Forschungsarbeiten nötig. Die Ergebnisse werden jedenfalls nicht rechtzeitig kommen, als daß sie der Energiekrise begegnen könnten, der wir entgegeneilen.
Wohin mit dem „Atommüll“? Die Atomenergie scheint die naheliegendste Lösung des Problems zu sein. Der Energiespender dafür, das Uran, findet sich in den USA, der Sowjetunion, Australien, Kanada, Südamerika und Afrika. Es besteht also keine Gefahr eines Lieferungsmonopols. Den Gebrauch dieses neuen Energiespenders sollte man jedoch nicht auf die leichte Schulter nehmen. Der größte Nachteil sind die Schlacken, die beim „Verbrennen“ von angereichertem Uran in den Atommeilern anfallen, der sogenannte „Atommüll“. Der Mensch ist wie der berühmte Zauberlehrling. Er ist fähig, eine Kettenreaktion in Gang zu setzen, die Atomenergie erzeugt. Aber er kennt keinen chemischen oder physikalischen Weg, die radioaktive Strahlung des Atommülls aufzuheben. Die Radioaktivität verringert sich nur mit Ablauf der Zeit. Dazu sind Jahrhunderte und Jahrtausende nötig, während nichts anderes zu tun bleibt, als den Atommüll abzulagern. Welche sicheren Orte gibt es aber? Früher dachte man an den Meeresgrund. Dann aber entdeckten die Russen, daß die radioaktiven Substanzen die Meerestiere verseuchten. Durch den Verzehr von radioaktiv kontaminiertem Fisch wird dann doch der Mensch wieder erfaßt. Heute verschließt man den Atommüll in Metallbehältern und lagert ihn auf eigens dafür eingerichteten „Friedhöfen“. Der Zutritt dazu ist streng untersagt. Aber diese Metallbehälter gehen mit der Zeit kaputt. Jeweils nach 20 Jahren müssen sie ausgegraben und der Atommüll in neue Metallbehälter umgefüllt werden, ein mühsames Unternehmen. Dabei nehmen die Gefahren ständig zu. Wenn nämlich die Energiegewinnung immer mehr durch Kernspaltung geschieht, wird es auch mehr Atommüll geben. Der Anstieg erfolgt, mathematisch gesehen, in einer geometrischen Reihe. So werden dann für Jahrhunderte und Jahrtausende alle 20 Jahre immer mehr Metallbehälter auszuwechseln sein. Deshalb denken die „Umweltschützer“ daran, das Problem in den kommenden Jahren dadurch aus der Welt zu schaffen, daß sie den Atommüll auf die Sonne schießen; auf die reinigende Wirkung dieses riesigen Feuerherdes vertrauend.
Radioaktive Strahlen aus dem Atommeiler
Jedoch liegt die Gefahr nicht nur im Atommüll, sondern auch in den radioaktiven Strahlungen die der Atommeiler von sich gibt und die die Umgebung erreichen können. Freilich ist die einzelne Dosis an Radioaktivität so gering, daß sie praktisch unschädlich ist. Aber es ist auch wahr, daß viele kleine Strahlendosen sich summieren können und so, auf die Dauer gesehen, doch ernste Schäden hervorrufen können, vor allem auf genetischem Gebiet, also für die kommenden Generationen.
Die schwerwiegendste Folge aber bedeutet es, daß Atomreaktoren nach 20 bis 30 Jahren betriebsunfähig werden, und verlassen werden müssen. Wie uns E. S. Schumacher erklärte, können sie weder abgebaut noch abtransportiert werden. Sie müssen jahrhundertelang dort bleiben, wo sie stehen und geben still ihre unsichtbaren Strahlen in die Luft, ins Wasser und in den Boden ab. Es sind $\alpha$-, $\beta$- und $\gamma$-Strahlen, die Krebs erzeugen und bei den späteren Generationen zu Mißbildungen in der Art und Weise des Contergans führen können.
Was sagen die Futurologen?
An diesem Punkt ist es schwierig, die Vorausschau des Futurologen A. Peccei vom „Club of Rome“ zu ignorieren. Peccei rechnet mit etwa 24000 in Betrieb befindlichen atomaren Zentren am Ende unseres Jahrhunderts. Er sieht die Welt wie ein unermessliches Feld, auf dem zigtausend Menschen die Atomanlagen bewachen. Denn diese stellen eine Gefahr wie potentielle Atombomben dar. Andere Tausendschaften sind damit beauftragt, die radioaktiven Strahlungen zu überprüfen, und andere, auf die unschädlichste Art und Weise die Berge von radioaktiven Schlacken abzutragen. Die Aussichten – auch wenn man optimistischer gestimmt ist als Peccei – sind sicherlich nicht rosig. Schließlich steht man doch vor der Alternative: Entweder Atommeiler bauen, oder die Industrie einschränken. G. Martinoli, den wir eingangs erwähnten, hat vorgeschlagen, für einige Jahrzehnte auf den alten Rohstoff Kohle als Energiequelle zurückzugreifen. Er hat jedoch zugeben müssen, daß auch dabei die natürliche Umwelt und die Bevölkerung durch die Luftverschmutzung zu leiden hat.
Wie wir auch das Blatt drehen und wenden, die Krise, in die wir hineingeraten sind, läßt sich nicht auf einem bequemen Weg überwinden. Welche Straße wir auch einschlagen, ohne ein „blaues Auge“ kommen wir nicht davon. Eines muß man aber sagen: Es genügen nicht die technischen Lösungen, um uns aus der Sackgasse herauszuhelfen, wenn wir nicht gleichzeitig eine Lebensweise überwinden, die uns in dieses Dilemma geführt hat; wenn wir nicht ein neues Modell für die menschliche und gesellschaftliche Entwicklung finden, aus dem die selbstzerstörerischen Grundthesen des Konsumdenkens gestrichen sind.
Jesus spricht:
Ich bin das Licht der Welt; wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.
Joh. 8.12