Der Krieg in der Ukraine hat ein Fundament erschüttert, das jahrzehntelang als unumstößlich galt: den Ausschluss der Rüstungsindustrie aus ethischen Geldanlagen. Nun ringen kirchliche und nachhaltige Banken mit der Frage, ob Investitionen in Waffen nicht nur vertretbar, sondern sogar ethisch geboten sein können.

Von Marcus Mockler

Der Krieg in der Ukraine hat ein Fundament erschüttert, das jahrzehntelang als unumstößlich galt: den Ausschluss der Rüstungsindustrie aus ethischen Geldanlagen. Nun ringen kirchliche und nachhaltige Banken mit der Frage, ob Investitionen in Waffen nicht nur vertretbar, sondern sogar ethisch geboten sein können.

Der 24. Februar 2022 war ein moralisches Erdbeben. Während russische Panzer auf Kiew zurollten, brach in den Ethik-Abteilungen deutscher Finanzinstitute eine Welt zusammen. Die politische Reaktion war die „Zeitenwende“, unterfüttert mit einem Sondervermögen von 100 Milliarden Euro für die Bundeswehr. Der Aktienkurs des Rüstungskonzerns Rheinmetall explodierte – von unter 100 Euro kurz vor dem Ukrainekrieg auf zwischenzeitlich fast 2.000 Euro. Doch die tiefgreifendste Erschütterung fand dort statt, wo Geld und Gewissen traditionell eine Allianz gegen das Militärische bildeten.

Zuvor war die Welt für ethische Anleger geordnet. In den Anlagekatalogen von Banken wie der sozial-ökologischen GLS Bank, der katholischen Pax-Bank oder der Evangelischen Bank (EB) war die Rüstungsindustrie ein No-Go. Das Prinzip war einfach und fundamental: Mit dem „Geschäft mit dem Tod“ macht man keine Gewinne. Die Kundschaft vertraute darauf, dass ihr Geld für Solarparks, Bio-Bauernhöfe und soziale Projekte arbeitete, nicht für die Herstellung von Panzern oder Raketen.

Aysel Osmanoglu, Vorstandssprecherin der GLS Bank, fasst diese Haltung der Kontinuität in einem Interview mit dem Handelsblatt zusammen: „Wir schließen kategorisch die gesamte Rüstungsindustrie aus. Waffen sind dazu da, Menschen zu töten. Punkt. Daran werden wir auch in Zukunft nichts ändern.“ Diese Haltung ist kein bloßes Marketing, sie ist die Gründungsurkunde des ethischen Bankings.

Die neue Logik der Verantwortung

Die Bilder aus Butscha und Mariupol stellten diese absolute Position radikal in Frage. Die Befürworter einer Neubewertung argumentieren, dass die alte, pazifistisch geprägte Haltung angesichts eines rücksichtslosen Aggressors nicht nur naiv, sondern moralisch unzureichend geworden sei.

Genau genommen ist das kein neues Argument. Es hatte auch schon während des Kalten Krieges Gültigkeit, als der kommunistische Warschauer Pakt Mittelstreckenraketen namens SS-20 gegen Westeuropa stationierte und die NATO nach gescheiterten Verhandlungen Pershing-II-Raketen in Deutschland platzierte. Aber damals hatte man die Bedrohung offenbar noch nicht so massiv wahrgenommen. Das sollte sich mit den Bildern von getöteten Soldaten und zerbombten Häuserzeilen in der Ukraine ändern.

1. Der Sprung zur Verantwortungsethik

Die traditionelle Position war eine reine Gesinnungsethik nach dem Motto: „Meine Hände sollen rein bleiben, ich will mit Gewalt nichts zu tun haben.“ Sie fokussiert auf die eigene moralische Integrität. Der Krieg in der Ukraine erzwang den Sprung zur Verantwortungsethik, die nach den konkreten Folgen des eigenen Handelns – oder eben Nichthandelns – fragt.

Annette Kurschus, die damalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), brachte dieses Dilemma auf den Punkt, als sie im Mai 2022 erklärte: „Wer sich von einem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg überfallen sieht, hat ein Recht auf Selbstverteidigung. Und wer dieses Recht hat, darf auch mit Waffen unterstützt werden.“ Die Verantwortung, das Leben unschuldiger Menschen zu schützen, wog hier schwerer als das Prinzip der reinen Gewaltlosigkeit.

2. Das Leitbild des „Gerechten Friedens“

Besonders im Protestantismus wurde das Leitbild des „Gerechten Friedens“ zur zentralen argumentativen Achse. Frieden ist demnach mehr als die Abwesenheit von Krieg. Er erfordert die Anwesenheit von Gerechtigkeit, Freiheit und Sicherheit. Ein Frieden, der auf der Unterwerfung eines Volkes basiert, ist kein „gerechter Frieden“.

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat diesen Gedanken in ihrer Friedensethik verankert. Die Verteidigung gegen einen Aggressor wird so zu einem tragischen, aber notwendigen Schritt, um die Bedingungen für einen zukünftigen gerechten Frieden überhaupt erst zu schaffen. In dieser Logik sind Waffen ein Instrument zur Wiederherstellung von Recht und Ordnung.

3. Die Kunst der Differenzierung

Die Evangelische Bank (EB), das größte deutsche Kircheninstitut, hat diesen Wandel in konkrete Anlagerichtlinien übersetzt. Thomas Sönke Kluth, Vorstandsvorsitzender der EB, betonte gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, man wolle keinen „Freifahrtschein“ ausstellen. Stattdessen gehe es um eine anspruchsvolle Differenzierung:

  • Der Empfänger: Es wird nur in Unternehmen investiert, die nachweislich an stabile Demokratien liefern. Als Maßstab dienen anerkannte Indizes wie der „Democracy Index“ der Economist Intelligence Unit.

  • Die Waffe: International geächtete Waffen wie Streumunition, Antipersonenminen und ABC-Waffen bleiben ein absolutes Tabu. Im Fokus stehen defensive Systeme oder solche, die dem Schutz von Soldatinnen und Soldaten dienen. Es geht um die Finanzierung eines „Schutzschildes für die Demokratie“.

  • Das Unternehmen: Voraussetzung ist maximale Transparenz und die strikte Einhaltung der strengen deutschen oder vergleichbarer Exportkontrollen.

Warum ein „Nein“ für andere alternativlos bleibt

Diese Öffnung führte zum Bruch in der Szene. Die katholischen Institute halten, gestützt durch die Deutsche Bischofskonferenz, am strikten Ausschluss fest. Die Pax-Bank für Kirche und Caritas begründete das gemeinsam mit anderen ethisch-nachhaltigen Finanzdienstleistern in einem Positionspapier vom Frühjahr unter anderem damit, dass der Einsatz von Waffen und Rüstungsgütern Leben, die Zivilgesellschaft, die Umwelt und Infrastrukturen zerstöre und damit das Erreichen der Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen behindere. Investitionen in Rüstung schienen in Anbetracht der aktuellen geopolitischen Situation zwar als notwendig, das begründe aber keine Nachhaltigkeit, betonen die Autoren.Aus dieser Warte kann es keine „guten“ Waffen geben, da ihre Logik immer auf Zerstörung ausgerichtet ist.

Die blinden Flecken und die Offensive der Industrie

Während die Banken ethisch ringen, hat die Rüstungsindustrie die Zeichen der Zeit erkannt und geht in die Offensive. Es ist ein Kampf um Deutungshoheit und um Billionen von Euro, die im globalen ethischen ESG-Markt (Environment, Social, Governance) investiert sind.

  1. Das „Peace-Washing“: Armin Papperger, der Vorstandsvorsitzende von Rheinmetall, formulierte den Anspruch in einem Interview mit der Zeit so provokant wie klar: „Verteidigungsfähigkeit ist die Voraussetzung für Nachhaltigkeit. Sie sichert unseren Frieden und unsere Freiheit. Darum sollte die Verteidigungsindustrie als nachhaltig eingestuft werden.“ Diese Umdeutung – von der Problembranche zum Garanten für Nachhaltigkeit – wird als „Peace-Washing“ kritisiert. Es verharmlost den tödlichen Zweck der Produkte und macht sie für ein breiteres Investorenpublikum attraktiv.

  2. Der Zulieferer-Dschungel: Die Debatte fixiert sich auf die Endproduzenten. Doch ein Leopard-2-Panzer ist ein High-Tech-System, dessen Komponenten von hunderten, oft hochspezialisierten und privaten Unternehmen stammen. Wer liefert die Optiken für die Zielerfassung, die GPS-Module, die Mikrochips für die Feuerleitanlage? Eine Bank, die Rheinmetall ausschließt, kann unwissentlich Dutzende dieser entscheidenden Zulieferer im Portfolio haben, deren Produkte sowohl in einem zivilen LKW als auch in einer Panzerhaubitze verbaut werden können. Die neue Ethik der Differenzierung läuft hier ins Leere.

  3. Die Opportunitätskosten: Die entscheidende, aber selten gestellte Frage lautet: Was wäre die Alternative? Jeder Euro, der in die Entwicklung einer neuen Rakete fließt, ist ein Euro, der nicht in die Entwicklung eines neuen Impfstoffs, in den Ausbau erneuerbarer Energien oder in Bildung investiert wird. Die aktuelle Fokussierung auf militärische Sicherheit verdrängt die Investitionen in präventive, zivile Sicherheitsstrategien.

Die Debatte um Geld und Gewehre ist mehr als eine technische Diskussion über Anlagekriterien. Sie ist die Gewissensprüfung einer Gesellschaft, die ihre Werte im Angesicht von Krieg und Gewalt neu justieren muss. Dabei kann man zu unterschiedlichen Einschätzungen kommen, zumal es schwierig ist, ein Gesamtbild zu erhalten. Wird im ukrainischen Verteidigungskrieg tatsächlich auch Europa verteidigt? Können die Abermilliarden Euro, die in Waffen für Kiew wandern, den Westen zukunftsfähig halten? Wer das bejaht, wird deutlich mehr Opfer zu bringen bereit sein als der, der solche Thesen anzweifelt.

 

Fazit

Die Debatte ist mehr als eine technische Frage der Anlagekriterien. Sie ist die Gewissensprüfung einer Gesellschaft, die ihre Werte neu justieren muss.

Die Fragen bleiben offen:

  • Wird in der Ukraine auch Europa verteidigt?

  • Können Milliarden für Waffen den Westen wirklich zukunftsfähig halten?

  • Oder verdrängen sie Investitionen in präventive, zivile Sicherheitsstrategien?

Antworten gibt es viele – Gewissheit nicht.