Vor einiger Zeit bin ich eingeladen worden, eine regelmäßige Interviewreihe im bundesweiten – und via Internet weltweiten – Fernsehen und weiteren digitalen Verbreitungswegen zu moderieren. Der Sender, Hope TV, war angetan von dem Gedanken, Christinnen und Christen zu ihren Erfahrungen, Einsichten, Werten und Überzeugungen im Bereich der Wirtschaft sichtbar und hörbar zu machen.
Bisher hatte ich das Vorrecht, 45 Unternehmerinnen und Unternehmer oder leitende Führungskräfte als Gäste begrüßen zu dürfen. Darunter waren z. B. Martin Daum, ehemaliger Vorstandsvorsitzender von Daimler Truck, die Unternehmerin Nora Oelkers, die mit Gottes Hilfe und zu seiner Ehre zwei *****Hotels führt, Friedrich Rominger, der zuletzt den Entwicklungsbereich von Continental Automotive leitete und aktuell der Vorsitzende von faktor c ist, Hanna Brocksieper, die nach einigen Jahren Wirtschaftserfahrung sich als junge Unternehmerin selbstständig macht oder Christian Filseth, der Verantwortung für das europäische Auslandsgeschäft bei der Sicherheitsfirma Abus trägt.
Eines der auffälligsten Zwischen-Fazite nach der ersten Staffel ist dieses: Dass Menschen „Gesehen werden. Und gehört“ werden, wurde in den Gesprächen überdurchschnittlich oft erwähnt und betont im Blick auf Verantwortung und Führung.
Gesehen werden.
Nicht jede oder jeder, der einen Raum betritt, erfüllt ihn gleich mit ihrer oder seiner Aura. Nicht jeder fällt gleichermaßen bei der Führung eines Teams oder der Suche nach dem richtigen Menschen für eine zu besetzende Stelle auf. Aber jede und jeder hat das Recht, gesehen zu werden. Wahrgenommen – und ernstgenommen. Mit der eigenen Geschichte, den Fähigkeiten, den (Fach-)Kenntnissen, den Stärken und Schwächen.
Die Bibel erzählt sehr detailliert und intim auf ihren Anfangsseiten von einer Frau, deren Namen wir bis heute kennen. Sie heißt Hagar – und leidet genau darunter, dass sie in ihrem „Eingeklemmt sein“ zwischen zu erfüllenden Pflichten und eigenen Träumen nicht als Mensch wahr- und ernstgenommen wird. Sie flüchtet sprichwörtlich aus ihrer Situation und begegnet Gott, dem sie das Leid klagt, dass er schon lange sieht. Da fühlt sie sich ernstgenommen. Ihr tiefer Wunsch geht in Erfüllung, gesehen zu werden. Und sie spricht es in dieser Gottesbegegnung aus: „Du bist ein Gott, der mich sieht.“ (Genesis 16, 13)
Und Gehört.
Es ist so eine Sache mit der Stimme. Die eine hat eine sehr laute, den anderen hört man kaum beim Reden. Die Stimme des einen klingt schrill, die der anderen piepsig. Unsere Stimme ist das Ergebnis von körperlicher Entwicklung, aber auch von Psyche und Übung. Glauben Sie mir, ich kann das als staatlich geprüfter Chorleiter aus vielen Erfahrungen so schreiben. Der eine kann die anderen niederbrüllen, die andere schafft es nicht, in der Diskussion gehört zu werden.
Die Bibel erzählt sehr detailliert und intim in ihrem ältesten Evangelium, dem von Markus, von einem Mann, dessen Namen wir bis heute kennen. Er heißt Bartimäus – und leidet darunter, dass er in seinem „Eingeklemmt sein“ zwischen der ewigen Dunkelheit seines Blindseins und dem Wunsch nach sehenden Augen nicht wahr- und ernstgenommen wird. Er muss sich täglich zum Betteln auf die Straße setzen und begegnet Jesus Christus, dem er hinterherschreit. Der hört ihn und geht zu ihm. Seine Sehnsucht findet ihr Ziel, gehört zu werden. Wir lesen beim Evangelisten über Bartimäus: „Er aber schrie noch viel mehr: Du Sohn Davids, erbarme dich meiner!“ (Markus 10, 48)
Es gehört zu unseren großen Bedürfnissen, gesehen zu werden. Und gehört. Und die Kehrseite? Wenn alle das Bedürfnis haben, gesehen zu werden und gehört, dann ist es für Christinnen und Christen eine wunderbare Steilvorlage, wie Jesus als „Vormacher“, Mitarbeitende und Marktteilnehmer, Machtbesessene und Mutlose, zu sehen und zu hören.
Sehen. Und Hören.
Wer sehen will muss die Augen öffnen, den Blick schärfen, genau zu schauen. Das braucht den Willen, die Anstrengung und die Zeit. Sehen, zur Schärfung vielleicht mit Brille und Lupe, mit geübtem Blick hinter das Vordergründige, mit einem Herzen, das verstehen und den anderen wahrnehmen will.
Wer hören will, muss feine Gehörgänge haben, die Geräusche und die suchen, konzentriert hinzuhören. Das braucht den Willen, die Anstrengung und die Zeit. Hören, vielleicht mit Ohrspülung und Kopfhörer, mit feinem Sensor für die Zwischentöne und die versteckten Botschaften, mit einem Herzen, das hören, verstehen und den anderen wahrnehmen will.
Das ist eine Anstrengung, aber für die und den anderen eine Wohltat.
Zum christlichen Menschenbild gehört die Menschenwürde. Jesus Christus kennt unser Bedürfnis, gesehen zu werden. Und gehört. Und es steht uns gut an, die Würde des anderen zu respektieren, indem wir ihn sehen. Und hören.
Michael vom Ende, im Juni 2026
Geschäftsführer faktor c, eine Initiative von Christen in der Wirtschaft
www.faktor-c.org