Sie ist Geschäftsführerin des mittelständischen Betriebs „Profilmetall“ und engagierte Christin: Daniela Eberspächer-Roth hat in ihrer Doktorarbeit die Herausforderung der Digitalisierung für Führungskräfte erforscht. Im Gespräch mit Faktor-C-Chefredakteur Marcus Mockler erklärt sie, warum der Mensch in Zukunft noch wichtiger sein wird und worauf es im digitalen Wandel wirklich ankommt.

Frau Dr. Eberspächer-Roth, Ihre Doktorarbeit geht von der Beobachtung aus, dass der deutsche Mittelstand die Digitalisierung als Führungsaufgabe unterschätzt. Wie kommt das?

Vielleicht unterschätzt der Mittelstand sie nicht, doch es wird viel darüber diskutiert. In Deutschland hört man oft den Satz: „Du musst digitalisie-ren.“ Aber niemand sagt, wie es geht. Deshalb habe ich dieses Thema in meiner Dissertation erforscht. Denn als mittelständische Unternehmensgruppe ist „Profilmetall“ unmittelbar betroffen. Wie kann Digitalisierung so gestaltet werden, dass sie den Menschen und dem Unternehmen dient?

Heißt das, die Deutschen sind gar nicht so weit hintendran, wie man immer wieder hört?

Ich beobachte eine gewisse Hilflosigkeit auf allen Seiten. Statt zu kritisieren und zu sagen, wir hätten da etwas verschlafen, ist es doch viel wichtiger, dass wir einander befähigen, Wege zu finden, um digitale Technik sinnvoll einzusetzen.

Digitale Kultur fehlt

Dennoch: Haben wir etwas verschlafen?

Die Frage ist schwierig zu beantworten. Die pauschale Behauptung, in den USA und China seien die Unternehmen so viel weiter, kann ich aus eigener Anschauung nicht bestätigen. Ich war erst vor kurzem in China. In einzelnen Bereichen sind Firmen weiter, weil dort bestimmte Interessen verfolgt werden. In anderen Bereichen nicht.

Was wir in der Tat in Deutschland nicht haben, ist eine digitale Kultur. Gegenüber digitaler Technik sind wir eher mit Ängsten beschäftigt und umarmen den digitalen Gestaltungsraum weniger als andere Kulturen. Wir sind jedoch auch weniger leichtsinnig als andere Kulturen. Digitalisierung kann ja auch schnell in Datentyrannei und Überwachung ausarten. Deshalb war der ursprüngliche Wille, mit einem Datenschutzgesetz einen positiven Gebrauch von Daten zu ermöglichen, durchaus verständlich.

Wie verändert der digitale Wandel unsere Unternehmenskultur?

Die Digitalisierung macht den Menschen noch wichtiger als bisher. Das ist vielleicht ein überraschender Gedanke, wenn wir von Industrie 4.0 reden. Es gilt ja eher die Meinung, dass digitale Technik den Menschen wegrationalisiert. Meine These ist: Nein, er wird nicht wegrationalisiert, sondern wir Menschen entscheiden, wie digitale Technik genutzt wird. Praktisch erlebe ich, dass die Einführung von digitalen Lösungen arbeits-intensiv und teuer ist. Digitalisierung wird im öffentlichen Diskurs auch überschätzt, da gibt es eine Menge Illusionen.

Die Arbeit geht nicht aus

Welche Illusionen zum Beispiel?

Naja, gerade die Angst um die Jobs. Ich bin über-zeugt: Die Digitalisierung schafft zahlreiche Arbeitsplätze – jedoch mit anderen Arbeitsinhalten. Doch Arbeitsinhalte ändern sich, das ist schon seit 2000 Jahren so. Jetzt ist der nächste Schritt gefragt, mit einem erweiterten Verständnis für Arbeit. Die Arbeit der Zukunft wird mehr sein, als dass ich mein Menschsein am Fabriktor abgebe und Teil eines Fließbandes werde. Die Arbeitswelt der Zukunft fordert, dass ich meine Fähigkeit zur
kreativen Gemeinschaft und positiven Kommunikation einbringe, meine Denk- und Lernfähigkeit nutze und dass ich Verantwortung lebe.

Geht die Schere nicht weiter auseinander? Hier die anspruchsvollen gut bezahlten Jobs, da die anspruchslosen Hilfsjobs?

Diese Gefahr besteht. Und deshalb ist es für uns als Gesellschaft so wichtig, den Wert von Arbeit neu zu definieren. Manch einer beherrscht dann zehn Programmiersprachen und wird Roboter prima programmieren können. Aber will ich wirklich, dass diese Roboter im Altersheim nach meiner Mutter schauen? Oder gelingt es uns als Gesellschaft, menschliche Zuwendung mehr als bisher wertzuschätzen? Digitale Technik und Künstliche Intelligenz befreien uns in speziellen Anwendungsgebieten von Arbeits- und Sicherheitsroutinen. Damit können wir Menschen die gewonnene Freiheit sinnvoll für ein gutes Miteinander in unserer Gesellschaft einbringen. Ein gigantisches Potential, größer als das von Künstlicher Intelligenz.

Der Nachteil des Mittelstands

Sie schreiben, Digitalisierung könne das Angebot von Firmen schneller, besser und kostengünstiger machen. Warum springen Unternehmen dann so langsam auf diese Reize an?

Die Unternehmen sind äußerst innovativ und bemüht. Was uns von China und den USA unterscheidet, ist die mittelständische Struktur. Das ist hinsichtlich Innovationspotential von Vorteil, doch für digitale Großprojekte ist es ein Wettbewerbsnachteil.

Inwiefern?

Der deutsche Mittelstand ist kleinteilig strukturiert, was zur Folge hat, dass keine großen Forschungs- und Investitionsvolumen zur Verfügung stehen. Es sind eine Vielzahl kleiner Organisationen, die mit begrenzten Ressourcen über große Investitionen entscheiden sollen. Wie können wir diesen strukturellen Nachteil ausgleichen?

Wir brauchen eine Art Volksbank-System, digitale Genossenschaften, in denen alle Teilnehmer von digitalen Daten profitieren. Es liegt also nicht am einzelnen Unternehmen und auch nicht unbedingt an der Politik, sondern an einer gewachsenen Struktur, wenn kleinere Firmen sich mit einer digitalen Zukunft schwertun. Jetzt gilt es, Wissen zu teilen. Deshalb sind vertrauenswürdige Zusammenschlüsse, Digital Hubs und andere Kooperationen, so wichtig. Vergleichbar mit dem Erobern von Neuland – in so einer Situation werden alle Ressourcen gebündelt, denn Eroberer reisen in Teams.

Überforderte Unternehmer

Wo sehen Sie konkret die größten Barrieren – immerhin nutzen doch auch alle Mittelständler Smartphones, Datenaustausch via Internet, automatisierte Prozesse?

Letztlich sind die Mittelständler mit der Frage überfordert, wie sie die Digitalisierung optimal für ihre künftige Wettbewerbsfähigkeit einsetzen können. Das Identifizieren von digitalen Potenzialen für das eigene Unternehmen, statt einfach neue Hard- und Software zu kaufen, nehme ich als große Herausforderung wahr. Jede Führungskraft ist gefordert, in der Beantwortung dieser Frage mitzuwirken – kein einfacher Weg. Ein gutes Grundwissen für digitale Technik wie auch gedankliche Freiheit sind in den Firmenalltag schwierig inte-grierbar. So haben auch Politik und Wirtschafts-verbände den Auftrag, passende Ressourcen zur Verfügung zu stellen.

Sie sind selbst mittelständische Unternehmerin. Welche Konsequenzen haben Sie aus Ihrer Forschungsarbeit gezogen?

Wir haben mit unseren Teams die Herstellung von rollgeformten Metallprofilen mutig neu gedacht. Die Profilieranlage der Zukunft besteht aus einzelnen Fertigungszellen, die über plug & produce vernetzt zusammenarbeiten. Dieses integrierte Produktionssystem erlaubt völlig neue Flexibilität in Produkten und Prozessen und dazu eine erweiterte Kommunikationsebene.

Maschine rund um den Menschen

Erklären Sie bitte den Unterschied zu einer herkömmlichen Maschine.

Der traditionelle Maschinenaufbau ist starr – alles Weitere wird angeflanscht. Jetzt gestalten wir Mechanik mit integrierten digitalen Prozessen flexibel für die Bedürfnisse von Menschen. Außerdem haben wir das Thema Datenerfassung und -auswertung neu angepackt. Daten ermöglichen Information und Wissen für gute Entscheidungen. Deshalb legen wir inzwischen großen Wert darauf, dass die IT-Systeme genutzt werden. Doch Daten müssen zuerst aufgeräumt sein, damit man guten, schnellen und einfachen Zugriff auf sie hat. Dazu braucht es kluge Standards und ein hervorragendes Wissensmanagement.

Kritiker, darunter manche Christen, warnen vor negativen Folgen der Digitalisierung, sei es die Strahlenbelastung durch G5-Mobilfunk, sei es das Problem des Datenschutzes. Ist Zurückhaltung bei dem Thema nicht vielleicht doch besser?

Wir brauchen beides: eine extreme Bereitschaft zur Innovation und gleichzeitig eine bewusste Auswahl, was wir einsetzen und was nicht. Ich kann nicht die Bequemlichkeit von Alexa nutzen und gleichzeitig kritisieren, dass ich abgehört werde. Es fällt mir gelegentlich schwer, solche Kritik anzuhören, wenn die Konsequenz fehlt.

Mutig anpacken

Was meinen Sie: Sind wir eher zu kritisch oder eher zu unkritisch im Umgang mit den neuen technischen Möglichkeiten?

Das wissen wir erst hinterher. Doch statt vieler Diskussionen um übernächste Fragen sollten wir – auch als Gesellschaft – unsere gestalterische Verantwortung mutig anpacken. Auch beim Thema Arbeitsplätze steuern wir als Konsumenten, welche Produkte und Leistungen Unternehmen anbieten. Zum einen über die Nachfrage, wie auch über die persönliche Bereitschaft, durch die Preisgabe von Daten persönliche Freiheit aufzugeben. Vielleicht sollte uns die liebevolle menschliche Betreuung mehr wert sein als ein routinierter Pflegeroboter.

Sie erwähnen im Vorwort zu Ihrer Promotionsarbeit die Goldene Regel der Nächstenliebe, wie sie Jesus Christus formuliert hat. Was hat diese Regel mit Digitalisierung zu tun?

Sehr viel. Bei Digitalisierung geht es neben dem Einsatz von Technik auch um wichtige gesellschaftliche Fragen der menschlichen Zukunft. Ich bin überzeugt: Wenn wir die Goldene Regel oder sogar die Nächstenliebe aus der Beziehung zu Gott heraus leben, werden uns gute Entscheidungen leichter fallen. Also eine Art Industrie 4.1 statt 4.0, wobei die 1 für den Menschen steht.

Mit Goldener Regel digitalisieren

Wie meinen Sie das?

Damit legen wir den Maßstab an digitale Programme so an, dass Menschen frei über ihre Daten verfügen. Dann gestalten wir digitale Arbeitsplätze so, dass menschliche Stärken zur Geltung kommen. Dann orientieren wir uns als Anwender von digitaler Technik nicht ausschließlich an der eigenen Bequemlichkeit, sondern denken auch an Konsequenzen. Wenn die Goldene Regel die Grundlage für unser Handeln ist, gestalten wir eine digitale Geschäftswelt, die uns Menschen dient.

Wir danken für das Gespräch.

 

 

Daniela Eberspächer-Roth, Jahrgang 1964, ist diplomierte Betriebswirtin und trägt einen Doktortitel in Unternehmensführung. Mit ihrem Mann leitet sie die Firma „Profilmetall“ in Hirrlingen (Kreis Tübingen). Zu ihren Ämtern gehören die Vizepräsidentschaft bei der IHK Reutlingen, ehrenamtliche Handelsrichterin, Aufsichtsrätin in der christlichen Initiative „Seehaus“ für junge Straffällige sowie stellvertretende Verwaltungsratsvorsitzende beim Deutschen Institut für Ärztliche Mission.

Ihre Doktorarbeit trägt den Titel „Leadership for a Digital Culture Transformation: A systemic approach for manufacturing enterprises“ (Verlag Pro Business, 2019)