Wie geht eigentlich christlich geprägte Menschenführung, wenn ich Verantwortung für Mitarbeitende, Untergebene, Kollegen, Stakeholder und andere in der Wirtschaft habe? Das ist eine Frage, die zuerst darauf abzielt, wie ich selbst bin bzw. sein muss. Sind Sie bereit für die Suche nach der Antwort auf diese Frage? Hier ist der erste Teil dazu. Die beiden nächsten Teilen folgen im September und Oktober 2025.  

Die Versuchung, unentbehrlich zu werden 

Aus gegebenem Anlass will ich einige Gedanken weitergeben, die mich selbst in den letzten 35 Jahren geprägt haben. Sie stammen von Henri J. M. Nouwen, dem niederländischen katholischen Theologen, Priester und Psychologen. Er hat in seinem leider vergriffenen Buch „Seelsorge, die aus dem Herzen kommt – Christliche Menschenführung in der Zukunft“ die drei Versuchungen von Jesus durch den Teufel (Matthäus 4, 1 – 11) den drei Fragen von Jesus an Petrus (Johannes 21, 15 – 19) gegenübergestellt. In diesem ersten Teil geht es um die Versuchung, unentbehrlich zu werden. Sie bewegt sich im Spannungsfeld zwischen zwei Sorgen: gebraucht zu werden – und beten zu können. Diese zweite Sorge mag überraschen.  

Ein kürzlich veröffentlichter Brief gab den Auslöser für meinen heutigen Beitrag:
„Ich bin im 84. Lebensjahr und leide an sogenannten Altersdepressionen. Da macht man sich auch Gedanken darüber, ob man überhaupt noch gebraucht wird.“ Dieser Satz stammt aus dem öffentlich gemachten Brief des langjährigen und bekannten Unternehmers Wolfgang Grupp, den er als Ruheständler im Juli 2025 nach einem Suizidversuch an seine ehemalige trigema-Belegschaft schrieb. Zunächst ist natürlich der Hinweis auf die Altersdepression als Krankheit so wichtig, dass er selbst im PS. seines Briefes schreibt: „Meine Bitte an alle, die an Depressionen leiden: Suchen Sie sich professionelle Hilfe und begeben Sie sich in Behandlung.“ Daneben ist aber die von ihm aufgegriffene Frage existenziell: Werde ich (noch) gebraucht? Diese Frage steht für die erste große Versuchung an alle, die Verantwortung für andere haben, unentbehrlich zu werden. 

Werde ich (noch) gebraucht? 

Diese Sorge betrifft unsere eigene Wichtigkeit, ja unsere Identität. Diese Sorge gehört zu uns, aber sie kann ein Hinweis darauf sein, dass wir unsere Bedeutung festmachen an unserer Position, unser Funktion und unserer Rolle im Blick auf die Verantwortung für andere. Das Wissen gebraucht zu werden, tut gut und kann uns zutiefst erfüllen. Aber es hat dann eine gefährliche Untiefe, wenn dieses Wissen schwankt oder zeitweise oder ganz verschwindet. 

Der Nachfolger (Jünger) und spätere Apostel Petrus wurde, so beschreibt es die Bibel, gebraucht. Er sollte eine leitende Verantwortung für die wachsende, international aufgestellte Gruppe der Christinnen und Christen übernehmen. Aber vorher stellte Jesus Christus ihm in einem Klärungsgespräch eine überraschende, aber richtungsweisende Frage: „Da sie nun das Mahl gehalten hatten, spricht Jesus zu Simon Petrus: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr, als mich diese lieb haben? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe.“ (Joh. 21, 15) Jesus zuhören, seine Fragen aufnehmen, eine Antwort finden – das ist der Inbegriff von Beten. Und so lautet die zweite, viel wichtigere Sorge: 

Kann ich beten? 

Das zuhörende, Jesus betrachtende Gebet ist keine Leistungsschau der eigenen Stärken, keine jammernde Ansammlung der eigenen Schwächen, sondern eine intensive und fokussierte Beschäftigung mit Jesus Christus – durch Nachlesen in der Bibel, durch Nachdenken, durch Nachsprechen vor formulierten Gebeten, durch Nachvollziehen, wie das Wesen und die Art von Jesus sind. Spätestens, wenn die Frage „Werde ich überhaupt (noch) gebraucht“ fordernd an unser Leben klopft, wird entscheidend sein, ob wir uns für unentbehrlich halten. Gebraucht zu werden, ist gut. Beten zu können ist besser! 

So also könnte die erste Antwort auf die Frage aussehen, wie christlich geprägte Menschenführung geht, wenn ich Verantwortung für andere in der Wirtschaft habe: Es genießen, gebraucht zu werden. Und gleichzeitig geübt sein zu beten, auch wenn ich nicht (mehr) gebraucht werde. Denn es lehrt uns, dass wir nicht unentbehrlich sind. 

Michael vom Ende, im Juli 2025 
Geschäftsführer von faktor c, einer Initiative von Christen in der Wirtschaft