Wie geht christlich geprägte Menschenführung, wenn ich Verantwortung für Mitarbeitende, Untergebene, Kollegen, Stakeholder und andere in der Wirtschaft habe? Das ist eine Frage, die zuerst darauf abzielt, wie ich selbst bin bzw. sein muss. Hier ist nach dem ersten Antwortversuch mit „Die Versuchung, unentbehrlich zu werden“ der zweite Teil dazu. Der dritte und letzte Teil folgt im Oktober 2025.
Die Versuchung, beliebt zu werden
Unpopuläre Entscheidungen zu treffen und mitzuteilen, mag keiner gerne! Wer kennt als Verantwortlicher in der Wirtschaft nicht die Versuchung, den vermeintlich leichteren Weg zu wählen und sich bei seinen Kollegen und Untergebenen beliebt zu machen, indem er oder sie gegen seine eigene Überzeugung oder besseres Wissen falsche Entscheidungen kommuniziert?
Henri J. M. Nouwen, der niederländische katholische Theologe, Priester und Psychologe macht in seinem leider vergriffenen Buch „Seelsorge, die aus dem Herzen kommt – Christliche Menschenführung in der Zukunft“ eine interessante Gegenüberstellung: Er stellt die drei Versuchungen von Jesus durch den Teufel (Matthäus 4, 1 – 11) den drei Fragen von Jesus an Petrus (Johannes 21, 15 – 19) gegenüber. Hier schreibe ich in diesem zweiten Teil über die Versuchung, beliebt zu werden. Diese Versuchung bewegt sich im Spannungsfeld zwischen zwei Sorgen: beliebt zu werden – und Schuld eingestehen können. Diese zweite Sorge mag wieder überraschen.
Da führte ihn der Teufel mit sich in die heilige Stadt und stellte ihn auf die Zinne des Tempels
6 und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so wirf dich hinab; denn es steht geschrieben: »Er wird seinen Engeln für dich Befehl geben; und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.« (Matthäus 4, 5 – 6). So lautete die zweite Versuchung des Teufels. Tu etwas, was Applaus einbringt und was dich beliebt macht, weil du Superkräfte hast.
Mögen mich die anderen?
Die Menschen sind sicher alle sehr unterschiedlich, was die „Anfälligkeit“ für das Gefühl angeht, be- und geliebt zu sein. Aber sie sind alle empfänglich für dieses Gefühl. Es ist wichtig für unser Selbstwertgefühl und auch für die Einschätzung, wo unser Platz im Team ist und wie wir mit ihm harmonieren. Auch deshalb ist Teamwork wichtig. Wir lernen, uns als Teil eines größeren Ganzen zu verstehen und den Fokus nicht ausschließlich auf uns selbst zu richten.
Jesus hatte das erkannt, als er am See Genezareth dreimal zu seinem Jünger Petrus sagte: „Weide meine Schafe!“ (Joh. 21, 15 – 17) Petrus wusste, dass Jesus dabei das Team wichtig war und er die Jünger immer in Zweierteams im Einsatz sehen wollte. Also: Kümmert euch um die anderen – und macht das im Team!
Kann ich Schuld eingestehen – und verzeihen?
Das ist er Ansatz gegen die Versuchung beliebt zu werden: Setze den Fokus auf das Team. Dort erhältst du Zustimmung und Applaus. Aber du kannst und musst ihn auch geben. Wo ist dein Team? Wo ist dein Übungsplatz, wo du Fehler machst und lernen musst, Schuld einzugestehen? Weil wir eben nicht Superman oder Super Woman sind, machen wir Fehler. Im Team können wir lernen, Schuld einzugestehen. Und wir haben ein hervorragendes Übungsfeld, anderen ihre Fehler zu verzeihen. Auch das hilft zu einem guten Teamwork.
Wir sollten nicht proaktiv dagegen arbeiten, beliebt zu werden. Aber wir sollten auch nicht proaktiv dafür arbeiten, beliebt zu werden! Jesus Christus selbst lehrt uns, dass beliebt werden zu wollen ein falsches Ziel ist. Hier helfen Teamwork und die Übung, Schuld einzugestehen und zu verzeihen.
So also könnte die zweite Antwort auf die Frage aussehen, wie christlich geprägte Menschenführung geht, wenn ich Verantwortung für andere in der Wirtschaft habe: Sich im Team um andere kümmern. Sich gleichzeitig verwundbar machen, seine Schwächen eingestehen und anderen verzeihen.
Michael vom Ende, im September 2025
Geschäftsführer von faktor c, einer Initiative von Christen in der Wirtschaft