History Snack (1975): Perspektiven von Morgen als Herausforderung von Heute
Athanasius Wolff
ATHANASIUS WOLFF, geb. 1931, Studium der Philosophie, Geschichte, kath. und evang. Theologie. Hauptarbeitsgebiet: Fragen aus dem Dialog zwischen Theologie und Gesellschaft.
Perspektiven von Morgen als Herausforderung von Heute
Auszüge aus einem Vortrag von P. Athanasius Wolff – VCK-Haupttreffen Dorfweil
Gott schuf den Menschen auf Hoffnung hin
Die Frage nach der Zukunft ist nicht nur eine Frage, die die Dichter, Träumer, Denker oder Propheten beschäftigt, sondern sie ist Lebens- und Schicksalsfrage für eine Menschheit, die mit den Mitteln der technisch-wissenschaftlichen Zivilisation anders als je zuvor in ihrer Geschichte Zukunft produzieren kann.
Gewiß ist unsere Gegenwart auch immer die Konsequenz dessen, was unsere Väter getan oder unterlassen haben, was ihnen gelungen oder mißlungen ist, wo sie sich bewährt oder versagt haben. Keiner kann sich der Vergangenheit entziehen. Wir sind von ihr getragen und gehalten und müssen sie zumindest in unserer Erinnerung behalten.
Doch zum Menschen gehören neben der Erinnerung genauso die Hoffnung dazu und die Sehnsucht nach Mehr und Größerem. Er erfährt in jeder Gegenwart, daß er noch nicht ganz das ist, was er gern sein möchte. „Alles schuf Gott fertig, den Menschen schuf er auf Hoffnung hin“, heißt es in einem rabbinischen Kommentar. Von da her leben wir nicht in einer fertigen Welt, als gäbe es nur die bestehenden Ordnungen zu bewahren. Hinzu kommt, daß der Mensch nicht nur von seiner antropologischen Verfaßtheit her auf eine Zukunft hin bezogen ist, sondern als Christ immer mit Verheißung lebt auf das, was kommen wird – mit einer Verheißung des Himmels.
Himmel heißt, daß alles, was wir heute so leidvoll erfahren: Ungerechtigkeit, Neid, Haß, Gewalt und Angst einmal als Gabe Gottes von uns genommen wird und wir dann miteinander echt kommunizieren werden in einem Raum der Angstlosigkeit und Freude, von Glück und Frieden. Angesichts dieser Verheißung, daß Gott einmal jede Träne trocknen wird, legt sich der Christ weder auf das Lotterbett fauler Existenz, noch trägt er das gegenwärtige Leid mit der Vertröstung auf die zukünftige Freude. Er wird vielmehr provoziert, das gegenwärtig Mögliche von dem, was er einmal von Gott ganz erhofft, hier schon teilweise ein Stück weit zu realisieren. Der Christ lebt also nicht davon, indem er in die Vergangenheit schaut und dabei einem vermeintlich verlorenen Paradies nachtrauert und das restaurieren, konservieren und renovieren möchte, sondern er versucht, kleine Hoffnungen selbst zu verwirklichen und so in der Vorwegnahme des Himmels ein Stück seiner Hoffnung zum Vorschein zu bringen.
Das Bewährte von gestern wird in Frage gestellt
Unsere heutige Welt ist nicht mehr angemessen mit dem Begriff des industriellen Zeitalters beschrieben, sondern sie ist auf Grund der vielfältigen Kommunikationsmöglichkeiten als kommunikative Globalgesellschaft gekennzeichnet. Wir erinnern uns der Energiekrise vor eineinhalb Jahren, als auf einmal diese Welt hier ganz andere Modelle für Wachstum entwickeln mußte. Wenn heute irgendwo etwas passiert, dann ist das am gleichen Tage weltweit bekannt. Wir leben in einer Zeit, in der eine Rapidität des Informationsaustausches geschieht, in einer Welt, die sich innerhalb von sieben Jahren schneller verändert, als früher in hundert Jahren. Unsere Zeit muß man als epochale Wende bezeichnen. Wir sind in einer eigentümlichen Weise gegenüber Verhaltensmustern und Denkmodellen von gestern unsicher geworden.
Auch der Christ fühlt sich mit dem, was er zu sagen hat, zutiefst fragwürdig. Er ist aufgefordert, das Bewährte von gestern hinter sich zu lassen und sich nach dem neu zu Bewährenden auszustrecken. Es ist nicht Ausdruck von Glaubensschwäche, wenn man mit dem Gestrigen nicht einfach leben kann, sondern ich glaube eher, es ist Ausdruck des Glaubens, der die neue Zeit als Angebot Gottes begreift.
Das Weinen des Herrn über Jerusalem (Luk. 19) ist das Weinen über das Jerusalem, welches Gefangener seiner sozialen, religiösen und politischen Vergangenheit geworden ist. Ein Jerusalem, das dem jeweils neuen Anspruch nicht entsprach, weil es Gott so sehr hinter sich hatte. Schlimm wäre es, wenn wir Christen nur mit dem lebten, was wir gestern unter dem Anspruch des Evangeliums gefunden hatten und wir nicht auch mit der Phantasie des Glaubens Schritt hielten in eine sich wandelnde Welt hinein, die für uns ebenfalls Angebot Gottes bedeutet.
Die Frage, ob das Christentum noch Zukunft hat, darf aber nicht an der Antwort auf die Frage gemessen werden, ob es wieder zur herrschenden Macht wird. Mir scheint gerade die Säkularisation, die die äußere Herrschaftsstellung des Christlichen beseitigt hat, ein providentieller Vorgang zu sein. Denn Säkularisation kann auch eine reinigende Bedeutung haben, nämlich die Lösung der Kirche von bisherigen Klassengebundenheiten und die Befreiung von ideologischer Indienstnahme durch Gruppeninteressen.
Die Frage nach der Zukunft der Christen ist eigentlich nicht die, ob wir mächtig oder unmächtig sind, sondern ob wir das Wort des Evangeliums als treffendes und betreffendes Wort, als helfendes Wort, in diese sich wandelnde Zeit hinein auslegen können. Das Wort von der Verheißung an die Gemeinde Jesu Christi ist kein Vertröstungswort, sondern die Aufforderung, daß keine Zeit kommen kann, in der nicht das Wort aus dem Glauben ein angemessenes und helfendes Wort zur Stunde wäre. Ich bin der Meinung, der Glaube gibt die Gemeinde dazu frei, sorglos um sich selbst zu sein. Damit ist sie freigesetzt zur Sorge um das Jeweilige.
Evangelium – Herausforderung an die Christenheit
Die Botschaft des Evangeliums ist eine Herausforderung, die Vergangenheit in der Bekehrung zu überwinden. Provokation für die Christenheit ist, in der Phantasie des Glaubens Schritt zu halten mit den Absichten Gottes. Wir sollten das Kommende aus der Hand Gottes nicht nur als Gefährdung und Infragestellung unserer Person begreifen, sondern als ein neues Angebot, das wir dann freilich nicht bewältigen können im bloßen Rückblick auf das Gestrige und schon gar nicht im Zitieren von Bibelversen.
Das Weitergeben in der Kirche geschieht im Weitergehen und einem immer wieder Abschiednehmen; nicht darin, daß die Kirche zu jeder Zeit gleich redet, sondern das Gleiche stets neu und dann auch in anderer Sprache zur Sprache bringt. – So, wie Paulus den Römern ein Römer wurde und den Korinthern sehr korinthische Probleme von der Mitte des Glaubens her löste.
Im steten Verwandeln ist das Unüberholbare, die Person Jesus Christus, festzuhalten. Von ihm wird behauptet, durch ihn habe sich die Situation des Menschen grundsätzlich geändert. Die christliche Botschaft verkündet Jesus Christus als das letztbestimmende Ereignis für Mensch, Geschichte und Welt. Darin ist die Eschatologie, die Botschaft vom Letzten, nicht das Reden in einer Hintertreppensprache über ein himmlisches Jerusalem, sondern das Verbindlichmachen der Bedeutung Jesu Christi jederzeit neu und zwar als das Entscheidende und Qualifizierende für Welt und Geschichte.
Von Jesus Christus wird gesagt, daß er aus dem Handeln Gottes absolute Zukunft hat. Nicht wir stehen auf, sondern Gott erweckt uns. Nicht von unten her als menschliches Tun in Selbstmächtigkeit geschieht Zukunft als absolute Zukunft für Jesus Christus und für die an ihn Glaubenden, sonderen Christus erfährt Gottes Handeln und Leben am Ende menschlicher Möglichkeit als Gabe von Gott verwirklicht.
So ist der Christ nur insofern auf Vergangenheit bezogen, als das Kreuz und die Auferstehung Vergangenheit sind. Zugleich aber ist er von dieser Vergangenheit auf eine verheißungsvolle Zukunft ausgerichtet. Denn der Christ weiß um das „Schon“, der geschehenen Versöhnung mit Gott. Er weiß also um die Aufhebung der Entfremdung mit Gott und wartet, daß er in Fülle daran Anteil hat.
Gegenwart – Bauplatz einer glücklichen Zukunft
Nicht in einem traditionellen Beharren auf vergangenen Positionen bewährt sich der Christ, sondern in einer Bejahung der Unaufhaltsamkeit technischer Entwicklung aber als ein Bejahen mit dem Ziel menschlicher Beherrschung. Ein Hineintaumeln etwa in die Raumfahrt zum Mond mit keiner anderen Begründung, als einer dummen Ost-West-Konkurrenz, birgt nur eine gewisse Scheinrealität in sich.
In einer Zeit, in der man diese Welt nur bewältigen kann, indem man Informationen austauscht, taucht die Frage auf, ob nicht eine wesentliche Aufgabe für die Welt von morgen das Einüben in kooperatives Verhalten sein wird. In der Vergangenheit konnte man christliche Werte sehr individuell formulieren, denn wer keine Verantwortung im öffentlichen Raum hatte, mußte im Grunde genommen das christliche Ethos im Raum des Privaten leben. Aber reicht das für uns, die wir heute im Bereich des Öffentlichen Verantwortung tragen? Sollen wir nicht Verhaltensweisen entwickeln, die ein Gruppenethos sichtbar machen? Es reicht nicht mehr, die Privatkategorien des 19. Jahrhunderts zu übernehmen, so edel sie sind.
Der Christ ist aus dem Glauben an den Himmel ein aktiver Kritiker bestehender Verhältnisse und zwar im Hinblick auf ihre Verbesserung, auf ein Morgen hin. Er ist aber ebenso ein Kritiker von Ideologien, die den Schritt aus der Traurigkeit in die Freude heute als innerweltlich zu bewältigenden Vollzug deklarieren. Bezeichnenderweise sind die Menschen heute um des Himmels von morgen sehr leicht inhuman. Aber gerade der Christ wird die Gegenwart zum bloßen Bauplatz einer absolut glücklichen Zukunft machen können. Er ist in seiner Sehnsucht auf das Größere aus und erwartet das Letzte von einem anderen.
Keine Zeit wird Gott los
Im Raum dieser Mentalität, die Veränderungen anstrebt und zugleich sich der letzten Veränderung durch Gott bewußt bleibt, ist der Christ ein Ausschreitender. Er wird alle Ordnung als lebendiges Lebensgefüge für den gegenwärtigen Menschen in einer Offenheit auf die Zukunft hin gestalten. Er wird dabei nicht mit hechelnder Zunge unbedingt der Kritik der Zeit nachlaufen müssen. Er darf aber auch nicht in vermeintlicher Zeitüberlegenheit dem Fluß der Veränderung widerstehen. Sonst würde die Christlichkeit einmal so übelriechend werden wie Wasser, das nicht in Fluß bleibt.
Eine Zeit mag sich selbst als gottlos deklarieren, sie wird aber Gott nicht los, weil er menschenfreundlich bleibt. Wenn man daran glaubt, daß die Welt unter der Verheißung Gottes steht, kann einem keine Zeit uninteressant sein. Der Christ wird aus dem Hören auf das Evangelium diese Botschaft auf das Heute, auf die Zukunft hin aufschließen wollen. So leben wir auch jetzt in einer sich wandelnden und einer uns oft so fremd und bedrohlich anmutenden aber vom Herrn her doch sehr verheißungsvollen Welt.











