Das Glaubenswagnis im Wirtschaftsleben
(aus „Mitteilungen des Verbandes gläubiger Kaufleute“ Nr. 40, Essen, März 1929)
Von Kaufmann Wilhelm Kolb, Ludwigsburg.
Die Frage, ob es möglich ist, auch das geschäftliche Leben von heute nach strengen christlichen Grundsätzen zu gestalten, wird immer wieder gestellt. Einer innerlich ungebrochenen bejahenden Verantwortung der Frage begegnet man selten, obgleich dieses einfache volle Ja die selbstverständliche Antwort ist, die überhaupt gegeben werden kann, sofern man nur einigermaßen in das Wesen des christlichen Lebens eingedrungen ist.
Die brennende Anteilnahme an dieser Frage läßt erkennen, daß hier für viele eine ernste Lebens- und Gewissensnot besteht. So selbstverständlich, so einfach das volle Ja auf die Frage ist, so müssen wir doch zugeben, daß dieses Ja wieder die allerschwerste Antwort darstellt, weil dieses Ja eigentlich einen Lebensweg ausmacht, den man nicht ohne Einsatz der stärksten Kräfte des Lebens erringen kann.
Wie steht es denn mit der Wirtschaft? Ist sie derart abgeglitten von der ihr in der natürlichen Ordnung des Lebens von Gott zugewiesenen Stellung und Aufgabe, daß in ihr keine sittlichen Maßstäbe mehr gefunden oder noch besser gesagt, nicht mehr in sie hineingelebt werden können? Wir müssen die Frage stellen, um zur Klarheit zu kommen über unsere Voraussetzungen, die wir zur Wirtschaft im besonderen und zum Leben überhaupt haben mögen.
Die Wirtschaft ist ein Lebensgebiet für sich selbst, hat in sich selbst eigene Gesetze und Ordnungen, Zwangsläufigkeiten, die sich in ihr mit Naturnotwendigkeit vollziehen. Wenn man aber diese Innengesetze und Eigenbedingungen der Wirtschaft in ihrer Tiefe besieht, so merkt man, daß es die nämlichen Gesetze und Bedingungen sind, wie sie auf allen andern Lebensgebieten gefunden werden können. Alle diese Eigengesetze sind der Durchdringung und Beherrschung von einem höheren Lebensgedanken aus fähig, ja sie sind geradezu darauf angelegt, von einem höheren Lebensgedanken aus beherrscht werden zu müssen. Überall wo diese mit Bedingtheit in die Dinge hineingelegten Eigenordnungen sich zur Geltung in Absolutheit aufgeschwungen haben, stehen wir nicht mehr am rechten Ort, sind wir von der klaren Fährte des Lebens gewichen. Die Wirtschaft hat sich an ihrer eigenen Sache verirrt. Es ist der brutale Zweckgedanke, der ihr von ihrer eigenen ihr vom Leben zugewiesenen Aufgabe durch Übersteigerung und aus Mangel an Einsatz eines höheren Lebensgedanken ständig zuströmt. In der Notwendigkeit des Lebens hat dieser Zweckgedanke eine Nährquelle, aus der er ständig nicht allein sich selbst speist, sondern auch die sittliche Berechtigung seines brutalen Charakters glaubt hernehmen zu müssen. In der Forderung der absoluten Geltung ihrer Eigenbedingungen offenbart die Wirtschaft den Charakter der Gottlosigkeit.
Dieser Gottlosigkeitscharakter der Wirtschaft ist nicht Einzelerscheinung, die nur an der Wirtschaft festgestellt werden kann. Dieser Gottlosigkeitscharakter ist ebenso auf allen anderen Lebensgebieten vorhanden. In seiner Erscheinung offenbart er die Verirrtheit unseres Gegenwartslebens. Und wenn wir es nicht längst schon anderswo bemerkt haben würden, so müßten wir es an dieser überall sich gleichbleibenden (vielleicht nur da und dort im Maß verschiedenen) Gesamtäußerung eines Zustandes feststellen, da? Diese Einzelgebiete wie Wirtschaft usw. es eigentlich noch nicht sind, die wir suchen müssen, sondern daß das hinter ihnen befindliche Leben gefunden werden muß, von dem die Einzelgebiete nur ein Ausdruck sind. Und so ist es in Wirklichkeit auch. Die Wirtschaft ist noch nicht das Leben selbst, sie ist nur Ausdruck, Offenbarung eines Lebens, das gelebt wird. Wollen wir also der Wirklichkeit in ihrer Tiefenanlage begegnen, so müssen wir dem Leben begegnen, von dem die Wirtschaft zeugt.
Wir bedürfen dieser grundsätzlichen Feststellungen, um einen Boden zu gewinnen, von dem aus den Dingen nähergetreten werden kann. Indem wir dem Leben selbst begegnen wollen, glauben wir, damit bereits das ganze Problem aufgerissen zu haben.
Auch die Wirtschaft gehört zu der „Welt“, die überwunden werden muß. Es wären wirklich falsche Voraussetzungen, wenn wir Meinen würden, die Wirtschaft sei als eine an sich moralisch reine Größe dieser Welt zu fassen. Es darf uns nicht wundern, daß sie das nicht ist. Auch sie gehört zu der „Welt, die im Argen liegt“. Es wäre töricht zu meinen, man dürfe auf dem Gebiet des Wirtschaftlichen alles tun und treiben lassen, was nur irgend getan und getrieben werden kann. Die Wirtschaft ist ein Tätigkeitsfeld, auf dem der Christ Mut und Willen des Glaubens zu beweisen hat. Wir sind der Wirtschaft gegenüber ganz von vornherein auf Einsatz unseres Lebens gewiesen. Es zeugt nicht nur von Mangel an Einsicht in die Struktur der Dinge, sondern vor allem auch von Mangel am Willen der Entscheidung, wenn man auf der einen Seite über den moralisch entgleisten Zustand der Wirtschaft sich beklagen, auf der anderen Seite aber sein persönliches Leben zur Gestaltung der Dinge in sittlichem Sinn doch nicht wagen will.
Mit den falschen Voraussetzungen, die wir an das Leben heranbringen, ist in der Regel auch ein falsches Lebensziel verbunden. Wir sind weithin von einer eudämonistischen Auffassung vom Leben ergriffen. Im Glücksgewinn und Wohlergehen glauben wir, das Ziel unseres Lebens suchen zu müssen, und die Fassung des Lebens als Auftrag und Aufgabe ist uns vielfach verloren gegangen. Auch vom Christentum her glauben wir uns einen Freibrief für allerlei Ansprüche auf Schonung unseres Lebens ausstellen zu können. Fälschlicherweise glauben wir das. Echtes, biblisches Christentum ist nämlich das gerade Gegenteil davon. Es ist mutvolle Bejahung der Herbigkeit dieses gegenwärtigen Lebens. Von Abraham sagt der Ebräerbrief, er habe in Kraft seiner Glaubenserwartung in „Hütten wohnen können“, d.h., er war in Kraft seiner Glaubenserwartung den Entsagungen des Lebens gewachsen, er konnte sich bescheiden und begnügen und ein volles Ja zu den Herbigkeiten des Lebens aufbringen.
Die Gegebenheiten unseres gegenwärtigen Daseins sind Auftrag an uns. Wir sind gesetzt, aus den Verhältnissen unserer Zeit heraus den Weg zu Gott zu suchen. Die Schwierigkeiten, die sich dem christlichen Sittlichkeitswillen in der Wirklichkeit entgegen stellen, haben an uns etwas auszurichten. Würden wir die Schwierigkeiten nur umgehen, und läge es uns nicht daran, sie innerlich zu überwinden, so kämen wir nicht zu jenem Maß von Lebenshöhe, das Gott dem Geschlecht unserer Zeit zu geben gewillt ist. Es bliebe noch irgend etwas Unerfülltes in uns selbst zurück, wenn wir die gegenwärtige Zeit, deren Kinder wir sind, nicht voll überwinden würden. Jeder Zeit ist von Gott nicht nur ihre besondere Aufgabe, sondern auch ihre besondere Gabe verliehen. Aufgabe und Gabe haben Beziehungen zueinander. Der Gottlosigkeitscharakter der gegenwärtigen Zeit ist Auftrag für die Christen. Seine Überwindung muß die Gottesgabe für unsere Zeit herausgestalten helfen. Also muss der Weg auf Gott zu von der Gottlosigkeit des Zeitcharakters aus seinen Ausgang nehmen. Die Weltanschauung von der „absoluten Selbstgleisigkeit der Dinge“ mit der damit verbundenen verkehrten Sinngebung des Lebens, die, in großem Umriß gesagt, den Gottlosigkeitscharakter der Zeit ausmacht, wäre von einer Stellung „in Christus“ aus, auf die Dauer auch gar nicht tragbar, wenn man nicht in innerer Überwindung zu ihr stehen und nicht in missionarischem Sinn an ihr arbeiten würde.
An unserem Lebenseinsatz ist alles gelegen. Dieser entspringt dem Glauben. In dem Maß, als wir vom höheren Lebensgedanken ergriffen und bewegt sind, sind wir befähigt, uns in unserem Willensleben zum Lebenswagnis zu entscheiden. Den Charakter des Wagnisses wird jede ernsthafte Entscheidung für ein Handeln im Geiste Jesu an sich haben. Dieser Charakter ist durchaus da, und er muss voll durchgewagt und durchgekostet werden. Jedes wahrhaft christliche Handeln erhebt den Anspruch des Mutes an den Menschen, weil jeder Lebenseinsatz den Durchbruch durch eine Welt von Hemmungen bedeutet, die in uns selbst und in den uns umgebenden Verhältnissen liegen mögen.
Die Forderung der Entscheidung zum Lebenseinsatz in sittlichen Sinn tritt zu bestimmter Stunde an uns heran. Nicht jede Stunde fordert die nämliche Entscheidung. Aber alle Entscheidungen tragen den gleichen Charakter. Zwischen allen Entscheidungen besteht ein geheimer, verborgener Zusammenhang, den wir zunächst nicht wahrnehmen, der sich aber bei der Überschau des Lebens doch bemerkbar macht. Eine Entscheidung reitet sich an die andere, gleichsam wie an einer Kette, eine wächst aus der andern hervor, Eine stärkt auch die andere. Der Mut zur Selbstverleugnung, den der junge Georg Müller, der spätere Bristoler Waisenhausvater, bald nach seiner Bekehrung in einer entscheidenden Tat erstmals bewies, hat diesen Mann für sein ganzes Leben gestärkt. Mueller hatte eine französische Novelle übersetzt, in der Hoffnung auf gute Honorierung. Diese Arbeit übergab er eines Tages dem Feuer, nachdem ihm das Sündige an der Sache klar geworden war.
Obgleich die Entscheidung jedesmal ihre bestimmte Zeit haben wird, gleichsam kommt und geht, also mit einer bestimmten Notwendigkeit auftritt, so gestaltet sich die Entscheidung beim Menschen selbst doch jedes Mal als ein Akt freier Entschließung, freier schöpferischer Gestaltung aus. Und diese Freiheit der Entscheidung ist es gerade, die das Lebenswagnis ausmacht.
Das Wagnis des Lebens in religiös-sittlichem Sinn ist, aber kein bloßes Experimentieren aufs Ungewisse. Wahrhaft christlichem Handeln wird man unmöglich den Charakter eines Handelns aufs Ungewisse beilegen können, denn es ist in Wirklichkeit ein Handeln in großer Gewißheit. Hinter diesem Handeln steht das Wort des lebendigen Gottes, und dieses Wort ist dem Christen nicht etwa nur nach Gutdünken überlassen, es ist ihm Befehl. Das Wort und der durchs Wort gewirkte Glaube sind es, die das christliche Handeln mit so großer Gewissheit erfüllen.
Da in der Wirtschaft alles auf den Zweck der Dinge eingestellt ist, so ist man sehr versucht, sich immer nur vom Nützlichkeitsgedanken bestimmen zu lassen. Die Theorie der Nützlichkeit ist die große Philosophie der Wirtschaft, auf die man bewußt oder unbewußt in der Wirklichkeit des Wirtschaftlichen eingestellt ist. Und die hemmungslose, jeder Kontrolle durch einen höheren sittlichen Lebensgedanken entzogene Entfaltung der Nützlichkeitsidee ruft die großen Versündigungen des wirtschaftlichen Lebens hervor. Denn nicht alles, was wirtschaftlich „nützlich“ ist, ist auch gut, lauter, in sittlichem Sinn echt. Aber alles in sittlichem Sinn Reine, Große und Echte, alles Gottmäßige ist unbedingt nützlich. Es ist das Allernützlichste, das es überhaupt gibt, auch wirtschaftlich das Allernützlichste. Doch diese Nützlichkeit ist nicht immer zu erkennen, sie ist vielfach verborgen, weil sie dem höheren und höchsten Lebensgedanken zugehört und nur von dorther als „wahrhaft nützlich und notwendig“ erkannt werden kann. Hier zeigt es sich uns deutlich, daß an das christliche Handeln von zwei Seiten her Forderungen gestellt werden, von der reinen wirtschaftlichen Seite und der reinen sittlichen Seite. Und beide Forderungen werden gleichzeitig gestellt! Und beide Forderungen in Eins zusammenzubringen, und zwar so, daß der sittliche Gedanke als der höhere triumphiert, macht den christlichen Lebenssieg aus. Hier durchzukommen, ist der bloßen Vernunftkraft unmöglich, wenn nicht das Wagnis des Glaubens einsetzt. Hier gilt nicht immer nur das Sichtbare, denn hier muß man ins Unsichtbare hineingreifen, und das kann nur ein Glaube, der von Gott her seinen Zustrom hat.
Das Leben im Geiste Jesu ist schöpferische Lebensneugestaltung. In mancher Hinsicht hat die Nachfolge Jesu etwas dem künstlerischen, dem schöpferischen Lebensdrang Ähnliches an sich, obgleich zwar die Nachfolge Jesu auf einem ganz anderen Boden als dem des Naturgeborenen steht. Ein Mensch, der lebendige Beziehung zu Christus hat, gestaltet fortgesetzt an einer neuen Lebenswirklichkeit. Jeder Tat gottgläubigen Gehorsams wohnt eine göttliche Gestaltungskraft inne. Was die heutige Zeit von dem Christentum fordert, ist der Erweis schöpferischer Lebenskraft. Mit anderen Worten: Wieder ist es der Einsatz des Lebens, das Wagnis des Glaubens.
Wie allem schöpferischen Gestalten, so haftet auch dem Handeln aus Glaubensgehorsam der Charakter des Undurchschaubaren an. Dem Christen bleibt ein freies, mutiges Wagen durchaus nicht erspart. Wir werden im Leben immer wieder vor Aufgaben gestellt, an denen wir nie ganz hinaussehen, die sich uns nie so völlig enthüllen, daß wir sie gänzlich durchschauen mögen. Das muß so sein. Wie könnte man auch von einem Wagnis des Glaubens reden, wenn alles durchschaubar wäre! Alles religiös-christliche Handeln vollzieht sich aus Freiheit der persönlichen Entschließung. Deswegen ist es auch bedeutsam, welcher Art die uns bewegenden Kräfte sind. Weil so viel im Leben aufs Undurchschaubare gebaut werden muß, ist es notwendig, Kraft und Ziel des Lebens in ständiger Reinigung, Läuterung und Erneuerung zu erhalten. Weil so viel ins Geheimnis des Lebens — und das Leben ist ein Geheimnis — hineingewirkt werden muß, ist es notwendig, die eigene Lebenswurzel tief im größten Geheimnis, in Gott, gelegt zu haben.
Weil alles Glaubenstum in voller Freiheit des Geistes wie des Lebens sich vollzieht, darf uns das Undurchschaubare der Dinge nicht wundernehmen. Es gehört notwendig zu dem freien schöpferischen Werden und Gestalten, das ein Glaubensleben in Wirklichkeit ist. Das tragende Moment des Glaubenslebens ist das Vertrauen in die Wirklichkeit Gottes, und das Undurchschaubare muß ihm notwendig als das Moment des Wagnisses anhaften. Und doch: Trotz allem Undurchschaubaren, das voll durchgekostet werden muß, bleibt dem Christen in der ständigen Frage nach dem, was Gott wohlgefällig ist und im Unterstellen des Willens unter das göttliche Wort stets eine klare Linie des Handelns erhalten.
Viele sagen, daß sie sich nicht für Christus entscheiden könnten, weil der gewaltige Zwang der Dinge des geschäftlichen Lebens und das Hineingebanntsein in eine Welt unmoralischer Wirtschaftspraktiken sie ständig an dieser Entscheidung hindere, jegliches sittliche Aufraffen überhaupt unmöglich mache. Ist es wirklich so? Wir fragen, auf welchem Lebensgebiet und unter welchen Lebensumständen wir unsere größten sittlichen Entscheidungen zu treffen haben, diejenigen Entscheidungen, welche unserem Lebensweg die Richtung weisen. Und wo wir uns umschauen mögen, so müssen wir überall finden, daß die größten sittlichen Entscheidungen, die von uns gefordert werden, nicht diejenigen sind, wo wir unter Zwang und Not und Druck der Dinge uns befinden, sondern da, wo wir die vollkommene Freiheit unserer eigenen Entschließung haben, wo uns kein Mensch und kein Ding und kein Verhältnis an der Entscheidung hindernd im Wege ist. Wenn Schulmeister Kolb von Dagersheim, jenes bekannte Original eines geisterfüllten schwäbischen Stundenmannes, einmal sagt, es komme ihm vor, als ob Gott unsere Amtssünden wie zwischen den Fingern durch ansehe, um so genauer nehme er es aber mit unserem privaten Leben, so spricht dieser Mann wohl etwas Ähnliches, was wir meinen, aus. Der Weg auf Gott zu nimmt irgendwo seinen Ausgangspunkt und setzt sich von da aus fort. Und dieses „Irgendwo“ des Ausgangs steht dicht bei unserer vollkommenen Freiheit, ja mitten drin in ihr. Unsere Schwierigkeiten und Notlagen, unsere sittlichen Hemmungen dürfen nicht nur ausschließlich als Einzelfälle und Einzelvorkommnisse, herausgeschnitten aus dem Zusammenhang des Lebens, gefaßt werden; sie müssen vielmehr aus einem Komplex von Leben heraus begriffen werden. Denn bestimmte sittliche Entscheidungen unseres Lebens sind nur möglich als Frucht vorausgegangener anderer sittlicher Entscheidungen, die ganz wo anders liegen mögen, die aber nichtsdestoweniger ihre geheimen Fäden und Beziehungen zu den andern Lebensdingen haben.
Wie sich beispielsweise die Anlage des Charakters eines jungen Mannes an der Stellung des jungen Mannes zum andern Geschlecht entscheidet, so sind auch dem Wirtschaftsmenschen gewisse grundlegende Dinge gesetzt, an denen er sich zu entscheiden hat und die die Anlage des sittlichen Charakters und der sittlichen Persönlichkeit des wirtschaftlichen Lebens bestimmen. Welches sind diese Dinge? Wir nennen drei. Wir entscheiden uns am Willen zur Wahrheit, an unserer Stellung zum Nebenmenschen und an unserer Stellung zur Sache. Man kann feststellen, daß überall da, wo wir den Spuren der Wahrheit nachgehen, wir zu einer bestimmten inneren Lebensfreiheit geführt werden. Die Wahrheiten des Lebens aufgreifen — und wir meinen dabei nicht nur die großen fundamentalen Wahrheiten des menschlichen Seins, wir meinen auch die kleinen und großen Wahrheiten des täglichen Lebens, in summa summarum alles, was Wahrheit ist —, diese Wahrheiten aufgreifen und sie mutvoll bejahen, führt auf eine Lebenshöhe, führt zu einer Lösung, einer Befreiung der Persönlichkeit. Ohne unerbittliches Wahrheitswollen dringen wir nicht durch. Wir bleiben in tausend Dingen stecken, die uns Qualen, Sorgen und viel Not bereiten und die Quelle unserer Halbheit nie verschließen lassen wollen. Der Wahrheit muß man mutvoll ins Auge sehen lernen. Und um der Wahrheit willen gehört, gewagt! Denn im Aneignen der Wahrheiten des Lebens vollzieht sich in uns ein Vorgang des werdenden neuen Lebens. Wir kommen zu einem neuen Lebensbesitz nur, indem sich in uns Wahrheit an Wahrheit reiht. Denn Wahrheit reiht sich nur an Wahrheit, nicht an Lüge. Und auch nur mit Hilfe derjenigen Wahrheit, die uns bereits zum inneren Lebensbesitz geworden ist, vermögen wir festzustellen, was Wahrheit in dem Neuen ist, das uns entgegentritt. Diese Erfahrung entspricht ganz dem uns von Kant gelehrten Gesetz von den Kategorien des Daseins. Es ist nicht immer leicht, der Wahrheit die Ehre zu geben, und es beschämt den Christen tief, bei sich immer wieder neue Quellen versteckter Unwahrheit entdecken zu müssen. Aber die Tatsache besteht, und sie stärkt den Wahrhaftigkeitswillen, daß die Wahrheit neue Möglichkeiten schafft, neue Gegebenheiten bringt, Dingen Tür und Tor öffnet, die hereinragen und hereinwirken da, wo unsere menschlichen Möglichkeiten erschöpft sind. Und das geschieht, weil Gott in der Wahrheit wirksam ist. Es ist so: Wo die Fäden der Wahrheit aufgegriffen werden, gestalten sich die Dinge neu. Gott sorgt dafür, daß der Wille zur Wahrheit leben kann, wo er vom Menschen aus ganzer Ergriffenheit gewagt wird. Mit dem Willen zur Wahrheit zerreißen wir den unheimlichen Zwang der Ketten und Bande eines irren geschäftlichen Denkens und Handelns, dessen sittliche Verirrung nicht etwa dadurch gerechtfertigt sein kann, daß sie in so breiter Front auftritt.
Wir entscheiden uns an unserer Stellung zum Nebenmenschen. Der brutale Zweckgedanke, in den das Wirtschaftsleben hineingebannt ist, kann nur aus einer innerlich erneuerten Stellung zum Nebenmenschen heraus gebrochen werden. Viele Dinge entscheiden sich nicht in der Theorie, sondern in der Lebenswirklichkeit. Das Leben, das gelobt wird, befruchtet das Leben. Zur Wahrheit muß die Liebe treten. Pascal sagt: „Wahrheit allein ist noch nicht Gott, Wahrheit allein ist ein Götze. Gott ist Wahrheit – und Liebe.“ Die Liebe im wirtschaftlichen Leben wird im Erwachen eines neuen Verantwortungsbewußtseins geboren. Die Liebe hat Kleider, in denen sie einherwandelt, Gestalten, in die sie sich verbirgt und lebt. In der Gestalt der Gerechtigkeit schreitet sie durch unser wirtschaftliches Leben dahin. „Säet euch Gerechtigkeit — und erntet Liebe“, ist ein alter Spruch. Wir brauchen sie, die freie Tat freischaffender Liebe, einer Liebe, die nicht auf das Ihre sieht, sondern auch auf das, was des andern ist. Wir brauchen sie, weil sie den Dingen erst die Gestalt gibt, weil der Weg unserer eigenen Freiheit und Entfaltung durch sie hindurchläuft. – Professor Ernst Abbé, der verstorbene wissenschaftliche Leiter der Zeißwerke in Jena, ein Arbeitersohn, der große Wohlfahrtseinrichtungen in diesem industriellen Unternehmen geschaffen hat, erzählt in seinen Schriften folgendes über das Entstehen des in ihm lebendig gewordenen neuen Gedankens. Im Sommer 1871 habe der Drechslergeselle August Bebel in Jena eine Agitationsrede gehalten. „Wenn schon“, so Abbé wörtlich, „diese Rede in den meisten Punkten meinen Widerspruch herausforderte, so hat sie mir doch einen nachhaltigen Impuls gegeben, angesichts der wirtschaftlichen Vorgänge in meinem Umkreis immer die Augen offen zu halten und insbesondere alles, woran ich selbst beteiligt war, unter dem Bewußtsein strenger Verantwortung zu betrachten.“ Es ist so: Mit dem Erwachen des Bewußtseins, daß wir nicht für uns allein zu leben haben, daß wir Verantwortung für unsere Umwelt haben, ersteht ein neuer sittlicher Mensch in uns.
Wir entscheiden uns auch an unserer Stellung zur Sache. Wirtschaftsdienst ist Dienst an der Sache. An dem Maß von Treue, das wir „der Sache gegenüber“ aufzubringen den Mut haben, entscheidet sich unsere Befähigung zu neuem sittlichem Tun im Wirtschaftsleben. In der Gewissenhaftigkeit gegenüber Anvertrautem ist keimhaft, gleichsam in potentieller Art das ganze Maß von sittlicher Willenskraft enthalten, das im Leben einzusetzen wir nicht hintanhalten dürfen. Wir sind überzeugt, daß jener Mann, der in wunderbarer Weise berufen ward, als ägyptischer Ernährungsminister ein ganzes Volk durch einen großartigen, von Gott eingegebenen Organisationsgedanken in teurer Zeit hindurchzuretten, in seinem Ministeramt die nämlichen Kräfte (und keine andern) von Treue hat einsetzen müssen als die Jahre zuvor in Potiphars Haus und als Gefangener im Gefängnis, die nämlichen Kräfte, wenn sie auch auf dem Ministerstuhl voll entwickelt erscheinen mögen.
Vorhin sprachen wir von den neuen Möglichkeiten, die im Willen zur Wahrheit dadurch begründet sind, daß sich die Wahrheit einen Weg bricht. Der Wille zur Wahrheit dringt nicht nur nach außen zu und verschafft sich dort Raum, er dringt auch nach innen zu, indem er das Ziel unseres Lebens wandelt und die Motive unserer Handlungen reinigt. Wir gelangen zu einem neuen Lebensziel und einer neuen Lebensauffassung. Unser Leben gestaltet sich zu Dienst und Hingabe. Und was schon im naturhaften Sinn des Lebens gelegen ist, nämlich die Fassung des Lebens als Auftrag, kommt erst durch die sittliche Willensentscheidung ganz zum Durchbruch. Dienst, Hingabe, … das ist die Richtung der neuen Lebensgestaltung. Wir brauchen ein hohes Lebensziel, damit uns das Losreißen von den Hemmungen und der Sünde gelingt.
Die Frage nach dem Erfolg ist diejenige Frage, die wir am tiefsten zu fassen haben. In ihr kristallisieren sich gleichsam alle wirtschaftlichen Fragen in Eine zusammen, und an ihr in christlich-sittlichem Sinn sich nicht zu verirren, erfordert den gewaltigen Einsatz sittlicher Willens- und christlicher Glaubenskraft. Alles wirtschaftliche Tun und Treiben ist auf den Erfolg eingestellt. Auf der einen Seite erkennen wir die Notwendigkeit des Erfolges, weil für uns Wirtschaftsmenschen die Wirtschaftsfrage mit der Existenzfrage zusammenfällt. Wir erkennen auch, daß das biblische Leben, die göttlichen Gaben und Kräfte nicht gegen den Erfolg streiten. Andererseits aber müssen wir ernsthaft fragen: Kann der Erfolg wirklich unser letztes Lebensziel sein? Ist der Erfolg unter allen Umständen geboten? Und indem diese Fragen nur aufgeworfen werden, tritt uns das Problem des Erfolges bereits in seinem vollen Umfang entgegen. Steht der Erfolg als unser einziges, letztes Lebensziel da, so werden notwendig die Beweggründe unseres Handelns aus der Reinheit und Unbedingtheit, in der sie sich — wie wir bis jetzt gesehen haben — befinden sollen, verrückt. Es kann nicht sein, daß der Erfolg unser letztes Ziel ist. Es gibt noch höhere Lebenswerte als den Erfolg, die gefunden werden müssen.
Wilhelm von Kügelgen sagt von seinem Leben, das, was er habe erreichen wollen, habe er nicht erreicht. Eins aber sei er geworden, wonach er nicht strebte, was er nicht wollte: klein sei er geworden, ganz klein. …
Im Licht der göttlichen Wahrheit stellt sich uns das Leben unter ganz neuen Gesichtspunkten dar. Wir gelangen zu einer Umwertung der Dinge; wir fangen an zu begreifen, daß das göttliche Leben, das gelebt werden soll, ganz unabhängig vom Erfolg oder Nichterfolg gelebt werden muß.
Ist uns der Erfolg gewiß? Die Antwort hierauf ist uns bereits gegeben. Und die andere Frage: Kann uns das christliche Leben auf dem Wege zum Erfolg dienlich sein?, müssen wir dahin beantworten: Wenn wir die Gabe des Herrn Christus gebrauchen wollten, um zum geschäftlichen Erfolg zu gelangen, so würden wir uns an der Gabe versündigen. Gott kann nicht einer Sache wegen gebraucht werden. Wir können ihn nur um seiner selbst willen gebrauchen. Das Unbedingte darf nicht zur Schaffung des Bedingten, das Ewige nicht zur Schaffung des Zeitlichen mißbraucht werden. Wogegen wir uns ernsthaft bei uns wenden müssen, ist, daß wir noch nicht die letzten Konsequenzen gezogen haben. Wir lassen uns das Christentum gerne gefallen, weil es uns Segen verheißt. Wir sehen, daß das Christentum ein Weg ist, um zu einem Ziel, auch zu einem geschäftlichen Ziel zu gelangen. Aber die Unerbittlichkeit seiner Forderung, die Unbedingtheit seines Charakters lassen wir liegen. Ungemein klar erkennbar tritt uns diese letzte Konsequenz, die das göttliche Leben fordert, in der Antwort der drei Freunde Daniels an Nebukadnezar entgegen: „Unser Gott, den wir ehren, kann uns wohl erretten aus dem glühenden Ofen, dazu auch von deiner Hand erretten. Und wo er‘s nicht tun will, so sollst du dennoch wissen, daß wir deine Götter nicht ehren, noch das goldene Bild anbeten wollen.“ … Hier begegnen wir dem Wagnis des Glaubens in seiner ganzen Größe. Und wenn wir von einem Wagnis des Glaubens im wirtschaftlichen Leben sprechen wollen, so meinen wir damit kein anderes Wagnis als dieses, das letzte Konsequenzen in sich birgt. Und wo man gewillt ist, diese letzten Folgerungen mutvoll auf sich zu nehmen, wo ein Leben des Glaubens gelebt wird frei, los, ledig von allen Absichten auf irgendwelchen Zweck, wo ein Glaubensleben in die Wirtschaft hineingelebt wird rein um Gottes willen, da wird es sich ausweisen, daß dieses Leben — gerade nur dieses den allerstärksten und allernachhaltigsten Einfluß auf die Wirtschaft auszuüben vermag. Es wird sich ausweisen, daß dieses Leben von Segen für die Wirtschaft wie für den Menschen ist, auch wenn der Segen nur wenig, vielleicht sogar ganz und gar nicht in der meßbaren Form menschlichen Erfolges festgestellt werden kann. Das aus Christus fließende Leben braucht nicht notwendig den Erfolg. Weder gründet es sich auf den Erfolg, noch hat es ihn zum Ziel. Es kann gelebt werden auch ohne Erfolg und muß gelebt werden auch ohne Aussicht auf Erfolg, denn es steht in sich selbst. Aber erfolglos wird es trotzdem nicht sein. Der Erfolg fließt ihm nebenher nach dem Wort des Herrn Matth. 6,33. Um des Erfolges willen dieses Leben leben, macht unfähig, die letzten Folgerungen zu wagen, die dieses Leben in sich birgt; es läßt uns geradezu scheitern an diesem Leben.
Einmal sehen wir, daß das göttliche Leben ganz außerhalb der Bedingtheit dieser Welt steht; und auf der anderen Seite tritt doch diese Gegenwartswelt mit den bestimmten Forderungen ihrer Aufgaben an uns heran, die wir zu erfüllen haben, und die der Christ gerade vom Christentum her und aus Christentum erfüllen muß. Es müssen also Beziehungen sein, die ihren Schnittpunkt anderswo als in dem Zweckgebrauch des Göttlichen zur Gestaltung der Dinge des diesseitigen Lebens haben. Diese Beziehungen ruhen in Gott selbst. Er ist eben doch der, der durch diese Welt hindurchschreitet, der Segen die Fülle hat, auf den alles Werk, bewußt oder unbewußt, zuletzt doch hinausläuft, der nicht etwa nur eine philosophische Gottesidee, nicht etwa nur ein Gesetz des Lebens ist, sondern der unumschränkte Herr alles Lebens, der Lebendige selbst. Und jenseits unseres Glaubenswagnisses ersteht uns die Berührung mit ihm!
In Oswald Spenglers Werk vom Untergang des Abendlandes sind meine Gedanken an nichts so sehr hängen geblieben als an seiner Gegenüberstellung von Pilatus und Jesus und an der von Spengler zitierten Pilatusfrage: Was ist Wahrheit? Nichts hat mich von all den Problemen, die Spengler aufgreift – und der Spengler greift Probleme auf – mehr bewegt die Jahre hindurch, seit ich das Werk gelesen habe, als gerade die Auslegung, die Spengler der Pilatusfrage gibt. Hat Spengler recht, wenn er die Welt der Wahrheit und die Welt der Wirklichkeit (der Tatsachen) auseinanderreißt und jede für sich in Absolutheit setzt? Ja er hat recht in seiner Fassung der Welt der Wahrheit als Sache und der Welt der Tatsachen als Sache. Es geht keine Brücke hinüber aus der Welt der Tatsachen hinüber in die Welt der Wahrheit. Man kann nicht aus der Welt der Tatsachen hinüberbauen in die Welt der Wahrheit. Aber Spengler hat keineswegs recht, sobald die beiden Welten in ihrer gegenseitigen Berührung in der menschlichen Persönlichkeit gesehen werden. Und entschieden müssen sie so gesehen werden. Das ist das ungeheuer Große am Menschenleben, daß der Mensch selbst die Brücke dieser beiden Welten ist, sie sein soll. Pilatus ist mit seiner Frage an eine Schwelle geführt worden. Aber die Schwelle hat er nicht überschritten; er hat sie nicht überschreiten können. Denn hier an dieser Schwelle ist die eigentlich große Entscheidung, die das Christentum fordert. Man kann aus der Welt der Tatsachen und Wirklichkeiten nicht hinüberbauen in das Reich der Wahrheit, wenn das Reich der Wahrheit nicht hinübergebaut hat, im Menschen und durch den Menschen in das Reich der Wirklichkeit.
Mag die Beziehungslosigkeit der Welt der Wahrheit zur Welt der Tatsachen noch so behauptet werden, die Beziehung besteht eben doch und sie besteht ganz mächtig. Sie vollzieht sich in dem Menschen, der sich der Wahrheit unterwirft. Es gibt Dinge, die gar nicht anders bewiesen werden können, als daß sie vom Leben aufgenommen und gelebt werden. Die Wahrheit muß gelebt werden. Der große Beweis des göttlichen Lebens ist dieses Leben selbst, das gelebt wird, und die Tatsache, daß es gelebt wird, vielleicht aller Welt zum Trotz, macht das Glaubenswagnis aus.
Und dieses Leben ist Kampf! Harter, ernster Kamp! Wir Menschen sehen allem Leben, auch dem christlichen Leben, mehr hintennach, als daß wir es in seinem seienden Zustand fassen. Wir fassen es mehr in einer fertigen, ausgeschlossenen Form, als daß wir es in seiner über alles Wirklichkeitssein entscheidenden Wahl und seinem Kampf in dämonenhafter Art und Größe erkennen. Es hängt alles an der Entscheidung, die der Mensch trifft, und an dem Mut des Glaubens, den er beweist. Jener junge Deutsche in Paris, der seinem Freund in der Heimat schrieb, ein Christ sein möchte er wohl auch, aber den Kampf kämpfen, den ein Christ zu kämpfen habe, möge er nicht, und deswegen lasse er es lieber sein, — jener junge Mann hat wohl kaum geahnt, welche Entscheidung er damit gefällt hat. Sein Freund hatte ihm nämlich geschrieben von einer Wandlung der Dinge seines Lebens, die durch den Glauben an Christus gekommen sei.
Hilty sagt einmal über das Glaubensleben, es müsse soweit kommen, daß sich in dem Menschen, der glaubt, gewisse Grundsätze sammeln, aus denen heraus er ständig handle. Dieses Wort enthält eine große Erfahrungswahrheit. Nur läßt es u. E. den Charakter des Triebhaften, der dem göttlichen Leben eigen ist, noch etwas dahinten. Dieser kann in Hiltys Wort nicht ganz untergebracht werden. Denn der Christ handelt nicht nur aus einem Gesetz des Lebens, sondern auch aus einem Trieb des Lebens. Das macht die Entscheidungen immer wieder leicht, daß der Christ bei jeder Wahl des Guten vom Geist getrieben wird, so zu handeln und nicht anders. Das Leben des Glaubens kann nicht nur als eine Art Häufung von Lebensgrundsätzen ausgelegt werden; denn es ist auch eine Quelle, es ist Strom, es ist Trieb des Geistes.
Die Gewissensnot bleibt dem wirtschaftenden Christen durchaus nicht erspart. Der Weg, den der Christ einzuschlagen hat, geht vielfach über Nötigungen, die vom Gewissen ausgehen. Die ungeheure Spannung der zwei Welten, in die der Christ hineingesetzt ist, muß ganz notwendig „Not des Gewissens“ hervorrufen. Der Kampf um die Unbeflecktheit des Gewissens inmitten in aller seiner Not ist es aber auch, der ein starkes Persönlichkeitsleben ausgestaltet. Und wo Gewissensgröße ist, da ist gegen den gewaltigen Rationalisierungswillen der Zeit ein Damm errichtet, daß der Mensch nicht noch zur „Sache“ gemacht wird. Das Gewissen tut den Dienst an uns, daß es uns sagt, ob wir nach unserer Überzeugung gehandelt haben oder nicht. Es hat Einheit unserem Leben zu verschaffen.
Wir sind auf Vergebungsgnade gewiesen! Denn wir sind nicht ohne Fehler und werden nicht ohne Fehler sein. Aber mögen uns unsere Fehler auch noch so sehr niederdrücken, mögen sie uns auch noch so sehr zu schaffen machen, — das Entscheidende der Dinge liegt doch nicht eigentlich bei unseren Fehlern, sondern darin, daß wir demütig und bußfertig genug bleiben, uns zu unseren Fehlern zu bekennen. Denn Gott hat noch keinen einzigen verlassen, der sich zu seinen Fehlern wirklich bekannte!
Das Leben erzieht uns. „Unsere Fehler müssen unsere Lehrmeister sein“, hörten wir einen alten Christen oftmals sagen. Die Forderungen der Lebenswirklichkeit müssen mit innerer Wahrhaftigkeit verfolgt werden. Wir brauchen eine Sehergabe für das Leben. Bei allem Wissen vom Leben müssen wir dem Leben doch stets mit innerer Unvoreingenommenheit gegenübertreten. Der Wille, das Leben nur von unseren Theorien aus zu beherrschen, darf uns nicht ergreifen. — Bei aller Strenge gegen uns selbst wollen wir stets darum ringen, mild zu sein gegen andere. Das Gesetz unseres Handelns soll ein Gesetz der Freiheit und nicht der Knechtschaft sein, vor allem nicht der Knechtschaft gegen andere.
Wir sind auf Vergebungsgnade angewiesen! Allein schon unserer vielen Versäumnisse wegen! Unsere Versäumnisse sind es, die uns am meisten Not bereiten. Dieses Bewußtsein kehrt, jemehr die Gabe Gottes in Christus in uns lebendig wird. Es ist der Gedanke der Buße, der uns in der Tiefe ergreift. Nach einem Wort Cyprians von Karthago schöpfen wir aus der Buße ein größeres Maß von Charakterstärke und Glauben.
In unserem Lebenseinsatz liegt alles! Lebenseinsatz deswegen, weil – wir reden von Wirtschaft – alles wirtschaftliche Tun zuletzt immer wieder Lebensgestaltung ist. Gott hat ein Ja und ein Nein zu den Dingen dieser Welt. Und ein Ja aufbringen, da wo Gott ein Ja hat, und ein Nein aufbringen, wo er ein Nein hat, — das macht, so groß als er auch sein mag, zuletzt den ganzen Kampf aus, den ein Christ zu kämpfen hat, den er auch im wirtschaftlichen Leben kämpfen muß. Aber dieser Kampf erfordert ein ganzes Wagnis des Lebens. „Der Mensch ist etwas, das überwunden werden muß.“ Dieses Nietzschewort, in voller Verneinung und Verachtung des Christentums ausgesprochen, sagt gerade das aus, was das Christentum fordert und was es in Wirklichkeit ist; nämlich ein Heldentum, ein Sieg, ein Lebensgewinn, weil es ein Sieg über uns selbst ist.
Und trotz der Tatsache, daß wir mit allem, was wir aussprachen, die Größe und Bedeutung des Lebenseinsatzes in das hellste Licht gerückt haben, wozu jede Berechtigung vorliegt, so wollen wir in letzter Linie es doch nicht wagen, alles nur auf unsere Entscheidung, nur auf unsere menschliche Entschließung und damit nur auf uns Menschen abzustellen. Nicht nur jenes Erfahren und Wissen von Jeremia 10,23 bewahrt uns davor; nicht nur werden wir davon zurückgehalten, weil wir schon zuviel Versagen auch unseres besten menschlichen Wollens erlebt haben; nein, es ist vielmehr von der grundlegendsten Art, es so machen zu müssen.
Denn der Glaube an Christus gründet sich nicht auf Anstrengungen unseres Willens, obgleich der Christusgläubige ein ganzer Mensch des Willens ist; er gründet sich auf etwas, das uns Gott hat klar machen und zeigen können und worauf wir, allerdings mit unserem Willen, eingegangen sind. Deswegen möchten wir alles ganz anderswo abstellen, indem wir, nach einer Liedstrophe zu reden, „dem ins Herz sehen, der uns so sehr geliebt“. Da sind die Wurzeln, da ist die Quelle, von daher fließt uns jenes Leben zu, das wert ist, gelebt zu werden, das wert ist, unser eigenes Leben daranzuwagen. … Und es wird sich ausweisen, greifbar klar ausweisen, daß es nicht umsonst ist, das eigene Leben zu wagen in freier Tat der Liebe und des Glaubens, die im Grunde ja doch nichts anderes ist, als was seine Tat der Liebe, sein Wagnis für uns hat unseren Herzen abringen können.
Alles Große in der Welt, alles Ganze, auch alles große Erleben kommt von einem Reichtum, einem Überfluß her, der da ist, gleich einem Strom über seine Ufer tritt und in unsere Seele hereindrängt. Diese Beobachtung, die wir dem Leben abgesehen haben und immer zunehmender und überzeugender absehen, — was hindert uns daran, sie nicht auch auf das innere, tiefste und höchste Leben zu übertragen? Denn wir stellen sie auch hier fest. „In dem allen überwinden wir weit um deswillen, der uns geliebet hat.“ Es ist eine Fülle überragenden Lebens, ein Reichtum an göttlicher Liebe und Erbarmen da, und solange davon in unser Leben hereinströmt, mächtig hereinströmt und glaubenskräftig aufgenommen wird, solange wird auch Kraft zu dem Wagnis da sein, das der Glaube von uns fordert.