Dass die Teilnahme an einem „Ü58-Wochenende“ bei faktor c im Jahr 2021 im wahrsten Sine des Wortes lebensverändernd sein könnte, hatten Jürgen und Dorothee Rexer damals noch nicht geahnt. Bei dieser Veranstaltung im unterfränkischen Kirchschönbach trafen sich Menschen, die die fortgeschrittenen Jahre aktiv gestalten wollen. Für das Ehepaar ein deutlicher und wertvoller Anstoß, sich etwas Besonderes auszudenken für die Zeit nach der Erwerbsphase.  

Doch zunächst zur Vorgeschichte und was daraus wurde: Die beiden haben Jahrzehnte lang Familie, Beruf und Gemeindeleben jongliert. Jetzt, im Ruhestand, wagen sie einen neuen Aufbruch – nach Norwegen. Was sie antreibt, hat viel mit Dankbarkeit zu tun, und mit 

einer Vision, die lange still geglüht hat. Und natürlich mit faktor c. 

 

Ein Paar, ein Haus, eine Familie 

Es begann Ende der 1980er Jahre mit zwei jungen Menschen, die beschlossen, alles gemeinsam zu machen. Sie heirateten, bezogen ihr erstes gemeinsames Zuhause – und schon war es mit dem ruhigen Leben vorbei. Drei Söhne kamen zur Welt, der jüngste kurz vor Dorothees 40. Geburtstag. 

„Es ging rund bei uns“, erinnert sich Dorothee. „Ich liebte meine Familie, merkte aber schnell, dass ich oft an meine Grenzen kam.“ 

Jürgen war beruflich viel unterwegs – 33 Mal in China, 40 Mal in Nordamerika, fast tausend Starts und Landungen. Dorothee hielt die Stellung zu Hause, arbeitete über 14 Jahre im Pfarramt und organisierte das Familienleben mit dem, was ein afrikanisches Sprichwort treffend beschreibt: „Um ein Kind aufzuziehen, braucht es ein ganzes Dorf.“ 

 

Und dieses Dorf gab es: Großeltern, Tanten, Onkel, Gebetspartnerinnen, Nachbarn, verlässliche Weggefährten – sie alle trugen dazu bei, dass drei Söhne aufwachsen konnten, auch in nicht immer einfachen Phasen. Eine davon: die Diagnose ADHS bei einem der Kinder, damals kaum erforscht, für die Familie überraschend. Erst als Dorothee Jahre später selbst ein Kind mit ADHS in der Schule begleitete, fiel manches rückblickend ins rechte Licht. „Veränderung ist möglich“ – diese manchmal hart erkaufte Erkenntnis trägt bis heute. 

 

Halb drinnen, halb draußen – und ein wachsender Wunsch 

Mit Jürgens häufigen Auslandsreisen wuchs ein stilles Unbehagen. „Jürgen konnte seine Aufgaben im Leitungskreis der Gemeinde nicht mehr zufriedenstellend erfüllen. Ich konnte mich nicht zuverlässig irgendwo einbringen“, beschreibt Dorothee. Halb drin, halb draußen – kein befriedigender Zustand. 

 

Langsam entstand aber etwas Neues: der gemeinsame Wunsch, wenn die Zeit reif ist, zusammen einen Dienst in einer christlichen Einrichtung zu tun. Eine Vision, die lange klein und unscharf blieb – und doch nicht verschwand. 

 

Das Beste kommt zuletzt 

„Soll man sich mit 67 nicht langsam zur Ruhe setzen?“ Diese Frage trieb Jürgen und Dorothee um. Weiterbildung, auch nach der Rente, ein Nachhaltigkeitsprojekt mitgestaltet, Korn gemahlen und Brot gebacken – Aufhören stand nicht auf dem Plan. Aber ein ganzes Jahr von zu Hause aufbrechen? Zweifel kamen auf. Ein wichtiger Baustein war dann das eingangs bereits erwähnte Ü58-Wochenende von faktor c. Neben interessanten Begegnungen mit Menschen, die nach dem Renteneintritt ungewöhnliche Wege eingeschlagen haben gab es Fachvorträge und praktische Hilfen zur Gestaltung des Umbruchs. Für Rexers war das eine starke Ermutigung und Orientierung, für die sie bis heute dankbar sind.  

Der christliche Sänger Paul Colman singt: „The best is yet to come.“ Für die beiden Colman-Fans ist das inzwischen nicht nur Wunschdenken, sondern ein Plan, der umgesetzt werden konnte! 

 

Norwegen – eine Vision nimmt Form an 

Die erste Idee war Schweden, ein Land, das die Familie über viele Jahre liebgewonnen hat. Doch Türen schlossen sich – und schließlich wurde es Norwegen. Lia Gård, heute das größte norwegische christliche Retreat Center, war ein abgelegener Bauernhof, der vor 50 Jahren Schritt für Schritt zu einem Ort der Stille und des Gebets umgestaltet wurde und der sich für Menschen öffnet, die innehalten wollen. Lia liegt in atemberaubender Landschaft hoch über dem See Storsjøen und lädt ein, „sich von den Anforderungen des Alltags zurückzuziehen, um still zu werden und zu beten“. 

 

Was den Ort besonders macht, ist auch seine Architektur. Der neuere Bauabschnitt erinnert an ein kleines Kloster: Gebäude gruppieren sich um einen Innenhof, verbunden durch einen gedeckten Gang zwischen Kirche und Wohnbereich. Die Gästezimmer sind stufenartig an den Berghang gelehnt und münden in den Kreuzgang. Die Kirche thront wie ein „Kraftwerk“ aufrecht am Hang – im geistlichen Sinne ein Ort, an dem Menschen zur Ruhe kommen und Kraft schöpfen. Dazu gibt es täglich drei liturgische Gebetszeiten. Für Jürgen und Dorothee ist Lia Gård ein Ort, der zu dem passt, was sie suchen aber auch anbieten: Gemeinschaft, Stille, Dienst. 

 

Alltag auf Lia Gård 

Seit Januar 2026 arbeiten sie in den verschiedenen Bereichen des Hauses mit – Hauswirtschaft, Küche, Haustechnik, was anfällt, halbtags, gegen Kost und Logis. An ihrer Seite: wenige Hauptamtliche und das sogenannte Husfolk, junge Menschen oft aus dem deutschsprachigen Raum, die dort ein diakonisches Auslandsjahr verbringen. Ein generationenübergreifendes Miteinander, das beiden gut gefällt. 

 

Vertrauen, Gemeinschaft, Wagnis 

Was treibt ein Paar in diesem Lebensabschnitt dazu, das Vertraute loszulassen? Für Jürgen und Dorothee ist die Antwort klar: Dankbarkeit. „Wir können mit großer Dankbarkeit auf unser Leben zurückschauen – und die ganz großen Katastrophen sind uns erspart geblieben.“ Aus dieser Dankbarkeit – auch gegenüber Gott – speist sich der Antrieb, nochmals etwas zu wagen. 

Es ist keine Flucht ins Idyll – auch vor Ort gibt es Herausforderungen, Ungeplantes, gelegentlich Konflikte – und der schmerzhafte Abschied von Kindern und deren Familien auf Zeit. Doch Mut war gut: Jürgen und Dorothee haben beschlossen, das ganze Jahr zu bleiben. „Manchmal weiß man erst unterwegs, dass man auf dem richtigen Weg ist.“ 

 

Lia Gård ist seinerseits angetan von der Idee, künftig wieder aktive ältere Menschen für ein Jahr zur Mitarbeit zu gewinnen. Wer interessiert ist, kann sich hier kundig machen. 

 

Jürgen und Dorothee Rexer kommen aus der Region Stuttgart. Jürgen war zuletzt als Verkaufsbereichsleiter und Produktmanager für Anlagentechnik im RFID-Bereich tätig, Dorothee ist gelernte Fremdsprachenkorrespondentin und hat zuletzt in der Schulbegleitung mit Spezialisierung auf ADHS gearbeitet. Ihr Einsatz bei Lia Gård begann im Januar 2026.